Vereinalinie

meterspurige Bahnstrecke in der Schweiz From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Vereinalinie (rätoromanisch Lingia dal Veraina), auch Vereinastrecke oder Vereinabahn genannt, ist eine meterspurige Eisenbahnstrecke der Rhätischen Bahn (RhB) mit dem 19'042 Meter langen Vereinatunnel (rätoromanisch Tunnel dal Vereina) als Kernstück. Sie verbindet seit der Inbetriebnahme 1999 Klosters im Prättigau mit Sagliains im Engadin und ist damit Bindeglied zwischen den RhB-Strecken Landquart–Davos Platz, von dieser übernimmt sie auch die Kilometrierung mit Nullpunkt im Bahnhof Landquart, und Bever–Scuol-Tarasp. Darüber hinaus schafft sie durch Autoverlad auch eine schnelle und wintersichere Strassenverkehrsanbindung des Unterengadins an die Nationalstrasse 28 (Prättigauerstrasse) und somit an den Hauptteil des schweizerischen Nationalstrassennetzes. Der Vereinatunnel ist der weltweit längste Meterspur-Eisenbahntunnel.[Anmerkung 1][7]

Vereinalinie
Streckenverlauf
Streckennummer (BAV):910 (Klosters–Sagliains)
914 (Sagliains Nord–Sasslatsch)
Fahrplanfeld:910, 1985
Streckenlänge:22,54 km
Spurweite:1000 mm (Meterspur)
Stromsystem:11 kV 16,7 Hz ~
Maximale Neigung: 40 
Minimaler Radius:125 m
Streckengeschwindigkeit:100 km/h
Zugbeeinflussung:ZSI-127[1]
Zweigleisigkeit:Klosters Selfranga–Selfranga Süd
Vereina Nord–Vereina Süd
Sagliains Nord–Sagliains
Strecke
von Landquart
Bahnhof
32,44 Klosters Platz (bis 2011: Klosters) 1191 m ü. M.
Brücke über Wasserlauf
Landquart (89 m)
Abzweig geradeaus und nach rechts
Tunnelanfang
Zugwald (2172 m, 40 ‰)
Kreuzung mit oberirdischer Strecke (im Tunnel)Strecke von rechts
Strecke querKreuzung mit oberirdischer Strecke (im Tunnel)Strecke nach rechts
nach Davos Platz
Tunnelende
Dienststation / Betriebs- oder Güterbahnhof
34,95 Klosters Selfranga (Autoverlad) 1281 m ü. M.
Abzweig geradeaus und ehemals nach rechts
nach Davos Dorf (geplant)[2] (7810 m)
Tunnelanfang
Vereina (19'042 m, 15 ‰ / -5 ‰)
Blockstelle (im Tunnel)
37,31 Selfranga Süd 1310 m ü. M.
ehemalige Blockstelle (im Tunnel)
39,93 Gatschieferspitz 1348 m ü. M.
ehemalige Blockstelle (im Tunnel)
41,85 Pischahorn 1377 m ü. M.
Blockstelle (im Tunnel)
43,46 Vereina Nord 1401 m ü. M.
Blockstelle (im Tunnel)
45,74 Vereina Süd 1435 m ü. M.
47,72 Scheitelpunkt 1463 m ü. M.
Blockstelle (im Tunnel)
52,15 Sagliains Nord 1442 m ü. M.
Blockstelle (im Tunnel)
53,72 Sagliains Abzw 1434 m ü. M.
Strecke von rechtsAbzweig geradeaus und nach links (im Tunnel)Strecke von rechts (im Tunnel)
von Bever
BlockstelleStrecke (im Tunnel)Strecke (im Tunnel)
54,17 Sasslatsch Abzw 1432 m ü. M.
Abzweig geradeaus und nach linksStrecke nach rechts (im Tunnel)Strecke (im Tunnel)
Sasslatsch II (371 m)
Tunnelende
Brücke über Wasserlauf
Val Sagliains-Viadukt (En; 72 m)
Abzweig geradeaus und von linksStrecke nach rechts
Bahnhof
54,53 Sagliains (Autoverlad) 1432 m ü. M.
Strecke
nach Scuol-Tarasp

