William Addison Dwiggins
US-amerikanischer Grafikdesigner, Illustrator, Typograf, Schriftentwerfer, Werbegrafiker, Buchgestalter, Marionettenspieler und Autor
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William Addison Dwiggins (* 19. Juni 1880 in Martinsville, Ohio; † 25. Dezember 1956 in Hingham, Massachusetts)[1] war ein US-amerikanischer Grafikdesigner, Illustrator, Typograf, Schriftentwerfer, Werbegrafiker, Buchgestalter, Marionettenspieler und Autor. Er prägte nach dem Ersten Weltkrieg nachhaltig das amerikanische Grafikdesign und die amerikanische Buchgestaltung.

1949 wurde Dwiggins in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.[2]
Leben und Werk
Kindheit und Jugend
William Addison Dwiggins wurde als Sohn des Arztes Moses Frazer Dwiggins und Eva Siegfried Dwiggins am 19. Juni 1880 in Martinsville, Ohio, geboren.[3] Als Dwiggins zehn Jahre alt war erkrankte sein Vater und starb an den Folgen der Stoffwechselkrankheit Diabetes. Nach dem Tod des Vaters zog er mit seiner Mutter nach Cambridge, Ohio, dem Geburtsort der Mutter.
Ausbildung und erste berufliche Schritte
Ab 1899 besuchte Dwiggins die Frank Holme School of Illustration in Chicago. Zu seinen Lehrern zählten Frederic William Goudy und die Brüder Joseph Christian Leyendecker und Frank Leyendecker. Mit Beendigung der Ausbildung 1903 kehrte er nach Cambridge zurück und eröffnete eine kleine Druckerei Guernsey Shop, allerdings ohne großen Erfolg. Goudy war 1904 mit seiner Village Press von Park Ridge, Illinois an die Ostküste nach Hingham, Massachusetts, gezogen und machte Dwiggins den Vorschlag, als Buchgestalter für seine Village Press zu arbeiten. Dwiggins, seit 8. September 1904 mit Mabel Jane Dwiggins (geb. Hoyle) verheiratet, zog nach Hingham, einem kleinen Vorort von Boston. Zu dieser Zeit war Boston eine Hochburg des Druck- und Verlagswesens und Dwiggins lernte in diesen Jahren Menschen aus der Verlags- und Kunstszene kennen wie Carl Purington Rollins, Carl Heintzemann, Bruce Rogers, George Parker Winship, Lindsay Swift, Harry Koopman und Daniel Berkeley Updike, die zu Freunden und seinen Auftraggebern wurden.
Werbegrafiker, Autor und Buchgestalter
In den Jahren 1906 bis 1916 konzentrierte sich Dwiggins auf Werbegraphik, unterhielt ein Atelier in Boston und gestaltete u. a. Werbebroschüren für führende Agenturen in Boston sowie für Firmen wie die Strathmore and Warren Paper Companies, Direct Advertising, New England Telephone und J. Walter Thompson.
Von Mitte 1918 bis zum Frühjahr 1919 war Dwiggins kommissarischer Leiter des Harvard University Press. Diese kurze Erfahrung war ernüchternd und veranlasste ihn und seinen Cousin L.B. Siegfried zur Veröffentlichung von Extracts from an Investigation into the Physical Properties of Books as They Are at Present Published, einer vernichtenden Kritik an der zeitgenössischen amerikanischen Buchgestaltung und -produktion.
Aufgrund einer Diabeteserkrankung gab er ab 1922 die Werbegraphik weitgehend auf und widmete sich der Buchgestaltung. 1919 gründete er die fiktive Society of Calligraphers (er war Präsident und einziges Mitglied), die u. a. die Praktiken im amerikanischen Buchwesen kritisierte und einen höheren Standard in Buchgestaltung und -herstellung und im Schriftentwurf anstrebte.[4] Es folgten zahlreiche Pamphlete und Designkritiken, wie gegen die Verführungskunst der Werbung (Layout in Advertising, 1928) oder die amüsante, aber ernsthafte Kritik am amerikanischen Design von Geldscheinen und Briefmarken (Towards a reform of the Paper Currency, 1932). Meist veröffentlichte er diese Schriften unter seinem Pseudonym Hermann Püterschein.
Ab 1926 war Dwiggins als Buchgestalter für den Verlag Alfred A. Knopf tätig, 1934 wurde er zum leitenden Buchgestalter des Verlags ernannt. Dwiggins sollte das Erscheinungsbild des Verlags im Laufe von dreißig Jahren mit insgesamt 329 gestalteten Büchern entscheidend prägen. Er übernahm die Typografie, wählte das Papier aus und gestaltete der Einband, was zu einem stimmigen Zusammenspiel aller Gestaltungselemente führte. Obwohl er die Gestaltung des Buchinneren bevorzugte, ist er vor allem für seine Schutzumschläge und Einbände bekannt. Seine Schutzumschläge, wie beispielsweise für James Cains Serenade und Conrad Richters Sea of Grass, sind Mischungen aus abstrakten Ornamenten und kühner Schrift in kräftigen Farben.
Dwiggins Arbeiten für den Verlag Alfred A. Knopf und Mergenthaler Linotype bildeten den Kern seines Berufsleben. Das schloss jedoch Aufträge anderer Verlage wie Random House, The Limited Editions Club, The Overbrook Press nicht aus. Zu den besten dieser Bücher zählen Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson (1929), The Time Machine von H.G. Wells (1931) für Random House, Tales von Edgar Allan Poe (1930) für Lakeside Press, Droll Stories von Honoré de Balzac (1932) und Gargantua and Pantagruel von François Rabelais (1936) für den Limited Editions Club, The Travels of Marco Polo (1933) für The Printing House of Leo Hart, One More Spring von Robert Nathan (1935) für The Overbrook Press und The Treasure in the Forest von H.G. Wells (1936) für The Press of the Woolly Whale.
1947 gründete Dwiggins zusammen mit Dorothy Abbe mit der Püterschein-Hingham Press einen eigenen Verlag.

