Wilhelm Schussen

deutscher Schriftsteller From Wikipedia, the free encyclopedia

Wilhelm Schussen, eigentlich Wilhelm Frick, (* 11. August 1874 in Kleinwinnaden; † 5. April 1956 in Tübingen) war ein deutscher Schriftsteller.

Emil Stumpp: Wilhelm Schussen (1926)
Grab auf dem Stadtfriedhof Tübingen

Leben

Die Eltern von Wilhelm Schussen betrieben in seinem Geburtsort eine kleine Gast- und Landwirtschaft. Statt diese Kleinbetriebe zu übernehmen, ging Schussen ans Lehrerseminar nach Saulgau und Ochsenhausen und wurde Realschullehrer. Nach Stationen als Lehrer in Cannstatt bei Stuttgart und Schwäbisch Gmünd wurde er aber bereits 1912 krankheitsbedingt in den Ruhestand versetzt. Danach arbeitete er als Verlagslektor in München und schließlich als freier Schriftsteller.

1907 erschien sein erstes Buch, der Schelmenroman „Vinzenz Faulhaber“. Sein Pseudonym Wilhelm Schussen wählte er nach dem Namen des Flusses Schussen, der in der Nähe seines Geburtsorts entspringt. In schneller Folge veröffentlichte Schussen weitere Romane, Essaybände, autobiografische Schriften sowie Gedichte. Er gehörte zu Lebzeiten mit mehr als 30 Publikationen zu den produktivsten, meistgelesenen und populärsten schwäbischen Schriftstellern.

Enthüllung der Gedenktafel am Geburtshaus von Wilhelm Schussen unter Führung der NSDAP und Männern der SA

Seinen Zeitgenossen galt er als bedeutender Humorist und Autor von Rang, dessen Werke „neben den besten deutschen Erzählungen“[1] bestehen können. Hermann Hesse, mit dem Schussen zunächst befreundet war, lobte an seinen Büchern den „echt schwäbischen Eigenbrötler“ und die „wunderliche“ Mischung aus „schwäbischer Wirklichkeit“ und „schwäbischer Romantik“.[2]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte er im Oktober 1933 zu den 88 deutschen Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten.[3] Er gehörte von Anfang an zu einer 1938 von dem württembergischen Reichsstatthalter Wilhelm Murr unter der Bezeichnung Schwäbischer Dichterkreis gegründeten Gruppe schwäbischer Schriftsteller, was verdeutlicht, dass Wilhelm Schussen von Seiten des NS-Machtapparats als systemkonform betrachtet wurde.[4] Anlässlich seines 60. Geburtstags erhielt er 1934 vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda 10.000 und von der Gauleitung Württemberg 3000 Reichsmark als Anerkennung für sein Gesamtwerk. Einen Beitrag zum Führerkult um Hitler leistete er insbesondere mit seinem Huldigungsgedicht „So hoch steht der Führer“, das 1940 – überregional – in Westermanns Monatsheften veröffentlicht wurde. Dieses Gedicht u. a. wurde anschließend bei vielen Hitlerjugenden als regelmäßiger Treueschwur gegenüber Adolf Hitler eingesetzt. Am 14. Juli 1935 wurde am Geburtshaus von Wilhelm Frick (Schussen) im Auftrag der NSDAP von der Ortsgruppe der SA eine Gedenktafel enthüllt, am selben Tag wurde Wilhelm Frick (Schussen) das Ehrenbürgerrecht von Schussenried verleihen. Nach dem Sturz des Naziregimes distanzierte sich Wilhelm Frick (Schussen) nicht öffentlich von seinem Engagement für Adolf Hitler und seiner Propaganda für die Nazis. Hermann Hesse machte seinem langjährigen Freund in einem an diesen gerichteten Brief vom 1. März 1946 wegen seiner Von-nichts-gewusst-Haltung schwere Vorwürfe und brach den Kontakt zu Frick ab.[5] Nach Jahren in Stuttgart und Ravensburg zog er 1937 nach Tübingen, wo er auch starb. Sein Grab auf dem dortigen Stadtfriedhof liegt unmittelbar neben dem Hölderlins.

