Walter T. Scheele

deutsch-amerikanischer Chemiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Walter Theodor Scheele (* März 1865 in Köln; † 5. März 1922 in Hackensack, New Jersey) war ein deutsch-amerikanischer Chemiker.

Scheele wurde vor allem als Erfinder der sogenannten Zigarrenbomben bekannt. Diese Bomben wurden von einem deutschen Spionage- und Sabotagering in den Jahren 1915 und 1916 in den Vereinigten Staaten eingesetzt, um Fabriken und Lagerhäuser, in denen Waffen- und Munition produziert und gelagert wurden, zu zerstören. Sie wurden auch auf Schiffen platziert, die Rüstungsgüter nach Europa transportierten.

Leben und Tätigkeit

Scheele wuchs in Köln auf. Nach dem Schulbesuch studierte er Chemie an den Universitäten Bonn und Freiburg. Als Student gehörte er zeitweise einer schlagenden Studentenverbindung an, wobei er bei einem der damals üblichen Fechtkämpfe einen bleibenden Schmiss davontrug. Um 1888 wurde er in Freiburg zum Dr. rer. nat. promoviert. 1890 siedelte Scheele in die Vereinigten Staaten über, wo er in der pharmazeutischen Industrie arbeitete. Nebenbei betätigte er sich als Agent des deutschen Nachrichtendienstes, wofür er 1.500 Dollar pro Jahr erhielt. Von 1912 bis 1914 arbeitete Scheele für die amerikanische Niederlassung der Firma Bayer.

Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs

Deutsche Sprengstoffanschläge 1915/1916 in den Vereinigten Staaten

Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914, in dem die Vereinigten Staaten zunächst bis April 1917 neutral blieben, wurde Scheele für einen Ring deutscher Agenten, Spione und Saboteure rekrutiert. Der Spionagering wurde von dem Militärattaché und dem Marineattache des Deutschen Reiches bei der Deutschen Botschaft in Washington, D.C., Franz von Papen und Karl Boy-Ed, organisiert. Die gewaltige Rüstungsindustrie in den Vereinigten Staaten produzierte seit Sommer 1914 in großem Umfang Munition und sonstige Rüstungsgüter. Diese Güter konnten durch die Blockade des europäischen Kontinents durch die britische Marine seit Kriegsbeginn ausschließlich an die Kriegsgegner des Deutschen Reiches geliefert werden. Daher verfolgten die Vertreter des Deutschen Reiches in den Vereinigten Staaten das Ziel, die Produktion von Munition und anderen Rüstungsgütern in den Vereinigten Staaten so stark wie möglich zu reduzieren und zu verlangsamen. Auch wollten sie bei möglichst vielen fertiggestellten Rüstungsgütern verhindern, dass sie den europäischen Kriegsschauplatz erreichten und dort gegen deutsche Truppen eingesetzt wurden.

Von einer Pencil bomb verletzter Junge, 1918

Zur Erreichung dieses Zwecks entwickelte Scheele 1915 spezielle Bomben. Sie sollten an Bord von Schiffen, die Munition von Amerika nach Europa transportierten, geschmuggelt und in Munitionskisten versteckt werden, um dort zeitverzögert auf hoher See zu explodieren und möglichst viel ihrer Ladung zu zerstören. Diese Bomben wurden aufgrund ihrer Form und Handlichkeit bald allgemein „Zigarrenbomben“ (cigar bombs) oder Bleistiftbomben (pencil bombs) genannt.

