Vaim

Roman von Jon Fosse From Wikipedia, the free encyclopedia

Vaim, der erste nach seiner Ehrung mit dem Literaturnobelpreis 2023 veröffentlichte Roman Jon Fosses, erzählt von der Beziehung einer Frau, Eline, zu zwei Männern, Jatgeir und Frank, deren Partnerin sie nacheinander und abwechselnd wird. In den rückblickenden Ich-Erzählungen der beiden Partner und eines dritten Mannes entstehen Beziehungs- und Weltbilder, die über eine realistische Beschreibung hinausgreifen und den Alltag der Figuren an der norwegischen Westküste mit mythologischen und religiösen Anspielungen überschreiben.

Fosse hat mehrfach seine religiös durchwirkten Themen in Romanzyklen veröffentlicht. Auch der neue Roman ist nur der erste Teil einer Vaim–Trilogie: Der zweite Band soll unter dem Titel „Vaim. Das Hotel“ im Dezember 2026, der abschließende dritte Band mit dem Titel „Vaim. Die Zeitung“ im November 2027 erscheinen.[1]

Handlung

I.

Schärenlandschaft mit der Inselgruppe Sotra (rot) westlich von Bergen (Norwegen)

Im ersten Teil erzählt der ältere Junggeselle Jatgeir, von dem, was er dieses Jahr in der Stadt besorgen wollte: Nadel und Faden für das Annähen von Knöpfen, im Sommer eher ein Vorwand für die mehrstündige Fahrt übers Wasser, wenn er nicht arbeiten brauche.[2.1] Mit seinem kleinen Kutter motort er eines morgens von seiner Heimatinsel Vaim an der norwegischen Westküste nach Bjørgvin (Bergen). Er ist überrascht über den hohen Preis von 250 Kronen für eine Nadel und eine halbvolle Garnrolle, aber zahlt ihn seiner Eitelkeit wegen, um nicht als armer Schlucker dazustehen.[2.2] Als Probe auf die Ehrlichkeit der Leute auf der Insel Sartor,[Anm 1] wo er die beiden Sachen vielleicht sogar umsonst bekäme, kauft er sie während der Rückfahrt im Örtchen Sund noch einmal – für den gleichen Wucherpreis von 250 Kronen.[2.3] Er nennt sich einen „Dummbeutel“ und „Tölpel“, fühlt sich hilflos, verspottet und erniedrigt. Später erinnert er sich, dass Nadel und Faden höchstwahrscheinlich zu Hause in der Kommode liegen oder er sie in Vaim im Dorfladen hätte kaufen können.[2.4]

Sein Boot hat er vor langer Zeit nach seiner heimlichen und dadurch doch öffentlichen Liebe „Eline“ getauft, die dann als junge Frau Vaim verließ und sich mit ihrem späteren Mann in Sund niederließ. Jatgeir ist sprachlos und verwirrt als Eline plötzlich im Hafen von Sund am Kai steht. Er glaubt sich in einem Traum, gesteht ihr seine Liebe und kann sich diese Momente nur als Wunder erklären.[2.5] Sie drängt ihn, zusammen den Ort noch bei Nacht übers Wasser zu verlassen, um Frank, ihrem Mann, zu entkommen und wieder in Vaim zu leben. Nach dem doppelt verrückten Kauf von Nadel und Faden, den Werkzeugen für einfachste Ordnung, geht für Jatgeir dieser Tag mit dem größten Wunder zu Ende: Eline bringt Nadel und Faden und die Chance auf ein gemeinsames Leben mit. Am Ende des Tages „scheint ihm das Schicksal zum Ausgleich gnädig gestimmt.“[2.6][3]

Er hat aus Schüchternheit nie eine Frau kennenlernen können und sich damit abgefunden, aber aus dem Dorf trifft er sich etwa einmal die Woche mit seinem Freund Elias.[2.7] Daher erschreckt ihn der Gedanke, mit einer anderen Person – und dann mit Eline! – im Haus seiner Eltern zu leben. Aber mit der Entschlossenheit Elines „herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille, alles war irgendwie auf einmal verändert“, Schicksal eben.[2.8]

II.

