Tony Judt
britischer Historiker und Autor
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Tony Robert Judt (* 2. Januar 1948 in London; † 6. August 2010 in New York[1]) war ein britisch-amerikanischer Historiker, der sich insbesondere mit der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigte. Ab dem Jahr 1995 war er Direktor des von ihm gegründeten Remarque-Instituts an der New York University. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Judt durch sein Buch Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart (2005). Im Jahr 1996 wurde Judt zum Fellow der American Academy of Arts and Sciences gewählt, im Jahr 2007 zum Fellow der British Academy.
Herkunft und Bildung
Judt wurde als Sohn osteuropäisch-jüdischer Einwandererfamilien in London geboren. Seine Mutter stammte aus dem Londoner East End,[2.1] der Vater war 1935 aus Belgien nach England gekommen.[2.2] Die Großeltern waren aus Polen, Litauen und Rumänien nach Großbritannien emigriert.[2.3]
Judt studierte an der University of Cambridge sowie an der École normale supérieure (ENS) in Paris. Er erwarb in England 1969 den Bachelor of Arts und 1972 den Ph.D. in Geschichtswissenschaft. In The Memory Chalet (2010) beschrieb Judt seine Schulzeit am Emanuel School in Battersea (1959–1965) als von Außenseitertum und alltäglichem Antisemitismus geprägt.[2.4] Nachdem er vorzeitig einen Studienplatz in Cambridge erhalten hatte, verließ er die Schule ohne Abschluss der A Levels.[2.5]
Politische Entwicklung
Judt arbeitete in den Sommern 1963, 1965, 1966 und 1967 in israelischen Kibbuzim.[2.6] Während des Sechstagekrieges 1967 diente er als Fahrer und Übersetzer für die israelische Armee. Seine prozionistische Haltung wandelte sich aufgrund seiner Erfahrungen während des Krieges. In The Memory Chalet bezeichnet er seine Auseinandersetzung mit dem Arbeiterzionismus in den Jahren 1963 bis 1969 als entscheidend für seine intellektuelle Entwicklung. Zunächst verstand er seine Tätigkeit in israelischen Kibbuzim als Arbeit für ein egalitäres sozialistischen Ideal, deshalb engagierte er sich als Funktionär einer zionistischen Jugendbewegung.[2.7] Die Begegnung mit israelischen Soldaten auf den Golanhöhen nach dem Sechstagekrieg 1967 und deren Haltung gegenüber der arabischen Bevölkerung aber desillusionierte ihn.[2.8] Das führte dazu, dass er den Verheißungen der Neuen Linken, des Maoismus und identitätspolitischer Bewegungen seiner Generation skeptisch gegenüberstand.[2.9]
Rückblickend kritisierte er, dass die westliche Studentenbewegung, zu der er selbst gehört hatte, den gleichzeitigen Ereignissen in Prag und Warschau – dem Prager Frühling und den polnischen Studentenprotesten – zu wenig Beachtung geschenkt habe, obwohl dort die bedeutsameren Auseinandersetzungen stattgefunden hätten.[2.10]
2003 trat er mit einem Plädoyer für einen binationalen israelisch-palästinensischen Staat (Einstaatenlösung) für das Gebiet von Palästina ein. Seine veränderte Haltung in dieser Frage führte dazu, dass ein Vortrag von ihm auf Druck der Anti-Defamation League abgesagt wurde und man andernorts für ihn Saalschutz anfordern musste.[3] Er wandte sich auch gegen frühere Weggefährten, die nun die Bush-Regierung unterstützten und seiner Ansicht nach zu „liberalen Falken“ (englisch: “liberal hawks”) und „nützlichen Idioten“ geworden seien. Ebenfalls kritisch betrachtete Judt die jüngere Entwicklung Europas: der Westen habe seine gemeinsame moralische Sprache verlernt, mit der sich Solidarität begründen ließe.[4]
Beruflicher Werdegang
