Wewelsburg

Dreieckburg im Teutoburger Wald From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Wewelsburg ist ein burgähnliches Renaissanceschloss im Stadtteil Wewelsburg der Stadt Büren im Kreis Paderborn, Nordrhein-Westfalen. Die Höhenburg liegt über dem Tal der Alme und ist eine der wenigen Burgen in Deutschland mit dreieckigem Grundriss.[1] 1123 errichtete Graf Friedrich von Arnsberg an diesem Standort eine Burg. Nach seinem Tod wurde die Burganlage von Bauern zerstört. Später besaßen die Grafen von Waldeck und die Fürstbischöfe von Paderborn Burgen an dieser Stelle. Das heutige Gebäude wurde von 1603 bis 1609 errichtet. Von 1934 bis 1945 wurde die Burg von der SS genutzt und teilweise umgestaltet. Heute sind in der Wewelsburg das Historische Museum des Hochstifts Paderborn und eine Jugendherberge[2] untergebracht.

Schnelle Fakten
Wewelsburg
Die Wewelsburg, aus dem Almetal gesehen

Die Wewelsburg, aus dem Almetal gesehen

Staat Deutschland
Ort Büren-Wewelsburg
Entstehungszeit Vorgänger-Gebäude 9. bis 10. Jahrhundert
Gräfliche Burg 1123, heutiges Gebäude 1603 bis 1609
Burgentyp Höhenburg
Erhaltungszustand Erhalten
Ständische Stellung Grafschaft
Geographische Lage 51° 36′ N,  39′ O
Wewelsburg (Nordrhein-Westfalen)
Wewelsburg (Nordrhein-Westfalen)
Schließen
Luftbild der Wewelsburg; zu erkennen ist der charakteristische dreieckige Grundriss
Ostflügel mit Zugangsbrücke

Geschichte

Vorgeschichte

Ein Vorgängergebäude war die vom mittelalterlichen Chronisten Annalista Saxo erwähnte Wifilisburg, die während des 9. und 10. Jahrhunderts als Schutzburg gegen die Ungarn diente, die in der Volksüberlieferung als Hunnen galten. Dies geht aus der Sachsengeschichte des Chronisten der ersten Liudolfinger, Widukind von Corvey, hervor, der über Heinrichs I. (919–936) Auseinandersetzungen mit den Slawen schrieb:

„Die Daleminzier konnten seinem Angriff nicht widerstehen und holten gegen ihn die Awaren, die wir nun Ungarn nennen, einen im Krieg sehr harten Stamm. Wie manche glauben, waren die Awaren Reste der Hunnen.“[3]

Ein weiteres Gebäude wurde 1123 von Friedrich von Arnsberg errichtet. Nach seinem Tod im Jahre 1124 wurde die Burganlage von den Bewohnern des benachbarten Dorfes zerstört, die von von Arnsberg unterdrückt worden waren. 1301 verkaufte Graf Otto I. von Waldeck die Wewelsburg, die als Erbteil seiner Mutter Mechthild (* um 1235, † nach 13. August 1298), Tochter des Grafen Gottfried III. von Arnsberg, in seinen Besitz gekommen war, an den Fürstbischof von Paderborn. Ein Dokument über diesen Kauf erweist, dass sich zwei festungsähnliche Gebäude auf dem Hügel befanden: das Bürensche und das Waldecksche Haus. 1384 gelangten das Anwesen und die gleichnamige Herrschaft für mehr als 200 Jahre in den mehrfach erneuerten Pfandbesitz der Herren von Brenken. Burg und Amt Wewelsburg schienen untrennbar mit dem mächtigen Adelsgeschlecht verbunden, bis 1589 die Auslösung durch Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg erfolgte.[4]

Fürstbischöfliches Schloss

Die Wewelsburg in den Monumenta Paderbornensia (1672)
Eingänge im Innenhof
Innenhof

Die Wewelsburg wurde in ihrer heutigen Form von 1603 bis 1609 vom Paderborner Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg, der von 1585 bis 1618 regierte, als Schloss im Stil der Weserrenaissance erbaut. Das Mauerwerk beider Vorgängergebäude wurde in das neue Gebäude integriert, das in seiner Gestalt nach den Vorgaben des über dem Flusstal der Alme gelegenen spitzwinkeligen Bergsporns mit den drei Türmen den Charakter der Wewelsburg seither prägt. Von Fürstenberg nutzte es als Jagdschloss und Nebenresidenz. Auf die Nutzung als fürstbischöfliches Jagdschloss bezieht sich die an der Wewelsburg spielende Ballade Kurt von Spiegel der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.[5]

