Verschickungskinder

ehemalige Teilnehmer von Kinderkuren, teilweise Opfer von Gewalterfahrungen From Wikipedia, the free encyclopedia

Verschickungskinder ist eine Bezeichnung für Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland, die zur Durchführung von Maßnahmen der Gesundheitshilfe außerhalb des Elternhauses durch Kinderkuren in Heimen untergebracht waren.

Art und Umfang

Konservativ geschätzt waren 3 Millionen Menschen betroffen.[1] Andere Schätzungen gehen von 8 bis 12 Millionen Kindern aus. Die Verschickungen erfolgten von der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre für zwei- bis sechswöchige Aufenthalte in Kinderheimen und -heilstätten. Kleinkinder wurden gemeinsam oder auch alleine verschickt,[2] darunter auch Kinder ab dem zweiten Lebensjahr.[3]

Verschickt wurden Kinder und Jugendliche, deren Gesamtkonstitution durch exogene Schäden, Unterernährung, Mangelernährung oder Mangel an Licht, Luft und Bewegung bereits gefährdet war, chronisch kranke Kinder und Jugendliche, beispielsweise bei Erkrankungen an aktiver Tuberkulose oder Kinderlähmung, aber auch Kinder ohne erkennbare Gründe.[4][5]

Systematik und Infrastruktur basierten weitgehend noch auf der Kinderlandverschickung (KLV), die schon während der Weimarer Republik und unter der Herrschaft der Nationalsozialisten bestanden hatte. Während des Zweiten Weltkriegs hatte sie dann der Evakuierung von Stadtkindern vor alliierten Luftangriffen gedient (sogenannte Erweiterte KLV) und bezweckte nicht mehr die Erholung der Kinder.[6][7]

BRD

Die Hochphase des Kinderkurwesens der BRD lag in den 1950er und 1960er Jahren. Die maximale Anzahl an Einrichtungen wurde im März 1956 mit 919 Heimen erreicht, während die Bettenkapazität ihren Höchststand erst später, Ende 1961, mit 58.167 Plätzen erreichte.[8] An- und Abreise erfolgte meist per Bahn in Kleingruppen (im Jahr 1977 transportierte die Bahn 518.000 Kurkinder),[9] aber auch per Bus.

Die Ära der Massenverschickung fand ihren Abschluss in den 1980er Jahren. Zwischen 1981 und 1982 schlossen 58,5 % aller bestehenden Heime oder wurden einer anderen Funktion zugeführt. Dieser abrupte Rückgang war hauptsächlich auf die gesunkene Nachfrage infolge zurückgehender Geburten nach dem “Pillenknick” sowie alternative Urlaubsmöglichkeiten durch den gestiegenen Wohlstand vieler Familien zurückzuführen.[10]

Die Verantwortung des Systems war auf zahlreiche Akteure verteilt. Anfänglich dominierten die privaten/gewerblichen Träger in der Anzahl der Einrichtungen in den 1950er Jahren. Später übernahmen die Wohlfahrtsverbände (Caritas, Diakonie, DRK, AWO) die Führung in Bezug auf die Kapazität und verfügten in den 1970er und 1980er Jahren über mehr als 70 % der Plätze. Träger der Sozialversicherungen betrieben nicht nur eigene spezialisierte Einrichtungen (Heilstätten), sondern finanzierten auch Kuren in Fremdheimen.[11] Die Rentenversicherer verfolgten dabei das Ziel der Prävention, um zukünftig Ausgaben durch die langfristige Verbesserung der Gesundheit der Kinder (der zukünftigen Versicherten) zu vermeiden.[12] Diese fragmentierte Struktur hatte Konsequenzen für die Rechenschaftspflicht und Kontrolle. Die Heimaufsicht war dezentralisiert, rechtlich nur schwach durch Standards abgesichert und fiel unter die heterogene Zuständigkeit von Gesundheitsämtern, Jugendämtern und dem Jugendwohlfahrtsgesetz (§ 78 JWG), was zu Inkonsistenzen und einer mangelhaften Durchsetzung von Kontrolle führte.[13] Dies entlastete die staatlichen und halbstaatlichen Stellen von der direkten Verantwortung und erhöhte gleichzeitig die Vulnerabilität der Kinder, die der unmittelbaren Obhut des Personals ausgeliefert waren.

