Tilithigau
sächsische Gaugrafschaft
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Der Tilithigau (auch Gau Tilithi)[1] war eine sächsische Gaugrafschaft und ein Teil der sächsischen Provinz Engern[2] im Stammesherzogtum Sachsen.[3] Gegen Ende des Hochmittelalters geriet der Name des sächsischen Teilstamms der Engern in Vergessenheit und blieb ein Namensrelikt in fürstlichen Titulaturen.
| Tilithigau | |
|---|---|
| Ostfalen um das Jahr 1000
| |
| Die ungefähre Lage des Tilithigaus in der Provinz Engern (nicht in der Provinz Ostfalen!) |


Name
Geografische Lage
Der sächsische Teilstamm der Engern siedelte um 1000 im Raum zwischen Meldorf im heutigen Schleswig-Holstein und Nordhessen, beiderseits der Weser und zwischen der Ems und Hannover. Der Name dieses Teilstamms war nur in wenigen Urkunden dokumentiert, wie z. B. den Fränkischen Reichsannalen 775, dem Capitulare Saxonum 797, dem Mainzer Geiselverzeichnis 803/804, der Poeta Saxo 889 (als das dritte sächsische Volk, „populus Saxonum tertius“) und der Gelnhäuser Urkunde 1180. Westlich der Engern, die möglicherweise aus dem germanischen Stamm der Angrivarier (der bei Tacitus und Ptolemäus in den ersten Jahrhunderten n. Chr. etwa an der Mittelweser verortet wurde), hervorgegangen sind, siedelten die Westfalen, östlich von ihm die Ostfalen. DerTilithigau war ein Gau im Stammesgebiet der Engern und lag im heutigen Niedersachsen, im Raum Leine/Oberweser-Schauenburg zwischen Polle, Aerzen, Coppenbrügge, Lauenstein (Salzhemmendorf), Lauenau, Münder (Bad Münder), Hessisch Oldendorf und Hameln, beiderseits der Weser und zwischen Sonneborn im Westen und dem Ith im Osten.[7][8] Der sächsisch-engernsche Tilithigau erstreckte sich im Wesentlichen über den heutigen Landkreis Hameln-Pyrmont und den nördlichen Teil des heutigen Landkreises Holzminden beiderseits der Weser und lag an der westlichen Grenze zum Stammesgebiet der sächsischen Ostfalen.[9][10][11]
Benachbart waren der Huettagau im Südwesten, der Osterburg-Gau (Gau Osterpurge) im Westen, der Bucki-Gau im Nordwesten, der Marstem-Gau im Nordosten, der Gau Zigilde (östliche Hälfte der Grafschaft Spiegelberg), der Gudingau im Osten und der Suilbergau im Süden.[12][13] Um 980 bestand bei Homburg (Stadtoldendorf) der Gau Wikanafeld als Untergau des Gudingaus, der dem Bistum Hildesheim zugeordnet war, während der Tilithigau dem Bistum Minden zugeordnet war.[14][15] Laut Ludolf Fiesel lag der vorkarolingische Marstemgau am Oberlauf der Hamel und der Aue zwischen Bad Münder und Bad Nenndorf,[16] ein Gebiet, das um 1300 zum Tilithigau mit seinem Untergau „Goe auf der Hamel“ gehörte[17]
Das kirchliche Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden,[18] „bannus seu districtus vel Decanatus in Wesen“ (mit „Wesen“ ist der Ort Ohsen gemeint),[19] das sich im 11. Jahrhundert zum größten Unterbezirk des Bistums Minden[20][21] entwickelte, war räumlich mit dem altsächsischen Tilithigau weitgehend deckungsgleich.[22][23] Von der Urkirche des Tilithigaues in Osen ging in der fränkischen Okkupationszeit die Missionierung der Einwohner des Tilithigaues aus.
Es gibt in der Literatur keinen Hinweis darauf, ob Pyrmont zum Tilithigau oder zum Huettagau zählte. Deshalb wird Pyrmont hier nicht als Adelssitz aufgeführt. Die genaue Grenze des Tilithigaus zum Huettagau bzw. die Grenze des Bistums Minden zum Bistum Paderborn im südlichen Teil des Gebiets rechts und links des Flusses Emmer (linker Nebenfluss der Weser) scheint in der Literatur insgesamt unklar zu sein.[24] Allerdings lag das Dorf Sonneborn noch im Tilithigau sowie im Archidiakonat Ohsen.[25] Deshalb werden die Adelssitze, Gogerichtsstätten, Ortschaften und Wüstungen beiderseits der Emmer und östlich und nördlich des Gebiets von Pyrmont hier aufgeführt. Dagegen gehörten Lügde und die Goe Lügde wohl sicher zum Huettagau und zum Bistum Paderborn.[26][27]
Das Gebiet mit den Ortschaften und verschwundenen Dörfern östlich des Ith gehörte im Hochmittelalter zum Gudingau in der sächsischen Provinz Ostfalen. Kirchlich lag es im Archidiakonat Wallensen des Bistums Hildesheim.