Im zweiten Teil, der viele Jahre später spielt, nachdem Jatgeir mit Eline in Vaim zu leben begonnen hat, erlebt Elias eine übersinnliche Begegnung mit seinem Freund: Eines Abends klopft es mehrfach geheimnisvoll an seiner Haustür, vor der aber niemand steht. Dann öffnet er zum dritten Mal, als er das Gefühl hat, dass „ich wen zum Reden bräuchte“ und er trotz der jahrelangen Besuchspause bei Jatgeir „mal kurz zu [ihm] rüber“ gehen könnte – da steht Jatgeir vor der Tür, betritt kurz Elias‘ Haus und verlässt es unmittelbar nach wenigen Worten wieder. angeregt macht sich Elias zu einem kurzen Spaziergang auf. Am Anleger stehen ein paar Männer, die ihn informieren, dass Eline Jatgeir tot im Wasser neben seinem Kutter treibend gefunden habe – im Ertrinken noch scheint er seinem früheren Freund Elias besucht zu haben, von dem er sich glücklich verabschiedet[2.9] – die Erzählung habe sich hier „zur Gespenstergeschichte hin geöffnet.“[3]

III.

Siedlung Høgøyna auf Lillesotra (2016)

Im dritten Teil erzählt Frank, der von Eline verlassene Ehemann, von ihrem Kennenlernen und ihrer sich unmittelbar zeigenden Dominanz: „Jetzt gehst du zu dem Tisch da und dann trinkst du aus […] Jetzt mach, was ich gesagt habe, sagt sie.“[2.10] Von der Ehe erzählt er nur das Ende, dass er eines Abends nach der Rückkehr vom Fischen einen kurzen Brief in der Küche fand, in welchem sie ihm mitteilte, dass sie ihn verlassen habe.[2.11] Nach Jahren sieht er sie nach dem Tod ihres zeitweiligen Partners Jatgeir überraschend wieder: Eline holt ihn ab, um mit ihm in Jatgeirs Haus in Vaim zu wohnen. „Nein, das hätte ich ja nie für möglich gehalten, dass ich mit ihr, die mich verlassen hatte, zusammenziehen und mit ihr in Vaim, leben würde […] und ich begreife überhaupt gar nichts mehr.“[2.12] Nach Jahren des gemeinsamen Lebens findet er sie eines Morgens tot im Bett und kümmert sich um ihre Beisetzung in der Nähe von Jatgeirs Grab: „Obwohl ich all diese Jahre über Eline nachgedacht habe, bin ich nie zu einem anderen Schluss gekommen, als dass all das wundersam war, ich habe sogar gedacht, das müsste auf meinem Grabstein stehen – Alles war wundersam.“[2.13]

Form der Erzählung

Der kurze Roman besteht aus drei chronologisch aufeinander aufbauenden und rückblickenden Ich-Erzählungen, die das Präsens nur in der Wiedergabe der Gespräche nutzen. In dieser scharfen Perspektivierung des Erzählten, dem Verzicht auf einen auktorialen Erzähler, erhält die Beobachtung, das innere Erleben, und die Konstruktion der Welt für die jeweilige Figur ein besonderes Gewicht.[4] Durch die dominierende Chronologie einerseits und die Abrundung der Themen andererseits ist der Text kein Bewusstseinsstrom, sondern eher in Gespräch mit dem Leser, das kurze Rückblenden einschließt: Der Text sei „eher ein Reden denn ein Schreiben […] – nein: eher ein Denken denn ein Reden. Als flössen Gedanken aufs Papier – und von dort direkt in die Seele der Leserin. [Eine] textbedingte Geordnetheit.“[5]

Die drei Ich-Erzähler strukturieren ihre Erzählungen der Verständlichkeit wegen mit Kommata, aber sie setzen in ihren Texten keine Punkte, wodurch der Roman seine Offenheit, seine Nichtfestlegung, seine Nichtentschiedenheit signalisiert.[6] Diese Offenheit tritt In der Figurenrede als häufige Suche nach den richtigen Worten auf: Alle drei Männer sind Wortprobierer, zeigen ihre Benennungsunsicherheiten in den mehrfachen Ansätzen, ein Gefühl oder ein Ereignis „richtig“ zu bezeichnen: „Das Stilmittel der Wiederholung [gibt] das Kreisen, Kreißen und Widerkäuen von Gedanken wieder.“ Damit verweisen sie auch die Leser auf die mögliche Inkongruenz von Darstellung und Dargestelltem, auf die unsichere Bedeutungen hinter den Worten, auf ein erforderliches Neudenken: Der Text ist mal märchenhaft, mal surreal, mal banal.[5]

