Walter Rauschenbusch

amerikanischer baptistischer Theologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Walt(h)er Rauschenbusch (* 4. Oktober 1861 in Rochester, Monroe County, New York, USA; † 25. Juli 1918 ebenda) war ein US-amerikanischer baptistischer Theologe, Vordenker und Hauptvertreter des Social Gospel und Autor mehrerer Schriften, die viel Beachtung erhielten und eine große Wirkung entfalteten.[1]

Walter Rauschenbusch

Leben

Walter Rauschenbusch in jungen Jahren mit seiner Schwester Emma R.

Rauschenbusch war das jüngste von vier Kindern einer baptistischen Familie deutscher Herkunft. Sein Vater Karl August Heinrich Rauschenbusch (1816–1899)[2] war lutherischer Pfarrer in der siebten Generation, schloss sich aber gemeinsam mit seiner Ehefrau Caroline nach seiner Auswanderung in die USA den Baptisten an. Er kehrte später nach Deutschland zurück und übte durch seine schriftstellerische und theologische Lehrtätigkeit wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des damals noch jungen deutschen Baptistenbundes aus. Namentlich bekannt sind auch seine Schwestern Frida Rauschenbusch Fetzer (* 1855) und Emma R. Rauschenbusch Clough (1859–1940), mit letzterer er ein enges Verhältnis pflegte und die als Missionarin in Indien tätig war.[3][4]

Ab 1879 besuchte er das Gymnasium in Deutschland, wo er 1883 das Abitur am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh machte. Es folgte ein Grundstudium an der Universität von Rochester in Rochester. In der gleichen Stadt erhielt er seine theologische Ausbildung am baptistischen Theologischen Seminar, die er 1886 beendete.

Rauschenbusch wurde Baptistenprediger der Second German Baptist Church in Hell’s Kitchen, einer armen Gegend Manhattans. Hier beschäftigte ihn das Schicksal der vielen europäischen Einwanderer in die USA, die oft in städtischen Slums von New York City und anderen Großstädten landeten und verelendeten. Sie arbeiteten und lebten häufig unter menschenunwürdigen Bedingungen und litten an Überarbeitung, Mangelernährung, Krankheiten, Gewalt, Alkoholismus, Kriminalität, Korruption und starben eines zu frühen Todes. Er schloss sich einer Gruppe von Gleichgesinnten an, aus der heraus das Konzept des Social Gospel entwickelt wurde, um etwas von der Gerechtigkeit des Reiches Gottes bereits in dieser Welt sichtbar werden zu lassen. 1891 während eines Sabbaticals in England und Deutschland arbeitete er diese neue Sichtweise weiter aus.[5]

1897 erhielt Rauschenbusch einen Ruf als Professor an das Baptistische Theologische Seminar in Rochester. In mehreren Schriften, vor allem in Christianity and the Social Crisis (1907) und in A Theology of the Social Gospel (1917), schuf er die theologische Grundlage einer sozialen Dimension des Evangeliums und einer daraus resultierenden Verantwortung der Christen für gesellschaftliche Reformen als Schritte auf das Reich Gottes hin.[6]

Er starb am 25. Juli 1918 im Alter von 56 Jahren in Rochester, er wurde am Mt. Hope beigesetzt.[7]

Bedeutung

Rauschenbusch verband in besonderer Weise evangelikalen Pietismus mit kapitalismuskritischer und sozialreformerischer Leidenschaft, damit sich etwas vom Reich Gottes in dieser Welt manifestieren würde. Insofern brach er aber auch mit dem Konservativismus und der Selbstgefälligkeit des amerikanischen Protestantismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Seine Ansichten wirkten vor allem in den USA nach bis in die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, in Deutschland wurde er trotz deutschen Wurzeln kaum beachtet und rezipiert.[8][9][10]

Walter Rauschenbusch gab auch gemeinsam mit dem Sänger Ira David Sankey 1890 ein Gesangbuch heraus und betätigte sich nebenbei als Kirchenliederdichter und -übersetzer in die deutsche Sprache.[11] Im freikirchlichen Gesangbuch Feiern und Loben findet sich unter der Nummer 248 noch eine Liedstrophe von ihm: Schau ich zu deinem Kreuze hin.