Siedlungen im Tilithigau
Nachdem es im 3. Jahrhundert in Mitteleuropa eine deutliche Klimaverschlechterung gab, waren weite Teile der späteren Saxonia vom frühen 6. Jahrhundert bis Mitte des 7. Jahrhunderts überwiegend entvölkert. Im 8. Jahrhundert erfolgte ein Bevölkerungsanstieg, so dass Wälder für Neuansiedlungen gerodet wurden. Ab dem 12. Jahrhundert gab es ein starkes Bevölkerungswachstum. Nach der Siedlungsforschung entstanden in einer ersten Siedlungsperiode von 500 bis 800 aus bäuerlichen Siedlungen Ortschaften mit der Namensendung „-dorf“ (wie Halvestorf) und „-hausen“ (wie Holthusen/Holtensen, erst 1237 urkundlich erwähnt).[28] In einer zweiten Siedlungsperiode im 9. Jahrhundert entstanden Ortschaften mit der Namensendung „-ere“ (wie Othere/Ohr), „-ingen“ (wie Hemeringen) und „-heim“ (wie Lachem).[29] Ab dem 11. Jahrhundert entstanden Rodungs-, Hagen- und Hägerdörfer mit der Namensendung „-hagen“ und „-rode“ und noch mit anderen Namensendungen. Im Hochmittelalter bestand im Tilithigau eine hohe, bis heute nie wieder erreichte Besiedlungsdichte. Die Dörfer und Bauerschaften waren klein und lagen oft nur einen bis 1,5 Kilometer voneinander entfernt.[30]
In den Königs- und Kaiserurkunden[31] sind 17 Siedlungen im Zusammenhang mit dem Tilithigau erwähnt: Bödexen/Bödesen, Barigi/Börrie (Börry), Daspe, Dassel, Dodonhusen (Dohnsen), Eilensen/Ellensen, Fischbeck,[32] Haion/Hegen (Hajen oder Heyen), Heinsen, Keminetan (Kemnade), Lüerdissen, Markoldendorf, Oldendorf, Othere (Ohr), Relliehausen, Schieder, Tundinum (Tündern) und Wenzen,[22] während Gotthard Wagner die beiden Siedlungen Bödexen und Heinsen zum Paderborner Herrschaftsgebiet zählt (vielleicht sind aber auch unterschiedliche Ortschaften mit gleichem Namen gemeint).[33]
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) nennt 36 weitere Orte im Tilithigau: Ameleshusen/Amelgateshusen (Amelgatzen), Bedingtorp, Benneshusen (Bensen), Biaranhusen (Behrensen), Bittikahusen (Bessinghausen), Bredenbeke (Bremke), Cripan (Kreipke), Drespen (Daspe), Floscereshusen/Vledekessen (Flegessen südlich von Bad Münder), Franki (Frenke), Gellishusen (Gellersen), Graflingehusen (wird für Grave gehalten), Haddeshusen (Haddessen), Hallu (Halle), Hasperde, Heianhusen (Hohnsen), Heli/Heloon (Hehlen), Hilligesulde/Hilligesfelde (Groß Hilligsfeld und Klein Hilligsfeld), Hiriswitherothe (Harderode), Hochhameln (Hachmühlen), Holthusen (Holtensen bei Hameln), Homareshusen (a. Hommeren/Hemereu/Hemeringen oder b. Hämelschenburg?), Lofurdi (Latferde), Luidinghusen, Munnere/Munder (Bad Münder), Nettelrede, Osen (fränkisches Königsgut mit karolingischer Burg, die heutigen Dörfer Kirchohsen, Hagenohsen und Emmern), Osthoven (unbekannt), Perderestorpe (Pegestorf), Polle, Telmeri (Dölme), Tiadanhusen (Teinsen bei Bad Münder), Uualkiun (vielleicht Waaltzen?), Uuange, Valebroch (Vahlbruch) und Vuigbaldeshusen (Wickbolsen).[34]
Ludolf Fiesel nennt noch sechs weitere Orte im Tilithigau: Aerzen, Folcgeresbrache/Kirchbrak, Unenhusen/Unsen, Meinsen, Swalanhusen/Salzhemmendorf, Othdereshusen/Öhrsen.[35]
Dabei bleiben die o. g. Ortslisten noch sehr unvollständig, denn selbst früh gegründete Orte im Tilithigau, wie z. B. Krückeberg (bei Hessisch Oldendorf, mit einem der ältesten schaumburgischen Burgmannshöfe) oder Diedersen werden in den Königsurkunden und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) nicht genannt. Die Geschichtsforschung stellte auch eine Unvollständigkeit in Bezug auf die Gaubezeichnungen fest, denn die Orte liegen z. T. im südlich benachbarten Suilbergau und vielleicht z. T. auch im südwestlich benachbarten Huettagau.[36]
Hagen- und Hägersiedlungen und -dörfer im Tilithigau
Die meisten der im Hoch- und Spätmittelalter im Tilithigau gegründeten Hagen-[37] und Hägerdörfer und -siedlungen mit ihren jeweils speziellen Ackerfluren sind in der Zeitstellung vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit wüst geworden/verschwunden. Eine Ausnahme bildet nur das Dorf Buchhagen, das heute ein Ortsteil von Bodenwerder ist. Die zumeist aus Flandern für den Landesausbau angeworbenen Hägerbauern nahmen nicht an Gogerichten teil. Vielmehr unterstanden sie einem speziellen Hägerrecht[38] und hatten Hägervögte und Hägergerichtsstätten, u. a. in Bisperode und in Bodenwerder.[39] Den Hägerbauern wurden von den Bischöfen und Grafen, die sie anwarben, mehr Rechtsfreiheiten und Eigentumsrechte gewährt, als den Bauern aus den Altsiedlungsorten.[40]
Wüstungen im Tilithigau
Im norddeutschen Mittelgebirgsraum zwischen Egge, Teutoburger Wald, Lippischem Hügelland, Weser- und Leinebergland (der Tilithigau lag in diesem Raum), Harz, Kassel-Fritzlarer Becken und dem Waldecker Bergland gab es im Mittelalter insgesamt etwa 1.200 bis 1.500 wüst gefallene (verschwundene) Ortschaften.[41]
Besonders viele Wüstungen waren in der Oberweser-Region entstanden, in dem der Tilithigau lag,[42] vor allem in der sogenannten Wüstungsperiode im Spätmittelalter von ca. 1320 bis 1450, aber ebenso in der Frühen Neuzeit.[43] Das macht auch die folgende sehr lange Liste von Dorfwüstungen im Tilithigau deutlich. Nur von wenigen dieser Ortschaften sind das Gründungsjahr und das Jahr des Wüstwerdens bekannt. Hauptursachen für das Verschwinden der Dörfer im Tilithigau waren die Schwarze Pest, Klimaveränderungen, Agrarkrisen/Hungerepidemien, Landflucht, Kriege und Fehden. Zum Teil zogen die überlebenden Bauern aus den aufgegebenen Siedlungen in größere Nachbardörfer und -städte um und bewirtschafteten ihr Land von dort aus weiter. Oder sie wurden von Lokatoren, z. B. den Grafen von Schaumburg und den Grafen von Spiegelberg, zum Zweck der Erschließung siedlungsarmer Räume, des Landesausbaus und der Ostkolonisation in andere Siedlungsräume abgeworben.
