Ullstein AV
Unternehmen des Axel Springer Konzerns für audiovisuelle Medien
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Die Ullstein AV Produktions- und Vertriebs GmbH (UAV) war ein 1971 in Berlin gegründetes Unternehmen des Axel Springer Konzerns, um audiovisuelle Medien zu vertreiben. Man plante, damit ein Millionenpublikum zu erreichen.
Vorgeschichte
Fernsehen
In Deutschland gab es kein Privatfernsehen, infolgedessen konnten sich die Verlagshäuser nicht an einem solchen beteiligen. Deswegen entstand im Springer-Verlag, aber auch bei Burda die Idee, ein „Fernsehen per Post“ aufzubauen, also ein audiovisuelles Medium im Verleihsystem an die Haushalte zu senden. Damit wollte man einen Studiobetrieb aufbauen, um ihn zukünftig für Fernsehproduktionen nutzen zu können. Parallel dazu sollten die Politiker zur Genehmigung eines Privatfernsehens bewogen werden.[1]
Abspielgeräte
Die Schwierigkeit, um 1970 ein AV-Medien-Vertrieb aufzubauen, bestand darin, dass in den Privathaushalten keinerlei Abspielgeräte bereitstanden. Für diesen Zweck eignete sich der Bildplattenspieler besonders, er befand sich aber noch im Prototypen-Stadium, ebenso wie der Heim-Video-Kasettenrekorder. Das einzige im Markt eingeführte System war Super 8. Dies bedeutete allerdings nicht, dass es eine nennenswerte Zahl von Haushalten mit geeigneten Abspielgerät existierte: Zwar gab es bereits zahlreiche Super-8-Hobbyfilmer, die meisten erstellten aber Stummfilme. Und die wenigen Tonfilmer arbeiteten häufig mit einem parallel laufenden Tonbandgerät, so dass Tonfilm-Projektoren selten vorkamen.
Beim Tonfilmen existierten mit Magnet- und Lichtton zwei Varianten. Da der Hobbyfilmer nur einen Magnetton erzeugen konnte, gab es kaum Projektoren mit zusätzlichen Lichtton auf dem Markt. Für einen Filmverleih senkte der Lichtton aber die Kosten, weil man die Magnetspur einsparen und im Kopierwerk mit dem Belichten gleichzeitig den Ton übertragen konnte.
Außerdem gab es drei Möglichkeiten, den Film auszuliefern: auf einer gewöhnlichen Spule, in der Supermatic-Kassette von Kodak oder in der Auto-8-Kassette von Bell & Howell. Die beiden Kassetten waren noch neu. Sie sollten das Filmeinlegen vereinfachen, indem man nur die Kassette an den Projektor stecken und eine Starttaste drücken musste. Allerdings setzten sie sich nicht durch, da mit Aufkommen der Selbstfangspule bei herkömmlichen Projektoren nur ein Handgriff hinzukam, nämlich den Filmanfang in den Filmkanal zu stecken. Projektoren, die auch oder ausschließlich Kassetten vorführen konnten, kosteten erheblich mehr als gewöhnliche Modelle.
Auto 8 Cassette
Foto Quelle
Um an Interessenten zu gelangen, arbeitete UAV mit dem Großversandhaus Quelle zusammen, wodurch man an deren 8 Mio. Kunden herankam.
Technik
Lothar Schmechtig, der Geschäftsführer von Foto Quelle hielt die Auto-8-Cassette für überlegen[2], so dass man im Foto-Quelle-Katalog Frühjahr/Sommer 1971 Projektoren und die UAV-Kassetten anbot.[3] Die UAV-Filme liefen mit der vom Kino bekannten Bildfrequenz 24/s und Lichtton. Im Herbst/Winter-Katalog 1972/73 bot man neue Abspielgeräte an: Einen Projektor, der auch gewöhnliche Super-8-Filmspulen vorführen konnte, und ein Rückprojektionsgerät mit dem Aussehen eines Fernsehapparats.[4] Beide konnten auch die Bildfrequenz 18/s, mit der die Hobbyfilmer meistens arbeiteten.