Schriften (Auswahl)

  • Evangeliums-Sänger. Autorisierte Ausgabe der Gospel Hymns (Gesangbuch; herausgegeben gemeinsam mit Ira David Sankey). Verlag von J. G. Oncken Nachf. (Philipp Bickel) Hamburg 1890.
  • Christianity Revolutionary. The Righteousness of the Kingdom. Ed. Max L. Stackhouse, Abingdon Press, Nashville 1891 und 1968.
  • Christianity and the Social Crisis. Ed. Robert D. Cross, Harper & Row, New York 1907; Neuauflage mit einem Vorwort von Douglas F. Ottati: Louisville 1991, ISBN 0-664-25321-0.
  • The Freedom of Spiritual Religion. Philadelphia 1910.
  • Christianizing the Social Order. MacMillan, New York 1912.
  • The Social Principles of Jesus. Grosset and Dunlap, New York 1916.
  • A Theology for the Social Gospel. MacMillan, New York 1917; Westminster John Knox Press, Louisville; Library of Theological Ethics Edition, 1997 und Martino Fine 2010 und 2017.
    • Die religiösen Grundlagen der sozialen Botschaft, aus dem Englischen übersetzt von Clara Ragaz, mit einer Einleitung von Leonhard Ragaz, Erlenbach/Zürich 1922.

Literatur

  • Eberhard Amelung: Walter Rauschenbusch. In: Tendenzen der Theologie im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts. Hg. v. Hans Jürgen Schultz, Stuttgart u. a. 1966, S. 69–73.
  • Milenko Andjelic: Christlicher Glaube als prophetische Religion: Walter Rauschenbusch und Reinhold Niebuhr. Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Lang 1998 (Internationale Theologie; Bd. 3) Zugl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1996, ISBN 3-631-33576-8.
  • William H. Brackney: Walter Rauschenbusch – Prophet and Legend, Kirchliche Zeitgeschichte Vol. 31/1, Glaube und der Erste Weltkrieg, S. 199–220, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018.
  • Christoph Bresina: Von der Erweckungsbewegung zum „Social Gospel:“ Walter Rauschenbuschs Herkunft, Umfeld und Entwicklung bis 1891, Dissertation, Universität Marburg, Marburg 1993.
  • Uwe Dammann: Artikel Rauschenbusch, Walter (1861–1918), in: Ev. Lexikon für Theologie und Gemeinde. Band 3, 1994, 1655f.
  • Uwe Dammann: Ein Radikaler für das Reich Gottes. Eine Erinnerung an Walter Rauschenbusch (1861–1918), in: Die Gemeinde. 20/2011, S. 12.
  • Christopher Hodge Evans: The Kingdom always but coming: A Life of Walter Rauschenbusch, William B. Eerdmans, Grand Rapids 2004; Baylor University Press, 2010, ISBN 978-1-60258-209-5.
  • Janet Fishburn: Walter Rauschenbusch and ’The Woman Movement’: A Gender Analysis, in: Wendy J. Deichmann Edwards, Carolyn De Swarte Gifford: Gender and the Social Gospel, University of Illinois Press, Urbana 2003.
  • Karin Förster: Walter Rauschenbusch − Eine biographische Skizze, 1ZThG 18, Verlag der GFTP, Hamburg 2013, ISSN 1430-7820, S. 1–152.
  • Klaus Jürgen Jähn: Walter Rauschenbusch und die Anfänge seiner Theologie des Social Gospel 1886-1891, Band 10, ISBN 978-3-7534-3876-4
  • Reinhart Müller: Walter Rauschenbusch. Ein Beitrag zur Begegnung des deutschen und des amerikanischen Protestantismus, Oekumenische Studien, Band: 1, Brill, 1957.
  • William L. Pitts: The Reception of Rauschenbusch. The Responses of His Earliest Readers, Mercer University Press.
  • Christopher Price: Walter Rauschenbusch: Bringing the Kingdom of God to Alleviate Poverty in Christianity and the Social Crisis, Liberty Theological Review 8, 2024 (doi:10.70623/PPAL8337).
  • Karl Rennstich: Rauschenbusch, Walter. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 7, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4, Sp. 1415–1419.
  • Dores Robinson Sharpe: Walter Rauschenbusch, Kessinger Publishing, 2010, ISBN 978-1-163-15675-9.
  • Donovan E. Smucker: Walter Rauschenbusch und die täuferische Geschichtsschreibung. In: Das Täufertum. Erbe und Verpflichtung. (Hrsg. Guy F. Hershberger), Stuttgart 1963, S. 273–286.
  • Donovan E. Smucker: The Origins of Walter Rauschenbusch’s Social Ethics, McGill-Queen’s University Press, Montreal 1994.
Commons: Walter Rauschenbusch – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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