Sie bestanden aus einer Bleihülle und zwei Kammern, in denen unterschiedliche Chemikalien eingefüllt wurden, wobei mindestens eine Chemikalie eine Säure sein musste. Die beiden Kammern bzw. Chemikalien wurden durch eine Kupferscheibe getrennt. Die eingefüllte Säure war so beschaffen, dass sie sich zwar nicht durch die Bleiumhüllung der Kapsel fressen konnte, sich aber sehr langsam und über einen Zeitraum von mehreren Tagen durch die Kupferabtrennung fraß. Die Dicke der eingefügten Kupferscheibe bestimmte dabei, nach wie viel Zeit die Abtrennung durchlässig wurde (die Zeitspannen lagen bei zwei Tagen bis einer Woche). Sobald die Trennscheibe durchfressen war und die beiden Chemikalien miteinander in Kontakt kamen, entwickelten sie aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften bei ihrer Vermischung eine intensive Flamme, die die bleierne Umhüllung komplett schmelzen ließ und so in den Raum außerhalb der Kapsel hinausstieß. Die Kapseln wurden in Munitionskisten versteckt mit dem Ziel, zunächst die Munition in der Kiste, in der die Kapsel lag, zur Explosion zu bringen und so eine Kettenreaktion auszulösen. Im Falle einer Nichtversenkung des Schiffs wurde erwartet, dass die Kapseln vollständig geschmolzen sein und somit nach dem Ausbrechen der von ihnen verursachten Feuer jeweils keine inkriminierenden Spuren zurücklassen würden.

Scheeles Zigarrenbomben wurden von deutschen Agenten, zumeist deutsch- oder irischstämmigen Dockarbeitern in amerikanischen Hafenstädten, an Bord von Frachtschiffen mit Munitionslieferungen für die Entente-Mächte geschmuggelt. Später platzierten deutsche Agenten Zigarrenbomben auch in Rüstungsfabriken und Lagerhäusern, um dort Schäden an für die Ententemächte bestimmten Waffen- und Munitionsgütern anzurichten.

Scheeles Bombenwerkstatt befand sich zunächst in der New Jersey Agricultural and Chemical Company of Bogota in New Jersey, deren Präsident er war, und dann an Bord des in den USA internierten deutschen Schiffes Kaiser Friedrich der Große.

Amerikanische Ermittler konnte später 35 Fälle von Schiffen, deren Munitionsladung großteilig oder vollständig durch Scheeles Zigarrenbomben zerstört wurde, positiv feststellen. Die Dunkelziffer weiterer Fälle, in denen Munitionsladungen auf See auf diese Weise zerstört wurden, wird auf etwa drei Mal so hoch geschätzt.

Schiffe, die nachweislich durch Scheeles Bomben in Mitleidenschaft gezogen wurden, waren: die SS Orton, die SS Hennington Court und die SS Carlton, die im Januar bzw. Februar 1915 im Hafen von New York City in Brand gerieten. Dazu zählen auch das britische Frachtschiff SS Grindon Hall, das am 7. Februar 1915 im Hafen von Norfolk in Brand geriet und der Dampfer Regina d’Italia, der am 16. Februar 1915 im Hafen von Jersey City in Flammen aufging. Weitere Schiffe waren die SS La Touraine, die am 27. Februar 1915 während der Fahrt von New York nach Europa vor der Küste von Irland in Brand geriet und der Dampfer SS San Guglielmo, der in Flammen aufging, als er am 11. April 1915 im Hafen von Neapel dockte, nachdem er in Galveston abgefahren war und Zwischenhalt in New York gemacht hatte. Die Ladung trug Schäden im Wert von 200.000 Dollar (inflationsbereinigt 4,2 Millionen Dollar) davon. Weithin wird angenommen, dass ein Großbrand im Juni 1916 im Hafen von Baltimore, das zwei Dampfschiffe sowie Beladeaufzüge vernichtete, wobei ein Sachschaden von etwa 2 Millionen Dollar (mehr als 80 Millionen Dollar im heutigen Dollarwert) entstand, mit Hilfe von Scheele’schen Bomben entfacht wurde.

Zwischen Januar 1915 und April 1916 entdeckten amerikanische, britische und französische Behörden auf dreizehn Schiffen Zigarrenbomben, die nicht zur Detonation gelangt waren, so auf der SS Kirk Oswald in Marseille am 10. Mai 1915 und auf den Schiffen SS Cressington Court, SS Lord Erne und SS Lord Downshire in Le Havre. Sie wurden vom Sprengstoffkommando der New Yorker Polizei als Beweismittel genutzt, um die ganze Sprengstoffanschlagsserie aufzuklären.

