Totaler Fußball

Spielsystem im Fußball, bei dem auf jeder Position, die zuvor von einem Spieler verlassen wurde, ein anderer nachrückt From Wikipedia, the free encyclopedia

Totaler Fußball ist ein Spielsystem im Fußball, bei dem auf jeder Position, die zuvor von einem Spieler verlassen wurde, ein anderer nachrückt. Dies führt dazu, dass alle zehn Feldspieler zusammen angreifen und alle zehn Feldspieler zusammen verteidigen. Kein Spieler muss auf seiner Anfangsposition bleiben, jeder kann nacheinander Stürmer, Mittelfeldspieler oder Verteidiger sein. Das System erfordert von den Spielern ein hohes Taktikverständnis, um die entstehenden Lücken schnell zu füllen – im besten Fall kann jeder Spieler auf jeder Position spielen. Außerdem wird den Spielern eine herausragende Technik und körperliche Leistungsfähigkeit abverlangt.

Der Begriff Totaler Fußball wird im weiteren Sinne dazu verwendet, das effektive, dominierende Spiel der Niederländischen Nationalmannschaft um die beiden Spieler Johan Cruyff und Ruud Krol in den 1970er Jahren zu bezeichnen. Der taktische Gegenpart zum Totalen Fußball ist der italienische Catenaccio.

Geschichte

Der Grundstein dieses Systems wurde von Jack Reynolds gelegt, der von 1915 bis 1949 Trainer bei Ajax Amsterdam war. Beim Training stand die Arbeit mit dem Ball im Mittelpunkt. Rinus Michels, der früher unter Reynolds gespielt hatte und später Trainer von Ajax und der niederländischen Nationalmannschaft wurde, definierte dieses Spielkonzept, das heute als „Totaler Fußball“ (niederländisch „Totaalvoetbal“) bekannt ist, neu.

In der Saison 1964–1965 war Vic Buckingham Trainer bei Ajax; er entdeckte den jungen John Cruyff als Talent und beförderte ihn in die erste Mannschaft; sein Debüt gab Cruyff bei der 1:3-Niederlage gegen GVAV Groningen (seit 1971 FC Groningen).[1] Bereits in seinem zweiten Spiel, gegen PSV Eindhoven, schoss Cruyff ein Tor.[2] Das folgende Spiel gegen Feyenoord Rotterdam ging mit 9:4 verloren und nach einem Unentschieden in der Folgewoche war Ajax den Abstiegsrängen nahe. Das Management verlor das Vertrauen in Vic Buckingham und forcierte am 21. Januar 1965 die Trennung.[3]

Als neuer Trainer wurde der 36-jährige Rinus Michels engagiert. Michels, ein Sportlehrer für gehörlose Kinder, war ursprünglich nur engagiert worden, um das Mannschaftstraining an drei Abenden die Woche zu leiten. Der ehrgeizige Michels begann jedoch bald radikale Schritte, um den Verein zu professionalisieren.[4] Michels legte Wert auf eiserne Disziplin und wurde von seinen Spielern bald „De Generaal“ (dt. Der General) genannt.[5] Er führte Trainingslager ein und ließ die Spieler täglich drei Trainingseinheiten sowie abends noch ein Trainingsspiel absolvieren.[6] Besonders Cruyff, der bereits in seiner Jugend zum Kettenraucher geworden war, hasste das rigide Training und versuchte oft, sich bei Waldläufen zu verstecken. Michels unternahm schnell noch weitere Schritte in Sachen Professionalisierung. Viele Spieler waren Teilzeit- oder Hobbyspieler, die einen anderen (Haupt-)beruf hatten.[7] Cruyff war bei einer Druckerei eine Art „Mädchen für alles“ gewesen.[8] Michels unterband jede Nebentätigkeit und machte aus den Spielern Profifußballer. Finanziert wurde dies von einer Reihe von Geldgebern, darunter sowohl Kollaborateure, die im Weltkrieg mit den deutschen Besatzern Geschäfte gemacht hatten und ihren Namen nun reinwaschen wollten, als auch von jüdischen Geschäftsleuten, die den Krieg überlebt hatten und Ajax als Ersatzfamilie begriffen.[9] Das Image von Ajax als einem Klub mit einem gewissen jüdischen Flair war bereits seit langem ausgeprägt und wurde in nächsten Jahren von der Spielergeneration um Cruyff (eher auf symbolische und spielerische Weise) wiederholt betont.[10] Diese ahistorische Stilisierung entwickelte vor allem ab den 1980er Jahren eine Eigendynamik, als auch die Fans des Klubs Ajax als den „jüdischen Klub“ stilisierten und als Reaktion darauf Fans des großen Rivalen Feyenoord Rotterdam begannen, antisemitische Schmährufe zu singen und in Inszenierungen auf den Holocaust anzuspielen. Ursprünglich als Symbol eines Fußball-Tribalismus gesehen,[11] löste dies in den frühen 2000er Jahren in den Niederlanden eine gesellschaftliche Debatte aus.[12]

