Walther Flemming
deutscher Anatom und Zellbiologe (1843-1905)
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Leben
Walther Flemming wurde auf dem Sachsenberg, einer damals noch nicht zum Stadtgebiet von Schwerin gehörigen Heilanstalt, als fünftes Kind des dort wirkenden Psychiaters Carl Friedrich Flemming (1799–1880) und dessen zweiter Frau Auguste, geb. Winter, geboren. Seine drei Schwestern hießen: Julie L Amalie (1830–1884), Anna Mathilde Charlotte (1832–1897) und Clara M (1834–1920). Außerdem hatte er einen Halbbruder namens Carl Johann (1827–1910). Dessen Mutter Carolina Sophia, geb. Baltzer, war im Wochenbett gestorben.
Walther besuchte das Gymnasium Fridericianum Schwerin. Die Stadt war damals Residenz der Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin. Das Abitur bestand er Ostern 1862. Auf dem Gymnasium machte er die Bekanntschaft mit Heinrich Seidel, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.[1]

Die originale Bildunterschrift lautet: Einige aus vielen gesehenen Theilungen aus der menschlichen Cornea. Es handelt sich möglicherweise um die erste publizierte Darstellung menschlicher Chromosomen.
Studium
Flemming studierte an den Universitäten in Göttingen, Tübingen, Berlin und Rostock „Naturwissenschaften und Medicin“.[2][3] In Rostock war er an der Klinik für Innere Medizin Assistenzarzt; dort legte er 1868 das Staatsexamen ab. Außerdem verfasste er seine Doktorarbeit.[4] Den Rest des Semesters verbrachte er mit histologischen und zoologischen Studien in Wien. Im Sommer 1869 arbeitete Flemming als „Privatassistent“ beim Zoologen Karl Semper in Würzburg und wechselte im Herbst zum Physiologen Wilhelm Kühne in Amsterdam.
Der Burschenschaft Germania war er in Tübingen beigetreten.[5] Im Deutsch-Französischen Krieg diente er 1870 als Militärarzt. Zurück in Rostock arbeitete Flemming in der Anatomie als Prosektor und habilitierte im Januar 1871 Ueber Bindesubstanzen und Gefässwandung bei Mollusken.[6]
Profilierung in Prag
Als Prosektor folgte Flemming 1872 dem nach Prag berufenen Anatomen Wilhelm Henke. An der damals deutschsprachigen Karls-Universität hielt er Vorlesungen zu Gewebelehre und Entwicklungsgeschichte. Außerdem habilitiert er sich erneut.[7] Danach übernahm er in Prag die „anatomische Professur“.[3]
Vergeblich bewarb er sich um einen Lehrstuhl an der Albertus-Universität Königsberg. Dem Ruf an die Forstakademie in der Stadt Hannoversch Münden folgte er nicht.
Koryphäe in Kiel
Aus Kiel war der Anatom Karl Kupffer 1875 nach Königsberg gewechselt. Noch im Dezember einigte sich die medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel über die Nachfolge. Die trat Flemming als Ordinarius 1876 an. Sein Arbeitsplatz als Direktor des anatomischen Instituts war bis 1880 der Warleberger Hof. Eine erste Wohnung fand er bei Lotte Hegewisch.
Die neuen Verhältnisse erwiesen sich als bescheiden: «In den Semestern 1876 und 1876/7 hat das Institut in besonderem Grade mit den beiden bestehenden Uebelständen, dem Raummangel und dem Mangel an Material, zu kämpfen gehabt.» Deswegen fielen die histologischen Übungen im Winter aus. Unter den wenigen Neuanschaffungen war ein zusätzliches Mikroskop sowie ein Mikrotom. In jenem Sommer-Semstern hatte die CAU 214 Studenten. Davon studierten 70 Medizin; 27 nahmen an Flemmings Kurs teil.[8][9] Ein erster Doktorand, Dietrich te Gempt, veröffentlichte seine Dissertation: Ein Beitrag zur Lehre von den Nervenendigungen im Bindegewebe.[8] Flemming stellte sich mit einem Vortag beim Kieler physiologischen Verein vor.[10] Er prägte das Fachwort Chromatin.[11] Und endlich, im Jahr 1880, ist das von den Berliner Architekten Walter Gropius und Heino Schmieden in der Hegewischstraße 1 erbaute neue Anatomische Institut bezugsfertig.[12] Doch bereits im Jahr darauf beantragte Flemming dessen Erweiterung.[13] Dann leistet er sich eine kurze Abwesenheit von Kiel, als er 44 Tage die Zoologische Station Neapel für Forschungszwecke nutzt.
