Walter Epping

deutscher Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer From Wikipedia, the free encyclopedia

Walter Wilhelm Georg Epping (* 27. Mai 1890 in Chemnitz; † 1. November 1971 in Rostock) war ein deutscher Philologe, Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer.

Leben

Herkunft und Familie

Walter Epping entstammte einer Chemnitzer Bürgerfamilie. Er war das siebte Kind des Oberstabsarztes a. D. (Bernhard) Adolf Epping († 1913) und dessen Ehefrau Charlotte, geb. Büttner († 1917).

Epping heiratete zweimal: 1914 schloss er seine erste Ehe, 1936 folgte eine zweite Eheschließung.

Schulbildung und Studium

Eppings schulische Laufbahn folgte dem klassischen Muster der deutschen Gymnasialbildung seiner Zeit. Nach vier Jahren Volksschule wechselte er 1896 in das humanistische Gymnasium (siehe Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasium) in Chemnitz. Nach neunjähriger Gymnasialzeit legte er 1909 seine Reifeprüfung ab.

Von 1909 bis 1914 studierte er an mehreren renommierten deutschen und europäischen Universitäten: Germanistik, Geschichte und Französisch an der Universität Marburg, der Universität Berlin, der Universität Paris und der Universität Leipzig. Dieses Studium an verschiedenen Zentren des deutschen Geisteslebens – mit einem Auslandsaufenthalt in Paris – zeugt von intellektueller Mobilität und Offenheit gegenüber europäischen Strömungen. Das internationale Studienprogramm war für die Weimarer Zeit nicht untypisch für angehende höhere Lehrer, deutete aber auch auf eine kosmopolitische Ausrichtung hin. 1914 erwarb er das Staatsexamen an der Universität Leipzig.

Kriegsdienst und Beginn der Unterrichtstätigkeit

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach Eppings unmittelbare akademische Karriere. Von Oktober 1914 bis Dezember 1918 leistete er Militärdienst und wurde als Leutnant der Reserve während der Demobilisierung entlassen.

Im Januar 1919 begann er als Kandidat am Staatsgymnasium Chemnitz, bevor er 1920 zum Studienassessor an der Höheren Mädchenbildungsanstalt Chemnitz ernannt wurde. Seit 1922 führte er den Titel Studienrat und unterrichtete Germanistik und Geschichte.

Aufstieg und politisches Engagement in der Weimarer Republik

In den stabilen Jahren der späteren Weimarer Republik gelang Epping ein stetiger beruflicher Aufstieg. 1929 wurde er zum Studiendirektor und Leiter der neu gegründeten Deutschen Oberschule für Knaben in Chemnitz ernannt – ein Amt mit erheblichen administrativen und pädagogischen Verantwortungen.

Parallel zu seiner schulischen Karriere war Epping politisch und kulturell aktiv. 1920 trat er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei und entwickelte sich zu einem engagierten Vertreter von Kulturpolitik und progressiven Bildungsreformen.

Verfolgung und Suspendierung im Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Epping im März 1933 aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft verhaftet und in Schutzhaft genommen. Er wurde suspendiert und gemäß § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums pensioniert – ein Gesetz, das es dem Regime ermöglichte, Gegner, Juden und andere unliebsame Personen aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen.

Während der folgenden zwölf Jahre der NS-Diktatur war Epping aus dem aktiven Schuldienst ausgeschlossen. Im Februar 1945, in den letzten Monaten des Krieges, wurde er als Kriegsverpflichteter zur Wehrmacht eingezogen und dem Volkssturmbataillon 52 als Zugführer des Nachrichtenzuges zugewiesen. Als das Bataillon sich nach Osten gegen die Russen absetzen sollte, verließ er die Einheit und ging im Mai 1945 nach Hause.[1]

Reintegration und Neuanfang in der Sowjetischen Besatzungszone

Nach Kriegsende erlebte Epping eine Rehabilitierung. Im Juni 1945 wurde er als Lehrer wiedereingestellt und kurz darauf zum Oberstudiendirektor ernannt. Diese schnelle Reintegration ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass seine NS-Verfolgung ihn als Antifaschisten auszeichnete und er als erfahrener Pädagoge von der sowjetischen Besatzungsmacht und den kommunistischen Strukturen dringend benötigt wurde.

Epping leitete zunächst die beiden Mädchenoberschulen in Chemnitz, später die Karl-Marx-Oberschule in Chemnitz. 1949 wurde er als „Lehrer-Aktivist“ ausgezeichnet – eine Kategorie für Pädagogen, die aktiv bei der Umgestaltung des Schulsystems nach sowjetischem Vorbild mitarbeiteten.

Werdegang in der DDR

1950 markierte einen neuen Höhepunkt in Eppings Karriere. Er erhielt den Ehrentitel „Verdienter Lehrer des Volkes[2][3], eine staatliche Würdigung seiner pädagogischen Leistung. Im selben Jahr wurde er als Vertreter des Kulturbunds von 1950 bis 1951 in den Sächsischen Landtag gewählt.

1950 wurde Epping zum Direktor der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) an der Technischen Hochschule Dresden ernannt.

Epping erhielt die kommissarische Leitung des Ordinariats für Neuere deutsche Literatur an der Universität Rostock Anfang der 1950er Jahre, ohne selbst promoviert zu haben.[4] Seine Berufung erfolgte unter einer politischen Bedingung: Die Philosophische Fakultät durfte die Dozentur für die Habilitandin Hildegard Emmel nur unter der Voraussetzung erhalten, dass sie gleichzeitig den nicht promovierten Epping in das Ordinariat aufnahm. Dies wurde zeitgenössisch als „Koppelungskauf“ oder „Kuhhandel“ charakterisiert. Emmel, die 1950 aus der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt war, vertrat trotz ihrer Loyalität zum Staat eine traditionelle Lehrmeinung. Sie lehnte den Marxismus-Leninismus als wissenschaftliche Grundlage ab und stellte stattdessen die Individualität der Autoren in das Zentrum ihrer Forschung.

