Wallonisches Parlament

From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Parlament der Wallonie oder Wallonische Parlament (französisch Parlement de Wallonie oder Parlement wallon) ist das legislative Organ der Wallonischen Region (Wallonie) Belgiens mit Sitz im Hospice Saint-Gilles in Namur. Die Abgeordneten werden seit dem 21. Mai 1995 alle fünf Jahre direkt gewählt, davor wurde der Rat indirekt besetzt.

Schnelle Fakten Parlament der Wallonie Parlement de Wallonie, Basisdaten ...
Parlament der Wallonie
Parlement de Wallonie
Logo
Logo
Basisdaten
Sitz: Rue Notre-Dame 1
5000 Namur
Legislaturperiode: 5 Jahre
Erste Sitzung: 15. Oktober 1980
Abgeordnete: 75
Aktuelle Legislaturperiode
Letzte Wahl: 9. Juni 2024
Vorsitz: Willy Borsus (MR)
Sitzverteilung: Regierung (43)
  • MR 26
  • LE 17
  • Opposition (32)
  • PS 19
  • PTB 8
  • Ecolo 5
  • Website
    Parlement de Wallonie
    Zitadelle von Namur und Parlament Walloniens
    Zitadelle von Namur und Parlament Walloniens
    Zitadelle von Namur und Parlament Walloniens
    Schließen

    Das Parlament ist verantwortlich für die Gesetzgebung der Wallonischen Region (die sogenannten „Dekrete“), die parlamentarische Kontrolle von Regierung und Verwaltung und die Festlegung des Haushalts. Es wird aus 75 Abgeordneten gebildet, die sich in der aktuellen Legislaturperiode auf fünf Fraktionen aufteilen: Parti Socialiste (PS, Sozialdemokraten), Mouvement Réformateur (MR, Liberale), Ecolo (Grüne), Les Engagés (LE, Zentristen) und Parti du Travail de Belgique (PTB, Kommunisten).[1]

    Geschichte

    Die drei Regionen Belgiens wurden bei der ersten Staatsreform im Jahr 1970 verfassungsrechtlich geschaffen, doch handelte es sich dabei nur um eine provisorische Regionalisierung durch das sogenannte „Perin-Vandekerckhove-Gesetz“.[2] Zu diesem Zeitpunkt wurden auch erste Regionalräte eingesetzt, die aus den Senatoren der jeweiligen Sprachgruppen im Parlament zusammengesetzt waren und ausschließlich eine beratende Funktion besaßen. Der erste wallonische Regionalrat, Vorgänger des Wallonischen Parlaments, hielt am 26. November 1974 unter dem Vorsitz von Franz Janssens (PLP) seine erste Sitzung ab. Die in der Opposition sitzenden Sozialisten verweigerten jedoch die Anerkennung dieser Versammlung und boykottierten sie. Im Jahr 1977, als die PS unter Léon Hurez wieder in die Mehrheit der Nationalregierung unter Premierminister Leo Tindemans (CVP) gelangte, wurden die Regionalräte aufgelöst und vorerst wieder abgeschafft.[3]

    In Abwesenheit einer offiziellen Institution hielten die wallonischen Parlamentarier am 14. Mai 1979 eine informelle Versammlung ab, in der die mit den wallonischen Angelegenheiten beauftragten Minister und Staatssekretäre eine eigene Regierungserklärung verlasen. Dieselbe Versammlung forderte am 10. Dezember desselben Jahres die unverzügliche Schaffung eines regionalen Legislativorgans, vor dem die wallonischen Minister verfassungsmäßig verantwortlich wären.

    Erst bei der zweiten belgischen Staatsreform im Jahr 1980 wurden die Regionen tatsächlich eingesetzt. Die Verfassung wurde abgeändert und den Regionalräten wurde eine eigene gesetzgeberische Kompetenz zuerkannt. Allerdings wurden sie weiterhin indirekt zusammengesetzt: Die in der Wallonischen Region gewählten Mitglieder der Abgeordnetenkammer und des Senats waren von Rechts wegen Mitglied des wallonischen Regionalrats. Die erste Sitzung als eigenständige parlamentarische Versammlung fand am 15. Oktober 1980 unter dem Vorsitz des Alterspräsidenten Georges Glineur (PCB) im Sofitel-Hotel in Namur statt. Die erste wallonische Regionalexekutive unter Ministerpräsident André Damseaux (PRL) erhielt am 23. Dezember 1981 das Vertrauen des Rates.