Seine Schwester Clara und er zogen 1885 vom Schlossgarten 1 in den Düsternbrooker Weg 55, wo sie eine Villa als gemeinsames Eigentum erworben hatten. Die Liegenschaft schräg gegenüber der Marine-Akademie (heute Finanzministerium der Landesregierung) hatte zuvor Friedrich Adamson von Moltke gehört.[14][15] Vom nach Osten abfallenden Grundstück überblickte man regen Marinebetrieb, denn 1883 hatte ein Gesetz Kiel als “Reichskriegshafen” bestätigt. Die besondere Wohnlage konnten sich die Geschwister Flemming leisten; sie zählten schon dank ihres Erbe zu den wohlhabenden Bürgern. Der Professor bezog zudem jährlich konstant 660 Mark Wohngeld. Seine eigentliche jährliche Besoldung betrug 4.200 M in 1876, 4.500 M in 1880; 4.800 M in 1887, schließlich 6.000 M in 1902.[13]
Flemming hatte etliche Kämpfe mit der Universitätsverwaltung aufgrund der ungenügenden finanziellen und personellen Ausstattung des anatomischen Instituts auszufechten. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als konfliktscheue und friedliebende Persönlichkeit. Bei den Studenten war er aufgrund seiner Milde und seines Wohlwollens beliebt. Schließlich entwickelte er eine nicht näher umschriebene neurologische Erkrankung, derentwegen ihn die Fakultät auf eigenen Antrag 1902 entpflichtete. Als seinen Nachfolger hatte er Ferdinand von Spee vorgesehen und forderte dessen Berufung mit Nachdruck. Dann erlitt er 1904 eine Schenkelhalsfraktur; im Jahr darauf erlag er im Alter von 62 Jahren einer Lungenentzündung. Die Beerdigung fand am Montag, 7. August 1905, auf dem St.-Jürgens-Friedhof statt, unmittelbar neben dem Kieler Kopfbahnhof.[13] Bomben zerstörten im Zweiten Weltkrieg den Bahnhof und das Grab sowie das Anatomie-Institut in der Hegewischstraße.
Auszeichnungen

Im Jahr 1879 wurde Flemming zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina[16] gewählt und 1887 als korrespondierendes Mitglied in die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen aufgenommen.[17] Im Jahr 1893 wurde er korrespondierendes Mitglied der Preußischen[18] und 1896 der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.[19] Seit 1902 war er assoziiertes Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique.[20]
Werk
Flemming war einer der Pioniere der mikroskopischen Zytologie. Unter Verwendung der neu verfügbaren industriell hergestellten Anilinfarben fand er eine Zellstruktur, die sich stark mit basophilen Farbstoffen anfärben ließ und die er deswegen Chromatin (von altgriechisch χρῶμα, chroma = Farbe) benannte. Er entdeckte, dass das Chromatin mit fadenähnlichen Strukturen, den Chromosomen (d. h. „Farbkörperchen“) assoziiert war (dieser Name wurde 1888 von Heinrich Wilhelm Waldeyer geprägt). Etwa zur selben Zeit und unabhängig von Flemming machte der belgische Wissenschaftler Édouard van Beneden ähnliche Beobachtungen. Flemming untersuchte den Prozess der Zellteilung und Teilung des Chromatins, für den er den Begriff Mitose prägte.[21] Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1882 in dem bahnbrechenden Werk Zellsubstanz, Kern und Zelltheilung. Aufgrund seiner Entdeckungen formulierte Flemming den Grundsatz omnis nucleus e nucleo (deutsch: Jeder Zellkern entsteht aus einem Zellkern), in Analogie zu Virchows omnis cellula e cellula (deutsch: Jede Zelle entsteht aus einer Zelle).