Epping lehrte die Literaturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts – ein Fach mit erheblichen ideologischen Implikationen in der DDR, da Literaturwissenschaft dort zur Legitimation des Sozialismus beitragen sollte.

Zu ihren gemeinsamen Studenten gehörte unter anderem Uwe Johnson.

Im März 1958 wurde Epping Fachrichtungsleiter für Germanistik an der Universität Rostock und übernahm damit die Verantwortung für die gesamte literaturwissenschaftliche Ausbildung und Forschung. Am 8. Juli 1958 wurde er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Germanistik beim Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR.

Im September 1959 wurde Epping auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzt. Dies war jedoch kein vollständiger Rückzug aus der akademischen Arbeit. Er nahm anschließend auf eigene Bitte weitere Lehraufträge an und hielt bis 1964 als Titularprofessor Vorlesungen und Seminare.

Er erhielt, anlässlich seines 75-jährigen Geburtstages, ein Glückwunschschreiben von Walter Ulbricht.[5]

1970, kurz vor seinem Tod, zeichnete ihn die Universität Rostock mit der Ehrennadel aus.

Auseinandersetzung zwischen Walter Epping und Hildegard Emmel

Die Beziehung zwischen Walter Epping und Hildegard Emmel war grundlegend antagonistisch und verkörperte den Konflikt zwischen SED-Ideologie und akademischer Integrität in der frühen DDR. Sie war geprägt von gegensätzlichen Auffassungen über Wissenschaft, Ethik und Unabhängigkeit. Epping versuchte von Anfang an, seine Autorität gegenüber Emmel zu etablieren. Unmittelbar nach ihrer Vorstellung forderte er sie auf, ihm ihre geplante Vorlesung zur Genehmigung vorzulegen. Emmel lehnte diese Forderung schlicht und freundlich ab. Diese Episode offenbarte bereits die grundlegende Spannung: Epping versuchte, Kontrolle auszuüben, während Emmel ihre akademische Autonomie verteidigte.

Epping fungierte als Vermittler der Kulturpolitik der SED in der Germanistik. Er war für die Überwachung und ideologische Ausrichtung des Literaturunterrichts zuständig und koordinierte mit seinen Anhängern unter den Studenten Störaktionen gegen Vorlesungen, die nicht der offiziellen Parteilinie entsprachen. Sein Auftrag bestand darin, die Studenten zu überwachen und ideologisch abweichende Lehrinhalte zu sabotieren. Dabei agierte Epping als Werkzeug der Partei. Die Parteianwärter unter seinen Anhängern waren angewiesen, seine Vorlesungen zu besuchen. Sie mussten ihre schriftlichen und mündlichen Abschlussprüfungen bei ihm ablegen, was seine Kontrollfunktion unterstrich. Nach Störaktionen in Seminaren mussten diese Studenten vor Parteiinstanzen über ihre „Leistung“ berichten und wurden teilweise gerügt, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfolgreich erfüllten.

Epping, dem vermutlich der Auftrag erteilt worden war, Emmel ideologisch zu beeinflussen, scheiterte an ihrem strikten Widerstand. Der Konflikt verschärfte sich derart, dass die SED-Abteilungsgruppe im Januar 1953 beim Zentralkomitee der SED erfolglos ihre Abberufung forderte. Werner Hartke, ein einflussreicher SED-Funktionär und Latinist, ordnete im Juni 1953 eine Sondersitzung an. Emmel arbeitete eine etwa 30-minütige Rede aus, in der sie Eppings mangelnde Fachkompetenz dokumentierte. Kurz vor der Sitzung wurde Emmel vom Dekan informiert, dass Karl Mewis, SED-Funktionär, teilnehmen wolle. Emmel forderte ausdrücklich seine Anwesenheit ein: „Ich bitte darum, dass Herr Mewis an der Sitzung teilnimmt. Es ist ja die Partei, die gegen mich kämpft. Herr Epping ist nur ein Strohmann.“ In der Sondersitzung wurde der Beweis für Eppings fachliche Unfähigkeit erbracht. Epping erklärte sich gescheitert und gab zu, dass „die besten Absichten“ fehlgeschlagen seien. Mewis, der Parteisekretär, gab offen zu: Die Zusammenarbeit zwischen Partei und Wissenschaft könne so nicht funktionieren. Epping und seine Leute wollten politische Schulungsergebnisse anwenden, während Emmel Kenntnisse und wissenschaftliche Arbeitsmethoden vermitteln wolle. Nach dem 17. Juni 1953 hörten die Belästigungen auf. Eppings Anhänger verhielten sich fortan als „arbeitswillige, um Einvernehmen bemühte Studenten“. Emmel wurde 1956 zur Professorin ernannt. Epping blieb zwar formal in seinem Amt, verlor aber seine Handlungsfähigkeit.

Epping selbst geriet aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Qualifikation unter Druck und gestand im November 1953 in einer SED-Versammlung ein, an der Universität „gehemmt“ und mit seinem Auftrag überfordert zu sein. In seinen 1955 veröffentlichten Aufsätzen über Adalbert Stifter, unter anderem Stifters Revolutionserlebnis, finden sich kaum Spuren einer marxistisch-leninistischen Methodik; seine Urteile beschränkten sich auf bereits bekannte historische Fakten. Emmel wurde 1956 als Professorin an die Universität Greifswald berufen.[6]

Schriften (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

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