Quellen: [3][4][5][6]

Geschichte

Vorgeschichte

Da die Strasse von Davos nach Susch über den 2383 m hohen Flüelapass starker Lawinengefahr ausgesetzt ist, stand seit längerem die Schaffung einer wintersicheren Verbindung zwischen Nordbünden und dem Unterengadin zur Debatte. Dabei kam entweder ein (unter den gegebenen Umständen relativ aufwendiger) Ausbau der Flüela-Passstrasse oder eine Lösung mit Eisenbahntunnel und Autoverlad zwischen Klosters und dem Raum Susch/Lavin in Frage. Am 22. September 1985 fiel in einer kantonalen Volksabstimmung der Entscheid für letztere Lösung. Noch im selben Jahr sagte die Bundesversammlung eine Kostenbeteiligung von Seiten der Eidgenossenschaft zu, nachdem sich der aus dem Kanton Graubünden stammende Bundesrat Leon Schlumpf intensiv für das Projekt eingesetzt hatte.[8][9] Ihren Namen bezieht die Vereinalinie vom Vereinapass (2593 m) und dem Vereinatal, der (nur zu Fuss begehbaren) Alternative zum Flüelapass. Der Bau des Tunnels kostete 812 Millionen Schweizer Franken, 538 Millionen waren 1985 bewilligt worden.[10]

Errichtung und Inbetriebnahme

Tunneldurchschlag am 26. März 1997

Nach verschiedenen Einsprachen konnte 1991 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Der Ausbruch des Tunnels erfolgte von Norden mit einer Tunnelbohrmaschine, die zuvor auch den Zugangstunnel von Klosters nach Selfranga erstellte, und von Süden mit der klassischen Sprengmethode. Der Durchschlag erfolgte früher und deutlich weiter nördlich als ursprünglich geplant am 26. März 1997, da das Gestein auf der Südseite unerwartet leicht abbaubar war und einen schnellen Vortrieb ermöglichte. Am 19. November 1999 konnte der Vorsteher des Eidgenössischen Verkehrsdepartements, Bundesrat Moritz Leuenberger, die neue Verbindung nach acht Jahren Bauzeit dem Verkehr übergeben. Drei Tage später erfolgte die Aufnahme des regulären Fahrplanbetriebes.

Streckenbeschreibung

Die Vereinastrecke beginnt im Bahnhof Klosters Platz (1191 m), wo sie von der Strecke von Landquart abzweigt und im Zugwaldtunnel zum Verladebahnhof Selfranga (1281 m) führt. In Selfranga, am Nordportal des Vereinatunnels, findet der Autoverlad statt.

Die Strecke ist grossteils eingleisig ausgeführt. In Richtung Selfranga wird die Strecke etwa zwei Kilometer vor dem Tunnelportal zweigleisig, etwa 310 Meter vor dem Portal dreigleisig. Die beiden nordöstlichen Gleise 1 und 2 können für den Autoverlad genutzt werden, Lastwagen werden auf Gleis 1 abgefertigt. In der Gegenrichtung wird die Strecke etwa 1,6 Kilometer vor der Tunnelverzweigung zweigleisig.[11] Diese zweigleisigen Bereiche sind mit je einer Spurwechselstelle mit je vier Weichen ausgestattet. Etwa in der Mitte des Tunnels befindet sich weiterhin eine vollautomatische Ausweichstelle, die Kreuzungsstelle Vereina. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h kann ein Zug den Tunnel technisch in 17 Minuten durchfahren; im Fahrplan wird die Fahrzeit auf 19 Minuten veranschlagt.