Judt beschrieb in The Memory Chalet seine akademische Laufbahn als keineswegs vorgezeichnet.[2.11] Nach seinem Studium arbeitete er unter anderem als Teppichauslieferer und Lagerarbeiter.[2.12] Unmittelbar vor seiner akademischen Anstellung 1972 bereitete er Frühstück im Blue Boar Hotel in Cambridge zu.[2.13] Zwischen 1966 und 1978 war Judt in Cambridge tätig, zunächst als Student, dann als Research Fellow und Fellow am King’s College.[2] 1970 verbrachte er ein Jahr als ausländischer Gaststudent an der École normale supérieure in Paris.[2.14] 1975 kam Judt erstmals in die USA und lehrte ein Jahr in Davis, Kalifornien. Nach seiner Rückkehr nach Cambridge empfand er England zunehmend als einengend.[2.15] Ab 1978 lehrte er in Berkeley, ab 1980 in Oxford. 1987 wechselte er zur New York University, wo er 1995 das Remarque Institute gründete und bis zu seinem Tod leitete.[2]
Europa als Forschungsgegenstand
Judt hatte eine paneuropäische Perspektive und betrachtete Europa als zusammengehörig. Als Jugendlicher unternahm er oft ausgedehnte Zugfahrten durch Europa und empfand diese als prägend für sein Verständnis europäischer Vielfalt. Seine Arbeit an Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart charakterisierte er als beeinflusst durch ein ausgeprägtes räumliches Bewusstsein für Regionen, Distanzen und Kontraste innerhalb Europas, das er auf diese frühen Zugreisen durch den Kontinent zurückführte.[2.16]
Ab Mitte der 1980er Jahre beschäftigte sich Judt intensiv mit Ostmitteleuropa. Er lernte Tschechisch, reiste als Teil eines Netzwerks von Buchschmugglern in die Tschechoslowakei und unterrichtete in Privatwohnungen.[2.17] Die Begegnung mit dissidentischen Intellektuellen wie Václav Havel, Adam Michnik und János Kis sowie die Beobachtung der Revolutionen von 1989 bezeichnete er als zentral für sein späteres historiographisches Werk. Ohne diese Erfahrungen hätte er Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart nicht schreiben können.[2.18]
Judt beschrieb sich als analytisch arbeitenden Historiker. Sein Ansatz folgte der Auffassung, dass Historiker Philosophen seien, die mit Beispielen lehren.[2.19]
Selbstverständnis und Identität
Judt beschrieb seine Identität in The Memory Chalet als hybrid und an Rändern orientiert. Er verstand sich weder als eindeutig englisch noch als französisch, weder als konventionell jüdisch noch als vollständig säkular. Seine Ausbildung in England und Frankreich, seine Emigration in die USA und seine familiäre Herkunft aus osteuropäisch-jüdischen Einwandererfamilien hätten zu einer Identität geführt, die weniger durch feste Zugehörigkeit als durch Kosmopolitismus geprägt sei.[2.20]
Judt identifizierte sich als Sozialdemokraten. Während er öffentlich der Linken zugeordnet werde, sah er sich im akademischen Bereich wegen seiner Ablehnung identitätspolitischer Strömungen und egalitärer Bildungsreformen als konservativ.[2.21]
Zum Judentum äußerte sich Judt differenziert. Er bezeichnete sich als nicht praktizierenden Juden, der weder jüdische Rituale befolge noch sich einer jüdischen Gemeinschaft zugehörig fühle. Auf die Frage nach seiner jüdischen Identität antworte er jedoch stets mit Ja. Judentum verstand er als eine Sensibilität des kollektiven Selbsthinterfragens. Er kritisierte die Fixierung amerikanischer Juden auf die Schoah als Identitätskern und die instrumentelle Nutzung der Verfolgungsgeschichte zur Rechtfertigung unkritischer Israelsolidarität. Die Benennung nach seiner Cousine Toni Avegael, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde, verstand Judt als Verpflichtung gegenüber dieser Geschichte.[2.22]
Krankheit und Spätwerk
Judt klärte in seinen letzten Lebensjahren wiederholt über die Amyotrophe Lateralsklerose auf, an der er litt.[5] In The Memory Chalet beschrieb er die Krankheit als fortschreitenden Verlust seiner Ausdrucksmöglichkeiten bei gleichzeitiger Klarheit des Denkens.
