Walter Raunig

deutscher Ethnologe (1936-2026) From Wikipedia, the free encyclopedia

Walter Raunig (* 4. Februar 1936 in Innsbruck; † 10. Februar 2026 in München) war ein deutscher Ethnologe und langjähriger Museumsdirektor. Von 1977 bis 2001 leitete er das Staatliche Museum für Völkerkunde in München (das heutige Museum Fünf Kontinente). Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt lag auf der Kultur- und Handelsgeschichte sowie der Kunstgeschichte des Nahen Ostens und Nordostafrikas, insbesondere Äthiopiens.[1]

Leben und Wirken

Walter Raunig wurde 1936 in Innsbruck geboren. Nach seinem Studium der Ethnologie in Wien[2] und der Promotion zum Dr. phil. war er zunächst beruflich in Zürich tätig. Im Jahr 1977 wurde er als Nachfolger von Andreas Lommel zum Direktor des Staatlichen Museums für Völkerkunde in München berufen (sein offizieller Dienstantritt erfolgte 1978).

Zu Beginn seiner Amtszeit war das Museum in der breiten Öffentlichkeit noch relativ wenig verankert. Raunig machte es sich zur primären Aufgabe, das Haus an der Münchner Maximilianstraße stadtbekannt zu machen und an moderne museologische Standards heranzuführen. Unter seiner Leitung erlebte das Haus weitreichende bauliche und strukturelle Veränderungen. So wurde das Museum räumlich vergrößert, in dem er etwa den Anbau eines neuen Traktes zum Altstadtring hin vorantrieb. Die Infrastruktur wurde modernisiert, indem er die Einrichtung von modernen, klimatisierten Depots, zeitgemäßen Restaurierungswerkstätten und einem Veranstaltungssaal auf dem neuesten Stand der Technik initiierte. Die teilweise noch mit Kriegsschutt gefüllten Kellerräume des historischen Hauptgebäudes wurden geräumt und nutzbar gemacht. Zudem ließ er den Eingangsbereich besucherfreundlicher und einladender umgestalten. Unter seiner Ägide wurden im Museum auch einige besucherstarke Ausstellungen gezeigt. Außergewöhnliche Popularität erreichte etwa im Jahr 1987 „Jemen - 3000 Jahre Kunst und Kultur des glücklichen Arabien“. Darüber hinaus holte Raunig Kolleginnen und Kollegen wie Maria Kecskési, Jürgen Wasim Frembgen, Christine Kron, Claudius Müller, Jean-Loup Rousselot, Wolfgang Stein, Jörg Helbig, Helmut Schindler, Bruno Richtsfeld, Michaela Appel, Stefan Eisenhofer und Karin Guggeis als Kuratoren und wissenschaftliche Mitarbeiter an das Münchner Museum. Raunig gelang es zudem, eine eigene Äthiopien-Abteilung im Museum zu etablieren, mit deren Leitung er den äthiopischen Kollegen Girma Fisseha betraute.

Raunig ging 2001 in den Ruhestand, blieb aber ein gefragter Experte, war vielfältig vernetzt und engagierte sich unter anderem als Mitglied des Kuratoriums der Gesellschaft für Außenpolitik. Besonders hervorzuheben ist seine langjährige Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Prinzen und Autor Asfa-Wossen Asserate, mit dem er über viele Jahre hinweg die wissenschaftliche Buchreihe Orbis Aethiopicus (die Publikationen der gleichnamigen Gesellschaft zur Erhaltung und Förderung der äthiopischen Kultur) herausgab.

Für seine wissenschaftlichen und kulturellen Verdienste erhielt Raunig mehrere hochrangige Ehrungen wie das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland und den Frashëri-Orden der Republik Albanien.

Walter Raunig verstarb im Februar 2026 im Alter von 90 Jahren.[3] Er war mit Helga Raunig verheiratet und ist Vater des österreichischen Diplomaten Florian Raunig.

Forschungsschwerpunkte

Als Wissenschaftler widmete sich Prof. Raunig intensiv der Region am Horn von Afrika und dem Vorderen und Mittleren Osten. Er forschte unter anderem zum frühen Gebrauch von Eisen in Nordostafrika sowie zu den historischen Handelsverbindungen zwischen Asien, Afrika und Europa. Ein besonderes Augenmerk seiner Arbeit lag auf der facettenreichen Kunst- und Architekturgeschichte des christlichen Äthiopiens.

Anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 2016 erschien die von Markus Mergenthaler und Claudius Müller herausgegebene Festschrift Ethnographische Streifzüge, in der Kollegen und Weggefährten sein Lebenswerk und seinen menschenzentrierten Ansatz in der Museumsarbeit würdigten.

Auszeichnungen

  • 1984: Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland
  • 2001: Frashëri-Orden der Republik Albanien

Publikationen (Auswahl)

  • 1982: Der Weg zum Dach der Welt. (Zusammen mit Claudius C. Müller). Pinguin-Verlag, Innsbruck / Umschau-Verlag, Frankfurt am Main.
  • 1987: Schwarzafrikaner. Lebensraum und Weltbild.Prisma-Verlag, Gütersloh.
  • 2004: Äthiopien zwischen Orient und Okzident. Wissenschaftliche Tagung der Gesellschaft Orbis Aethiopicus, Köln, 9.–11.10.1998.(Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). Lit Verlag, Münster.
  • 2005: Das christliche Äthiopien. Geschichte, Architektur, Kunst. (Als Herausgeber). Schnell & Steiner, Regensburg.
  • 2005: Akten der ersten internationalen Littmann-Konferenz 2. bis 5. Mai 2002 in München. (Herausgegeben zusammen mit Steffen Wenig). Harrassowitz Verlag, Wiesbaden.
  • 2007: Ethiopian art: a unique cultural heritage and modern challenge. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). Maria Curie-Skłodowska University Press, Lublin.
  • 2011: Orbis Aethiopicus XI: Der Mensch und sein Lebensraum am Horn von Afrika. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H. Röll Verlag, Dettelbach.
  • 2013; Orbis Aethiopicus XII: Äthiopische Kulturgeschichte von Aksum bis zum Vorabend des dritten Jahrtausends. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H. Röll Verlag, Dettelbach.
  • 2014: Orbis Aethiopicus XIII: Juden, Christen und Muslime in Äthiopien. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H. Röll Verlag, Dettelbach.
  • 2014: Orbis Aethiopicus XIV: Das frühe Äthiopien (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H. Röll Verlag, Dettelbach.
  • 2014: Frühes Eisen in Nordostafrika. In: Angelika Lohwasser, Pawel Wolf (Hrsg.): Ein Forscherleben zwischen den Welten. Zum 80. Geburtstag von Steffen Wenig (Schriftenreihe der Sudanarchäologischen Gesellschaft zu Berlin).
  • 2016: Orbis Aethiopicus XV: Völker, Kulturen und Religionen am Horn von Afrika. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H. Röll Verlag, Dettelbach.
  • 2018: Orbis Aethiopicus XVI: Kaiser Menelik II. und seine Zeit / Äthiopien und seine Bedeutung und Stellung vom Mittelalter bis Adua. (Herausgegeben zusammen mit Asfa-Wossen Asserate). J.H.Röll Verlag, Dettelbach.

Interviews

1998: Prof. Dr. Walter Raunig, Ethnologe, im Gespräch mit Dr. Johannes Grotzky (Bayerischer Rundfunk, Alpha-Forum, Sendung vom 19. Mai 1998)[4]

Nachweise

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