    Die Zuständigkeiten der Regionalräte wurden in den Jahren 1989 und 1993 erheblich erweitert. Mit der vierten Staatsreform wurden sie auch in direkt gewählte parlamentarische Versammlungen umgewandelt. Die erste Regionalwahl fand am 21. Mai 1995 statt. Im selben Jahr legte der wallonische Regionalrat ebenfalls fest, dass er sich ab nun „Wallonisches Parlament“ nennen würde.[4] Die amtliche Anpassung der Verfassung erfolgte allerdings erst 10 Jahre später am 18. März 2005.[5] Im Jahr 2015 nannte sich das Wallonische Parlament in „Parlament der Wallonie“ (Parlement de Wallonie) um und gab sich bei dieser Gelegenheit auch ein neues Logo.[6]

    Zusammensetzung

    Allgemeines

    Lage der Wallonischen Region (rot) innerhalb Belgiens

    Das Wallonische Parlament setzt sich aus 75 Abgeordneten zusammen,[7] die alle fünf Jahre – gleichzeitig mit den Europawahlendirekt gewählt werden.[8]

    Die Abgeordneten des Wallonischen Parlaments sind gleichzeitig auch Mitglied des Parlaments der Französischen Gemeinschaft (auch „Parlament der Föderation Wallonie-Brüssel“ genannt).[9] Eine Ausnahme bilden die wallonischen Abgeordneten, die gleichzeitig auch Mitglied des Parlaments der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG-Parlament) sind: Für sie besteht eine Unvereinbarkeit und sie werden im Parlament der Französischen Gemeinschaft durch einen Nachrücker ersetzt.[10] Die wallonischen Abgeordneten, die ihren Verfassungseid zuerst oder nur auf Deutsch ablegen („Ich schwöre, die Verfassung zu befolgen“),[11] unterliegen derselben Unvereinbarkeit.[12] Sie gehören dem DG-Parlament mit beratender Stimme an.

    Wahlsystem

    Die 13 Wahlkreise 1995–2014 und 11 Wahlkreise ab 2019

    Die 75 Mitglieder des Wallonischen Parlaments werden von den Wählern der Wallonischen Region (französisches und deutsches Sprachgebiet) in Mehrpersonenwahlkreisen gewählt. Innerhalb dieser Wahlkreise werden die verschiedenen Sitze im Verhältnis zur Bevölkerung des jeweiligen Wahlkreises vergeben.[13] Bei den Wahlen 1995 bis 2014 gab es 13 Wahlkreise.

    Weitere Informationen Provinz, Regionalwahlkreis ...
    Gewählte Abgeordnete pro Wahlkreis 1995–2014[14]
    Provinz Regionalwahlkreis Abgeordnete
    Wahlen 1995
    und 1999
    Wahlen 2004
    und 2009
    Wahl 2014
    Wallonisch-BrabantNivelles78 (+ 1)8
    HennegauCharleroi109 (– 1)9
    Mons665 (– 1)
    Soignies444
    Thuin333
    Tournai–Ath–Mouscron777
    LüttichLüttich1413 (– 1)13
    Huy–Waremme444
    Verviers666
    LuxemburgArlon–Marche-en-Famenne–Bastogne333
    Neufchâteau–Virton222
    NamurDinant–Philippeville34 (+ 1)4
    Namur667 (+ 1)
    Wallonien757575
    Schließen

    Seit der Wahl 2019 war das Wahlgebiet in elf Wahlkreise eingeteilt.

