Victor Andersen

deutscher sozialdemokratischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus From Wikipedia, the free encyclopedia

Jens Victor Emanuel Andersen (* 1908 in Uetersen; † 31. Mai 1995 ebenda) war ein deutscher sozialdemokratischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er gehörte in den Jahren 1933 bis 1935 zu den zentralen Akteuren des antifaschistischen Widerstands im Raum Uetersen, Elmshorn und Barmstedt im Kreis Pinneberg.

Herkunft und Familie

Victor Andersen stammte aus einer politisch aktiven sozialdemokratischen Arbeiterfamilie in Uetersen. Sein Vater war Gewerkschaftsvorsitzender vor Ort und engagiertes Mitglied der SPD. Die politische Haltung der Familie prägte Andersen früh. Bereits in seiner Jugend kam er mit sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Ideen in Berührung und entwickelte eine klare republikanische und antifaschistische Grundhaltung.

Der Vater wurde unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 2. Mai 1933 verhaftet und in das Konzentrationslager Glückstadt verschleppt. Später war er Häftling im KZ Neuengamme. Er überlebte die Haft, während enge politische Weggefährten der Familie, darunter der kommunistische Uetersener Stadtverordnete Johann Britten, im Konzentrationslager ermordet wurden.

Politisches Engagement vor 1933

Victor Andersen trat 1924 der SPD bei. In der Endphase der Weimarer Republik engagierte er sich aktiv im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einer republikschützenden Organisation der Arbeiterbewegung. In Uetersen war er als Schutzformationsführer (Schufo) tätig und leitete eine Gruppe von etwa 20 Mitgliedern.

Im Dezember 1932 kam es in Uetersen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, als mehrere Hundert Angehörige der SS zu einem Aufmarsch anreisten. Sozialdemokraten, Kommunisten und Reichsbanner-Mitglieder verhinderten gemeinsam das Auftreten der Nationalsozialisten. Am 18. Februar 1933 fand in Uetersen eine große antifaschistische Demonstration statt, an der mehrere Hundert Menschen teilnahmen.

Widerstand nach 1933

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme beteiligte sich Andersen an illegalen Widerstandsaktivitäten. In Uetersen bestanden enge persönliche Kontakte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die trotz parteipolitischer Differenzen gemeinsam Widerstand leisteten. Andersen arbeitete unter anderem mit dem kommunistischen Widerstandskämpfer Hans Britten zusammen.

Zu den Aktivitäten gehörten die Herstellung und Verbreitung illegaler Flugblätter und Zeitungen. Diese wurden unter anderem in einer Scheune hergestellt und überregional verbreitet. Konspirative Treffen fanden an wechselnden Orten statt, darunter auf dem Uetersener Friedhof, am Deich der Pinnau, auf Segelbooten sowie auf der Elbinsel Pagensand.

Ein Unterstützer der Widerstandsarbeit war der frühere Uetersener Polizeihauptwachtmeister Wilhelm Lüdemann, der bereits während des Kapp-Putschs 1920 politisch aktiv gewesen war. Lüdemann stellte unter anderem sein Segelboot für konspirative Treffen zur Verfügung.

Verhaftung und Haft

Im Dezember 1934 nahm die Gestapo im Kreis Pinneberg umfangreiche Verhaftungen vor. Victor Andersen wurde am 19. Dezember 1934 festgenommen, misshandelt und zunächst in das Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel (Kola-Fu) eingeliefert. Anschließend wurde er in die Emslandlager überstellt, darunter das KZ Esterwegen und das Strafgefangenenlager Aschendorfer Moor.

Am 16. Dezember 1935 verurteilte ihn das Kammergericht Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus. Die Haft verbüßte er unter anderem im Zuchthaus Rendsburg. Während der Haft begegnete er unter anderem dem Publizisten Carl von Ossietzky.

Zweiter Weltkrieg

Nach seiner Haftentlassung wurde Andersen als politisch vorbelasteter Häftling in die Strafdivision 999 der Wehrmacht eingezogen. Er war unter anderem auf Korfu und in Albanien eingesetzt.

Nachkriegszeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Victor Andersen nach Uetersen zurück. Er wurde Kreisjugendpfleger und Sportreferent des Kreises Pinneberg. Bereits vor 1933 hatte er sich intensiv dem Arbeitersport gewidmet und 1925 an einer Arbeiterolympiade in Frankfurt am Main teilgenommen.

In der Nachkriegszeit engagierte sich Andersen in der politischen Bildungsarbeit und trat als Zeitzeuge an Schulen, bei Gedenkveranstaltungen und in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf. Er war Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und setzte sich zeitlebens für Demokratie, Antifaschismus und historische Aufklärung ein.

Noch kurz vor seinem Tod nahm er an Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs teil.

Ehrungen

  • Victor-Andersen-Weg in Uetersen
  • Victor-Andersen-Haus in Barmstedt, Jugendbildungsstätte des Kreisjugendrings Pinneberg
  • Ehrungen der SPD für langjährige Mitgliedschaft

Literatur

  • Herbert Diercks: Die Freiheit lebt! Widerstand und Verfolgung im Kreis Pinneberg 1933–1945. Hamburg 1983.
  • Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS): Dokumentationen zum Widerstand im Kreis Pinneberg.

Related Articles

Wikiwand AI