Volmar von Disibodenberg
Benediktiner und Sekretär Hildegards von Bingen
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Volmar († 1173; auch Volmarus, Vollmar) war Benediktiner im Kloster Disibodenberg, Sekretär und Vertrauter Hildegards von Bingen und wird in der Forschung als Leiter des Skriptoriums auf dem Rupertsberg beschrieben.[1]

Leben und Tätigkeit
Volmar ist in zeitnahen Quellen als Schreiber (scriba), Priester (sacerdos) und Beichtvater Hildegards belegt, zunächst am Kloster Disibodenberg und später auf dem Rupertsberg.[2][3] In der neueren Literatur wird er teils als „Provost“ bezeichnet (prepositus);[4] Am Rupertsberg leitete er die Schreibstube und so den Übergang von Hildegards Entwürfen auf Wachstafeln zu Abschriften auf Pergament.[1][4] Er starb 1173, noch vor dem Abschluss des Liber divinorum operum.[4][3] Die Vita überliefert, dass Hildegard sich nach Volmars Tod als „Waise“ bezeichnete. Dort wird Volmar auch symmista (Mit‑Eingeweihter) genannt.[3]
Reiner Hildebrandt geht in der Einleitung der Physica-Edition detailliert auf die wahrscheinliche Arbeitsteilung von Hildegard und Volmar bei den naturkundlich-medizinischen Schriften ein. Hildegard verwendet häufig rheinfränkische Dialektwörter aus dem Summarium Heinrici für Heilmittel und Erkrankungen, Volmar glossierte dies teils lateinisch. In einer „ersten Abschrift“ blieb der Grundtext unverändert, jedoch wurde Zusatztext gekürzt.[5] Hildebrandt schließt weiter, dass die Kompetenz des gekürzten, aber sinnwahrenden Zusatztexts mit Sicherheit nur Volmar zuzuschreiben sei. Stemmatologisch gehen alle erhaltenen Physica‑Handschriften auf seine erste Abschrift zurück, nicht auf das Original.[5] In der Florentiner Handschrift (F) ist der Zusatztext meist an sachlogisch richtigen Stellen in den Grundtext integriert, während die Wolfenbütteler Handschrift (W) zufällige, bisweilen sinnwidrige Integrationen und Fehlplatzierungen ganzer Partien zeigt – ein Befund, der die in Volmars Abschrift gewahrte Trennung von Grund‑ und Zusatztext stützt.[5] Zudem verweist das in F angehängte Register der Indikationen auf die Vorlage Xa (Volmars erste Abschrift).[5]
Briefe und Briefredaktion
Ein persönlicher Brief Volmars an Hildegard (um 1170) ist überliefert. Er erwähnt die „expositio naturarum diversarum creaturarum“ und ist somit neben dem Vorwort des Liber vitae meritorum ein zweiter zeitgenössischer Hinweis auf ein naturkundliches Werk Hildegards.[6][2]
Die Briefsammlung Hildegards entstand in zwei Stufen. Eine frühe Stufe ist in drei Textzeugen greifbar (Zwiefalten‑Sammlung in Stuttgart; Wien, ÖNB, Cod. 881; Berlin, SBB, Theol. lat. fol. 699). In der zweiten, Rupertsberger Stufe wurden die Briefe, wahrscheinlich unter Volmar, paarweise mit den Antworten zusammengeführt und nach Rang der Adressaten hierarchisch angeordnet. Dabei kam es zu Zusätzen und Auslassungen, woraus der Liber epistolarum entstand. Die rege Kopiertätigkeit der späten 1160er und 1170er Jahre sowie der Rupertsberger Riesenkodex gehören in diesen Kontext.[1]
Bildüberlieferung

Das sogenannte Diktierbild des illustrierten Scivias-Kodex zeigt Hildegard, sitzend auf roter Fußbank, im schwarzen Habit mit weißem Saum. Fünf rote Feuerlanzen treffen ihren Kopf. In den Händen hält sie Wachstafeln. Rechts beugt sich Volmar von außerhalb der Säule in den Bildraum und hält eine weitere Tafel. Im Hintergrund ist bogenförmige Architektur mit zwei Pfeilern und einem blau gedeckten Dach vor goldenem Grund zu sehen.[7][8]
Das Frontispiz des Liber divinorum operum (Lucca, Biblioteca Statale, ms. 1942, fol. 1v) zeigt die Dreiergruppe Volmar – Hildegard – Richardis. Hildegard hält die üblichen Wachstafeln für den Entwurf, Volmar sorgt für das dauerhafte Pergament, Richardis steht neben Hildegard. In den anschließenden Visionstafeln ist jeweils ein Autorenbild Hildegards enthalten, zumeist ohne die Helfer. Richardis arbeitete in der Frühphase von Scivias mit, wurde gegen den Wunsch Hildegards zur Äbtissin von Bassum und starb 1152. Das Rupertsberger Diktierbild mit Hildegard und Volmar spiegelt daher eine spätere Arbeitsphase.[4][1]
Literatur
Primärquellen
- Hildegardis Bingensis: Epistolarium. Ed. Lieven Van Acker (CCCM 91, 91A, 91B). Brepols, Turnhout 1991–2001.
- Vita sanctae Hildegardis. Ed. Monika Klaes (CCCM 126). Brepols, Turnhout 1993.
- Hildegardis Bingensis: Scivias. Ed. Adelgundis Führkötter und Angela Carlevaris (CCCM 43, 43A). Brepols, Turnhout 1978–1980.
Sekundärliteratur
- Joseph L. Baird (Hrsg.): The Personal Correspondence of Hildegard of Bingen. Oxford University Press, New York 2006, Kap. IX: »The Provost Volmar«, S. 116–117.
- Mary M. Dixon: Hildegard of Bingen’s Introduction to Scivias: Volmar, A Telling Focus. In: Magistra 14 (2008), Nr. 2, S. 3–19.
- Margot Elsbeth Fassler: Hildegard of Bingen and Her Scribes. In: Jennifer Bain (Hrsg.): The Cambridge Companion to Hildegard of Bingen. Cambridge University Press, Cambridge 2021, S. 281–290.
- Reiner Hildebrandt: Die pragmatische Zweisprachigkeit in den naturkundlichen Schriften der Hildegard von Bingen. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 126 (1997), S. 279–289.
- Honey Meconi: Hildegard of Bingen. University of Illinois Press, Urbana, Chicago, Springfield 2018, Kap. 6: »After Volmar«, S. 62–72.
- Laurence Moulinier (Hrsg.): Beate Hildegardis. Cause et cure. Akademie‑Verlag, Berlin 2003, Einleitung, S. XI–CXVII.