Die Arbeiten Gregor Mendels über Vererbung waren Flemming nicht bekannt, so dass er nicht zu der Vermutung kam, dass es sich bei den Chromosomen um die Erbsubstanz handeln könnte. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde mit den Experimenten von Oswald Theodore Avery, Colin MacLeod und Maclyn McCarty bewiesen, dass die in den Chromosomen verpackte DNA tatsächlich die Erbsubstanz darstellt. Nichtsdestoweniger werden Flemmings Arbeiten (zusammen mit denen von August Weismann, Matthias Jacob Schleiden, Theodor Schwann, Thomas Hunt Morgan u. a.) zu den bedeutendsten der modernen Zellbiologie gezählt.[22][23]
Die Deutsche Gesellschaft für Zellbiologie verleiht seit dem Jahre 2004 die Walther-Flemming-Medaille.
Schriften (Auswahl)

- Beobachtungen über die Beschaffenheit des Zellkerns. In: Archiv für mikroskopische Anatomie. Band 13, 1877, S. 693–717.
- Beiträge zur Kenntniss der Zelle und ihrer Lebenserscheinungen. In: Archiv für mikroskopische Anatomie. Band 16, 1879, S. 302–436, Band 18, 1880, S. 151–259, und Band 20, 1881, S. 1–86.
Literatur
- D. Lukács: Walter Flemming, discoverer of chromatin and mitotic cell division. In: Orvosi hetilap. 122, 6, 1981, S. 349–350 (ungarisch) PMID 7015236.
- Nicolà Latronico: Heredity, constitution and diathesis. In: Minerva Pediatr. 52 (1–2), S. 81–115, PMID 10829597.
- C. S. Breathnach: Biographical sketches No. 18 – Flemming. In: Irish medical journal. 75, 6, 1982, S. 177, PMID 7050007.
- N. Paweletz: Walther Flemming: pioneer of mitosis research. In: Nat. Rev. Mol. Cell Biol. 2, 1, 2001, S. 72–75, PMID 11413469.
- W. Flemming: Beiträge zur Kenntniss der Zelle und ihrer Lebenserscheinungen. In: Arch. Mikroskop. Anat. 16, 1878, S. 302–436 und 18, 1880, S. 151–289. Neuabdruck in englischer Übersetzung in: J. Cell Biol. 25, 2007, S. 3–69 (jcb.rupress.org PDF).
- E. A. Carlson: The Analysis of Mitosis Shifts Attention to the Chromosomes. In: Mendel's Legacy. The Origins of Classical Genetics. CSHL Press, 2004, ISBN 0-87969-675-3, S. 24–25.
- P. A. Hardy, H. Zacharias: Walther Flemming und die Mitose: Der Beitrag seiner ersten Kieler Jahre. In: Schr. Naturwiss. Ver. Schlesw.-Holst. 70, 2008, S. 3–15 (schriften.uni-kiel.de, PDF; 624 kB)
- Georg Uschmann: Flemming, Walther. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 5. Duncker & Humblot, Berlin 1961, ISBN 3-428-00186-9, S. 241–242 (deutsche-biographie.de).
- Edith Fleiner: Flemming, Walther. In: Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexikon. Band 4. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1976, S. 72f.
Weblinks
- Literatur von und über Walther Flemming im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur über Walther Flemming in der Landesbibliographie MV
- Flemmings Hauptwerk: Zellsubstanz, Kern und Zelltheilung, 1882; Originaltext als PDF
- W. Flemming Zur Kenntniss der Zelle und ihrer Theilungs-Erscheinungen. In: Schriften des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig-Holstein. 3, 1878, S. 23–27 (Reprint; PDF; 129 kB)
- Walter Flemming Medaille (PDF; 190 kB)