    Weitere Informationen Provinz, Regionalwahlkreis ...
    Gewählte Abgeordnete pro Wahlkreis ab 2019[15]
    Provinz Regionalwahlkreis Abgeordnete
    Wahlen 2019
    und 2024
    Wallonisch-BrabantNivelles8
    HennegauCharleroi-Thuin10
    Mons5
    Soignies-La Louvière5
    Tournai–Ath–Mouscron7
    LüttichLüttich13
    Huy–Waremme4
    Verviers6
    LuxemburgArlon–Marche-en-Famenne-Bastogne–Neufchâteau–Virton6
    NamurDinant–Philippeville4
    Namur7
    Wallonien75
    Schließen

    Auf den Wahllisten gibt es zwei Spalten: Einerseits werden die effektiven, andererseits die Ersatzkandidaten aufgeführt.[16] Diese Ersatzkandidaten können ein Mandat im Parlament annehmen, wenn ein effektiv gewählter Kandidat seinen Posten aufgeben muss (beispielsweise weil er in die Regierung wechselt oder aufgrund einer anderen Unvereinbarkeit).

    Folgende Bedingungen sind zu erfüllen, um an der Wahl teilnehmen zu dürfen (aktives Wahlrecht):[17]

    • die belgische Staatsbürgerschaft besitzen,
    • mindestens 18 Jahre alt sein,
    • im Bevölkerungsregister einer Gemeinde der Wallonischen Region eingetragen sein,
    • sich nicht in einem der gesetzlichen Ausschlussgründe befinden (wie beispielsweise die Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von über vier Monaten).

    Wie für alle Wahlen in Belgien herrscht Wahlpflicht.[18] Jeder Wähler verfügt über eine Stimme, die er entweder der gesamten Liste geben kann („Kopfstimme“), oder die er auf die Kandidaten einer Liste verteilen kann, um die interne Reihenfolge der Kandidaten auf einer Liste zu beeinflussen („Vorzugsstimme“).

    Die Sitze werden getrennt nach Provinzen verhältnismäßig nach dem D’Hondt-Verfahren verteilt.[19]

    Abgeordnete

    Der Plenarsaal des Parlamentsgebäudes

    Um Abgeordneter des Wallonischen Parlaments zu werden (passives Wahlrecht) müssen vier Bedingungen erfüllt sein:[20]

    • die belgische Staatsbürgerschaft besitzen,
    • mindestens 18 Jahre alt sein,
    • im Bevölkerungsregister einer Gemeinde der Wallonischen Region eingetragen sein,
    • sich nicht in einem der gesetzlichen Ausschlussgründe befinden.

    Das Amt des Abgeordneten ist unvereinbar mit gewissen anderen Funktionen.[21] So ist es nicht möglich, Mitglied des Parlaments zu sein und gleichzeitig ein Ministeramt zu bekleiden.[22]

    Die Abgeordneten genießen ebenfalls eine gewisse parlamentarische Immunität. So wird das Recht auf freie Meinungsäußerung, welches ohnehin als Grundrecht in der Verfassung verankert ist, für Parlamentarier verstärkt.[23] Auch die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Parlamentarier unterliegt besonderen Bestimmungen. Außer bei Entdeckungen auf frischer Tat kann ein Abgeordneter nur mit Erlaubnis des Parlaments festgenommen werden. Ein Abgeordneter, der strafrechtlich verfolgt wird, kann jederzeit das Parlament bitten, die Aussetzung der Verfolgung zu veranlassen. Diese Garantien gelten nur während der Sitzungsperioden.[24]

    Präsident

    Willy Borsus 2017

    Dem Wallonischen Parlament sitzt der Präsident vor, der prinzipiell alle fünf Jahre zu Beginn der Legislaturperiode neu gewählt wird.[25] Er stammt traditionell aus der Regierungsmehrheit, agiert allerdings in der Regel überparteilich. Der Präsident leitet die Plenarsitzung, sorgt für Ordnung in der Versammlung und für die Einhaltung der Geschäftsordnung. Er sitzt ebenfalls dem Präsidium vor.