Die erzwungene Trennung von den Eltern war für viele Kinder eine zutiefst traumatisierende Erfahrung, die Gefühle von Isolation, Einsamkeit, Angst und Scham hervorrief. Die Betreuer in den Heimen neigten dazu, Heimweh nicht als legitime emotionale Reaktion zu behandeln, sondern als Mangel oder Schwäche, die es durch Härte und Disziplin zu überwinden galt.[14]

Um die institutionelle Autorität zu wahren und negative Berichte an die Außenwelt zu verhindern, wurde der Kontakt zur Familie stark reglementiert. Dies umfasste erhebliche Einschränkungen bei Besuchern und die Zensur von Briefen, was die Aufrechterhaltung strenger disziplinarischer Regime ohne sofortige Rechenschaftspflicht gegenüber Eltern ermöglichte.[15] Diese Zensur verhinderte, dass Informationen über Missstände oder emotionale Notlagen die Eltern oder die Aufsichtsbehörden rechtzeitig erreichten, wodurch die Heime effektiv als "totale Institutionen" agieren konnten.[16][3]

DDR

Über das Kinderkurwesen der DDR ist weniger bekannt. Im Vergleich zur BRD, war es von stärkerer Zentralisierung und staatlicher Kontrolle geprägt. Es wurde größtenteils über die Sozialversicherung und die volkseigenen Betriebe organisiert und finanziert. Das Ministerium für Volksbildung hatte die Verantwortung für die Auswahl, Ausbildung und Bezahlung der Erzieher sowie die Kontrolle der pädagogischen Arbeit.[17]

Der überwiegende Teil der DDR-Kuren war prophylaktische Kuren, die darauf abzielten, die Gesundheit der Kinder zu sichern. Dies war insbesondere vor dem Hintergrund massiver Umweltprobleme in Industriegebieten (z. B. Erfurt und Cottbus) notwendig, wo hohe Emissionswerte die Gesundheit der Kinder stark beeinträchtigten und zu einem Anstieg chronischer Bronchitis um 172 % zwischen 1974 und 1989 führten.[18]

Die DDR nutzte darüber hinaus häufig Auslandsverschickungen zur Erholung (z. B. nach Jugoslawien/Veli Lošinj oder Zypern). Diese Maßnahme wurde politisch als Zeichen der "Völkerverständigung" und medizinischer Zusammenarbeit mit Bündnispartnern inszeniert. Die Inanspruchnahme ausländischer Erholungsorte kann jedoch auch als implizite Anerkennung der Unzulänglichkeiten der eigenen Luftkurorte und der massiven Umweltbelastung in den Industriezentren gewertet werden, die nur durch teure Auslandsaufenthalte für die Kinder kompensiert werden konnten.[19]

Das System war mit dem politischen Ziel der Herausbildung einer sozialistischen Gesellschaft und eines „neuen Menschentypus sozialistischer Prägung“ verknüpft.[20] Die pädagogische Grundlage bildete die Kollektiverziehung, die Unterordnung individueller Interessen unter die gesellschaftlichen Normen und das Kollektiv betonend. Dies bedingte die aktive Unterdrückung individueller Bedürfnisse und die Negierung emotionaler Vulnerabilität, insbesondere von Heimweh.[21] Ein Beispiel für diese ideologisch motivierte Kontrolle war die gezielte Trennung von Geschwistern und befreundeten Kindern bei der Ankunft im Heim, um individuelle Bindungen zu schwächen und die Abhängigkeit vom Kollektiv zu maximieren.[20]

Ehemalige Kurkinder berichten außerdem häufig von Zwangssituationen im Zusammenhang mit Essen und Toilettengang (42 % der Befragten erinnerten sich daran). Auch körperliche Bestrafung, die in der Regel vor der Gruppe stattfand, wurde von 10 % der Befragten angegeben. Dokumente belegen zudem, dass Kinder nachts zur Strafe auf den Gang gestellt, Briefe überwacht oder Geldbußen als Disziplinierungsmittel eingesetzt wurden.[20]