Im Spiel legte Michels viel Wert auf aggressives Zweikampfverhalten und körperliche Dominanz, um dem Gegner den Schneid abzukaufen.[13] Ajax etablierte auch das Pressing – intern bei Ajax immer das „Jagen“ genannt, mit dem Druck auf den im Ball befindlichen Gegner ausgeübt werden sollte.[14]

Taktisch orientierte sich Michels zunächst am Gegner und wechselte variabel vom 5-3-2 zum 4-2-4. Ein Schlüsselspiel in dieser Hinsicht war das Aufeinandertreffen mit AC Mailand im Finale des Europapokals der Landesmeister 1969, in dem Mailand die 4-2-4 spielende Ajax-Mannschaft deklassierte. Nach der Finalniederlage begann Michels, verdiente Spieler wie Klaas Nuninga und Theo van Duivenbode auszusortieren und junge Talente wie Gerrie Mühren und Ruud Krol in die Startelf zu integrieren.[15] In der Folgesaison wurde Ajax in der Liga bei einem wilden 3-3 gegen Feyenoord Rotterdam trotz eines guten Spiels im Mittelfeld förmlich überrannt; danach nahm Michels auch eine Änderung am System vor und wechselte zum 4-3-3.[16]

Neu war die Konzeption des Raumes auf dem Spielfeld, die bei Ajax auf eine ganz abstrakte, unverwechselbare Weise gedacht wurde. David Winner hebt hervor, dass diese einzigartig war und zieht den Schluss, dass diese Konzeption nur in den Niederlanden mit ihrem ganz anderen Verständnis für die Gestaltung der Umgebung bzw. der Natur so entstehen konnte.[17] Die Spieler um Cruyff machten das Spielfeld im Ballbesitz so groß wie möglich, indem sie das Spiel auf die Flügel verlagerten. Bei einem Ballverlust wurde der Raum dagegen möglichst klein gemacht, indem sie die Verteidigungsreihe kurz vor die Mittellinie hochschoben, in die gegnerische Hälfte drängten oder auf Abseits stellten, um den Raum noch weiter zu verengen.[18] Dazu zeichnete Ajax sich durch ständige Positionswechsel aus. Michels beanspruchte die Innovation der ständigen Positionswechsel für sich selbst; da Ajax in den späten 1960ern die Gegner in der Eredivisie regelmäßig dominierte, traf man immer mehr auf massierte Abwehrreihen. Um diesem Problem zu begegnen, habe er auch die Mittelfeldspieler und Abwehrspieler in den Angriff integrieren wollen, woraus sich die häufigen Positionswechsel ergaben.[19]

Obwohl Cruyff in der Sturmspitze spielte, tauchte er überall auf dem Spielfeld auf, um das gegnerische Spielsystem zu stören, was in der dynamischen Spielweise des Totalen Fußballs ausgenutzt werden konnte. Seine Mannschaftskameraden richteten sich nach Cruyffs Laufwegen, um entstehende Löcher zu füllen, sodass jede taktische Position zu jedem Zeitpunkt besetzt war – aber nicht immer von derselben Person. „Ziel war es, den Platz bei Ballbesitz in seiner ganzen Breite zu nutzen […] bzw. den Raum bei gegnerischem Ballbesitz eng zu machen.“[20]

Die wichtigsten Voraussetzungen, die eine Mannschaft benötigte, um mit dieser Taktik effektiv spielen zu können, waren Geschwindigkeit und die Fähigkeit, das Spiel zu beschleunigen. Ajax-Verteidiger Barry Hulshoff stellt dar, wie der Verein 1971, 1972 und 1973 mit dieser Spielweise dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewinnen konnte: „Wir diskutierten nur über Geschwindigkeit. Johan Cruyff redete stets davon, wohin die Spieler laufen, wo sie stehen und wann sie sich nicht bewegen sollten.“ Ajax spielte Pressing, was eine optimale Fitness erforderte. Durch kurze Pässe sollte das Mittelfeld schnell überbrückt werden. Alle Mannschaften innerhalb des Vereins folgten der gleichen Philosophie.

Den konstanten Positionswechsel der Spieler, der typisch für den Totalen Fußball ist, gab es wegen der Größe des Spielfeldes. „Es ging um das Erzeugen von Geschwindigkeit, das Erreichen von Geschwindigkeit, das Organisieren von Geschwindigkeit – wie Architektur auf dem Fußballfeld“, erklärt Hulshoff. Die Taktik entwickelte sich evolutionär weiter und war stets das Produkt der Zusammenarbeit der Spieler, basierte niemals auf der alleinigen Arbeit von Michels, seinem Nachfolger Kovacs oder von Cruyff. Cruyff fasste sein Verständnis vom Totalen Fußball so zusammen: „Der einfache Fußball ist der schönste. Aber einfacher Fußball ist zugleich auch am schwersten.

Nachdem Michels zum FC Barcelona gewechselt war, verfeinerte Ștefan Kovács bei Ajax das System ein weiteres Mal.