Um die autobiographischen Essays in The Memory Chalet mental zu komponieren, entwickelte Judt eine mnemonische Technik, inspiriert durch frühneuzeitliche Gedächtniskunst.[2.23] Die finalen Texte entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Eugene Rusyn.
Publikationen
- Marxism and the French Left: Studies on Labour and Politics in France 1830–1982. Clarendon, Oxford 1990, ISBN 0-19-821578-9.
- A Grand Illusion? An Essay on Europe. Douglas & McIntyre, 1996, ISBN 0-8090-5093-5.
- Große Illusion Europa. Herausforderungen und Gefahren einer Idee. Hanser, München/Wien 1996, ISBN 3-446-18755-3.
- The Burden of Responsibility: Blum, Camus, Aron, and the French Twentieth Century. University of Chicago Press, 1998, ISBN 0-226-41418-3.
- Socialism in Provence 1871–1914. A Study in the Origins of the Modern French Left. Cambridge University Press, 2000, ISBN 0-521-22172-2.
- Identity Politics in a Multilingual Age. Palgrave, New York 2004, ISBN 1-4039-6393-2.
- Postwar. A History of Europe Since 1945. Penguin, New York 2005, ISBN 1-59420-065-3.
- Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Hanser, München/Wien 2006, ISBN 3-446-20777-5.
- Reappraisals. Reflections on the Forgotten 20th Century. Penguin, 2008, ISBN 978-1-59420-136-3.
- Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. Hanser, München/Wien 2010, ISBN 978-3-446-23509-0.
- Ill Fares the Land. Penguin, New York 2010, ISBN 978-1-59420-276-6.
- Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit. Hanser, München/Wien 2011, ISBN 978-3-446-23651-6.
- The Memory Chalet. Penguin, New York 2010, ISBN 978-1-59420-289-6.
- Das Chalet der Erinnerungen. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser, München 2012, ISBN 978-3-446-23815-2.
- Mit Timothy Snyder: Thinking the Twentieth Century. Penguin, London 2012, ISBN 978-1-59420-323-7.
- Nachdenken über das 20. Jahrhundert. Hanser, München 2013, ISBN 978-3-446-24139-8.
- Wenn sich die Fakten ändern. Fischer, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-10-002508-1.
Auszeichnungen
- 2006: Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (Hauptpreis)[6] für das Buch Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart
- 2007: Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis
- 2007: Hannah Arendt-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bremer Senats (als „eine Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen … engagiert“)[7]
Das Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen äußerte Irritation über die Verleihung des Arendt-Preises an Tony Judt, dem sie antizionistische Propaganda vorwarf, welche die Jury in ihrer Begründung verschweige. Zudem bemängelte die Gemeinde, dass die Preisverleihung an einem Freitagabend und die anschließende Diskussionsveranstaltung an einem Samstagmorgen stattfinden. Dadurch würden Juden, die den Schabbat begehen wollen, von einer Teilnahme ausgeschlossen.[8][9]
Weblinks
- Literatur von und über Tony Judt im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Tony Judt in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Beiträge
- Artikel von Tony Judt auf der Website von The New York Review of Books
- Tony Judt auf der Website des Hanser Verlags
- Was ist lebendig und was tot an der sozialen Demokratie?, übersetzte Vorlesung von Judt an der New York University
- Panzer mit David-Stern, Artikel von Judt im Freitag, 21. Juli 2006
- Interviews
- USA und Europa – Kampf der Modelle, Interview von Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, 7. Dezember 2005
- Historiker Tony Judt: „Was die USA tun, ist katastrophal für die Welt“, Interview von Uwe Schmitt in der Welt, 12. September 2006
- USA: „Amerika bietet der Welt keine Alternative mehr“, Interview von Thomas Assheuer in der Zeit, 4. November 2006
- „Israel scheint mir wie eine kleine Kolonie Amerikas“, Interview von Thomas Seifert in der Presse, 13. Juni 2007
- Der Irak-Krieg ist nicht die Lösung, sondern das Problem, Interview von Thorsten Stegemann in Telepolis, 25. September 2007
- „Wir brauchen eine ethische Weltsicht“, Interview von Jörg Lau in der Zeit, 12. August 2010
- Rezensionen und Nachrufe