Schriftentwerfer
Im März 1929 engagierte ihn die Mergenthaler Linotype Company als Berater um eine serifenlose Schrift zu entwickeln. Dwiggins entwarf die Metro, die als Reaktion auf ähnliche Schriften wie Erbar, Futura und Gill Sans europäischer Schriftgießereien verstanden werden kann. Dwiggins' Metrolite- und Metroblack-Schriften sind im geometrischen Stil der 1930er Jahre entworfen, wobei einige Zeichen an die damals populäre und erfolgreiche Futura von Paul Renner angepasst wurden. Die Metro, mit ihren verschiedenen Schriftschnitten Metroblack, Metrolite, Metrothin, Metromedium in Regular und Italic (1929–1937), wurde schnell zu einer erfolgreichen Groteskschrift im Grafikdesign in Nordamerika.
Dwiggins pflegte eine enge Zusammenarbeit mit Chauncey H. Griffith, dem Leiter der typografischen Abteilung bei Linotype. Alle seine Schriftarten wurden für die Mergenthaler Linotype entworfen.[5] Seine am weitesten verbreiteten Buchschriften, Electra (1935) und Caledonia (1938), wurden speziell für den Satz von Linotype entwickelt und zeichnen sich durch eine klare, reduzierte Formensprache aus.[6][7][8][9]
Viele Schriftentwürfe von Dwiggins sind unveröffentlicht geblieben: Adventure (1946), Alexandria (1946), Arcadia (1947), Argo Geerk (1945), Charter (1942), Hingham (1943), Jason Greek (1945), Stentos Greek (1945), Stuyvesant (1949), Tippecanoe (1946) und Winchester Uncial. Einige seiner Schriften wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht und kommerziell vertrieben (P22 Dwiggins Uncial 2001 von Richard Kegler, Falcon 1961 von Linotype, ITC New Winchester Book 1998 von Jim Spiece) oder dienten anderen Schriftentwerfern als Inspiration (Eldorado, 1950–1951 von Linotype veröffentlicht, wurde in den 1990er Jahren von Font Bureau mit weiteren Schriftschnitten neu herausgegeben).
Marionettenspieler

Dwiggins war ein geschickter Kunsthandwerker, der seine eigenen Spielzeuge und holzgeschnitzte Marionetten anfertigte und dafür eine komplette mechanische Bühne baute. Er schrieb Theaterstücke und gestaltete Plakate, Eintrittskarten, Programme sowie das Bühnenbild für sein Marionettentheater, das in einer Garage in der Irving Street 5, hinter seinem Wohnhaus in der Leavitt Street 30 in Hingham, Massachusetts, beheimatet war.
Dwiggins gründete die Puppentheatergruppe Püterschein Authority. 1933 führte er dort sein erstes Stück auf: The Mystery of the Blind Beggarman. Weitere Produktionen der Püterschein Authority waren Prelude to Eden, Brother Jeromy, Millennium 1 und The Princess Primrose of Shahaban in Persia. Die meisten seiner Marionetten waren 30 cm groß. 1967 wurden sie der Boston Public Library geschenkt.[10]
William Addison Dwiggins wurde auf dem Friedhof von Hingham Center, Massachusetts, beigesetzt.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Mit L. B. Siegfried: Extracts from an Investigation into the physical properties of books as they are at present published. Published for the Society of Calligraphers, Boston 1919.
- Layout in Advertising. Harper & Brothers, New York 1928, überarbeitete Ausgabe 1948.
- Towards a reform of the Paper Currency, Particulary in point of its design. The Limited Editions Club, New York 1932.
- Mit Thomas Drier: The Power of Print and Men. Published by Mergenthaler Linotype, 1936.
- Marionette in motion. The Püterschein system diagrammed. Detroit 1939.
- WAD to RR: A Letter about Designing Type. Harvard College Library, Department of Printing and Graphic Arts, Cambridge, Massachusetts 1940.
Literatur (Auswahl)
- Carl Purington Rollins: American Type Designers and Their Work. 1947 Internet Archive (englisch, PDF)
- Dorothy Abbe: William Addison Dwiggins. A Talk Delivered to The Bookbuilders of Boston. April MCMLXXIII. The Boston Public Library, 1974.
- Friedrich Friedl, Nicolaus Ott, Bernard Stein: Typografie. Wann, Wer, Wie. Könemann, Köln 1998, ISBN 3-89508-473-5, S. 198–199.
- Paul Shaw: W. A. Dwiggins: Jack of all Trades, master of more than one. In: Linotype Matrix. Vol. 4, Issue 2, a typographic journal published from time to time by Linotype. Published by Mergenthaler Edition Linotype GmbH, Bad Homburg 2006, S. 36–47.
- Bruce Kennett: W. A. Dwiggins: A Life in Design. Letterform Archive Books, 2018, ISBN 978-0-9983180-0-4.