Bereits 1971 kündigte Nordmende einen Filmabtaster für Super 8 an, um die Filme mit einem Fernsehapparat betrachten zu können. Dies war für UAV besonders interessant, da der Raum nicht verdunkelt werden und kein Projektor aufgebaut werden musste. Der Nordmende Colorvision CCS arbeitete mit Auto-8-Kassetten und einer kontinuierlichen Abtastung, was einen leisen Lauf ohne die vom Filmprojektor bekannten Rattergeräusche ermöglichte. Die Bildfrequenzen 16⅔/s und 25/s waren an die Fernsehnorm angepasst – das der Film geringfügig langsamer, bzw. schneller lief, hatte keine praktischen Auswirkungen. Das Gerät kam aber nur in minimaler Stückzahl auf den Markt.[5][6]
Die Filme mit der Auto-8-Kassette anstatt mit der gewöhnlichen Super-8-Spule auszuliefern, erwies sich als problematisch: Neckermann setzte auf die Supermatic-Kassette und ging ebenfalls eine Kooperation mit einem Filmlieferanten ein, was die Kunden bei der Frage, welches System sich durchsetzen wird, verunsicherte.
Nochmals problematischer war der Lichtton. Man konnte nämlich die Filmspule aus der Auto-8-Kassette herausnehmen und an einen gewöhnlichen Projektor montieren, im Falle eines Stummfilm- oder reines Magnetton-Apparats aber naturgemäß nur ohne Ton vorführen. Und kaum ein Hobbyfilmer war bereit, für Lichtton einen Aufpreis zu zahlen: Beispielsweise hatte Foto Quelle ein einziges Modell mit Magnet- und Lichtton im Programm und das kostete 975 DM, während man vergleichbare Geräte ohne Ton für 379 DM und nur mit Magnetton für 675 DM anbot. Kauffilme gab es auch mit Magnetton in großer Zahl. Hinzu kam, dass Lichtton bei Super 8 mit einer eingeschränkten Qualität verbunden war, die sich besonders bei Musikfilmen bemerkbar machte.
Programm
Die bekannteste UAV-Produktion war die 13-teilige Serie Weltraum 2000 von und mit Heinz Haber:[7]
- Der erste Gesetz der Natur
- Mit roher Gewalt
- Rund um den Planeten
- Mit der Erde durchs All
- Sonne und Sterne
- Der Mensch im Weltraum
- Fern der Erdschwere
- Unser Mond
- Labor im All
- Leben und Planeten
- Kinder der Sonne
- In den Tiefen des Universums
- Zurück zur Sonne
Es gab Märchenproduktionen, darunter Hänsel und Gretel[8], Schneewittchen und Die Gänsemagd; Hobbyfilme wie Toni Sailer gibt Skiunterricht, Kleider machen Freude oder Gartenpflege leichtgemacht.
Medicolloc
Da sich die Kunden teure Abspielgeräte kaufen mussten, wählte man zusätzlich zu den allgemeinen Angebot an Lehr- und Unterhaltungsfilmen eine vermögende Zielgruppe aus, die man gezielt mit einem speziellen Programm ansprach.[9][10] Dabei handelte es sich um Ärzte, denen man für 912 DM Jahresgebühr wöchentlich ein Schulungsfilm zusandte. Der Versand lief dabei über Lesezirkel ab. Man plante 5000 Abonnenten, konnte aber nur rund 400 gewinnen,[11] obwohl die Kosten für Abonnement und Abspielgerät als Fortbildung steuerlich absetzbar waren. Im Herbst 1972 kam noch das Pendant für Zahnärzte Denticolloc hinzu. Für beide Programme gab es auch einen Vertrieb in der Schweiz.[4] Die Abspielgeräte sollten die Ärzte bei Foto Quelle bestellen.