So sucht beispielsweise Jatgeir mehrfach eine treffende Selbstbeschreibung: Er sei kein „Jungspund“ mehr, eher „ein älterer Mann“, vielleicht auch „ein später Jüngling“; er sei ein „Tölpel, ja was für ein Schimpfwort könnte für mich passen“. Und überlegt: Verliebtheit – „das Wort kann ich nicht leiden, aber das ist schon das treffende Wort und ich muss es benutzen“ und mit dem Auftritt Elines gerät sein Weltbild ins Wanken – Weltbild, „was für ein Wort“! Gutes Schlafen sei der reinste Segen – „das war auch wieder so ein Wort“. Die Jahre ohne Eline sind für Jatgeir „ein Zwischenzustand, oder wie man das jetzt nennen sollte.“[2.14] In gleicher Weise Suchende sind aber auch Eline, Elias und Frank.[2.15]

Textur der Motive

Die Schicksalsgöttinen spinnen den goldenen Faden (John Melhuish Strudwick 1885)

Vaim ist der erste Band einer neuen Trilogie, in dem drei Frauen und drei Männer auftreten; die Männer wiederholen jeder für sich mehrfach, wie „wundersam“ das ist, was sie erleben, eine Dreifaltigkeit des Schicksals, die auf eine symbolische Dimension verweist.[7] Auf den ersten Blick scheinen die hier im Roman auftretenden drei Frauen eher negative Charaktere zu repräsentieren:[8] Die Verkäuferinnen in Bjørgvin (Bergen) und im Kolonialwarenladen in Sund fordern einen ungeheuren Preis für das, was Jatgeir zum Leben braucht.[2.16] Die erste Verkäuferin in Bjørgvin wird vom Erzähler danach distanzierend eine „unnachgiebige Frauensperson“, eine „großmäulige Madame“ genannt, nach dem zweiten Einkauf werden auch die Artikel der anderen „mächtigen“ Verkäuferin großgeschrieben.[2.17] Eline nimmt von Anfang an das Ruder in die Hand: Mit Eline an Bord „herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille“, als wäre alles „schon beschlossene Sache“, „wo bin ich jetzt nur rein geraten, denn die hässliche Wahrheit ist ja, dass Eline gerade ihren Koffer holt“. Elias urteilt im Rückblick, dass Jatgeir mit Eline „nicht mehr sagen [konnte], was er wollte“ und Frank stellt später fest: „Wenn Eline sich mal etwas vornahm, ja dann lief es so, wie sie wollte.“[2.18] Auch für Jolinde Hüchtker ist Vaim die Geschichte Elines, „die die Initiative hat und die Männer einsammelt.“[9]

„Die Männer in diesem Buch […] wirken wie Treibholz in der Strömung.“[3] Alle drei, Jatgeir, Elias und Frank, stoßen mit ihren Erlebnissen an die Grenze dessen, was sie verstehen können: „Wunder über Wunder … unbegreiflich … unfassbar, nicht zu glauben“ (Jatgeir), „wundersam … unheimlich nicht zu glauben oder zu verstehen“ (Elias) und, auf den Punkt gebracht: „Es ist, als hätte ich keine andere Wahl, keinen eigenen Willen […] soviel hat mich das Leben gelehrt […] Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer.“ (Frank) Die drei sind offenbar in der Hand von Schicksalskräften[2.19] – für Frank Dietschreit wird Vaim damit zu einem „märchenhaft verschrobenen und spirituell aufgeladenen Roman“[1] und Franz Haas meint in der Neue Zürcher Zeitung vom 8. Januar 2026, zwischendurch werde es „ein wenig überirdisch.“[9]

Struktur der magischen Welt

Erste Hinweise auf magische Kräfte[10] sind die sich wiederholenden Gedankenübertragungen, Hinweise auf eine übernatürliche Verbindung zwischen den Figuren: So steht plötzlich die heimlich von Jatgeir geliebte Eline vor ihm und in ihrem Koffer trägt sie eine ganze Sammlung von Nadeln und Fäden, wo doch die Suche nach Nadel und Faden die Reihe der drei Erzählungen in Gang zu setzen scheint. Elias denkt an einen Besuch bei Jatgeir und der tritt im Moment seines Ertrinkens in sein Haus, als sei das vorhergehende Klopfen ein „Vorzeichen“ gewesen.[11] Auch Frank stellt verwundert fest, dass Eline offenbar Gedanken lesen kann.[2.20]