Im Tilithigau sind folgende 110 Dorfwüstungen (einschließlich der hoch- und spätmittelalterlichen Hagen- und Hägersiedlungen) bekannt, ohne Anspruch auf Vollzähligkeit:[44] Bü(h)ren, Wehle, Hakerstorp, Heddessen/Haddessem, Schillingsberg, Ützenburg und Wange/Wengen/Wangelist (fränkisches Königsgut mit 60 Morgen, 892 an Graf Ecbraht übertragen) bei Hameln,[45] Gröningen,[46] Fürstenhoff und (Wedel-)Honrode nördlich von Hameln, Harthen zwischen Hameln und Tündern, Uuange/Wenge zwischen Hameln und Helpensen,[47] Klein Afferde und Badersen an der Remte bei Afferde, Oydessen bei Hilligsfeld, Venreder bei Feggendorf, Flegessen bei Lauenau (nicht zu verwechseln mit Flegessen südlich von Bad Münder), Alt-Rohden (gegründet um 800) bei Rohden, Wassinghausen/Wertsighusen (Waltershagen), Bückeberg und Schlutter bei Eimbeckhausen, Weningrodere bei Bakede, Baddensen, Holtensen und Tuadanhusen/Teinsen/Theensen bei Bad Münder,[48] Semunde/Sedemünder an der Deisterpforte, Hesdestorpe (heute ein Teil von Egestorf), Detmeringhausen am Walterberg bei Börry (1468 wüst), Dissihausen (1472 wüst, oberhalb von Wegensen zwischen Heyen und Esperde, Amt Grohnde,[49] Kirchspiel Börry), Lomeringhausen zwischen Esperde und Heyen, Rotthusen, Seddingen, Uppendorf, Wichagen und Wockensen[50] bei Wegensen, Oleshusen bei Deilmissen?, Lauenburg bei Brockensen zwischen Esperde und Heyen (Amt Grohnde, Kirchspiel Börry), Frolevessen/Frohleifsen/Vrolevissen[51] bei Hagenohsen,[52] Schnes(s)el/Snelsle/Snesele/Sneyssle (1541 wüst, zwischen Ohsen und Grohnde auf dem Gelände des heutigen AKW Grohnde), Stöcken/Stockhem/Stochem/Stochheim an der Emmer bei Hämelschenburg, Echelnbeck, Hattensen, Hüttenbusch, Mönkeborn und Thodenbrock bei Ottenstein, Dehrenberg, Grupenhagen, Laatzen, Multhöpen, Niederdehmke und Wulfen (alle im Raum Groß Berkel), Gelanthorp bei Rumbeck, Bruch, Duensen, Hermersen (8./9. Jahrhundert)[53] und Rainerbeck bei Hämelschenburg, Werdehagen und Werdere bei Heinsen (diese beiden Wüstungen gehören evtl. in den Huettagau),[54] Griessem, Hoppehude, Hunnighausen und Wülmsen. Die Bewohner der Dörfer Bikahusun/Bexen[55] bei Klein Berkel und Waalsen bei Groß Berkel zogen nach Groß Berkel um. Weitere Dorfwüstungen: Lauenburg bei Brockensen und Heyen, Dadersen bei Diedersen, Hiltorf bei Bessingen, Altenhagen, Bavensen/Banenhusen[56], Itzhagen, Nienhagen, Polliwerden, Sidinghausen und Werdihausen bei Bisperode, Salmerode und Schwalenhusen bei Salzhemmendorf.[57] Die Dörfer Hossingessen/Hössingen, Jerdessen und Remsen bei Salzhemmendorf wurden im Dreißigjährigen Krieg aufgegeben. Weitere Dorfwüstungen: Walterberg zwischen Börry und Völkerhausen, Groinbeke bei Hehlen, Doevikenpoel bei Buchhagen, Reine und Berebome/Berebaum bei Rühle?, Burgripi, Wabeki und Wendtfelde.[58] Dedekenhusen, Thiadageshus/Tedinghausen und Warnshausen bei Dassel,[59] Ikenburg bei Coppenbrügge, Stieghagen im Ithknick nördlich von Lauenstein (1489 verlassen), Lecke und Spielburg bei Lauenstein, Riddagsen zwischen Lauenstein und Eggersen, Everdagessen und Goderdessen/Godessen zwischen Hemmendorf und Voldagsen, Suitbodeshusen[60] bei Hemmendorf, Leeke bei Voldagsen, Fardebeck/Vardebeck zwischen Osterwald und Hemmendorf, Balmissen/Barnissen (im Dreißigjährigen Krieg zerstört, beim Bahnhof Osterwald), Bernrode westlich Heide/Osterwald, Godardessen (im 14. Jahrhundert abgebrannt, zwei Kilometer oberhalb von Vardebeck), Marienwald zwischen Humboldtsee und Bruchsee bei Wallensen, Hakenrode und Altenhagen bei Wallensen, Eldingen zwischen Eggersen und Levedagsen, Wildenhagen (im 16. Jahrhundert wüst, zwischen Levedagsen und Thüste). Die Bauern der Wüstungen Steller/Stiller und Weiberg zogen nach Wallensen.
Grafen im Tilithigau
In vorkarolingischer Zeit bis zu Beginn des 8. Jahrhunderts gab es im norddeutschen Raum noch keine fest etablierten übergreifenden Herrschaften, sondern viele unabhängige regionale Kleinfürsten (Satrapen).[2]
Nach der Unterwerfung der Altsachsen durch die karolingischen Franken im 9. Jahrhundert richtete Karl der Große in den alten sächsischen Gauen des neu geschaffenen Stammesherzogtums Sachsen Gaugrafschaften[61] (nicht zu verwechseln mit Gografschaften!) ein und gründete Bistümer, die in den Gaugrafschaften wiederum Archidiakonate gründeten.[62] Nach Ludolf Fiesel (1972) waren die ersten Adelssitze im Tilithigau nach der karolingischen Okkupation Altsachsens ausnahmslos von Adligen fränkischer und süddeutscher Herkunft und nicht von Sachsen gegründet worden. Später kamen Grafen aus dem sächsischen Hochadel an die Herrschaft. Daneben gründeten Kaiser Karl der Große und seine Nachfolger, sowie später die sächsischen Könige und Kaiser aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger, auch Ottonen genannt, im Stammesherzogtum Sachsen Klöster, in denen in der Gründungszeit ebenfalls Adlige fränkischer Herkunft die ersten Abte stellten.[63] Diese sollten die Christianisierung der Sachsen vorantreiben. Die Bischöfe und Klöster[64][65] trugen noch stärker als die Grafen zur Stabilisierung der fränkischen Oberherrschaft und der Landesentwicklung im Stammesherzogtum Sachsen bei. Grafen, Bischöfe und Klöster wurden vom Kaiser mit reichen Besitztümern belehnt, die sie an ihre Lehnsnehmer, den niederen Landadel, weiter verlehnen konnten. Das nach dem Sturz Heinrich des Löwen im Weserraum entstandene Machtvakuum wussten die dort ansässigen Adelsgeschlechter für eine eigene Herrschaftsbildung zu nutzen.[66] Im 11./12. Jahrhundert veränderten sich die Grenzen der karolingischen Comitate (Grafschaften). Das hochadlige Geschlecht der Billunger starb 1106 aus, und es traten neue Adelsgeschlechter im Tilithigau in Erscheinung. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurden die an den Adel vergebenen Lehen erblich. Ein Comitat bestand ursprünglich aus drei Goen (Gaugrafschaften), in denen sich jeweils eine Gogerichtsstätte befand. Von den Gogerichten aus konnte an das übergeordnete Grafengericht appelliert werden. Viele Gogerichtsbezirke zerfielen im Zeitverlauf in kleinere Gerichtsbezirke. Die Kirche erhielt einen Teil des Gaues zum Besitz, andere Comitate zerfielen, weil sie von den Adelsgeschlechtern in Teilen vererbt oder verkauft wurden. Daraus entstanden neue Grafschaften und Herrschaftsgebiete.[33] Nach dem Wiedererstarken der sächsischen Herzogsmacht im 10. Jahrhundert zerspiltterte auch der Tilithigau in einzelne Grafschaftsgebiete, die auch über die früheren Gaugrenzen hinausreichten. Ab dem 13. Jahrhundert wurden die wiedererstarkten welfischen Landesherren, die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg,[67] territorialer Oberherr aller Grafschaften im Tilithigau, mit Ausnahme der Grafschaft Schaumburg, die ihre Selbständigkeit behielt.[68][69]