TED Bildplatte
Telefunken kündigte auf der Funkausstellung 1973 an, im Januar 1974 die Bildplatte einzuführen. Das Abspielgerät dazu konnte man an einen Fernsehapparat anschließen und es sollte 1198 DM kosten. Dies nahm UAV zum Anlass, sein Programm einschließlich Medicolloc auch als Bildplatte anzubieten.[12]
Der Vorteil der Bildplatte lag vor allem in ihrer preisgünstigen Herstellung. Sie wurde mit gewöhnlichen Schallplatten-Pressen erzeugt. Das ging ungleich schneller, als einen Film zu belichten oder ein Band zu magnetisieren, da dies einen kompletter Durchlauf – wenn auch mit erhöhter Geschwindigkeit – erforderte. Da es sich bei der Bildplatte um eine flexible Folie mit 21 cm Durchmesser und 0,1 mm Dicke handelte,[13] bestand sie aus einer geringen Menge des preisgünstigen Kunststoffs PVC anstatt aus einer erheblich größeren Menge Filmmaterial. Hinzu kam, dass man weder einen Projektor aufbauen, noch ein Raum verdunkeln oder ein zusätzliches Betrachtungsgerät im Wohnzimmer aufstellen musste. Überdies gab es eine gute Tonqualität mit einem Übertragungsbereich von 40 Hz bis 12,5 kHz, was Super-8-Lichtton erheblich überlegen war. Aufgrund der Vorzüge interessierte UAV eine schnelle Umstellung.
Der Plan funktionierte jedoch nicht, aufgrund einer unerwarteten technischen Unzulänglichkeit musste die Markteinführung abgebrochen werden.[1] Nach einer langen Verzögerung kamen die verbesserten Apparate und Bildplatten dann am 17. März 1975 auf dem Markt.[14] Das System erlangte aber kaum eine Bekanntheit in der Bevölkerung, zumal sich Telefunken mit seinem eher kleinen Anteil an der Unterhaltungselektronik keine groß angelegte Werbekampagne leisten konnte. Infolgedessen gelang nicht, die geplanten 30.000 Abspielgeräte vom Typ vom Typ Telefunken TP 1005 bis Jahresende zu verkaufen. Für den Einsatz im Privathaushalt erwiesen sich 10 Minuten Spielzeit – entsprechend etwa zehn Unterbrechungen bei einem Spielfilm – als zu gering. Ein Abspielgerät mit automatischen Wechsler stellte Telefunken zwar in Aussicht, veröffentlichte aber noch nicht einmal Fotos von einem Prototypen. Beim Einsatz in Schulen und Unternehmen wären 10 Minuten zwar kein Hindernis gewesen, hier hatten sich aber bereits Videorecorder des Systems VCR durchgesetzt. Für ein zusätzliches Gerät fehlte der Bedarf, zumal der Bildplattenspieler gegenüber dem Videorecorder nur in den Kosten für die Medien, nicht aber in der Anwendung Vorteile mit sich brachte.
Hinzu kam, eine äußerst störanfällige Abtastung, selbst bei neuen Bildplatten musste man damit rechnen, dass ab und zu eine Bildzeile ausfiel.[15] Außerdem kündigte Philips ein Konkurrenzsystem mit Laserabtastung für die nicht allzu ferne Zukunft an.
Verbreitung
Die Erfolglosigkeit von Auto-8-Kassette und TED Bildplatte hatte zur Folge, dass UAV nach vier Jahren immer noch kein Medium anbieten konnte, welches in einer nennenswerten Zahl von Haushalten abgespielt werden konnte.
Kabelfernsehen
UAV beteiligte sich mit 20 % an der „Studiengesellschaft für Audiovisuelle Medien“, die Josef von Ferenczy 1976 gegründet hatte, um im deutschsprachigen Raum ein Kabelfernsehen aufzubauen. Für die nahe Zukunft ging es dabei erst einmal um Pilotprojekte, da Privatfernsehen die Zustimmung der Landesparlamente verlangte.[16]