Die Wewelsburg stellt ein so genanntes festes Schloss dar (franz. château fort), das als Wohn- und Verwaltungsgebäude Elemente von Wehrhaftigkeit zeigt und einige Zeit als Nebenresidenz der Fürstbischöfe diente. Nach Süden ist das Vorwerk von einer Ringmauer eingefasst. Dort verhindert ein Trockengraben den Zugang zum Gebäude. Den östlichen Trockengraben quert eine (Zug-)Brücke zum Eingangsportal, neben dem wie in den Südtürmen Schießscharten angebracht sind. Die Westseite liegt mit einer befestigten Auskragung am Talabhang. Alle drei Türme waren ursprünglich mit funktionslosen und nur auf symbolische Wirkung bedachten Zinnenkränzen versehen.

Der Südflügel ist der breiteste und wird von zwei Türmen gerahmt, die schmaler sind als der in der Nordspitze befindliche Hauptturm. Baumaterial ist witterungsempfindlicher Kalkstein, der ursprünglich unter Putz lag. Dieser Putz hob auch die farblich gestalteten Fensterfassungen und bunten bildhauerischen Elemente an Portalen und Erkern hervor.

Die Inschrift im Erker über dem Hauptportal – „Multi quaerent intrare et non poterunt“ = Viele wollen eintreten und können es nicht – weist vor allem auf das Recht des Schlossherrn hin, nicht allen Besuchern Zutritt zu gewähren. Das entsprach dem fürstbischöflichen Willen, im Gebiet Paderborns in der katholisch-protestantischen Konfessionsrivalität den Katholizismus bei seinen Untertanen durchzusetzen.

Das aufwändigste Portal zum Treppenturm mit Stifterinschrift und Lobpreis des Bauherrn und seines Geschlechts liegt im Innenhof und führte in den ersten Stock zu den Räumlichkeiten des Fürstbischofs im Süd- und Ostflügel und zum Festsaal im Westen. Allerdings haben die zweimaligen Zerstörungen unter Carl Gustav Wrangel im Dreißigjährigen Krieg 1646 und im März 1945 die Überlieferung der Baugeschichte stark beeinträchtigt, so dass in heutigen Museumsräumen nur noch Restbestände aus fürstbischöflicher Zeit zu sehen sind: ein mit sieben weiblichen Tugendallegorien versehener Kamin, ein Verhörraum mit anschließenden Verlieszellen (1631 fanden zwei Hexenprozesse statt), eine Richterloge, im Anschluss an Wohngemächer ein Abtritt.

Beim Wiederaufbau unter Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke wurden die Zinnenkränze auf den Türmen durch welsche Hauben ersetzt. Trotz des 1660 abgeschlossenen Wiederaufbaus verlor die Wewelsburg den Rang als Nebenresidenz der Fürstbischöfe. Ein letzter fürstbischöflicher Besuch ist für 1718 dokumentiert. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Schloss wegen der Schulden des Landes nur notdürftig unterhalten. Die Verliese wurden 1752/53 Zivilkerker; 1759 dienten sie als Militärgefängnis vorwiegend für Deserteure. Die Rentmeister blieben mit ihren Familien und Bediensteten bis 1821 im Südostflügel die dauerhaftesten Bewohner.[6]

Das Amt Wewelsburg war bis zu den Napoleonischen Kriegen eine Verwaltungseinheit des Hochstifts Paderborn. Es umfasste die Orte Ahden, Brenken, Haaren, Helmern, Niederntudorf, Oberntudorf und Wewelsburg.[7][8]

Preußischer Besitz

1802 ging die Wewelsburg aufgrund der Auflösung des Hochstifts Paderborn im Zuge der Säkularisation an den preußischen Staat über. Am 11. Januar 1815 brannte der Nordturm nach einem Blitzschlag aus – nur die Außenmauern blieben stehen. Die vormalige Wohnung des Rentmeisters diente von 1832 bis 1934 als Pfarrwohnung.

Besitz des Kreises Büren

1924 wurde der Kreis Büren Eigentümer der Burg.[9] Sie wurde zu einem Kulturzentrum ausgebaut, zu dem ab 1925 ein Heimatmuseum und eine Jugendherberge gehörten.[10] Die Erhaltung der Burg wurde vom Verein zur Erhaltung der Wewelsburg unterstützt. Nach 1925 verlangsamten sich die Renovierungstätigkeiten.[11] Ende der 1920er Jahre erwies sich der Nordturm als statische Schwachstelle; im Winter 1932/33 wurde er mit schweren Eisenringen verstärkt.