Drei Nornen unter der Weltesche Yggdrasil am Rand des Urdbrunnens (Frederik Sander 1893)

Die Frauenfiguren der Handlung besitzen eine Schicksalsseite und damit eine Doppelnatur: Die drei erfolgreich Gehorsam einfordernden weiblichen Figuren, alle mit schwarzen Fäden hantierend, können als Schicksalsgöttinnen verstanden werden, die, götterstark wie die Moiren, ihre Pläne in Stadt und Land ohne Rücksicht auf die Wünsche der Menschen durchsetzen, mal mit noch einigem Faden auf der neuen Rolle, mal mit nur noch wenig Lebenszeit. Ihre Doppelnatur als menschliche Figuren und als Herrscherinnen resultiert nicht aus ihrer Geschlechtszugehörigkeit, sondern aus der griechischen Mythologie, in der beispielsweise Klotho den Lebensfaden spinnt.[12] Auf die Schriftrolle ihrer Götterkollegin Atropos wird mit dem Abschiedsbrief Elines an Frank[2.21] und auf die Schicksalsstäbe der Göttin Lachesis mit den mit Elines Namen beschrifteten Bootsplanken angespielt.

Der Bericht Franks, des von Eline verlassenen Ehemanns, den sie nach dem Tod von Jatgeir in einer erstaunlichen Wendung zu sich in Jatgeirs Haus holt, unterstreicht eine Auflösung der bisher ausgebreiteten Identitäten auf magische Art. Frank erzählt unter anderem, dass nahezu alle bisher verwendeten Namen nicht den „wirklichen“ entsprächen: Er selbst heiße Olav, sei aber von Eline von Anfang an „Frank“ gerufen worden; Jatgeir habe in Wirklichkeit Geir geheißen; „Eline“ wurde für Eline „so gut wie nie benutzt […] meist lief sie unter Franka, oder Franka-Frenka“, aber getauft sei sie auf Josefine.[2.22] In der Perspektive des allen sich aufzwingenden Schicksals ist alles schon einmal passiert, menschliche Individualitäten verschwimmen ineinander und werden für die Mächte des Schicksals ein gleichgültiges Namensspiel. „Und obwohl das Wort ‚Gott‘ nirgends erwähnt wird, scheint Er (oder Sie) überall hindurchzuschimmern, anzuklopfen, und jede Begegnung, die irgendwie vom Himmel fällt, mitzugestalten.“[5]

Dass magische Zeichen „im ursprünglichen Sinne nicht verstanden werden, sondern als rätselhaft gelten, trägt nur dazu bei, ihr Ansehen zu verstärken.“[13] Beispielsweise widmet sich der Autor der Beschreibung der Grabstätte Elines neben der von Jatgeirs Freund Elias mit einer für die Handlung irrelevanten und daher bedeutsamen Ausführlichkeit:[14] Elines Grabstein mit dem allen unbekannten Taufnamen Josefine kann von niemandem im Dorf Eline zugeordnet werden und wird dadurch ein Rätsel wie die auch aufrechtstehenden Runensteine der Germanen. Wenn die Leser bisher nachvollziehen können, dass Jatgeir und Frank beide „Eline“ außen oder mittig vorne an das Steuerhaus ihrer Holzschiffe heften,[2.23] so sind nach Franks Bericht die Namensschilder zwar mit ihren Buchstaben lesbar, aber in ihrer Bedeutung unverständlich wie die seltenen, bei Ausgrabungen gefundenen hölzernen Runenstäbe.

Diese Erweiterung der griechisch-römischen Götterattribute um die Symbole der Nornen, der nordischen Schicksalsgöttinnen, ist eine zweite magische Dimension in diesem mythologischen Puzzle. Und wie die Nornen sich täglich unter dem Weltenbaum Yggdrasil erheben und an den Rand des Urdbrunnens, des Schicksalsbrunnens treten, so tritt auch Eline zweimal dicht an die Kante des Anlegers, vor dem Jatgeir nach Ablauf seiner Zeit ertrinkt.[2.24] Jatgeir und Frank, die ihr halbes Leben auf See verbringen, sind beide „nicht gläubig, nur ein klein wenig“, nicht besonders, aber „schon irgendwie“,[2.25] was aus Sicht der Nornen nicht verwundert, da sie ihr Fischerleben aus dem Schicksalsbrunnen schöpfen, dem Symbol der Zeit und der Erneuerung der Welt.