Das Finale des Europapokals der Landesmeister 1972 zeigt den Höhepunkt des Totalen Fußballs. Nach dem 2:0-Sieg von Ajax Amsterdam gegen Inter Mailand schrieben die Zeitungen in ganz Europa vom „Tod des Catenaccio und Triumph des Totalen Fußballs“. Die niederländische Tageszeitung Algemeen Dagblad titelte: „Inters System vernichtet. Die Zeit des defensiven Fußballs ist vorüber.

Michels wurde Bondscoach vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1974, die Nationalmannschaft bestand zum Großteil aus Spielern von Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam, aber auch der unbekannte und mit dem Totalen Fußball nicht vertraute Rob Rensenbrink, der vor allem im Nachbarland Belgien gespielt hatte, war dabei und fügte sich harmonisch in das System ein. Die Mannschaft der Niederlande konnte in der Zwischenrunde nacheinander Argentinien (4:0), die DDR (2:0) und Brasilien (2:0) besiegen, bevor sie im Finale auf den Gastgeber Deutschland traf.

Das Finale der Weltmeisterschaft 1974 wird oft als Kampf zwischen „Totalem Fußball“ und „Totaler Disziplin“ bezeichnet. Cruyff spielte den Ball an, und dieser kam über 13 Stationen innerhalb der holländischen Mannschaft wieder zu Cruyff zurück, der sich der Manndeckung durch Berti Vogts entzog und erst von Uli Hoeneß mit einem Foul knapp außerhalb des deutschen Strafraums gestoppt werden konnte. Johan Neeskens verwandelte den umstrittenen Strafstoß, Holland führte nach 80 gespielten Sekunden 1:0, die Deutschen hatten keine einzige Ballberührung. In der zweiten Halbzeit wurden Cruyffs Versuche der Spielgestaltung durch Berti Vogts’ Manndeckung im Keim erstickt. Das dominierende deutsche Mittelfeld mit Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Wolfgang Overath war die Basis für den 2:1-Sieg Deutschlands.

Manchmal wird auch das vom Pech verfolgte „WunderteamÖsterreichs aus den 1930ern als die erste Mannschaft, die den Totalen Fußball praktizierte, bezeichnet. Es ist kein Zufall, dass Ernst Happel, ein talentierter österreichischer Spieler der 1940er und 1950er, in den späten 1960ern und frühen 1970ern in den Niederlanden als Trainer tätig war. Bei ADO Den Haag und Feyenoord Rotterdam vermittelte er eine revolutionär neue, mutige Spielweise, die es so in den Niederlanden noch nicht gab. Happel war bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978, die die Niederlande erneut als Vizeweltmeister beendete, Bondscoach.

Auch Ferenc Puskás, Star der legendären ungarischen „goldenen Elf“, die zwischen 1950 und 1954 den Weltfußball dominierte, bezeichnet das damalige ungarische Spielkonzept als „totalen Fußball“.[21]

Da das Spiel vor allem in den 1980er Jahren athletischer und taktikorientierter wurde, war die große Zeit des Totalen Fußballs weitestgehend vorbei. Schnellen Kontern und ballsicheren Viererketten war die lauf- und raumorientierte Taktik kaum gewachsen. Das System baute auf dem Prinzip auf, den Libero als freien Verteidiger hinter oder vor der Abwehr aus dem Spiel zu nehmen. Sobald eine Mannschaft über wenige Anspielstationen im Gegenzug zielorientiert Flanken über die Außenbahnen einbrachte, entstanden immer wieder Lücken auf den zentralen Positionen. Die gewonnenen Freiräume für die gegnerische Mannschaft hoben den Vorteil der geschlossenen Offensive auf, vor allem im späteren Verlauf eines Spiels, wenn durch nachlassende Konzentration oder Kondition Lücken entstanden. Die deutsche Fußballnationalmannschaft nutzte dies im Finale der Weltmeisterschaft 1974 dementsprechend aus. In den 1990er Jahren erlebte der Totale Fußball ein kurzes Comeback bei Arsenal London unter Trainer Arsène Wenger. Dies war aber eher eine bewusste, zeitweilige taktische Finte als eine dauerhafte Strategie.

Bekannte Mannschaften

Sowohl nationale Fußballvereine als auch Fußballnationalmannschaften praktizierten den Totalen Fußball.

Die niederländische sowie die österreichische Fußballnationalmannschaft spielten nach diesem System auf internationaler Ebene.

Auf nationaler Ebene kam die Strategie des Totalen Fußballs bei Ajax Amsterdam, FC Barcelona, FC Bayern München, Galatasaray Istanbul sowie Arsenal London zur Anwendung. Geprägt durch Frank Rijkaard, wiederum einen Niederländer, und seinen Nachfolger Pep Guardiola wird der Totale Fußball auch seit den 2000er Jahren wieder vom FC Barcelona und in der Folge auch von der spanischen Nationalmannschaft praktiziert, wobei sich dafür der moderne Begriff Tiki-Taka herausgebildet hat.

Literatur

Siehe auch

Einzelnachweise

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