Gigantomanie während der NS-Zeit

Während der NS-Zeit geriet sowohl das Gebäude der Burg, als auch der gesamte umliegende Ort unter den zunehmenden Einfluss der SS, konkret unter den des Reichsführers-SS Heinrich Himmler. Im Hinblick auf neue Einrichtungen für die Aufgaben des SS-Rasseamtes wollte er an der Burg und ihrer Umgebung tiefgreifende Umgestaltungen vornehmen lassen. Die Hintergründe dieser Pläne waren vielschichtig und kontrovers: Bestimmte Teile der SS sahen die Zukunft der Burg in einer ideologischen Kaderschmiede für ihren Nachwuchs; andere Teile sahen sie sehr viel profaner als einen exklusiven Tagungsort für die oberste Führungsriege.

Ölgemälde der Wewelsburg (links) im Münchner Führerbau bei einer Polizeiführerbesprechung am 9. November 1939, darunter, von links nach rechts: SS-Obersturmbannführer Franz Josef Huber, SS-Oberführer Arthur Nebe, Reichsführer SS Heinrich Himmler, SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich und SS-Oberführer Heinrich Müller.[12]

Hintergründe

Himmlers seit Kindertagen bestehende Begeisterung für alles, was er als germanisch ansah, ließ ihn seit 1933 zusammen mit Walther Darré daran arbeiten, die SS in Westfalen zu verankern, dem nach Auffassung Darrés „germanischsten“ aller deutschen Landstriche.[13][14][15] Gleichzeitig war Himmler unter dem Eindruck seiner Aufenthalte auf der Grevenburg während des Lippischen Wahlkampfs im Januar 1933 zu der Auffassung gelangt, die Schulung der SS könne nicht in schmucklosen Räumen erfolgen, es bedürfe dafür vielmehr „eine[r] weltanschaulich anregende[n], behagliche[n] Umgebung“, am besten einer germanischen Burg.[16] Aus diesem Grund widmete er das ursprünglich fürstbischöfliche Residenzschloss 1935 willkürlich in eine Burg um und verfügte, dass deren Leiter den, wie es in der Literatur heißt, „mittelalterlich-soldatisch klingenden Titel“ „Burghauptmann“ tragen sollten.[17]

Nachdem die ursprüngliche Entscheidung Himmlers, die von ihm ersonnene SS-Schule in der lippischen Burg Schwalenberg zu realisieren, offenbar durch Adolf von Oeynhausen und Hermann Bartels hintertrieben worden waren, da ihr auf Westfalen angelegter politischer Einfluss nicht bis ins Lippische reichte, fiel die Wahl im November 1933 auf die Wewelsburg.[18] Noch im selben Jahr ernannte Himmler den Münsteraner NSDAP-Gaukulturwart Hermann Bartels zum leitenden Architekten, der sich sogleich an die Arbeit machte. Im Juni 1934 schloss die NSDAP (in Vertretung der selbst nicht rechtsfähigen SS) mit dem Kreis Büren einen auf 100 Jahre angelegten Mietvertrag zum symbolischen Preis von einer Reichsmark pro Jahr. Der Versuch des Bürener Landrats, eine Vertragsklausel durchzusetzen, nach der die Burg im Falle der Auflösung der NSDAP oder gar ihres gesetzlichen Verbots an den Kreis zurückfallen sollte, scheiterte. Am 22. September 1934 übergab der Kreis im Rahmen eines Festakts die Burg an Himmler persönlich.[19] Als erster „Burghauptmann“ wurde Manfred von Knobelsdorff, ein Schwager Darrés, eingesetzt.[20]

Geplante Baumaßnahmen

Mit dem Wechsel zur Wewelsburg und der sich ausweitenden Macht der SS im Führerstaat wechselten auch die Vorstellungen über die Verwendung und Ausgestaltung einer „SS-Burg“. Innerhalb der SS kursierten diesbezüglich zwei unterschiedliche Strömungen. Die Gefolgsleute um Manfred von Knobelsdorff, seinerseits ganz auf der Linie der „Blut und Boden-Ideologie“ seines Schwagers Darré, sahen in der Burg ein zukünftiges Zentrum zur weltanschaulichen Schulung von SS-Offizieren und -anwärtern. Um diese Schulungen zu ermöglichen, wurden acht SS-Männer (die erste „SS-Burgmannschaft“) angestellt, die eine als wissenschaftlich begriffene Forschung in diese Richtung besorgen sollten, darunter Hans Peter Des Coudres,[21] Wilhelm Jordan,[22] sowie Bernhard Frank und Rudi Bergmann.[23]

