Thomas Schestag

deutscher Germanist, Komparatist, Hochschullehrer und Übersetzer From Wikipedia, the free encyclopedia

Thomas Schestag (* 1956 in Freiburg im Breisgau)[1] ist ein deutscher Germanist, Komparatist, Hochschullehrer und Übersetzer. Er ist seit 2014 Professor für German Studies an der Brown University.

Leben

Thomas Schestag studierte von 1978 bis 1984 Philosophie, Germanistik und Komparatistik an der Freien Universität Berlin, wo er den Grad eines Magister Artium erwarb.[2] Ein Auslandsaufenthalt führte ihn im akademischen Jahr 1980/81 an die École normale supérieure in Paris.[2] Im Rahmen eines postgradualen Studiums hielt er sich 1984/85 an der Universität Straßburg auf, wo er unter anderem bei Philippe Lacoue-Labarthe Kurse belegte, dessen Schriften er später ins Deutsche übersetzte. 1988 promovierte er mit einer von Hans-Jost Frey betreuten Arbeit an der Universität Zürich. Von 1990 bis 1995 unterrichtete er als DAAD-Lektor an der Lajos-Kossuth-Universität in Debrecen, danach hatte er verschiedene Gastdozenturen u. a. an amerikanischen Universitäten (University of Virginia, University of Michigan in Ann Arbor, New York University).[2] Von 1998 bis 2004 war er wissenschaftlicher Assistent an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er sich 2003 auch habilitierte.[2] Von 2004 bis 2013 war er ebendort als Privatdozent tätig, zugleich nahm er in diesen Jahren danach zahlreiche Gastprofessuren wahr (u. a. an der Northwestern University, der Johns Hopkins University, in Bonn, München und am Lewis & Clark College in Portland).[2] 2014 wurde er als Associate Professor an die Brown University berufen, 2016 ebendort zum Professor of German Studies befördert.[2]

Forschung

Schestag hat sich insbesondere mit Texten von Lukrez, Johann Peter Hebel, Friedrich Hölderlin, Walter Benjamin, Franz Kafka, Paul Celan, Francis Ponge, Marcel Proust, Jean-Henri Fabre, Maurice Blanchot und Hannah Arendt auseinandergesetzt. Als Forschungsgebiete werden die Übersetzungs- und Namenstheorie, das Grenzgebiet zwischen Poesie, Philosophie und Politik sowie die Theorie und Praxis der Philologie genannt.[3]

Schestags Denken ist an der Philosophie Martin Heideggers und der Dekonstruktion geschult.[4] Der Verlagstext zu seiner Dissertation fasst sein Forschungsprojekt folgendermaßen zusammen: „Sein ganzes Unternehmen, zunächst ein Exerzitium im genauen und immer genaueren Lesen, verfolgt in jeder seiner Etappen die Frage, wie sich nicht nur ein Text überhaupt, sondern wie sich dieser, das heißt ein je bestimmter Text in seiner Singularität und auf seine spezifische Signatur hin lesen lasse.“[5] Es sei dies ein „Unternehmen [...], das nicht durch letzte Regeln gesichert werden kann: das Unternehmen des Verstehens, des Lesens, der Aufmerksamkeit auf die Sprache.“[5] Schestags Texte befragen so immer auch den Vorgang des Lesens und des Verstehens selbst.

Eine Eigenart von Schestags Lektüren ist es, die Wörter in ihre Einzelteile (Silben, Buchstaben) zu zerlegen und ihre etymologische Herkunft einzubeziehen. Sie „präzisieren die literarische zur literalen Hermeneutik, die literale aber zur regellos genauen Teilbarkeit der Letter.“[6] Die Lektüren zeigen dadurch auch, dass es beim Lesen eines literarischen Textes nicht darum geht, „seine Bedeutung freizusetzen, um ihrer habhaft zu werden und sie festzuhalten“ oder „den Widerstand des sperrigen Textes zu brechen, den Widerspenstigen auf den Begriff zu bringen“.[7] Vielmehr gilt: „[W]as wir verstehen können, ergibt und ergeht sich im Prozess der Lektüre, nicht in Merksätzen.“[8]

Schestag selbst versteht sich als Philologe, nicht als Literaturwissenschaftler.[9]

Veröffentlichungen (Auswahl)

Monografien

  • para-. Titus Lucretius Carus, Johann Peter Hebel, Francis Ponge. Zur literarischen Hermeneutik. Klaus Boer Verlag, München 1991, ISBN 978-3-924963-44-6.
  • Parerga. Friedrich Hölderlin; Carl Schmitt, Franz Kafka; Platon, Friedrich Schleiermacher, Walter Benjamin; Jacques Derrida. Zur literarischen Hermeneutik. Klaus Boer Verlag, München 1991, ISBN 978-3-924963-49-1.
  • Asphalt. Walter Benjamin. Klaus Boer Verlag, München 1992, ISBN 978-3-924963-28-6.
  • buk. Paul Celan. Klaus Boer Verlag, München 1994, ISBN 978-3-924963-67-5.
  • Mantisrelikte. Urs Engeler Editor, Basel 1999, ISBN 978-3-905591-06-4. (über Jean-Henri Fabre, Maurice Blanchot und Paul Celan)
  • Die unbewältigte Sprache. Hannah Arendts Theorie der Dichtung. Urs Engeler Editor, Basel 2006, ISBN 978-3-907369-26-5.
  • Realabsenz, Schatten. Flauberts Erziehung: zur Éducation sentimentale. Mit einem Anhang: sensus tacitus. August Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-94136-016-7.
  • Lesen – Sprechen – Schreiben (Kritzeln). Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-88221-114-6.
  • Namenlose. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-95757-762-7.
  • erlaubt, entlaubt. Engeler Verlag, Schupfart 2021, ISBN 978-3-906050-69-0.
  • philía. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-7518-3006-5.

Herausgeberschaft

  • „geteilte Aufmerksamkeit“. Zur Frage des Lesens (= Debrecener Studien zur Literatur. 3). Peter Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 978-3-631-32182-9.

Edition

  • Francis Ponge: Änderung der Ansicht über Blumen / L’opinion changée quant aux fleurs. Faksimile-Edition. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt, mit einem Kommentar und einem Essay versehen von Thomas Schestag. Urs Engeler Editor, Basel 2005, ISBN 978-3-905591-92-7.
  • Francis Ponge: Die Sonne / Le Soleil. Faksimile-Edition. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Kommentar versehen von Thomas Schestag. Matthes & Seitz, Berlin 2020, ISBN 978-3-95757-775-7.

Übersetzungen

Einzelnachweise

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