Vulcanoscaptor

ausgestorbene Maulwurfsart aus dem Pliozän From Wikipedia, the free encyclopedia

Vulcanoscaptor ist eine ausgestorbene Säugetiergattung aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Innerhalb dieser wird sie zu den Neuweltmaulwürfen gezählt, wobei aufgrund einiger Gebissmerkmale eine nähere Verwandtschaft mit einigen rezenten nordamerikanischen Angehörigen besteht. Es handelt sich um kleine Vertreter der Maulwürfe. Anhand der kräftigen Arme und der Struktur der Hände lassen sich sehr gute Grabbefähigungen für die Tiere rekonstruieren. Belegt wurde die Gattung über ein Teilskelett aus Camp dels Ninots im nordöstlichen Spanien. Von Bedeutung ist hierbei die Herkunft des Fundes aus einem ehemaligen Maarsee, dessen Umland wohl als Lebensraum diente. Die Gattung trat im Pliozän vor rund 3,2 Millionen Jahren auf, womit sie zu den jüngsten Nachweisen der Neuweltmaulwürfe in Europa gehört. Die wissenschaftliche Einführung erfolgte im Jahr 2025. Es ist eine Art anerkannt.

Schnelle Fakten Zeitliches Auftreten, Fundorte ...
Vulcanoscaptor

Teilskelett von Vulcanoscaptor

Zeitliches Auftreten
Pliozän
3,25 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Laurasiatheria
Insektenfresser (Eulipotyphla)
Maulwürfe (Talpidae)
Altweltmaulwürfe (Talpinae)
Neuweltmaulwürfe (Scalopini)
Vulcanoscaptor
Wissenschaftlicher Name
Vulcanoscaptor
Linares-Martín, 2025
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Merkmale

Vulcanoscaptor ist bisher lediglich über ein Teilskelett bekannt, welches den Schädel, den Unterkiefer, einzelne Wirbel und Rippen sowie Elemente der vorderen und hinteren Gliedmaßen einschließt. Der Schädel liegt allerdings nur stark fragmentiert vor, so dass sich keine Einzelmerkmale erkennen lassen, er war aber lang und schmal geformt. Der Unterkiefer maß insgesamt 14,6 mm in der Länge und erreichte unterhalb des zweiten Molaren knapp 1,5 mm Höhe. Er besaß ebenfalls einen schlanken Bau, die Unterkante verlief nach unten gewölbt. Ein deutliches Foramen mentale lag unterhalb des zweiten und dritten Prämolaren, ein weiteres, weniger auffälliges unterhalb des ersten und zweiten Molaren. Der Kronenfortsatz stieg weit bis auf eine Höhe von 4,9 mm auf. Seine Vorderkante war steil und leicht eingedellt. Hinter dessen Spitze vollzog die Oberkante des aufsteigenden Astes eine Einbuchtung zum Gelenkfortsatz, der wiederum weit zurückgelehnt war und den Winkelfortsatz überragte. Letzterer war eher kurz gestaltet.[1]

Zähne mit oberen (a) und unterem (b) Gebiss sowie Unterkiefer (c) von Vulcanoscaptor.

Das obere Gebiss ist unvollständig, setzte sich aber aus wenigstens einem Schneidezahn, drei Prämolaren und drei Molaren zusammen. Die untere Bezahnung hingegen ist komplett überliefert und bestand aus zwei Schneidezähnen, einem Eckzahn, vier Prämolaren und drei Molaren. Im unteren Gebissaufbau ergeben sich somit Differenzen zu allen heutigen Vertretern der Neuweltmaulwürfe. Die Zähne bildeten eine geschlossene Reihe, was wiederum von den Desmanen abweicht, während die Ausprägung aller Vormahlzähne einen Unterschied zum Amerikanischen Spitzmull und den Japanischen Spitzmullen aufzeigt. Die unteren Schneidezähne und der Eckzahn waren spitz gestaltet, der zweite Schneidezahn wurde hierbei am größten. Ebenso besaßen die unteren Prämolaren singuläre hohe Spitzen, die durch das Protoconid gebildet wurden. In ihrer Form wirkten sie dadurch dreieckig. Die Größe der Vormahlzähne nahm von vorn nach hinten zu, was wiederum im Kontrast zu den Eigentlichen Maulwürfen mit ihrem vergrößerten ersten Prämolaren steht. Im Gegensatz zu den Prämolaren wurden die unteren wie auch die oberen Molaren nach hinten kleiner. Sie wiesen typischerweise für die Maulwürfe mehrere spitze Haupthöcker auf, die bei den oberen Mahlzähnen eine dilambdodonte (W-förmige) Anordnung einnahmen. Auffallend am zweiten unteren Molar war ein fehlendes Metastylid, eine Scherleiste, welche bei den heutigen asiatischen Vertretern der Neuweltmaulwürfe vorkommt. Die drei unteren Molaren beanspruchten eine Länge von 5,4 mm.[1]

Langknochen mit Oberarmknochen (a), Speiche (b), Elle (c) sowie Schien- und Wadenbein (d) von Vulcanoscaptor.
Unterarm (a) und Handknochen (b) von Vulcanoscaptor.