Dem einflussreichen Chefbauplaner Bartels schwebte jedoch eine exklusive Versammlungsstätte für einen nur sehr kleinen Kreis ebenso exklusiver Gäste vor. Nach seinen Vorstellungen sollte die Burg dem höheren Führungspersonal der SS und dessen hochrangigen Gästen aus Partei und Staat vorbehalten bleiben. In seinen noch 1933 entworfenen Plänen war von Schulungsräumen keine Rede mehr, dennoch präsentierte er sein Konzept unter der Bezeichnung „Reichsführerschule der SS“. Diese sah einige „Studierzimmer“ mit deutlich weniger Schlafplätzen vor als jenen 80 bis 100 Plätzen, die Himmler für die Burg Schwalenberg angekündigt hatte. Dafür sahen sie aber Wohnräume für Himmler und den Burghauptmann samt seiner Familie, sowie einen großen Saal mit Bühne, eine Bibliothek und einem Museum vor.[24][25]

Himmler nahm diese ersten Pläne seines Architekten am 2. Januar 1934 ohne Änderungen an, vermied es im Folgenden aber, für eine der beiden Strömungen deutliche Partei zu ergreifen und sprach ab jetzt davon, die Wewelsburg werde eine „Hohe Schule für die SS“ darstellen.[26]

Parallel zur Weiterentwicklung der SS zu jenem „nationalsozialistische[n], soldatische[n] Orden nordisch bestimmter Männer, [… jener] geschworene[n] Gemeinschaft ihrer Sippen“,[27] begann er damit, der Wewelsburg „den Charakter eines charismatisch und rituell aufgeladenen Treffpunkts für die Führungsriege seines selbsternannten soldatisch-rassistischen Ordens – die Gruppenführer – [zu] geben“.[28] Zu diesem Zweck plante er, einen „Saal der Gruppenführer“ einzurichten. Die hier zugangsberechtigten Generäle sollten nach ihrem Tod mit eigenen Wappen an den Wänden verewigt werden. In diesem Saal sollten jährliche Treffen der höchsten SS-Führer stattfinden und die neu zu befördernden SS-(Ober-)Gruppenführer hier vereidigt werden. Ferner plante er einen „Schrein“ zur Aufbewahrung der Totenkopfringe gefallener oder sonst verstorbener SS-Angehöriger und einen speziellen, als „Gruft“ bezeichneten Raum zum Gedenken an die Toten der SS.[29]

Am 6. November 1935 übernahm Himmler die Wewelsburg in seinen „Persönlichen Stab“ und verhängte ein (1939 erneuertes) Berichtsverbot über alle Vorgänge auf der Burg. Die dortige Dienststelle firmierte von nun an als „SS-Schule Haus Wewelsburg“. Ihr Leiter trug fortan die Bezeichnung „Burghauptmann“.[30]

Um seine Vorhaben präzise organisieren und finanzieren zu können, gründete Himmler Anfang 1936 die Gesellschaft zur Förderung und Pflege Deutscher Kulturdenkmäler e. V. Sie fungierte nicht nur als Bauträgerin und Kreditnehmerin;[31] systematisch enteignete sie ab 1940 alle Eigentümer der den Umbauarbeiten im Wege stehenden Immobilien; und sie beschaffte die benötigten Arbeitskräfte, d. h. Häftlinge, was 1939 zunächst zur Einrichtung eines provisorischen Außenlagers, 1941 dann zur Einrichtung des KZ Niederhagen führte.

Das Jahr 1938 brachte grundlegende Veränderungen. Nachdem von Knobelsdorff sich gegenüber der Dorfbevölkerung derart arrogant verhalten hatte, dass es selbst den SS-Spitzen zu viel gewesen war,[32] und er auch aus anderen Gründen als mit seinem Amt überfordert angesehen wurde,[33] verlor er seine Position als „Burghauptmann“. Mit dieser Personalie verlor auch sein Schwager Darré seinen Einfluss auf die zukünftige Ausgestaltung der Burg. Es kam zur vorübergehenden Schwächung derjenigen Strömung, die die Burg vor allem zu Schulungszwecken verwenden wollte.[34] Neuer „Burghauptmann“ wurde Karl Elstermann von Elster, der aber schon nach kurzer Zeit durch Siegfried Taubert ersetzt wurde.[35] Er war bereits SS-Brigadeführer (Generalmajor). Als er Anfang 1943 auch noch zum Obergruppenführer befördert wurde, war er, anders als von Knobelsdorff, der lediglich den Rang eines SS-Sturmbannführers (Major) erreicht hatte, ein „Burghauptmann“, wie Himmler und Bartels ihn sich wünschten. Er zählte nun zu jenem elitären Personenkreis, dem nach Auffassung dieser Strömung die Burg vorbehalten sein sollte.