Erlebnisse

In vielen Verschickungsheimen herrschte über lange Zeit ein strenger, vereinzelt noch von der NS-Ideologie geprägter Umgang mit den Kindern. Er war unter anderem von Johanna Haarer in ihrem Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind (1934 bis 1987 verkauft) propagiert worden. Dazu gehörten Erprügeln von Gehorsam, strenge Sauberkeitsforderungen, körperlicher Zwang und das Diktat der Uhr.[22] Psychische und körperliche Gewalt wurde von den Kindern erlitten.[23][24] Zur Verschleierung der Umstände mussten viele Kinder vorgegebene Texte von einer Tafel auf Postkarten abschreiben, die dann an die Eltern nach Hause geschickt wurden.[6][25]

Eine Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen in den Kurheimen fand lange Zeit nur in Einzelfallschilderungen statt,[26] im Kinderbuch Schwarze Häuser von Sabine Ludwig[27] oder in Internetforen von Betroffenen.

Auch Todesfälle in bislang unbestimmter Zahl ereigneten sich. Die Todesursachen bisher belegter Fälle reichen vom Ersticken an Nahrungsresten und Erbrochenem, gewaltsam dem Kinde eingezwungen, weil es „nicht aufessen wollte“, bis hin zu Opfern heimlicher Medikamententests.[28]

Viele frühere Heime sind heute in Mutter-Kind-Kurkliniken umgewandelt.[3]

Aufarbeitung von Gewalterfahrungen

Denkmal zur Erinnerung an das Leid der Verschickungskinder im Kurpark von Bad Sassendorf.

2017 legte eine Radioreportage negative Zustände in vielen Kinderkurheimen der 1950er bis 1970er Jahre offen.[6] Betroffene berichteten darin von Zwangsernährung, Gewalt, Isolationsstrafen und auch sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der Diakonie, des Bundesbahnsozialwerks, privater Träger oder der Franziskanerinnen Thuine.[6] Der Beitrag verweist auch auf die zahlreichen Berichte im Internet, in denen Betroffene die Verschickungsheime als „brutale Zuchtanstalten“ beschreiben, ordnet sie als NS-Erbe ein und beschreibt die Ausbeutung der Kurkinder als einen mutmaßlich verbreiteten Geschäftszweig. Bei der Suche nach Daten gaben Verantwortliche 2017 an, keine Informationen zu den Heimen mehr zu besitzen. Die Thuiner Franziskanerinnen bewerteten die Vorwürfe der Betroffenen als „ein Konglomerat von unterschiedlichen Empfindungen, Gefühlen, Beobachtungen (…), die oft undifferenziert so zusammen gebracht werden, zu einem Vorwurf und damit tut man den Kurheimen insgesamt unrecht.“[29]

Die „Initiative Verschickungskinder“ unterstützt seit 2019 die Vernetzung und Gründung von regionalen Gruppen Betroffener. Vorsitzende des von der Initiative gegründeten Vereins „Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung e. V.“ ist Anja Röhl,[30] die bereits 2009 ihre eigenen Erinnerungen in der Presse veröffentlicht hatte.[31]

Im November 2019 fand erstmals ein von mehr als 70 Betroffenen organisierter Kongress mit dem Titel „Das Elend der Verschickungskinder“ statt.[32][33][34]

Im Dezember 2019 legte der Südwestrundfunk (SWR) eine empirische Studie vor, in der rund 1000 Erfahrungsberichte von 683 Frauen und 317 Männern ausgewertet wurden und in der rund 94 % der ehemaligen Kurkinder ihr Kurerlebnis als von Demütigung und Gewalt geprägt bewertet haben.[35][36][37]