Im Tilithigau befanden sich Kernbesitztümer der Billunger (einem Geschlecht altsächsischer Herzöge und Markgrafen),[70][71] der Grafen von Schwalenberg/der Grafen von Sternberg,[72](die vermutlich aus einem ursprünglich engrischen Edelherren- oder Grafengeschlecht stammten und um 1133 Vasallen des Kaisers Lothar von Süpplinburg waren und aus dem sich später die Linie der Grafen und späteren Fürsten zu Waldeck und Pyrmont abspaltete)[73] der Grafen von Roden,[74] der Grafen von Hallermund,[75] der Grafen von Everstein (die zunächst Lehngrafen der Billunger Herzöge und des Reichsklosters Fulda waren, jeweils mit deren Besitztümern an der Weser im Raum um Hameln belehnt wurden und um 1133 Vasallen des Kaisers Lothar von Süpplinburg waren),[76][77] der Grafen von Schaumburg,[78] der Grafen von Spiegelberg und Pyrmont,[79] der Edelherren von Lippe[80] und der Edelherren von Homburg.[81][82][83]
Adelssitze im Tilithigau
Folgende 85 Adelssitze[84][85] (mit ihren jeweiligen Besitzern im Zeitverlauf)[86] gab es ab dem 8./9. Jahrhundert im Tilithigau,[87] ohne Anspruch auf Vollzähligkeit:
- Artelen/Aerzen: Edelherren von Aerzen vor 1178/Grafen von Everstein 1178/(Burg Aerzen 1293 erstmals erwähnt) Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1408/Edelherren von Münchhausen 1557–1660
- Polle: a. Burg Polle: Grafen von Everstein 1285/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1409/Edelherren von Heimbruch?; b. Rittergut Sonnenberg: dänische Lehngrafen von Reventlow 1928-1940 (dieser Adelssitz aus der Zeitstellung des 20. Jahrhunderts(!) zählt nicht mehr in den Tilithigau und wird hier nur der Vollzähligkeit halber erwähnt)
- Higenhusen/Heianhusen/Heinsen bei Polle: Ico/Heio karolingische Okkupationszeit 1. Hälfte 9. Jahrhundert[88]/.../Edelherren von Düring/Edelherren von Hammerstein
- Bennenhusen (Wüstung): Ricdagus/Leodullus comes (karolingische Okkupationszeit)[89]
- Bodenwerder: a. Edelherren von Homburg 1245/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1409/Herzöge von Calenberg 1521/Edelherren von Münchhausen bis 1936; b. Schulenburg: Edelherren von Hake 1278-1713[90]
- Buchhagen (Rittergut/Schloss Münchhausen): Ritter Hake 1256 (das Adelsgeschlecht der Freiherren von Hake trug im Mittelalter nicht das von im Namen, gehört aber gleichwohl zum altsächsischen Uradel)
- Hehlen: Edelherren von der Schulenburg 1579-1956
- Ottenstein (Wasserburg, 1701 abgerissen): Grafen von Everstein 1300/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1408 bis 1701
- Westerbrak (Rittergut): Edelherren von Grone 1618
- Luthardeshusen/Lüerdissen: Helmdag (karolingische Okkupationszeit)[91]
- Hemereshusen/Hemersen/Hämelschenburg: a. Burg/Schloss: Hamar (karolingische Okkupationszeit 8./9. Jahrhundert)[92]/.../Grafen von Everstein 1356/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1410/Ritter von Klencke 1437 (Weserrenaissanceschloss 1588); b. Rittergut: Edelherren von Hake 15. Mai 1339
- Stochheim/Stöcken bei Hämelschenburg (Wüstung): Beldinc de Cilgide (karolingische Okkupationszeit)[93]
- Schwöbber (Aerzen-Königsförde): Edelherren von Münchhausen 1510 bis 1919/Cohrs/Meyer
- Posteholz (Rittergut): Edelherren von Post 1661/Edelherren von Wülfingen 1776/Edelherren von Münchhausen/Edelherren von Alten 1888
- (Kirch-)O(h)sen:[94] Römisch-deutscher Kaiser und französischer König Karl der Große um 800/Graf Bernhard von Engern und Osen 802/...?/Grafen von Everstein 1004/Herzöge von Braunschweig Anfang 14. Jahrhundert/Edelherren von Homburg 1302/Herzöge zu Braunschweig-Lüneburg 1408[95]
- Hagenohsen (Sattelhof): Edelherren von Hake 11. November 1358
- Nordohsen (Lehngut): Edelherren von Hake 1359
- Emmern: Edelherren von Embere 1109/Ritter Stuve/Edelherren von Hake 1307
- Lüntorf: Edelherren von Hundorppe/Edelherren von Frenke/Edelherren von Münchhausen
- Ohr:[96] Ritter von Stuve/Grafen von Everstein/Freiherren von Hake (altsächsischer Uradel) 29. März 1307[97]
- Grohnde: Edelherren von Hake 1358/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg/Bischöfe von Hildesheim (ab 1530 Amtssitz und Domäne)
- Frenke: Edelherren von Frenke 1231
- Emmerthal (Burg Waldau): Grafen von Everstein Anfang 14. Jahrhundert
- Börry: Edelherren von Hake 1301
- Hajen: Edelherren von Hoygen/Erich Behling 1646
- Welsede bei Emmerthal (Rittergut): Edelherren von Welsede 1244/Edelherren von Oeynhausen 1663/Edelherren von Stietencron 1749
- Hamelon/Hameln:[98] a. fränkischer Schultheissenhof: Ditmar/Theudemar de Hamelon/Adelbert (Sohn von Pippins Bruder Bernhard, Bruder von Bernhard, Vetter Karls des Großen, 8. Jahrhundert);[99][100] b. Burg: Graf Bernhard von Engern und Osen 802/...?; c. Edelhof: Grafen von Everstein 12. Jahrhundert/Edelherren von Reden 1568[101]
- Wange/Wengen (fränkisches Königsgut in der fränkischen Okkupationszeit mit 60 Morgen Land, später Wüstung): Hitto/Hiddo[102]
- Helpensen (Meierhof ab 1452; Rittergut ab 1576): Edelherren von Mengersen (altsächsisch-engrischer Uradel) 1576
- Hastenbeck (Rittergut): Grafen von Everstein/Ritter von Hastenbeck (altsächsischer Uradel) 12. Jahrhundert/Edelherren von Wopersnow 1618/Edelherren von Reden 1639
- Tündern: Edelherren von Tündern 1215/Edelherren von Hake
- Holthusen/Holtensen bei Hameln: Edelherren und spätere Grafen von Holthusen (altsächsischer Uradel) ab 7./8. Jahrhundert/Edelherren von Arnheim nach 1247/Edelherren von Bovenden 1334/Edelherren von Post 1399/Edelherren von Wangenheim 1826–1883
- Gruningen/Gruonincheim/Gröningen (Wüstung nördlich Hameln): Gunthere (karolingische Okkupationszeit)[103]
- Haddeshusen/Haddessen: Hadd/Haddi (karolingische Okkupationszeit)[104]
- Hessisch Oldendorf (Burgmannshof): N. N. 13. Jahrhundert/Edelherren von dem Bussche 14. Jahrhundert/Edelherren von Münchhausen 1559-1947 (Herrenhaus Münchhausenhof 1583)
- Krückeberg (Junkernhof, Burgmannshof, karolingische Okkupationszeit): N. N.