Entwurf zum Ausbau der Wewelsburg (im Zentrum des Halbkreises)

Mit dem Machtzuwachs der SS in den 1930er Jahren wuchsen die Bartelschen Pläne zum weiteren Ausbau der Burg ins Gigantische. Ab 1939 verortete er sie in einer großräumigen Pfalzanlage, für die nahezu das gesamte Dorf abgerissen werden sollte. Seine Pläne werden in der Literatur, unter Hinweis auf Karl Hüser, den Verfasser des „bis heute maßgebliche[n] wissenschaftliche[n] Werk[s] zur [Wewelsburg als] ‚Kult- und Terrorstätte der SS‘ “,[36] wie folgt beschrieben:

„Er plante die Errichtung einer zusammenhängenden Gebäudeanlage , die sich wie ein Riegel zwischen die auf einem dreieckigen Bergsporn stehenden Wewelsburg und das gleichnamige Dorf geschoben hätte. […] Der große runde Nordturm an der Spitze der dreieckigen Wewelsburg bildete darin den Mittelpunkt einer dreiviertelkreisförmigen Ringanlage. In einem Radius von 430 Metern sollte die ‚Burg‘ über dem Flußtal der Alme von einer Mauer mit 18 Türmen umschlossen werden. [...] Die Höhe des gleichschenkligen ‚Burg‘-Dreiecks gab die Richtung vor, die eine zwei Kilometer lange, schnurgerade Hauptzufahrtsstraße einschlagen sollte - ausgeführt als Prachtstraße mit vier Baumreihen. In 635 Metern Entfernung vom Nordturm plante Bartels die ringförmige Hauptstraße des vollständig verlagerten künftigen Dorfes Wewelsburg, das durch drei radiale Straßen und besondere Toreingänge mit der Burg verbunden werden sollte. Neben dem Aufbau eines neuen Dorfs Wewelsburg war an die Errichtung einer SS-Siedlung, einer Villen-Kolonie für höhere SS-Führer und einer SS-Kaserne gedacht. Nochmals knapp 500 Meter weiter sah Bartels einen kreisrunden Verlauf der Provinzialstraße als äußeren Abschlußring der Gesamtanlage vor. Im weiteren Umfeld wollte er größere Bauernstellen anlegen lassen, teilweise als Streusiedlungen aus drei bis vier Höfen.“[37]

Realisierte Baumaßnahmen

Die baulichen Maßnahmen erreichten – ungeachtet der kontroversen Vorstellungen – beträchtliche Ausmaße. In den Anfangsjahren erhielt die Wewelsburg eine vollständig neue Inneneinrichtung, die zum Teil mit SS-Ornamentik geschmückt war. Ferner gab Himmler die Anfertigung zahlreicher Kunstgegenstände, darunter ein großes Triptychon für die Eingangshalle in Auftrag.[38][39] Die weiteren im Innern der Burg realisierten Umbauten betrafen vor allem den Nordturm: Hier wurden massive Umbauarbeiten in Gang gesetzt, um die im Erdgeschoss befindliche Kapelle zum „Obergruppenführersaal“ und das darunter liegende Kellergewölbe zur „Gruft“ umzubauen, zwei Räume, in denen eine auffällige Zahlensymbolik um die Zahl Zwölf zum Ausdruck kommt.[40] Allerdings waren diese Arbeiten bis zum Ende des Krieges noch nicht abgeschlossen. Auch die Wappenaktion war vorzeitig abgebrochen worden.

Das Äußere der Burg wurde durch Abnahme des Putzes, Vertiefung der Gräben und Errichtung einer neuen Brücke „burgähnlicher“ gestaltet. In den Jahren 1936–1937 entstand ein Wachgebäude am Burgvorplatz. In den Jahren 1939–1941 kam ein sogenanntes SS-Stabsgebäude hinzu.