Zahlreiche Straßen (Bad Schussenried, Herbertingen, Lichtenstein, Tübingen, Wangen im Allgäu) und eine Schule (Kehlen) tragen heute Wilhelm Schussens Künstlernamen und zeugen von seinem einstigen Bekanntheitsgrad in Oberschwaben. Die Stadt Tübingen hat in den letzten Jahren eine Untersuchung zu Frick (Schussen) und seinem Wirken während der Nazizeit veranlasst. Frick (Schussen) war keine einfacher Mitläufer, er hat den Nationalsozialisten aktiv und ohne Zwang mit seinen Werken zugearbeitet und war, obwohl kein Mitglied der NSDAP, aktiver Teil und finanzieller Nutznießer der Nazi-Propaganda im dritten Reich. Die Stadt Tübingen sah sich daher veranlasst an den Straßenschildern im „Wilhelm-Schussen-Weg“ Hinweisschilder zur Aufklärung über sein Wirken von 1933 bis 1945 anzubringen. In Bad Schussenried, der Heimatstadt von Frick (Schussen), steht eine Untersuchung bzw. öffentliche Aufarbeitung zur Fricks propagandistischen und Hitler verherrlichenden Werken bis heute aus. Eine 2025 von einem Bürger angestoßene öffentliche Diskussion bzw. Aufarbeitung (vgl. Schwäbische Zeitung v. 6.9.25 von Maike Daub)[6] wurde durch die Stadtverwaltung abgelehnt.

Der Nachlass von Wilhelm Frick (Schussen) befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Werke (Auswahl)

Leutnant Vollmar erzählt (1917) Buchgestaltung Max Thalmann

Prosa und Lyrik

  • Vinzenz Faulhaber. Ein Schelmenroman, Stuttgart 1907
  • Meine Steinauer, Roman, Stuttgart 1908
  • Johann Jakob Schäufeles philosophische Kuckuckseier, Essays, Stuttgart 1909
  • Gildegarn, Roman, Heilbronn 1911
  • Heimwärts, Gedichte, Stuttgart 1913
  • Im großen Jahr, Erzählungen, Konstanz 1915
  • Leutnant Vollmar erzählt, Erzählungen, Gotha 1917
  • Der verliebte Emerit, Erzählung, Stuttgart 1917
  • Höschele der Finkler und andere heitere Erzählungen, Stuttgart 1918
  • Der rote Berg, Roman, Stuttgart 1918
  • Freund Huchler schreibt, Essays, Heilbronn 1920
  • Das war mein Gang, Gedichte, Stuttgart 1921
  • Der Roman von Dr. Firlefanz, Roman, Breslau 1922
  • Die schöne Witwe. Novellen. Stuttgart 1922 Internet Archive
  • Ein guter Stolperer, Roman, München 1923
  • Der abgebaute Osiander, Roman, München 1925
  • Das Wilhelm-Schussen-Buch, Erzählungen und Gedichte, Stuttgart 1934
  • Die Geschichte des Apothekers Johannes, Roman, Freiburg im Breisgau 1935
  • Aufruhr um Rika, Roman, Berlin 1938
  • Tübinger Sinfonie, Essays, Reutlingen 1949
  • Anekdote meines Lebens, Ravensburg, 1953

Dramatik und Hörspiel

  • Die Liebe und das liebe Geld, Komödie
  • Ohne Arbeit geht es nicht , Komödie
  • Auf in die Stadt der Abderiten, Hörspiel

Literatur

  • Matthäus Gerster: Das neuere schwäbische Schrifttum. Festgabe des Württembergischen Buchhändlervereins. Stuttgart 1929, S. 19–21.
  • Ewald Gruber: Wilhelm Schussen, ein Dichter aus dem Oberland. In: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach. Jg. 9, 1986, Heft 1, S. 33–44 (PDF).
  • Franz Hammer: Ein echter Deutscher schwäbischen Geblüts. Zum 70. Geburtstag von Wilhelm Schussen am 11. August 1944. In: Straßburger neueste Nachrichten. Nr. 221 vom 12. August 1944, S. 3 (online bei Deutsches Zeitungsportal).
  • Wolfgang Hegele: Wilhelm Schussens Erzähldichtung aus seiner Gmünder Zeit. In: Einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd. Jg. 23, 1996, S. 101–116.
  • Hermann Hesse: Vorwort. In: Wilhelm Schussen: „Der verliebte Emerit“ und „Vinzenz Faulhaber“. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin 1927, S. 7–10.
  • Susanne Lange-Greve: Wundersamer blauer Spiegel. Wilhelm Schussen 1874–1956. Schwäbisch Gmünd 2004, 2. Auflage 2006, ISBN 3-936373-09-4.
  • Susanne Lange-Greve: „Zwischen Donau und Bodensee“. Der Schriftsteller Wilhelm Schussen. In: Schwäbische Heimat. Bd. 57 (2006), Nr. 2, S. 158–161 (https://doi.org/10.53458/sh.v57i2.4126).
  • Stephan Molitor: Wilhelm Schussen (1874–1956). Im stillen Kämmerlein … mitschuldig. In: Stephan Molitor (Hrsg.): Der „Schwäbische Dichterkreis“ von 1938 und seine Entnazifizierung: Begleitpublikation zu der Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg vom 5. Juni bis 6. September 2019. Kohlhammer, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-036527-8, S. 100–103.

Einzelnachweise

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