- Weibeck bei Hessisch Oldendorf (Burgmannshof Rittergut Stau, Mindenscher Klosterbesitz): N. N. 1055/.../Edelherren von Mengersen 1476
- Unenhusen/Unsen: Unno (karolingische Okkupationszeit)[105]
- Hilligesfeldo/Hilligsfeld (Königsgut in der fränkischen Okkupationszeit): Graf Ecbraht[106]/ .../Edelherren von Hilligsfeld 1231/Edelherren von Brünnighausen 1260
- Othdereshusen/Gut Öhrsen: Ohteri (karolingische Okkupationszeit)[107]/...?/Edelherren von dem Werder (de insula)
- Lauenau: a. Wasserburg Lauenau (1519 zerstört) Herzog von Sachsen Heinrich der Löwe 1190/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1307/Grafen zu Holstein-Schaumburg 1331-1519/1565–1572 als vierflügeliges Schloss wieder aufgebaut/Herzöge von Braunschweig-Hannover 1635; b. Schloss Schwedesdorf: Edelherren von Münchhausen 1377; c. Wasserburg/Schloss Meysenbug: Edelherren von Zerßen 1499 (Burg 1519 zerstört, 1610 als Rittergut wieder aufgebaut)/Edelherren von Meysenburg 1828 (1867/1897 Neubau im Stil der englischen Neogotik)
- Rodenberg: (Wasserburg/Schloss Rodenberg, früher Vierflügelanlage): N. N. 930/.../Grafen von Schaumburg 1240
- Eimbeckhausen: Edelherren von Emminghusen 13./14. Jahrhundert/Edelherren von Haus 1411/Edelherren von Bremer 1746–1870
- to den Apelderen/Apelern: a. Schloss Münchhausen: Edelherren von Münchhausen 1162; b. Schloss Hammerstein: Billunger Herzöge 1055/.../Freiherren von Münchhausen um 1550/Freiherren von Hammerstein-Gesmold 1673
- Steinbergen (Schloss Arensburg): Grafen von Schaumburg 1300
- Hülsede: a. Burg Hülsede: Herzog Bernhard (der Billunger Bernhard I. oder Bernhard II. von Sachsen?) 1150; b. Schloss Hülsede: Freiherren von Rottorp 1548/Edelherren von Mengersen 1584; c. Posteburg bei Schmarrie (Wasserburg, 1384 bis 1411): Edelherren von Post[108]
- Hamelspringe: Edelherren de Hamelspring 1180[109]
- Luttringhausen (Rittergut): Edelherren von Wettberg 1406/Edelherren von Lenthe 1644
- Münder: a. Wettbergscher Adelshof: Edelherren von Wettberg vor 1442 bis 1644/Edelherren von Graevemeyer 1644–1848; b. Burgmannshof: Edelherren von Haus (Mindensche Lehnsleute)
- Coppenbrügge (Burg/Schloss): Grafen von Spiegelberg um 1200/Edelherren von Homburg 1238/erneut Grafen von Spiegelberg 1281/Edelherren von Lippe 1557/Haus Gleichen-Tonna 1584/Haus Nassau-Dietz 1631 und 1815/Könige von Hannover 1819
- Voldagsen bei Coppenbrügge (spätmittelalterliche Burg/Rittergut)[110]: Volktag (fränkische Okkupationszeit)/.../Edelherren Bock von Nordholz 1350/Edelherren von Münchhausen 1655
- Oldendorf: Bischöfe von Hildesheim/Ebeling
- Hochhameln[111]/Hachmühlen (Wasserburg/Schloss): Edelherren von Hachmühlen 1247/Herzöge von Braunschweig 1282/Grafen von Spiegelberg 1338–1435
- Floscershusen/Flegessen(?): Flotger (karolingische Okkupationszeit)[112]
- Hasperde (Rittergut/Schloss): Edelherren von Lenthe (Anfang 15. Jahrhundert; die von Lenthe waren im Hochmittelalter Ministerialen der Billunger Herzöge)/Edelherren von Eddingerode 1415/Freiherr von Hammerstein 1663/Freiherr von Kipe 1675/Freiherren von Hake 1775/Graf Adelmann von Adelmannsfelden 1972
- Lauenstein (Burg 1200 errichtet, 1226 zerstört): Grafen von Spiegelberg 1152/(zweite Burg vor 1247 errichtet): Edelherren von Homburg 1226/Herzöge von Braunschweig-Lüneburg 1409/Edelherren von Cramm 1434/Edelherren von Ruschplate 1445/Edelherren Bock von Nordholz 1456/Edelherren von Oberg und vom Rutenberge 1495/Edelherren von Saldern 1497–1587
- Swalanhusen/Salzhemmendorf?: Thiatmarus (karolingische Okkupationszeit)[113]/.../ (Bullerburg/Rittergut Hofspiegelberg, im Dreißigjährigen Krieg zerstört): Edelherren Bock von Wülfingen
- Bettikingahusen/Bessinghausen: Bedic/Basso (8. Jahrhundert)[114]
- Nathireshusen/Neersen: Nanther (karolingische Okkupationszeit)[115]
- Bikihusen/Bikahusen (Wüstung): Wyrinhardus (karolingische Okkupationszeit)[116]
- Dodonhusen/Dohnsen: Daedi/Dodo[117]
- Suitbodeshusen (Wüstung bei Hemmendorf): Redmer (karolingische Okkupationszeit)[118]
- Amalgateshusen/Amelgatzen: Amalgaud/Amalgaus (karolingische Okkupationszeit)[119]
- Frolibeshusen/Frolevessen (Wüstung bei Ohsen): Diterich (karolingische Okkupationszeit)[120]
- Graben/Grave: N. N. (karolingische Okkupationszeit)[121]
- Bisperode (Rittergut/Schloss): Edelherren von Biscopingerrode 1219/Edelherren von dem Werder (de insula) 1491/Grafen von Wolff-Metternich 1694–1875
- Harderode (Schloss): Edelherren von Schicheldt bis 1542/Edelherren von Heitberg bis 1706/Edelherren von Münchhausen bis 1726/Edelherren von Nölting bis 1853/Edelherren von Blum 1899
- Weenzen: Vespermann
- Binichisdorfe/Beuenhusen/Bavensen? (Wüstung bei Bisperode): Gersuind (karolingische Okkupationszeit)[122]
- Batsingehusen/Bessingen: Edelherren von Bessinghusen 1216-1344