Amerikanische Kriegsschiffe, die durch Zigarrenbomben schwer beschädigt wurden, waren die USS Oklahoma, die 1915 in der Werft von Camden in New Jersey in Brand geriet (und erst 1916 so weit repariert war, dass sie wieder in Dienst gestellt werden konnte) sowie zwei weitere Schiffe der US-Marine, die wenige Wochen später in einer Werft in Philadelphia in Brand gerieten.

Zu den Fabriken, die das Ziel von Anschlägen mit Scheele’schen Sprengsätzen wurden, zählten mehrere Munitionsfabriken des Unternehmens DuPont, die Aetna-Fabrik in Grove Run (New York), eine Stahlfabrik in Bethlehem in Pennsylvania, die Baldwin Locomotive Company in Eddystone in New Jersey und am 18. Januar 1915 das Stahlwerk (steel mill) der Firma John A. Roebling's Sons in Trenton. Es brannte bis auf die Grundmauern nieder, wobei ein Schaden von geschätzt 1,5 Millionen Dollar (315 Millionen Dollar in moderner Kaufkraft) entstand.

Im Februar 1916 wurde das kanadische Parlament in Ottawa mit Hilfe von Scheele’schen Bomben in Brand gesetzt.

Die mit Abstand schwerste Explosion, die auf einer kriegsrelevanten Einrichtung mit Hilfe von Scheeles Erfindung herbeigeführt wurde, ereignete sich im Juli 1916 im Verladeterminal der Lehigh Valley Railroad Company auf Black Tom Island im Hafen von New York City: Mehrere in den dortigen Warenhäusern und Schuppen platzierte Zigarrenbomben entfalteten eine kombinierte Wirkung, die zu einer Explosion der dortigen Munitionsbestände führte. Das so erzeugte lokale Erdbeben hatte eine Stärke von 5,5 auf der Richterskala.

Nebenbei unterstützte Scheele die deutschen Kriegsanstrengungen, indem er ein Verfahren entwickelte, um von Deutschland dringend gebrauchtes Gummi in einen pulverisierten Zustand zu transformieren. Den Export von Gummi unterbanden die britischen Behörden in neutrale europäische Staaten. Das Pulver sollte deklariert als harmlose, nicht-kriegsrelevante Materialien wie Kunstdünger die britische Kontinentalblockade in Europa passieren und in neutrale europäische Staaten geliefert werden. Von dort sollte es nach Deutschland gebracht und dort durch ein entsprechendes Verfahren von Pulver in Gummi rückverwandelt werden.

Flucht nach Kuba und Tätigkeit für die US-Regierung (1916 bis 1918)

Nachdem Scheeles Rolle bei den 1915 und 1916 verübten Anschlägen auf Schiffe, Fabriken und Lagerhäusern von amerikanischen Sicherheitsbehörden aufgedeckt worden war, gelang es ihm Anfang 1916 mit Hilfe eines deutschen Konsularbeamten nach Kuba zu fliehen, wo er unter falschem Namen in Havanna lebte. Er wurde in den Vereinigten Staaten in Abwesenheit wegen Sabotage angeklagt, wo man vermutete, dass er nach Europa zurückgekehrt sei. Nachdem die US-Behörden durch Briefe an seine Frau darauf aufmerksam geworden waren, dass er sich in Kuba aufhielt, lieferte die kubanische Regierung ihn im März 1918 auf Druck der US-Regierung an die Vereinigten Staaten aus.

Im Tausch für Straferlass fand Scheele sich schließlich bereit, die Seiten zu wechseln und seine Talente in den Dienst der amerikanischen Kriegsführung zu stellen, nachdem die USA 1917 in den europäischen Krieg eingetreten waren und seit Frühjahr 1918 in größerer Zahl Truppen nach Europa entsandten. Scheele entwickelte während der restlichen Dauer des Krieges Sprengwaffen für die amerikanischen Streitkräfte, darunter mehrere Sprengkörper und luftbeschleunigte Artilleriegranaten (air propelled artillery shells). Die Konstruktion seiner Zigarrenbomben wurde als Patent der US-Marine angemeldet.

Leben nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Krieg ließ Scheele sich in Hackensack nieder, wo er 1922 an einer Lungenentzündung starb.

Literatur

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