Im Dorf errichtete der Chefarchitekt zunächst seine persönliche Villa, die Villa Bartels, die auch als Führerhaus Nr. 1 bezeichnet wurde. Für SS-Personal wurden die ersten sieben der zahlreich geplanten Wohnhäuser gebaut, von denen heute noch sechs vorhanden sind. Die für die Arbeiten benötigten Steine mussten von den Häftlingen, weitgehend ohne technische Hilfsmittel, in einem Steinbruch abgebaut und zu den verschiedenen Baustellen gebracht werden. Im Kontext dieser Vernichtung durch Arbeit überlebten 1.229 Menschen diese Arbeiten nicht.[41]

Am Karsamstag des Jahres 1945 (31. März) befahl Himmler die Sprengung der Burganlage und der angrenzenden Verwaltungsgebäude.[42][43] Die Wewelsburg brannte vollständig aus, ebenso das Wachgebäude; das benachbarte Stabsgebäude wurde vollständig zerstört.[44]

Am 2. April 1945 wurde die zerstörte Burg von den Amerikanern eingenommen.

Bedeutungen und Fehldeutungen

Ebenso unüberschaubar wie die Literatur zur Geschichte der SS[45] sind die Ansätze, den Wewelsburger Geschehnissen zwischen 1933 und 1945 punktuell oder in Gänze bestimmte Deutungen zuzuweisen.

Die unmittelbar praktische Bedeutung der Burg für die SS war jedenfalls insofern gering, als mangels Fertigstellung der beiden Räume „Obergruppenführersaal“ und „Gruft“ dort weder die von Himmler angekündigten Vereidigungen, noch regelmäßige Gruppenführertagungen stattgefunden haben. Die vielfach kolportierte Deutung, Himmler habe diese beiden Räume nach dem Vorbild der Sagen um König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde entworfen, wurde bereits von Karl Hüser „ins Reich der Legende“ verwiesen.[46] Lediglich ein Mal rief Himmler eine Gruppe hoher SS-Führer auf der Wewelsburg zusammen. Dies geschah vom 12. bis 15. Juni 1941, um ihnen die Kriegsziele des Russlandfeldzuges zu erläutern.[47]

Für die ebenfalls häufig anzutreffende Deutung, die Wewelsburg habe dem Orden der SS – ebenso wie die Marienburg in Westpreußen den Deutschrittern – als geistiges Zentrum und Ort der Inspiration dienen sollen, fand die historische Forschung lediglich einen einzigen und damit wenig aussagekräftigen Anhaltspunkt: einen Eintrag im Tagebuch des ersten „Burghauptmanns“ von Knobelsdorf vom 7. März 1938.[48]

Mit großem Engagement hat Frank Helzel versucht, die sehr umstrittene Deutung zu bemühen, Himmler habe sich als eine Reinkarnation des Sachsenkönigs Heinrichs I. begriffen. Aufgrund dessen enormer Bedeutung als Begründer der ottonischen Herrschaft und Wegbereiter des späteren deutschen Königtums sei die Wewelsburg letztendlich als eine „Heinrichsburg“ anzusehen. Mit der Wahl dieser Burg, die unstreitig auf den Überresten einer alten sächsischen Wallburg ruht, habe die SS erkennbar an Traditionen Heinrichs I. angeknüpft. Ihre Bedeutung während der NS-Zeit sei daher nur im Kontext der Heinrichrezeption zu verstehen, denn diese habe das grundlegende Verständnis für das Handeln der SS dargestellt. So sei u. a. die von der SS immer wieder thematisierte Sage von der „Schlacht am Birkenbaum“ zu berücksichtigen, in der ein Heer aus dem Osten in einer als apokalyptisch geltenden Schlacht vom Westen geschlagen wurde. Aus demselben Grund habe auch die Heilige Lanze einen offensichtlichen Bezugspunkt für die Bauentwürfe Hermann Bartels dargestellt.[49][50] Sein Forschungsansatz und einige seiner Überlegungen trafen auf positive Resonanz, zahlreiche seiner Darstellungen werden aber u. a. dahingehend kritisiert, dass sie auf alter Literatur wie beispielsweise der Heinz Höhnes basieren, dass sie Legenden anderer Autoren wie etwa einige Trevor Ravenscrofts kritiklos übernähmen und dass sie die hochkomplexen Querbezüge zwischen Heinrichrezeption und NS-Ideologie häufig sehr verkürzt dargestellt hätten.[51][52]

Nutzung nach 1945

Zugangsbrücke

Der Wiederaufbau der Wewelsburg erfolgte bereits 1948/1949; der Nordturm folgte erst 1973–1975. Ab 1950 war sie wieder Jugendherberge und Heimatmuseum des Kreises Büren, seit 1975 des Kreises Paderborn. Sie beherbergt heute das Kreismuseum Wewelsburg und eine Jugendherberge.