- Biaranhusen(?)/Behrensen bei Coppenbrügge (Rittergut): Bero/Maginhard(us) (karolingische Okkupationszeit)[123]/.../Seghebode/Theodoricus de Bernusen 1228/Grafen von Spiegelberg Anfang 14. Jahrhundert/Edelherren von Behrensen/Bernussen/Edelherren von Dudingen Ende 15. Jahrhundert/Edelherren von Halle/Edelherren von Stuben bis 1681/Edelherren von Stube 1682/Familie von Schlitz gen. von Görtz 1947
- Diedersen (Rittergut): Edelherren von Arnheim um 1300/Edelherren de Besinghusen 1324/Edelherren de Diederscinghusen 1332/Ritter von Hastenbeck 1394/Freiherren von Hake (altsächsischer Uradel) 1557
- Schaumburg:[124] Edelherren von Santersleben (Anfang 12. Jahrhundert)/Grafen von Schaumburg (altsächsischer Uradel) 1110/Landgrafen zu Hessen-Kassel[125] 1640/Grafen von Schaumburg-Lippe 1907[126]
- Auch in einigen wüst gefallenen (verschwundenen) Hägersiedlungen im Tilithigau gab es Adelssitze, so z. B. in Werdingshusen/Werdihausen (Wüstung bei Bisperode): Edelherren von Werchinchehausen 1326[127][128]
- Bekannte Persönlichkeiten
- Graf Bernhard von Engern und Osen († 826), Lehensnehmer des Reichsklosters Fulda, Stiftsvogt in Hameln, 802/812 Gründer der Hamelner Stiftskirche St. Bonifatius
- Hermann Billung († 973), 936 princeps militiae, 940 altsächsischer Graf im Wetigau, seit 953 Markgraf sowie 953, 961 und 966 als Stellvertreter König Ottos I. procurator regis im Herzogtum Sachsen
- Widekind I. von Schwalenberg († 1137), altsächsisch-engrischer Graf im Tilithigau, Marstemgau (bis 1124) und Wetigau, nannte sich ab 1127 Graf von Schwalenberg
Archidiakonat Ohsen des Bistums Minden im Tilithigau
Gogerichte und Holzgerichte im Tilithigau
In der vorfränkischen Zeit waren die Gogerichte Thingversammlungen aller freien männlichen Einwohner des Gaues, die auf einem vorfränkischen Thingplatz die hohe und niedere Gerichtsbarkeit wahrnahmen. Nach Roland Linde unterschied sich das mündlich überlieferte Recht und die Rechtspraxis zwischen den einzelnen Stammesgebieten der Sachsen im Mittelalter.[2] Nach der Unterwerfung der Sachsen durch die Franken untersagte Karl der Große den Sachsen mit einem ersten Erlass, „Capitulatio de partibus Saxoniae“ von 782,[132] u. a. unerlaubte Stammesversammlungen und machte von ihm eingesetzte (fränkische) Grafen zu seinen Stellvertretern in den Gauen. Nach der Niederwerfung weiterer sächsischer Aufstände wurde der Erlass von Karl dem Großen durch die moderatere „Capitulare Saxonium“ von 793 ersetzt.[133]
In „Oihusen“/„Osen“ (Ohsen) lag im Mittelalter die Hauptgerichtsstätte des Tilithigaus.[134] Dort wurde auch das Geleitrecht auf der Weser verhandelt. Der Ort „Osen“ hatte mit seiner Lage an einer Weserfurt im Frühmittelalter und Hochmittelalter zunächst eine größere Bedeutung als Hameln. In Osen standen die älteste Kirche (Urkirche) im Tilithigau von 780 sowie zwei Burgen. Die von den karolingischen Franken unter Kaiser Karl dem Großen um 800 gegründete Burg „Ohausen“ („festes Haus am Wasser“) auf der damals noch vorhandenen Weserinsel „Leuwenwerder“ bei „Oihusen“ war die ältere der beiden Burgen. Graf Conrad von Everstein errichtete dort 1283 eine zweite Burg und betrieb darin eine weltliche Gerichtsstätte, die „jurisdictio parochiae Osen et judicium ibidem/judicia nostra ipsus comitatus“. Im 12. Jahrhundert etablierten sich die Go- und Freigerichte, und der in elbostfälischer Sprache verfasste Sachsenspiegel des Eike von Repgow verbreitete sich über die Reichsgrenzen hinweg.[135]
In den Untergauen/Gerichtsbezirken des Tilithigaus gab es vom Frühen Mittelalter bis in die Neuzeit, z. T. noch bis in das 19. Jahrhundert Gogerichte.[136][137] Allerdings änderte sich vom Frühmittelalter bis in die Zeitstellung der Neueren Geschichte der Zuschnitt der altsächsisch-engernschen Gogerichtsbezirke und auch der Grafschaften mehrfach, bedingt durch territoriale Teilungen und Erbteilungen der Adelsgeschlechter mit der Bildung neuer Herrschaftsgebiete. Gogerichtsstätten[138] gab es (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit) ab dem Spätmittelalter mindestens an folgenden 15 Orten auf dem Gebiet des Tilithigaus, wobei angesichts der lückenhaften Literatur unklar bleibt, welche Rechte die einzelnen Gogerichte und Holtings an den genannten Gerichtsstätten hatten:[139][140]
- Artzen/Artelen (Aerzen), Gogerichtsstätte in Selxen bei Aerzen, in der Grafschaft Everstein[141]
- Böbber, „Linde“, 1420
- Brockhusen (Brockensen) bei Grohnde, Gogerichtsstätte auf dem Anger bei Brockensen in der Flur „Im steinernen Ort“[142], „Ruhestück“/„Vor den Richtebänken“ der „Goe to den hengh Eken by der Weser“, letztes Gogericht im Jahr 1529[143][144][145]
- Vranki (Frenke, eine fränkische Siedlung), „Dageort“
- Fuhlen, „Beim Spielbaume“
- Großenwieden
- Hajen, Gogericht, 826
- Hameln, „Vor dem Klingensteine“, 1501
- Hommeren (Hemeringen), Gogerichtsstätte, 1200
- Hilligesulde (Hilligsfeld), Gogerichtsstätte „auf dem Eichberg“ der Goe auf der Hamel, die bereits vor der Gründung von Hameln existierte, verlegt ab ca. 1500 in den „Wiesblock“ bei Flegessen. Die Goe auf der Hamel war der größte Untergau im Tilithigau.
