Tête Dada
Skulptur von Sophie Taeuber-Arp
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Tête Dada (französisch für „Dada-Kopf“) ist eine polychrome Holzskulptur der Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp aus dem Jahr 1920. Sie zählt zu den bekanntesten Werken der Zürcher Dada-Bewegung und der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts. Seit 2003 befindet sich das Werk in der Sammlung des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou in Paris.
| Tête Dada |
|---|
| Sophie Taeuber-Arp, 1920 |
| Holzskulptur, Öl- und Metallicfarben, 29‚43 cm × 14 cm |
| Musée National d’Art Moderne; Paris |
Hintergrund
Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) war eine Schweizer Malerin, Bildhauerin, Textil-Gestalterin, Architektin und Tänzerin der Avantgarde. Als Vertreterin der konkreten, rhythmisch-geometrischen Kunst ist sie eine bedeutende Künstlerin des 20. Jahrhunderts. Sie gehört zu den Protagonisten des Dadaismus und war ab 1916 Teil der Zürcher Dada-Szene rund um das Cabaret Voltaire.[1]
Zwischen 1918 und 1920 schuf Taeuber-Arp sechs abstrakte Holzskulpturen, die als „Dada-Köpfe“ bekannt sind. Neben Tête Dada und einem weiteren Dada-Kopf im Musée National de l'Art Moderne in Paris zählt hierzu eine Skulptur im Privatbesitz mit dem Titel Portrait [HA], die als Porträt ihres späteren Ehemanns Hans Arp angesehen wird.[2] Eine weitere Skulptur mit dem englischen Titel „Head“, die sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York befindet, zeigt einen ovalen abstrahierten Kopf mit Elementen aus Glasperlen an beiden Seiten.[3]
Zusammen bilden diese Skulpturen eine geschlossene Gruppe, die Hugo Weber, der Verfasser des Werkverzeichnisses von 1948, als „Parodien von Porträts“ bezeichnet hatte.[4] Weiterhin entsprechen sie Gemälden wie dem Fresco aus dem Zürcher Dada Pantheon von 1920[5] sowie späteren Architekturprojekten der Künstlerin, in denen einfache geometrische Formen zu ausgewogenen Kompositionen angeordnet sind.[2]


Taeuber-Arp schuf abstrakte geometrische Kunst als Ausdruck der Dada-Bewegung und wandte diese Merkmale, besonders das spielerische und humoristische Element, in allen Formen ihrer Kunst an.[6] Ihr Engagement ging dabei über die Malerei und Bildhauerei hinaus: Sie führte choreografierte Tänze in abstrakten Kostümen und Masken auf und verband dabei Körperbewegung mit nicht-figurativen Formen. Kunsthistoriker haben in diesem Zusammenhang die Dada-Köpfe als skulpturale Entsprechungen dieser Performances interpretiert – Objekte, die zugleich als ironische Porträts, rituelle Masken und formale Experimente fungieren.[7][8]
Beschreibung
Tête Dada ist eine 1920 entstandene polychrome Holzskulptur mit einer Höhe von 29,43 cm und einem Durchmesser von 14 cm. Sie besteht aus einer vertikal ausgerichteten Form aus gedrechselten Holz, die einem stilisierten menschlichen Kopf ähnelt und auf einem zylindrischen Sockel montiert ist. Dieser Sockel trägt die Inschrift „sht“, die auf den Geburtsnamen der Künstlerin, Sophie Henriette Taeuber, verweist. Außerdem sind auf dem Kopf das Jahr 1920 und das Wort „DADA“ zu sehen.[9]
Die Skulptur wurde in maschinell ausgeführtem Drechselverfahren gefertigt, wodurch eine präzise symmetrische Form entstand. Die Bemalung erfolgte mit Öl- und Metallicfarben. Der abstrakte Kopf ist in geometrische Farbfelder aus Pastelltönen, Grundfarben und scharf abgegrenzten linearen Elementen unterteilt. Die Gesichtszüge sind auf abstrakte Zeichen reduziert: Kreise, Streifen und Linien ersetzen naturalistische Augen, Nase und Mund. Die glatte Formgebung des Werks spiegelt die mechanische Präzision der Drechseltechnik wider, während die bemalten Oberflächen flächige Abstraktion aufweisen. Das so entstandene Objekt steht zwischen anthropomorpher Darstellung und autonomer geometrischer Struktur.[4]
Formale Analyse und Interpretation
Kunsthistoriker haben den Doppelcharakter der Skulptur betont: Titel und Form erinnern an einen menschlichen Kopf. Die geometrischen Elemente entsprechen Porträts des Expressionismus und bilden ein in sich geschlossenes formales System.[10] Diese Spannung stellt das Werk in einen Übergangsmoment zwischen Dada-Experimenten und dem Aufkommen der Konkreten Kunst und geometrischer Abstraktion in den 1920er und 1930er Jahren. Sowohl in ihren textilen Arbeiten als auch in ihren kleinen Skulpturen wollte Taeuber-Arp Werke in verschiedenen Medien mit kühnen, vereinfachten Formen und in einem „neuen Stil“ schaffen, der ihre Zeit widerspiegelte.[11]
Tête Dada steht beispielhaft für Reduktion und modulare Konstruktion. Der Kopf ist durch zylindrische Bände und bemalte Unterteilungen artikuliert, die rhythmische Beziehungen zwischen Vertikalität und Kreisförmigkeit herstellen. Die abstrakten, glatten geometrischen Merkmale mit gemalten Details wurden als Zitate für „primitive“ Masken und ihre asymmetrische Anordnung gesehen, die den Techniken des Kubismus ähneln.[12] Durch die formale Anleihe an einen alltäglichen Hutständer verwischte Taeuber-Arp die Unterscheidung zwischen angewandter und freier Kunst, was ein zentrales Anliegen ihrer Praxis darstellt.[6]
Ausstellungen
Tête Dada wurde im Rahmen der folgenden Ausstellungen gezeigt und in den entsprechenden Katalogen veröffentlicht:[4]
- Elles font l’abstraction / Women in Abstraction. Centre Pompidou, Paris / Museo Guggenheim Bilbao, 2021
- Sophie Taeuber-Arp. Gelebte Abstraktion / Living Abstraction. Kunstmuseum Basel, Tate Modern, London, The Museum of Modern Art, New York, 2021 und 2022
- Dadaglobe Reconstructed. Kunsthaus Zürich / The Museum of Modern Art, New York, 2016
- Sophie Taeuber-Arp. Gestalterin, Architektin, Tänzerin. Museum Bellerive, Zürich, 2007
- Dada: Zurich, Berlin, Hanover, Cologne, New York, Paris. National Gallery of Art, Washington D.C. / Centre Pompidou, Paris / The Museum of Modern Art, New York, 2005
- DADA. Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum. Kunsthaus Zürich / Musée National d’Art Moderne, Paris, 1966
- Fantastic Art, Dada, Surrealism. The Museum of Modern Art, New York, 1936.
