Wendy Lower
US-amerikanische Historikerin
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Wendy Lower (* 1965) ist eine US-amerikanische Historikerin. Seit 2012 hat sie den John K. Roth Lehrstuhl für Geschichte am Claremont McKenna College in Claremont, Kalifornien inne, seit 2014 ist sie außerdem Direktorin des dortigen Zentrums für Menschenrechte.[1] Als Interim-Direktorin leitet sie seit September 2016 außerdem das Mandel Center for Advanced Holocaust Studies in Washington.[2] Lower forscht zur Geschichte Deutschlands und der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, zum Holocaust, zur Frauengeschichte, zur Geschichte von Menschenrechten und zum Genozid in vergleichender Perspektive.

Leben
Wendy Lower studierte 1985/1986 Geschichte an der Universität Wien; 1987 erhielt sie einen BA vom Hamilton College in Clinton, New York; 1992 studierte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und 1999 erlangte sie den Ph.D. in Europäischer Geschichte an der American University in Washington.
Von 2000 bis 2004 war Lower Wissenschaftliche Mitarbeiterin am United States Holocaust Memorial Museum, von 2004 bis 2007 Assistant Professor an der Towson University in Maryland, von 2007 bis 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München und von 2011 bis 2012 außerdem Associate Professor beim Strassler Family Center for Holocaust and Genocide Studies der Clark University in Worcester.
Forschungen zum Zweiten Weltkrieg
Für ihre Forschungen zur Geschichte Deutschlands, Polens und der Ukraine erhielt Lower zahlreiche Preise und Ehrungen, u. a. 2007 eine Auszeichnung von Choice sowie den Baker Burton Award der Southern Historical Association für das beste Erstlingswerk in Europäischer Geschichte, Nazi Empire Building and the Holocaust in Ukraine.[3] Das Werk zeichnet die Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg nach, die Bestrebungen zum Aufbau deutscher Kolonien unter SS-Reichsführer Heinrich Himmler sowie die komplexe Rolle von deutschen Bürokraten und Militärs und der lokalen Bevölkerung an der Durchführung des Holocaust. Arroganz, Angst, Juden-, Slawen- und Kommunistenhass sind für Lower die zentralen Erklärungen für die imperiale Politik der Nazis in Osteuropa.
Von 2008 bis 2012 arbeite sie am DFG-Forschungsprojekt "Biographien der Gewalt: Massenmord in der Ukraine im 'Zeitalter der Extreme'".[4] Die als Ergebnis 2013 auf Englisch erschienene Monographie Hitler’s Furies wurde in 21 Sprachen übersetzt; 2014 erschien sie in deutscher Übersetzung unter dem Titel Hitlers Helferinnen. In Hitlers Helferinnen wirft Lower einen Blick auf annähernd 500.000 Frauen, die im Zweiten Weltkrieg nach Polen, in die Ukraine, nach Belarus, nach Estland, Lettland und Litauen gingen,[5] versucht, ihren Motiven nachzugehen und der Frage, wieso Täterinnen nach dem Krieg nicht vor Gericht gestellt und verurteilt wurden.[6] Sie hatte ihre Forschungen Anfang der 1990er Jahre im ukrainischen Schytomyr begonnen, wo sie zahlreiche Unterlagen erstmals einsehen konnte.[7]
In den USA war das Buch Finalist für den National Book Award[8] (Kategorie Nonfiction), außerdem für den National Jewish Book Award.[9] In zahlreichen Zeitschriften und Tageszeitungen wurde das Buch nahezu ausnahmslos positiv rezensiert. Die New Republic nannte das Buch mutig und lobte den „biographischen Impuls“. Ambivalent fiel das Urteil in The Guardian aus: Einerseits habe Lower die physische und moralische Landschaft der Zeit gut vermittelt, andererseits habe sie professionelle Killerinnen im Reichssicherheitshauptamt und in der SS nicht in die Darstellung einbezogen.[10]
Außerdem versuchte Lower Hintergründe zu einer Fotografie einer Exekution zu erfahren, um die Identität der darauf abgebildeten unbekannten Opfer zu klären.[11]
Kontroverse
Auf scharfe Kritik stieß Hitlers Helferinnen bei der deutsch-kanadischen Historikerin und Holocaust-Spezialistin Ruth Bettina Birn. Zusammen mit dem Ludwigsburger Historiker Volker Rieß erhob sie „Einspruch“ dagegen, dass „der Holocaust neuerdings als Projektionsfläche für die Gender Studies genutzt“ werde. Birn und Rieß kommen anhand zahlreicher Beispiele zu dem Ergebnis, dass Lowers Thesen vielfach nicht durch die Quellen gedeckt seien und dass die Quellen teilweise das Gegenteil dessen aussagten, was die Autorin behaupte. Zudem behaupte Lower, dass gegenwärtig in „einer friedlichen Gesellschaft (...) Frauen durchschnittlich 14 Prozent aller Gewaltverbrechen und rund zehn Prozent der Morde“ begingen (Zitat: Lower). Anhand dieser Behauptung wage sie wiederum eine „kühne Hochrechnung“ (Zitat: Birn/Rieß), indem sie die Zahl der direkt an den NS-Massenmorden beteiligten Frauen spekulativ auf „mehrere tausend Mörderinnen“ (Zitat: Lower) beziffere. Dabei lasse Lower außer Acht, dass die bei den meisten NS-Verbrechen federführende SS ein „Männerverein“ (Zitat: Birn/Rieß) gewesen sei, der Frauen, wie der NS-Staat überhaupt, häufig nur untergeordnete Helferrollen zuwies.[12]
Publikationen
Monographien
- Nazi Empire-Building and the Holocaust in the Ukraine. University of North Carolina Press, Chapel Hill NC u. a. 2005, ISBN 0-8078-2960-9. (ePub bei z-library.sk ukrainische Ausgabe bei chtvvo.org.ua)
- The Diary of Samuel Golfard and the Holocaust in Galicia (= Documenting Life and Destruction. Holocaust Sources in Context. 4). Altamira Press u. a., Lanham MD 2011, ISBN 978-0-7591-2078-5.