Im Mai 2020 forderten die Jugend- und Familienminister der Länder den Bund auf, ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Schicksale der Verschickungskinder zu initiieren, um die Anzahl der Betroffenen und die institutionellen, strukturellen, individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umfassend aufzuklären.[38][39] Einzelne Bundesländer wollen sich um eine Unterstützung der Geschädigten bemühen, beispielsweise durch niederschwellige therapeutische Hilfsangebote.[40][41] Im Januar 2022 veröffentlichte das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) des Landes Nordrhein-Westfalen eine Studie zur Vorbereitung der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Kinderverschickung.[42]

Die Bestrebungen, eine Aufarbeitung auch für bestimmte Einrichtungen zu erreichen, halten an.[43] Das betrifft auch Aufklärung und Hilfe aus psychotherapeutischer Sicht.[44]

Das System der Kinderheime für dorthin verschickte Kinder wird heute auch als totale Institution gewertet.[3]

Forschungsstand

Die historische Forschung zum Kinderkurwesen ist erst seit den späten 2010er Jahren im Zuge zahlreicher öffentlicher Zeugnisse und journalistischer Recherchen verstärkt in den Fokus gerückt. Obwohl die Aufarbeitung ursprünglich auf Bundesebene gefordert wurde, engagieren sich zunächst die Länder und einzelne Träger am stärksten. Die wichtigsten Erkenntnisse stammen aus großen, von Institutionen im Auftrag gegebenen Studien sowie aus der Arbeit unabhängiger Wissenschaftler und Initiativen.

Trotz der Fortschritte bleiben Lücken. Vor allem bezüglich des DDR-Kinderkurwesens besteht weiterhin ein großes Desiderat. Es fehlen systematische, umfassende Untersuchungen, die über erste (unveröffentlichte) Masterarbeiten hinausgehen, um Strukturen und Alltagspraktiken in der DDR vollends zu rekonstruieren. Das Thema des unethischen Einsatzes von Medikamenten in Kinderkurheimen, insbesondere Testungen, ist noch unzureichend erforscht und erfordert einen gesonderten medizinhistorischen Ansatz. Außerdem wurden die quantitativ große private Trägerschaft (33,4 % der Heime) und Wohlfahrtsverbände bisher nur am Rande untersucht; der Fokus lag auf den großen kirchlichen und rentenversicherungsgetragenen Organisationen.

Siehe auch

  • Hans Kleinschmidt (1905–1999) Kinderarzt und ärztlicher Leiter des Kindersolbades Bad Dürrheim

Literatur (chronologisch)

  • Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden. Beltz Verlag, Weinheim 2021, ISBN 978-3-407-86655-4.
  • Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder. Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Psychosozial-Verlag Gießen, 2021, ISBN 978-3-8379-3053-5.
  • Anja Röhl: Heimweh – Verschickungskinder erzählen. Psychosozial-Verlag Gießen, 2021, ISBN 978-3-8379-3117-4.
  • Anja Röhl: Das vergessene Leid der Verschickungskinder. In: Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindsmissbrauchs (Hrsg.): Das Schweigen beenden - Beiträge zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. 23. Februar 2022, S. 4045 (aufarbeitungskommission.de [PDF]).
  • Lena Gilhaus: Verschickungskinder. Eine verdrängte Geschichte. Kiepenheuer & Witsch Köln, 2023, ISBN 978-3-462-00288-1.
  • Sylvia Wagner: heimgesperrt. Missbrauch, Tabletten, Menschenversuche: Heimkinder im Labor der Pharmaindustrie. Ein faktenbasierter Roman. Correctiv-Verlag, Essen 2023, ISBN 978-3-948013-21-9.
  • Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Verzeichnis der Kindererholungs-, -kurheime und -heilstätten in der Bundesrepublik 1945–1989. Berlin 2025 (online).
  • Alexander Nützenadel, Nils Hauser, Jonathan Krautter, Martin Münzel, Helge Jonas Pösche, Lena Rudeck: Die Geschichte der Kinderkuren und Kindererholungsmaßnamen in der Bundesrepublik 1945–1989. Abschlussbericht zum Forschungsprojekt. Hrsg.: Deutscher Caritasverband e.V. Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 2025, ISBN 978-3-7841-3808-4 (788 S., Volltext).

Filme

Einzelnachweise

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