- Hemmendorfer Gogericht „Auf dem Mühlenbrinke“ zwischen Lauenstein und Eggersen, 1585[146]
- Rottorf, „Linde“, 1483
- Welsede
- Hattendorf (Grafschaft Schaumburg), „cimeterio ecclesie in Haddendorpe“, 1339
- Langenholzhausen/Vahrenholz (Grafschaft Sternberg), „Unter dem Hagedorn“, 1324
- Lüdenhausen (Grafschaft Sternberg)
- Die Gogerichtsstätte in Apelern, Gogericht „to den Apelderen“ gehörte zum benachbarten Bukkigau; die Gografen saßen auf dem „Alten Bückeberg“ bei Obernkirchen
Daneben gab es im Tilithigau mindestens folgende Holtings/Holzgerichte (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit):
- Hajen, Holting, 1004
- Heyen, Holzgrafschaft, 1197[147]
- Hilligsfeld, Holting „auf dem Eichberg“ der Goe auf der Hamel, verlegt ab ca. 1500 in den „Wiesblock“ bei Flegessen.
- Rohden/Segelhorst, Holzgrafschaft „Holtinckbom“, 1475/1572
Darüber hinaus gab es im Tilithigau noch mindestens ein sog. Freiengericht für Adlige, das es sonst in größerer Anzahl in den altsächsischen Provinzen Engern und Westfalen im Raum des heutigen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, aber seltener in der altsächsischen Provinz Engern im Raum des heutigen Bundeslandes Niedersachsen gab:
- Oldendorf (heute: Hessisch Oldendorf), Freiengericht „Freienthing“ 1321/„Freienstuhl“ in der Kirche 1323[139][148]
Der welfische Herzog Heinrich der Löwe war 1147 Vogt der Reichsklöster Fischbeck und Kemnade und der Erbauer der Burg Lauenau.[149]
Einzelne Grafen und niedere Landadlige, wie z. B. die Ritter von Hastenbeck, die Ritter von Hake oder die Ritter von Reden besaßen in ihrem jeweiligen Herrschaftsbereich im Tilithigau das Kirchenpatronat und die Patrimonialgerichtsbarkeit, die ihnen jeweils vom König oder Kaiser, vom Mindener Bischof, von einem der folgenden Klöster oder später vom Landesherrn als Lehen übertragen wurden:[150]
- Kloster Abdinghof (Paderborn)
- Kloster Amelungsborn (bei Stadtoldendorf)
- Kloster Barsinghausen
- Stift St. Bonifatii (Hameln)
- Reichskloster Corvey
- Reichskloster und Stift Fischbeck[151]
- Reichskloster Fulda
- Reichskloster Kemnade (Bodenwerder)
- Kloster Loccum
- Kloster St. Mauritius (Minden)
- Kloster Möllenbeck (Rinteln)
- Kloster Wittenburg (Calenberg)
Literatur
- Georg Friedrich August von Alten: Beiträge zur Genealogie der Grafen von Hallermund, in: ZHVNdSachs, 1858, S. 1–53.
- Jürgen Asch: Grundherrschaft und Freiheit. Entstehung und Entwicklung der Hägergerichte in Südniedersachsen, in: NdsJLG 50, 1978, S. 107–192.
- Mathias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert, Aktualisierte Habilitationsschrift, Paderborn, 1994/1995, Husum, 1996.
- Bege: Letztes Gogericht in der Herrschaft Homburg, von Herzog Heinrich dem Jüngeren gehalten, in: von Spilckern & Broennenberg (Hrsg.): Vaterländisches Archiv des historischen Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1835, Lüneburg, 1836, S. 229–242.
- Klaus Bemmann: Neue Aspekte zur Entstehung der sächsischen Gogerichte, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Band 109, 1992, S. 95–128.
- Hans Berner: Das Amt Grohnde - mit Urkundenbeilage, Göttingen, 1951.
- Hans Berner: Das Amt Ohsen - mit Urkundenbeilage, Göttingen, 1954.
- Friedhelm Biermann: Die Adelsherrschaften an Ober- und Mittelweser des 13. und 14. Jahrhunderts im Kräftespiel zwischen einer neu formierten welfischen Hausmacht und expandierenden geistlichen Territorien, Dissertation, Münster (Westf.), 2005.
- Otto Curs: Deutschlands Gaue im zehnten Jahrhundert. Nach den Königsurkunden. Diss. Phil., Göttingen, 1908, S. 22.
- Wilfried Dammeyer: Der Grundbesitz des Mindener Domkapitels, Mindener Jahrbuch NF 6, Minden, 1957.
- Hermann Dürre: Die Wüstungen des Kreises Holzminden, in: ZHVNds, 1878, S. 175–223.
- Hermann Dürre: Stammbaum der Edelherren von Homburg, in: ZHVNds, 1881, S. 22–28.
- Franz Engel: Das Rodungsrecht der Hagensiedlungen, in: Quellenhefte zur niedersächsischen Geschichte 3, Hildesheim, 1949.
- Hermann Engel: Die Geschichte der Grafschaft Pyrmont von den Anfängen bis zum Jahre 1668, Dissertation, München, 1972.
- Günther Engelbert: Die Edelherrschaft Lippe, Köln, 1980, S. 197–200.
- Bernhard Engelke: Die Grenzen, Gaue, Gerichte und Archidiakonate der älteren Diözese Minden, in: Hannoversche Geschichtsblätter NF 4, Heft 2, Hannover, 1937.
- Rudolf Feige: Geschichte der Stadt Hameln, in: Ders. (Hrsg.): Heimatchronik der Stadt Hameln und des Landkreises Hameln-Pyrmont, Köln, 1961.
- Ludolf Fiesel: Franken im Ausbau altsächsischen Landes. In: Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Band 44, August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim, 1972, S. 74–158.
- Karl Hauck: Die fränkisch-deutsche Monarchie und der Weserraum, in: Kat. Corvey, Band 1, 1966, S. 97–121.
- Albert Hömberg: Grafschaft, Freigrafschaft, Gografschaft, Münster, 1949.