    Weitere Informationen Name, Beginn der Amtszeit ...
    Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit Partei
    Präsidenten des Wallonischen Regionalrats
    1 Léon Hurez 6. November 1980 6. Oktober 1981 PS
    2 André Cools 23. Dezember 1981 3. September 1985 PS
    3 Charles Poswick 27. November 1985 9. November 1987 PRL
    4 Valmy Féaux 3. Februar 1988 10. Mai 1988 PS
    5 Willy Burgeon 10. Mai 1988 17. Oktober 1991 PS
    6 8. Januar 1992 12. April 1995
    Präsidenten des Wallonischen Parlaments
    7 Guy Spitaels 20. Juni 1995 7. Februar 1997 PS
    8 Jean-Marie Severin 8. Februar 1997 13. März 1997 PRL
    9 Yvon Biefnot 13. März 1997 12. Juni 1999 PS
    10 Richard Miller 12. Juli 1999 4. April 2000 PRL
    11 Robert Collignon 5. April 2000 12. Juni 2004 PS
    12 Willy Taminiaux 29. Juni 2004 19. Juli 2004 PS
    13 José Happart 19. Juli 2004 6. Juni 2009 PS
    14 Monika Dethier-Neumann 23. Juni 2009 16. Juli 2009 Ecolo
    15 Emily Hoyos 16. Juli 2009 4. März 2012 Ecolo
    16 Patrick Dupriez 14. März 2012 24. Mai 2014 Ecolo
    17 Maxime Prévot 13. Juni 2014 22. Juli 2014 cdH
    18 André Antoine 22. Juli 2014 11. Juni 2019 cdH
    19 Christophe Collignon 11. Juni 2019 13. September 2019 PS
    20 Jean-Claude Marcourt 13. September 2019 21. Dezember 2022 PS
    21 André Frédéric 21. Dezember 2022 25. Juni 2024 PS
    22 Jean-Paul Wahl 25. Juni 2024 15. Juli 2024 MR
    23 Willy Borsus 15. Juli 2024 amtierend MR
    Schließen

    Wahlergebnisse

    Die letzte Wahl des wallonischen Parlaments erfolgte am 9. Juni 2024. Anschließend erfolgte die Bildung der Regierung Dolimont, einer Koalitionsregierung aus Mouvement Réformateur (MR) und Les Engagés (LE).

    Zusammensetzungen seit 1995

    Weitere Informationen Partei, Wahl ...
    Abgeordnete nach Parteien
    Partei Wahl
    1995 1999 2004 2009 2014 2019 2024
    Mouvement Réformateur (MR)19 121 22019252026
    Parti Socialiste (PS)30253429302319
    Les Engagés (LE)16 314 314 413 413 410 417
    Parti du Travail de Belgique (PTB)2108
    Ecolo8143144125
    Parti Populaire (PP)1
    Front National (FN)214
    Gesamt75757575757575
    Schließen
    1 
    als „PRL-FDF
    2 
    als „PRL-FDF-MCC
    3 
    als „Parti Social Chrétien“ (PSC)
    4 

    Wallonischer Rat (1981 bis 1991)

    Weitere Informationen Partei, Wahl ...
    Abgeordnete nach Parteien[26]
    Partei Wahl
    1981 1985 1987 1991
    Parti Socialiste (PS)48475147
    Parti Réformateur Libéral (PRL)28262520
    Parti Social Chrétien (PSC)22262524
    Ecolo34213
    Front démocratique des francophones (FDF)1
    Volksunie (VU)1
    Parti Communiste de Belgique (KPB/PCB)3
    Rassemblement Wallon (RW)2
    Gesamt106104104104
    Schließen

    Siehe auch

    Literatur

    • Michel Collinge: Le Parlement wallon. In: Courrier hebdomadaire du CRISP. Nr. 1520, 1996, ISSN 0008-9664.
    • Jacques Brassine: Le Conseil régional wallon, 1974-1979, Histoire d’une institution oubliée. Institut Jules Destrée, Namur 2007, ISBN 978-2-87035-042-3.
    • Philippe Destatte: Histoire succincte de la Wallonie. Institut Jules Destrée, Namur 2013 (Online [PDF; 616 kB; abgerufen am 1. Juni 2015]).

    Einzelnachweise

    Related Articles

    Wikiwand AI