Bei der Dienststation Sasslatsch Nord (Tunnelmeter 18'759 ab Selfranga) verzweigt sich der Tunnel. Die Hauptröhre führt zweigleisig in einem Linksbogen über weitere 283 Meter zur Autoverladestation Sagliains (1432 m), wo sie in die Bahnstrecke Bever–Scuol-Tarasp mündet. Für Züge ins Oberengadin wurde der eingleisige Tunnelast Sasslatsch II gebaut, der nach einer scharfen, 277 Meter langen Rechtskurve bei der Dienststation Sasslatsch II endet (Gesamtlänge mit Vereinatunnel 19'036 Meter) und ebenfalls in die Strecke Bever–Scuol-Tarasp mündet.

Schnelle Fakten Vereinatunnel, Bau ...
Vereinatunnel
Vereinatunnel
Vereinatunnel
Nordportal (2024)
Nutzung Eisenbahntunnel
Ort Graubünden
Länge 19'042 m, 19'036 mdep1
Anzahl der Röhren 1/2
Höchstgeschwindigkeit 100 km/h
Bau
Baukosten CHF 812 Millionen
Baubeginn 1991
Betrieb
Freigabe 19. November 1999
Lagekarte
Vereinalinie (Kanton Graubünden)
Vereinalinie (Kanton Graubünden)
Koordinaten
Nordportal bei Klosters-Selfranga 786569 / 192247
Südportal bei Sagliains 802738 / 182397
Südportal Sasslatsch II 802357 / 182108Vorlage:Infobox Tunnel/Wartung/Portal3
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Sicherungstechnik

Die Vereinalinie war von Beginn an mit dem Zugsicherungssystem ZSI-90 ausgerüstet. Im Rahmen der Umstellung des Stammnetzes auf das Zugsicherungssystem ZSI-127 wurde die Vereinalinie bis zum 12. November 2020 mit ZSI-127 ausgestattet.[1]

Lösch- und Rettungskonzept

Lösch- und Rettungszug in Klosters Selfranga (2006)

Im Notfall ist für den Vereinatunnel, der über keinen Fluchtstollen verfügt,[12] eine Hilfsfrist von maximal 45 Minuten bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte vorgesehen.[13] Der komplette Tunnel ist mit einer Brandmeldeanlage sowie jeder Autoverladewagon mit einem Handmelder ausgestattet.[14] Seit 1999 unterhält die Rhätische Bahn für den Vereinatunnel zwei Lösch- und Rettungszüge, von denen jeweils einer am Nordportal in Klosters Selfranga und am Südportal in Sagliains stationiert ist. Die Einsatzkräfte in den Fahrzeugen werden von den zuständigen Feuerwehrstützpunkten – der Feuerwehren Klosters-Serneus und Zernez[15] – gestellt.[14][13]

Im Einsatz werden die Züge von einer Rangierlokomotive mit einem Triebfahrzeugführer der Rhätischen Bahn in den Tunnel zum Einsatzort geschoben.[13] Sie bestehen jeweils aus folgenden Wagen:

Aufgrund des Endes der Lebensdauer der lokbespannten Rettungszüge sowie «zur Verbesserung der Interventionsbereitschaft und -geschwindigkeit»[13] beschaffte die Rhätische Bahn von Müller Technologie in Frauenfeld nach einer Ausschreibung vier neue vierachsige, selbstfahrende und kuppelbare Xm 2/4, die sich jeweils in den Aufbauten unterscheiden: Zwei wurden als Löschfahrzeuge zur Brandbekämpfung und zwei als Rettungsfahrzeuge zur Evakuierung von Fahrgästen gebaut. Die Fahrzeuge wurden zwischen dem 22. Februar 2022 und dem 15. Juni ausgeliefert[17] und am 2. September 2022 eingeweiht und den Feuerwehren übergeben.[18] Am Nord- und Südportal ist jeweils ein Lösch- und ein Rettungsfahrzeug stationiert.[13][12][19]