- Ludwig August Theodor Holscher: Beschreibung des vormaligen Bisthums Minden, in: WZ 35, II, 1877, S. 1–95.
- Hermann Hoogeweg (Bearb.): Westfälisches Urkundenbuch, Band 6: Die Urkunden des Bistums Minden (1201-1300), 1898.
- Frank Huismann: Die Grafen von Schwalenberg und das Reich im Hochmittelalter, Paderborn, 1997.
- Norbert Humburg, Joachim Schween (Hrsg.): Die Weser - ein Fluss in Europa. Eine länderübergreifende Ausstellung über 1200 Jahre Geschichte und Kultur des Weserraumes, Band 1: Leuchtendes Feuer, Holzminden, 2000.
- Hermann Kleinau (Hrsg.): Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, Hildesheim, 1967.
- Helga Knoke: Wald und Siedlung im Süntel. Eine siedlungsgeschichtliche Untersuchung Rinteln, 1968.
- Robert Krumbholtz (Bearb.): Westfälisches Urkundenbuch, Band 10: Die Urkunden des Bistums Minden (1301-1325), 2. Auflage, J. Prinz (Bearb.), 1977.
- Hans-Walter Krumwiede: Das Stift Fischbeck an der Weser. Untersuchungen zur Frühgeschichte 955-1158, Vandenhoeck und Ruptrecht, Göttingen, 1977.
- Wolfgang Laur: Goding und Gogericht in Holstein und Niedersachsen, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung, Band 111, 1994, S. 536–549.
- Andreas Lilge: Lockere Kleinsiedlung und geschlossenes Dorf im Weserbergland: ein Beitrag zur Siedlungsentwicklung vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit, Ammersbek, 1990.
- Horst-Rüdiger Marten: Ausmaß und Folgen des spätmittelalterlichen Wüstungsprozesses im niedersächsischen Weserbergland, in: W. Abel (Hrsg.): Wüstungen in Deutschland, Frankfurt a. M., 1967, S. 37–48.
- Otto Meinard: Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln, 2 Bände, Hannover, 1887.
- F. Meissel: Der Kreis Hameln - Beschreibung, Geschichte und Sage, Leipzig und Hameln, 1897, S. 13 f.
- Ernst Friedrich Mooyer: Genealogie der erloschenen Grafen von Sternberg, in: WZ 9, 1846, S. 45–138.
- N. N.: Historische Grafschaften und Grafengeschlechter unserer Region, 2010, in: https://www.hvv-hoexter.de/wp-content/uploads/2010/07/Historische-Grafschaften-und-Grafengeschlechter-unserer-Region.pdf, abgerufen 2026-01-02.
- Gudrun Pischke (Bearb.): Geschichtlicher Handatlas von Niedersachsen, Neumünster, 1989.
- Peter von Polenz: Landschafts- und Bezirksnamen im frühmittelalterlichen Deutschland. Untersuchungen zur sprachlichen Raumerschliessung. Univ. Habilitationsschrift. Verlag N. G. Elwert, Marburg, 1961, II, 68, 69, 72, 77, 96.
- Werner Rösener: Zur Erforschung der frühmittelalterlichen Grundherrschaft, in: Ders. (Hrsg.): Strukturen der Grundherrschaft im frühen Mittelalter, Göttingen, 1989, S. 9–28.
- Robert Rustenbach: Häger und Hägergerichte in den braunschweigischen Weserlanden, Hahnsche Buchhandlung, Hannover, 1903.
- Ewald Schmeken: Die sächsische Gogerichtsbarkeit im Raum zwischen Rhein und Weser, Dissertation, Münster, 1961.
- Georg Schnath: Die Herrschaften Everstein, Homburg und Spiegelberg. Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen 7, Göttingen, 1922.
- Richard Schröder: Die Gerichtsverfassung des Sachsenspiegels, in: ZRG GA 5, 1884, S. 1–68.
- Dieter Scriverius: Die weltliche Regierung des Mindener Stiftes von 1140 bis 1387, Band 1, Dissertation, Hamburg, 1966.
- Werner Spiess: Die Großvogtei Calenberg. Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen 14, Göttingen, 1933.
- Burchard Christian von Spilcker (Hrsg.): Die Geschichte der Grafen von Everstein und ihrer Besitzungen (Eversteiner Urkundenbuch), Arolsen, 1833.
- Edmund Ernst Hermann Stengel (Bearb.): Urkundenbuch des Klosters Fulda, Band 1, Marburg, 1958.
- Gustav Stölting-Eimbeckhausen und Börries Freiherr von Münchhausen-Moringen (Hrsg.): Die Rittergüter der Fürstentümer Calenberg, Göttingen und Grubenhagen. Beschreibung, Geschichte, Rechtsverhältnisse und 121 Abbildungen. Auf Beschluss der Ritterschaft und unter Mitwirkung der einzelnen Besitzer herausgegeben, Hannover, 1912.
- Johann Karl Bertram Stüve: Untersuchungen über die Gogerichte in Westfalen und Niedersachsen, unveränderter Nachdruck der Originalausgabe von 1870, Antigonos, 2025.
- Karl Friedrich Stumpf-Brentano: Die Kaiserurkunden des X., XI. und XII. Jahrhunderts chronologisch verzeichnet, Band II, Innsbruck, 1883, 2. Neudruck Aalen, 1964.
- Hans Friedrich Georg Julius Sudendorf (Hrsg.): Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Theil 1-10, Hannover, 1880.
- Eberhard Tacke: Der Landkreis Holzminden, Bremen-Horn, 1951.
- Jürgen Udolph: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem. (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände. Band 9). Walter de Gruyter, Berlin, 1994, ISBN 3-11-014138-8, S. 271.
- Jürgen Udolph: Der Weserraum im Spiegel der Ortsnamenforschung, in: Kat. Hameln, Band 1, 2000, S. 24–47.
- Gotthold Wagner: Die Verwaltungsgliederung im karolingischen Reich. Verlag Reise, Göttingen, 1963.
- Origines Pyrmontanae Et Swalenbergicae, worinnen die Alterthümer von Pyrmont und der dortigen Gegend, auch des PAGI WETTAGO, imgleichen die Ankunft der Graffen von Schwalenberg, und derer davon abstammenden I. Grafen von Waldeck, II. Grafen von Waldeck in specie, III. Grafen von Peremunt, IV. Herren von Colrebeck, V. Grafen von Sternberg; sodann die Den Grafen von Schwalenberg und Waldeck angehörige Schlösser und Herrschaften, aus ihrer Ursprünglichkeit erläutert werden. Universitätsbuchhandlung, Göttingen 1740 (Digitalisat der ULB Münster).
- Paul Wigand: Traditiones Corbeienses, Leipzig, 1843.