Am postcranialen Skelett sind vor allem die Knochen der Vorder- und weniger der Hinterbeine besser überliefert. Der Oberarmknochen war kurz und massiv gebaut, so dass er bei einer Länge von 7,1 mm eine minimale Schaftweite von 3,3 mm besaß. Das wuchtig ausladende untere Gelenkende wurde bis zu 6,1 mm breit. Ebenso waren Elle und Speiche stark gestaucht. An der Elle setzte oberhalb ein ausgedehntes Olecranon an. Dieses wies eine Länge von 4,1 mm auf bei einer Gesamtlänge des Knochens von 13 mm. Schien- und Wadenbein waren am unteren Ende miteinander verwachsen. Beide Schäfte wölbten seitwärts aus, so dass ein größerer Zwischenraum zwischen ihnen bestand. Gemeinsam betrug ihre Länge 14 mm. Von der Hand sind lediglich vier Strahlen erhalten, bei denen die Länge vom zweiten Mittelhandknochen mit 2,7 zum fünften mit 1,5 mm abnahm. Ein für die Neuweltmaulwürfe typisches Sesambein, das seitlich am Daumen ansetzt und als „Vordaumen“ die Handfläche verbreitert, war ebenfalls ausgebildet, beim Teilskelett aber isoliert gelagert. Wie die Mittelhandknochen charakterisierten sich auch die vorderen Fingerglieder durch ihre starke Stauchung. Davon wichen die Endglieder ab, die einen langen und schaufelartig flachen Bau zeigten. Sie wurden 3,6 bis 4,3 mm lang und übertrafen somit die Mittelhandknochen um rund das Doppelte an Länge.[1]

Fossilfunde

Der bisher einzige Fossilfund von Vulcanoscaptor umfasst ein Teilskelett. Dieses wurde in Camp dels Ninots, einer Fossillagerstätte nahe der Ortschaft Caldes de Malavella in der Provinz Girona im nordöstlichen Spanien, entdeckt. Bei dieser handelt es sich um ein ehemaliges Maar von ovaler Form mit einer Ausdehnung von 900 m in Nord-Süd- und 800 m in Ost-West-Richtung. Es ist rund 90 m tief, wovon aber nur die oberen 8 m für die Fundüberlieferung von Bedeutung sind. Diese bilden die Sedimente des ehemaligen Maarsees, die aus Tonen und Mudden mit zwischengeschalteten Sandsteinen bestehen. Innerhalb dieser Folge hebt sich ein grünlich bis grünlich-grau gefärbtes Muddepaket von rund 70 cm Mächtigkeit hervor, das als Schichteinheit 2.3 ausgewiesen wird und zahlreiche Fossilien in Form von Pflanzenresten und Wirbeltieren birgt. Vor allem die Säugetiere werden durch teils vollständige Skelette repräsentiert, von denen unter anderem der Hornträger Alephis tigneresi, der Tapir Tapirus arvernensis und das Nashorn Stephanorhinus jeanvireti herausragend sind. Innerhalb dieses Kontextes ist auch das Teilskelett von Vulcanoscaptor einzuordnen. Die gesamte Zusammensetzung der Fauna datiert die Fundstelle biostratigraphisch in das Pliozän. Dies konnte zusätzlich durch Untersuchungen zur Magnetostratigraphie untermauert werden, wobei der Zeitraum von vor 3,03 bis 3,33 Millionen Jahren am wahrscheinlichsten ist.[2][3][4][5][1]

Paläobiologie

Der extrem kompakte und breite Oberarmknochen von Vulcanoscaptor ist vergleichbar zu dem anderer Neuweltmaulwürfe. Gleiches gilt für die Knochen des Unterarms. Daher kann eine ausgeprägte Armstreckermuskulatur angenommen werden, was unter anderem den Musculus teres major, den Musculus pectoralis und den Musculus subscapularis betrifft und wodurch ein insgesamt kräftiges Grabwerkzeug entsteht. Unterstützt wird die grabende Lebensweise durch die verbreiterte Handfläche, welche die Ausbildung des sogenannten „Vordaumens“ (Präpollex) verursacht. Die Lage des Teilskeletts von Vulcanoscaptor aus Camp dels Ninots in lakustrinen Ablagerungen könnte neben den augenscheinlichen Grabbefähigungen der Tiere auch für gewisse Schwimmeigenschaften sprechen, was zumindest von einigen heutigen Neuweltmaulwürfen belegt ist. Nicht ausschließen lässt sich, dass das Individuum durch einen Beutegreifer oder durch ein Überschwemmungsereignis aus dem ufernahen Lebensbereich verschleppt worden war.[1]