Rezeption

Franz Haas äußert sich in der Neue Zürcher Zeitung vom 8. Januar 2026 „ziemlich zufrieden mit dem neuen Roman von Jon Fosse“. Er habe „viel Freude an diesem Buch mit seinen schweigsamen, aber trinkfreudigen Figuren.“[9]

Für die Süddeutsche Zeitung las Christiane Lutz am 24. Dezember 2025 einen „komischen neuen Roman“ Jon Fosses, den man keinesfalls auf „tieferliegende, etwa psychologische Bedeutungen abklopfen“ solle – Fosse erzähle hier schlicht von den Irrungen einer Handvoll von Menschen.[9]

Auch für Jolinde Hüchtker ist Vaim die Geschichte Elines, einer Frau, „die die Initiative hat und die Männer einsammelt.“ Das Buch sei ziemlich rätselhaft geraten, und auf eine Lösung des Rätsels solle man nicht hoffen, rät die Rezensentin.[9]

Im Deutschlandfunk kommentiert Oliver Jungen am 30. Dezember 2025 Vaim als „ein komplexes Perspektivspiel aus Nähe und Distanz.“ Erzählt werde das Ganze in einer strudelartigen, repetitiven Sprache, in der endlose Sätze und Gedankenwiederholungen kunstvoll reduziert ineinanderfließen.[9]

Judith von Sternburg vermutet am 20. Dezember 2025 in der Frankfurter Rundschau einen mythologischen und existenziellen Hintergrund der Geschichte um drei wortkarge Männer am Fjord und eine ziemlich coole Frau, um die die drei kreisen.[9]

Für den Deutschlandfunk Kultur steht das unbegreifliche Leben selbst als Thema im Vordergrund, „ein kompliziertes Navigieren zwischen Nähe und Distanz“, das der Autor mit „mythischer Kraft“ gestalte. Das klinge nicht nur nach atavistischer Geschlechterpsychologie, sondern auch nach einem radikalen Pessimismus, der auf einen Schlag alle Liebesanrufungen seit der Antike als Irrtum oder Ideologie diskreditiere, aber „dass das Buch trotzdem nicht wie eine verbitterte Abrechnung wirkt, liegt an dem freundlichen Humor, der das Geschehen in ein warmes Licht taucht.“[3]

Frank Dietschreit kommentiert Vaim für RBB Radio3 als eine „seltsam absurde Geschichte […], eine ziemlich irritierende, aber lohnende Herausforderung“, die von einer Kuriosität in die nächste stolpere. Fosse vermittle sein Vertrauen darauf, „dass Gott allgegenwärtig ist, unsere Geschicke lenkt und wir, wenn wir innehalten und in die Stille hinein hören, Gottes Stimme wahrnehmen können. Form, Sprache und Inhalt des Romans erinnern an eine Liturgie.“[1]

Für den Freitag hat Katharina Körting fasziniert einen Roman gelesen, der in kreisend-fließender Prosa „eine religiöse Erfahrung ermöglicht – ohne Gott zu benennen.“ Fosses Prosa verweigere sich der hektischen Gegenwart, springe in eine sagenhafte, spiralrunde, „fast biblische Nichtzeitigkeit.“ Gott ist, meine Fosse, „hinter allem, was existiert, vielleicht Teil von allem, jedoch nicht nachweisbar, weshalb die Wissenschaft darin nichts zu suchen habe. Alles sei wundersam, heiße es im Text, das Unerklärliche durchwebe den Einfache-Leute-Alltag der Figuren.“[5]

Ausgabe

  • Jon Fosse: Vaim. Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Hamburg: Rowohlt 2025 ISBN 978-3-498-00781-2

Anmerkungen

  1. Westlich von Bergen es gibt es eine langestreckte Inselgruppe namens Sotra, die zu „Sator“ in der Erzählung inspiriert haben könnte.

Einzelnachweise

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