In Selfranga wird der ganzjährig im Freien bereitstehende Rettungszug im Winter durchgehend vorgeheizt bzw. am Wochenende in einer Halle enteist.[14] Für den witterungsgeschützten Unterstand der neuen Fahrzeuge war dort im Mai 2021 der Bau einer Halle bis 2023[veraltet] in Planung.[20]

Verkehr

Autoverlad

Je Stunde und Richtung verkehren auf dem Hauptast ein bis drei Autozüge. An Spitzentagen können mit dem Autoverlad knapp 5000 Autos transportiert werden. Dafür verkehren bis zu vier Autozüge pro Stunde, sodass durch den Mischverkehr mit den Reisezügen die Kapazitätsgrenze des grossteils einspurigen Tunnels erreicht wird.[21]

Personenverkehr

Schnelle Fakten Zugwaldtunnel, Bau ...
Zugwaldtunnel
Nutzung Eisenbahntunnel
Ort Klosters
Länge 2172 m
Höchstgeschwindigkeit 55 (talwärts)/85 (bergwärts) km/h
Bau
Fertigstellung 1995
Koordinaten
Portal bei Klosters-Platz 786129 / 193584
Portal bei Selfranga 786281 / 192386
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w1

Je Stunde und Richtung verkehrt auf dem Hauptast ein Reisezug. Die weitaus meisten Reisezüge verkehren nach Scuol-Tarasp. In Sagliains besteht Anschluss an Züge nach Pontresina.

Die Abzweigung Richtung Oberengadin wurde vom fahrplanmässigen Personenverkehr zwischenzeitlich kaum mehr genutzt, nachdem die «Engadin-Star»-Verbindungen wegen mangelnder Nachfrage 2002 eingestellt worden waren.[22] Mit der Sommersaison 2009 wurde wieder ein tägliches Zugpaar zwischen Landquart und St. Moritz angeboten; seit dem Fahrplanwechsel vom 12. Dezember 2010 verkehrten drei Direktzüge von Landquart nach St. Moritz und zwei in die Gegenrichtung mit Anschluss an die IC der SBB von und nach Zürich. Mittlerweile verkehren tagsüber durchgängig im Stundentakt Regionalzüge zwischen dem Oberengadin und Landquart über den Abzweig Sasslatsch; diese bieten in Landquart überwiegend Anschluss an die Verstärker-Intercity von und nach Zürich.

Während der Baustelle im Unterengadin, wegen der über den gesamten Sommer 2019 die Bahnstrecke von Sagliains bis Scuol-Tarasp voll gesperrt war, waren sämtliche Regionalzüge durch das Prättigau (mit Ausnahme der Richtung Davos verkehrenden Züge) und durch das Oberengadin verknüpft und verkehrten durch den Sasslatsch-Abzweig.

Im Fernverkehr zwischen dem Oberengadin und Reisezielen nördlich von Landquart steht der Vereinatunnel in Konkurrenz zur Albulabahn, die etwas langsamer und teurer, aber touristisch wegen der Landschaft und als UNESCO-Welterbe interessant ist.

Güterverkehr

Im Güterverkehr fahren täglich etwa zwei bis drei Zugpaare.[23]

Anmerkungen

  1. Der mit Kapspur (1067 mm) ausgerüstete Seikan-Tunnel in Japan ist mit 53,9 Kilometern der längste Schmalspurtunnel der Welt.

Literatur

  • Peter C. Bebi: Vereinalinie – eine Übersicht. In: Schweizer Ingenieur und Architekt. Nr. 46, 1993, S. 827–832, doi:10.5169/seals-78276.
  • Bau und Betrieb der Vereinalinie. Interessensgemeinschaft RhB-Info ("docplayer.org" (Memento vom 15. Februar 2026 im Internet Archive) [PDF; abgerufen am 3. Juli 2022]).
Commons: Vereinalinie – Sammlung von Bildern
  • Stefan Dringenberg: Vereina. In: Rail-Info Schweiz. 12. Februar 2001;.

Einzelnachweise

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