Systematik

Innere Systematik der Neuweltmaulwürfe nach Linares-Martín et al. 2025[1]
 Scalopini  

 Proscapanus (†)


   
  Scalopina  


 Alpiscaptulus


   

 Hugueneya (†)



   

 Scapanus


   

 Scalopus


   

 Vulcanoscaptor (†)





  Parascalopina  

 Domninoides (†)


   

 Parascalops


   

 Scapanulus


   

 Scapanoscapter (†)


   


 Yunoscaptor (†)


   

 Yanshuella (†)



   

 Leptoscaptor (†)


   

 Mioscalops (†)










Vorlage:Klade/Wartung/Style

Vulcanoscaptor ist eine ausgestorbene Gattung aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Innerhalb der Familie wird sie zur Tribus der Neuweltmaulwürfe (Scalopini) gestellt. Die Neuweltmaulwürfe schließen ähnlich den Eigentlichen Maulwürfen (Talpini) grabende Angehörige der Familie ein, sind mit letzteren aber nicht unmittelbar verwandt. Als besondere Kennzeichen der Gruppe können bei den heutigen Arten der im Vergleich zu den Eigentlichen Maulwürfen deutlich längere Schwanz, der stark vergrößerte vordere obere Schneidezahn und der auftretende Zahnwechsel herausgestellt werden. Darüber hinaus verbreitert analog zu den Eigentlichen Maulwürfen ein zusätzliches Sesambein vor dem Daumen, der sogenannte Präpollex („Vordaumen“), die Handfläche.[6][7] Aus molekulargenetischer Sicht spalteten sich die Neuweltmaulwürfe im Oberen Eozän vor rund 39 bis 35 Millionen Jahren von den anderen Entwicklungslinien der Maulwürfe ab.[8] Die Tribus kann in zwei größere Gruppen aufgeteilt werden: die Parascalopina und die Scalopina. Beide reichen genetisch bis in das Untere Miozän vor 21,4 Millionen Jahre zurück. Unterscheidbar sind sie anhand der Ausprägung des Metastylids am unteren zweiten Molar, das bei den Parascalopina vorkommt, bei den Scalopina hingegen fehlt.[9] Bei Vulcanoscaptor ist letzteres der Fall. Dadurch besteht eine nähere Verwandtschaft zu heutigen nordamerikanischen Vertretern der Neuweltmaulwürfe, namentlich den Westamerikanischen Maulwürfen (Scapanus) und dem Ostamerikanischen Maulwurf (Scalopus). Die Verwandtschaft zu anderen fossilen Vertretern der Tribus ist hingegen uneindeutig. Die Neuweltmaulwürfe sind erstmals im Oligozän in Eurasien nachweisbar, was möglicherweise die Ursprungsregion darstellt, und erreichten erst im Übergang zum Miozän ihr heutiges Hauptverbreitungsgebiet Nordamerika. Im westlichen Teil Eurasiens bricht der Fossilbericht der Gruppe aber bereits im ausgehenden Mittleren Miozän großteils ab, so dass Vulcanoscaptor neben einigen Resten ausgestorbener Vorläufer des Haarschwanzmaulwurfs (Parascalops) den gegenwärtig jüngsten Beleg darstellt.[1]

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Vulcanoscaptor erfolgte im Jahr 2025 durch Adriana Linares-Martín. Sie berief sich dabei auf das Teilskelett aus Camp dels Ninots im nordöstlichen Spanien (Exemplarnummer CN10-O17-NIV11-12). Der Gattungsname bezieht sich einerseits auf Vulcanus, den Gott des Feuers aus der römischen Glaubenswelt, und verweist auf die vulkanische Natur der Fossilfundstelle, andererseits bedeutet das griechische Wort σκάπτηρ (skapter) soviel wie „Grabender“. Linares-Martín benannte mit V. ninoti eine Art. Bei dem Artepitheton handelt es sich um die katalanische Bezeichnung für „Puppe“, womit charakteristisch geformte Opal-Knollen gemeint sind, welche an der Lagerstätte Camp dels Ninots häufig vorkommen und ihr auch den Namen verliehen.[1]

Literatur

  • Adriana Linares-Martín, Marc Furió, Bruno Gómez de Soler, Jordi Agustí, Oriol Oms, Federica Grandi, Hugues-Alexandre Blain, Elena Moreno-Ribas, Pedro Piñero and Gerard Campeny: An unexpected Scalopini mole (Talpidae, Mammalia) from the Pliocene of Europe sheds light on the phylogeny of talpids. Scientific Reports 15, 2025, 24928, doi:10.1038/s41598-025-10396-1

Einzelnachweise

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