- Hitlers furies. German women in the Nazi killing fields. Houghton Mifflin Harcourt, Boston MA u. a. ,. Mariner Books, Houghton Mifflin Harcourt, Boston, New York 2013, ISBN 978-0-547-86338-2.
- Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust. Aus dem Englischen von Hanser, München 2014,. Carl Hanser, ISBN 978-3-446-24621-8 (google.com).
- Венді Лауер: Фурії Гітлера. Німецькі жінки у нацистських полях смерті. центр вивч. історії Голокосту, Київ 2020 (ukrainisch, org.ua [PDF]).
- The Ravine: A Family, a Photograph, a Holocaust Massacre Revealed. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2021, ISBN 978-0544828698.
Sammelbände
- Mit Ray Brandon: The Shoah in Ukraine: History, Testimony, Memorialization. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2010, ISBN 978-0-253-35084-8.
- Mit Lauren Faulkner Rossi: Lessons and Legacies XII: New Directions in Holocaust Research and Education. Northwestern University Press, 2017, doi:10.2307/j.ctv47w5zs.
- Mit Ben Kiernan, Norman Naimark und Scott Straus: Genocide in the Contemporary Era, 1914–2020 (= The Cambridge World History of Genocide. Band III). Cambridge University Press, Cambridge 2023, doi:10.1017/9781108767118.
Aufsätze und Buchbeiträge
- “Anticipatory Obedience” and the Nazi Implementation of the Holocaust in the Ukraine: A Case Study of Central and Peripheral Forces in the Generalbezirk Zhytomyr, 1941–1944. In: Holocaust and Genocide Studies. Band 16, Nr. 1, 2002, S. 1–22, doi:10.1093/hgs/16.1.1 (org.ua [PDF]).
- A New Ordering of Space and Race: Nazi Colonial Dreams in Zhytomyr, Ukraine, 1941-1944. In: German Studies Review. Band 25, Nr. 2, 2002, S. 227–254, doi:10.2307/1432991.
- Hitler’s 'Garden of Eden' in Ukraine: Nazi Colonialism, Volksdeutsche, and the Holocaust, 1941–1944. In: Jonathan Petropoulos und John Roth (Hrsg.): Gray Zones: Ambiguity and Compromise in the Holocaust and its Aftermath. Berghahn Books, Oxford 2006, S. 185–204, doi:10.1515/9781782382010-019 (org.ua [PDF]).
- The "Reibungslose" Holocaust? The German Military and Civilian Implementation of the "Final Solution" in Ukraine, 1941-1944. In: Gerald D. Feldman und Wolfgang Seibel (Hrsg.): Networks of Nazi Persecution Bureaucracy, Business and the Organization of the Holocaust. Berghahn Books, Oxford 2006, S. 236–256, doi:10.1515/9780857457073-016 (org.ua [PDF]).
- Mit David Furber: Colonialism and Genocide in nazi-occupied Poland and Ukraine. In: Moses A. Dirk (Hrsg.): Empire, Colony, Genocide: Conquest, Occupation, and Subaltern Resistance in World History. Berghahn Books, New York, Oxford 2008, S. 372–400, doi:10.1515/9781782382140-017.
- Panel 2: Case Studies of ‘Ordinary’ Perpetrators. In: Täterforschung im globalen Kontext: Zweite Internationale Konferenz zur Holocaustforschung. München 2009 (org.ua [PDF]).
- Male and Female Holocaust Perpetrators and the East German Approach to Justice, 1949–1963. In: Holocaust and Genocide Studies. Band 24, Nr. 1, 2010, S. 56–84, doi:10.1093/hgs/dcq003 (englisch).
- Hitlers Kolonisatoren in der Ukraine.Zivilverwalter und der Holocaust in Shitomir. In: Fackelträger der Nation. Elitebildung in den NS-Ordensburgen. Böhlau, Wien 2010, doi:10.7788/boehlau.9783412212902.199 (org.ua [PDF]).
- Pogroms, mob violence and genocide in western Ukraine, summer 1941: varied histories, explanations and comparisons. In: Journal of Genocide Research. Band 13, Nr. 3, 2011, S. 217–246, doi:10.1080/14623528.2011.606683 (org.ua [PDF]).
- Axis Collaboration, Operation Barbarossa and the Holocaust in Ukraine. eds. Kay, Rutherford, Stahel (, 2012):. In: Alex Kay, Jeff Rutherford, David Stahel (Hrsg.): Nazi Policy on the Eastern Front, 1941. Boydell & Brewer, 2012, ISBN 978-1-58046-769-8, S. 186–220 (org.ua [PDF]).