Im Süd- und Ostflügel der Burg befindet sich die regionalgeschichtliche Abteilung des Kreismuseums, das Historische Museum des Hochstifts Paderborn. Die Dauerausstellung zeigt in 29 Räumen kulturhistorisch bedeutsame Objekte und Inszenierungen zur Geschichte des Hochstifts Paderborn von den Anfängen der Besiedlung bis ins Jahr 1802.

Das ehemalige SS-Wachgebäude am Burgvorplatz beherbergt eine zeitgeschichtliche Abteilung des Kreismuseums, die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 mit der Ausstellung Ideologie und Terror der SS. Hierbei handelt es sich um die weltweit einzige umfassende museale Gesamtdarstellung der Geschichte der Schutzstaffel (SS) der NSDAP. Die lokale Geschichte der SS in Wewelsburg sowie des dortigen Konzentrationslagers wird eingebettet in eine Gesamtgeschichte der SS. Diese zeitgeschichtliche Abteilung des Museums wurde in mehrjähriger Arbeit neu gestaltet und am 15. April 2010 neu eröffnet.

Der ehemalige „Obergruppenführersaal“; in der Mitte des Saales befindet sich das Ornament, das „Schwarze Sonne“ genannt wird.

Neben den Ausstellungsräumen in den historischen Räumen des ehemaligen Wachgebäudes sind zwei Räume aus der SS-Zeit im Nordturm der Wewelsburg erhalten geblieben, die während der Öffnungszeiten der Gedenkstätte besichtigt werden können. Es handelt sich um den „Obergruppenführersaal“ und die „Gruft“. Das dunkelgrüne Ornament auf dem Marmorfußboden des „Obergruppenführersaals“ hat sich in den letzten Jahren unter dem Namen „Schwarze Sonne“ zu einem Erkennungssymbol unter Rechtsextremisten und vermeintlichen „Kraftzeichen“ unter Esoterikern entwickelt. Es wird seit 1991 mit dem bereits seit den 1950er Jahren diskutierten esoterisch-neonazistischen Konzept der Schwarzen Sonne in Verbindung gebracht.[53]

Eine weitere Dauerausstellung des Kreismuseums zum Thema Deutsche im östlichen Mitteleuropa. Flucht – Vertreibung – Integration wurde mit dem Umbau 2010 geschlossen.

Die Jugendherberge im Westflügel wird vom Deutschen Jugendherbergswerk betrieben. Sie verfügt über 204 Betten und mehrere Tagungsräume sowie eine Sporthalle.