Rezeption
Obwohl Taeuber-Arps Beitrag zur Dada-Bewegung lange von dem ihres Mannes Hans Arp überschattet wurde, bekräftigten sowohl Kunstkritik wie auch bedeutende Ausstellungen Taeuber-Arp als zentrale Figur der klassischen Moderne. Dazu zählte zuletzt die Werkschau Gelebte Abstraktion / Living Abstraction im Kunstmuseum Basel, dem Museum of Modern Art und in der Tate Modern.[13][14] Dabei wurde Taeuber-Arp eine bedeutende Rolle in der zeitgenössischen Neubewertung von Gender, Kunsthandwerk und Abstraktion in der modernen Kunstgeschichte zugeschrieben.[15][16][17] Als eines der meistgeschätzten Werke der Künstlerin wurde Tête Dada als „herausragendes Merkmal ihres Dada-Werks“ innerhalb der Zürcher Dada-Bewegung und als wichtiges frühes Beispiel abstrakter Skulptur einer Künstlerin in der europäischen Avantgarde bezeichnet.[12]
Fotografien der Künstlerin und ihres Dada-Kopfes
Im November 1920 wählte Taeubner-Arp für Tristan Tzaras 1920 erschienene Anthologie „Dadaglobe“ ein Foto ihres eigenen Kopfes aus, der teilweise vom Dada-Kopf im Vordergrund verdeckt wird. Dazu schrieb sie an Hans Arp: „Ich lasse mich photographieren und den Holzkopf auch.“[4] Eine kunsthistorische Studie aus dem Jahr 2019 untersuchte diese und zwei ähnliche Schwarz-Weiß-Fotografien, die 1920 von Taeuber-Arp mit ihrer „Tête Dada“ aufgenommen wurden. Über diese Auswahl schrieb der Autor: „Ein gutes Beispiel für ein herausragendes Bild mit einer langen und interessanten sozialen Geschichte ist das von Sophie Taeuber mit ihrer Tête Dada.“ Laut der Studie wurden diese Fotografien von Taeuber-Arp mit dem Dada-Kopf als die häufigsten Illustrationen ihres Werks in zahlreichen Büchern, Katalogen und Artikeln abgebildet.[18] Eines dieser Fotos, das die Künstlerin hinter ihrem Dada-Kopf zeigt, war auch 2021 in der Retrospektive im Kunstmuseum Basel Sophie Taeuber-Arp: Gelebte Abstraktion zu sehen.[1]

Schweizer Banknote
In der achten Serie der Schweizer Banknoten (1995–2021) waren auf der Vorderseite das Gesicht der Künstlerin und auf der Rückseite ihr Dada-Kopf abgebildet.[19]
Tête Dada im Musée National d’Art Moderne
Die 2003 aus dem Nachlass der Familie von Hans Arp erworbene Skulptur Tête Dada ist seitdem Teil der Sammlung des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou in Paris. Während der Renovierung des Museums wird das Werk bis 2030 im Centre Pompidou-Metz ausgestellt.[9]
Literatur
- Kunstmuseum Basel, MoMa New York, Eva Reifert, Anne Umland (Hrsg.): Sophie Taeuber-Arp: Gelebte Abstraktion. Hirmer, München 2021, ISBN 978-3-7774-3562-6.
- Medea Hoch, Bettina Kaufmann: Sophie Taeuber-Arp. Tate Publishing, 2021, ISBN 978-1-84976-751-4, S. 8–27 (englisch, Online).
- Gabriele Mahn: Tête Dada (1920) de Sophie Taeuber. Un manifeste plastique. In: Les Cahiers du Musée National d’Art Moderne. Nr. 88, 2004, ISSN 0181-1525, S. 61–67 (französisch).
- Roswitha Mair: Handwerk und Avantgarde. Das Leben der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp. Parthas Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86964-047-1.
Weblinks
- Fotografie von Sophie Taeuber-Arp hinter ihrem Dada Kopf, 1920, bei Artsy.com
- Audio zu den Dada Heads beim Museum of Modern Art
- Tête Dada im Sophie Taeuber-Arp Research Project
- How to See | Sophie Taeuber-Arp, Video des Museum of Modern Art auf YouTube
- Head by Taeuber-Arp des Museum of Modern Art bei Google Arts & Culture