Siehe auch

Literatur

  • Daniel Bérenger (Hrsg.): Führer zur Vor- und Frühgeschichte der Hochstiftkreise Paderborn und Höxter (= Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg, 4). Scriptorium, Münster 2002 ff., ISBN 3-932610-24-5.
  • Heiner Borggrefe: Die Wewelsburg – ein historisierendes Jagd- und Lustschloss um 1600. In: Wulf E. Brebeck (Hrsg.): 400 Jahre Wewelsburg. Paderborn 2010, S. 37–54.
  • Wulff E. Brebeck: Die Wewelsburg. Geschichte und Bauwerk im Überblick (DKV-Edition). Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2005, ISBN 3-422-06521-0.
  • Wulff E. Brebeck, Barbara Stambolis (Hrsg.): Erinnerungsarbeit kontra Verklärung der NS-Zeit. Vom Umgang mit Tatorten, Gedenkorten und Kultorten (= Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg, 7 / Wunderkammer 7). München.
  • Michael Burleigh: Germany Turns Eastwards. A Study of “Ostforschung” in the Third Reich. 2. Auflage. Pan Books, London 2002, ISBN 0-330-48840-6.
  • Karl Hüser: Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Bonifatius-Druckerei, Paderborn 1982, ISBN 3-87088-305-7.
  • Karl Hüser, Wulff E. Brebeck: Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Bonifatius-Druckerei, Paderborn 1999, ISBN 978-3-87088-534-2.
  • Kirsten John: „Mein Vater wird gesucht …“: Häftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburg (= Historische Schriften im Kreismuseum Wewelsburg, 2). 4. Auflage. Essen 2001, ISBN 3-88474-542-5.
  • Kirsten John-Stucke, Daniela Siepe (Hrsg.): Mythos Wewelsburg. Fakten und Legenden (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg, Band 10). Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-78094-2.
  • Michael H. Kater: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (= Studien zur Zeitgeschichte 6). 4. Auflage. Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57950-5 (teilw. zugl.: Heidelberg. Univ., Diss., 1966; Volltext online).
  • Walter Melzer: Die Wewelsburg vom hohen Mittelalter bis in die frühe Neuzeit: Ergebnisse einer archäologischen Untersuchung zu den Anfängen der Burg (= Schriftenreihe des Kreismuseums Wewelsburg, 4). Paderborn 1992, ISBN 3-925355-70-7.
  • Walter Melzer: Die Wewelsburg im Mittelalter – Ergebnisse einer archäologischen Grabung. Hrsg. vom Historischen Museum des Hochstifts Paderborn, Kreismuseum Wewelsburg, Büren-Wewelsburg 1998.
  • Karl E. Mummenhoff: Die Wewelsburg (= Große Baudenkmäler, Heft 265). München/Berlin 1972.
  • Andreas Pflock, Gerrit Visser: Von Hengelo nach Wewelsburg – Lebensstationen und Briefe des niederländischen Gewerkschafters aus nationalsozialistischer Gefangenschaft / Van Hengelo naar Wewelsburg – Levensloop en brieven van de Nederlandse vakbondsman uit het nationaal-socialistische gevangenschap. 2005, ISBN 3-932610-35-0 (niederländisch, deutsch).
  • Jan Erik Schulte (Hrsg.): Die SS, Himmler und die Wewelsburg. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-506-76374-7 (Rezension).
  • Albrecht Seufert: In Form eines Triangels, in einer wahrlich sehenswerten und prachtvollen Gestalt. Die Geschichte der Wewelsburg bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts (= Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte in Nord- und Westdeutschland, Band 3). Marburg 1992, ISBN 3-89445-121-1.
  • Albrecht Seufert: Die Wewelsburg als Dreiecksschloss vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Kreismuseum Wewelsburg, Büren-Wewelsburg 1998.
  • Hubert Vogel: Die Wewelsburg und das ehemalige Kloster Böddeken. Paderborn 1899.
  • E. Unger-Winkelried: Die Schlacht am Birkenbaum. In: Stimme der Heimat, 7. März 1943, Berlin, in: Sonderdienst für den Frontgenossen, hrsg. v. d. Reichspressestelle der NSDAP in Zusammenarbeit mit dem Oberkommando der Wehrmacht, Folge 246, S. 16–17.
  • Arfst Wagner: Nationalokkultismus, Teil I. In: Flensburger Hefte Nr. 40: Rassismus, Ausländerhaß, Nationalismus. Flensburg 1993.

Sonstige Medien

  • Schwarze Sonne. Film von Rüdiger Sünner (Herausgeber: Absolut Medien, Reihe Dokumente 251) – das Begleitbuch zum Film ist vom selben Autor unter gleichem Titel im Herder Verlag erschienen.
  • Heinrich Himmlers Burg. Die Wewelsburg: Das weltanschauliche Zentrum der SS. Film von Karl Höffkes und Stuart Russell (Herausgeber: Polar Film + Medien GmbH, Reihe Videos zur Zeitgeschichte).
  • Wewelsburg 1933–1945, Kult- und Terrorstätte der SS. Ein Film von Anne Roerkohl (Herausgeber: LWL-Medienzentrum für Westfalen). DVD, Münster 2006.
  • Wewelsburg. Ideologie und Terror der SS. Hauptfilm von Anne Roerkohl und Gesa Kok. Dazu eine Reihe von Zusatzfilmen und -materialien (hrsg. vom Kreismuseum Wewelsburg und dem LWL-Medienzentrum für Westfalen). Doppel-DVD, Münster 2011.
  • Wulff E. Brebeck, Karl Hüser, Kirsten John-Stucke: Die Wewelsburg 1933–1945, SS-Größenwahn und KZ-Terror. CD-Rom mit Begleitheft (deutsch oder englisch) des LWL-Medienzentrums für Westfalen, 2007.
  • ZDF-Dokumentation Böse Bauten. Teil IV Hitlers Architektur – Spuren vom Westwall bis zur Autobahn. 2017 (27.00, 33:55 Min.).
Commons: Wewelsburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI