William Kentridge
südafrikanischer Künstler
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William Kentridge (* 28. April 1955 in Johannesburg) ist ein südafrikanischer Künstler, der Zeichner, Schöpfer von Animationsfilmen, Bühnenbildner, Schauspieler und Regisseur ist. Er arbeitet als Autor für Film und Bühne und realisiert Theater- und Opernprojekte. Insbesondere ist er für Kohlezeichnungen und Filme in Stop-Motion-Technik bekannt.[1]

Leben
Kentridge wurde während der Apartheid in Johannisburg geboren und wuchs in einer Familie mit jüdisch-litauischen Wurzeln auf. Beide Elternteile waren Rechtsanwälte und setzten sich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung ein. Seine Mutter Felicia Kentridge war 1979 Mitbegründerin des Legal Resources Centre. Sein Vater Sydney Kentridge verteidigte während des Treason Trial, der von 1956 bis 1961 dauerte, Nelson Mandela, Desmond Tutu und Albert John Luthuli. Des Weiteren vertrat er die Familie Steve Bikos.[2]
Schon im Grundschulalter begann William Kentridge mit Kohle zu zeichnen. 1974, nach einem kurzen Studium der Bildenden Kunst an der Witwatersrand-Universität, wechselt Kentridge bis zum Abschluss 1976 zu Politikwissenschaft und Afrikastudien. Von 1976 bis 1978 studierte er bei Bill Ainslie an der Art Foundation in Johannesburg.[3] Kentridge war Mitbegründer der Junction Avenue Theatre Company und betätigte sich dort als Schauspieler, Regisseur, Szenograf und Plakatgestalter. Er beteiligt sich an Anti-Apartheid-Aktivitäten. 1981 studierte er ein Semester lang an der Theaterschule Jacques Lecoq in Paris. Er heiratete 1982 und hat drei Kinder (1984, 1988, 1992). Kentridge lebt und arbeitet in Houghton Estate, Johannesburg.[1]
Seit 1984 entstehen Kurzfilme und Animationsfilme, für die seine Kohlezeichnungen die Basis bilden. 1985 gründete Kentridge mit Angus Gibson die Johannesburg Free Filmmakers Cooperative, um unabhängigen Film zu fördern.[4] 1992 beginnt Kentridges Kooperation mit der Handspring Puppet Company aus Kapstadt. Gemeinsam mit den Malern Deborah Bell und Robert Hodgins realisierte er die Computeranimation Easing the Passing (of the Hours). Kentridge eröffnete 2010 ein zweites Studio für die Herstellung größerer skulpturaler Objekte in Maboneng, Johannisburg. 2016 gründete er The Centre for the Less Good Idea in Johannisburg.[5] Ab 2017 entwickelt er mehrere Kammeropern in Zusammenarbeit mit den Komponisten Philip Miller, Thuthuka Sibisi, Nhlanhla Mahlangu und Kyle Shepherd.[6]
Werk

In den 1980er Jahren begann Kentridge Animationsfilme zu produzieren, in denen er die Geschichte und die sozialen Umstände Südafrikas reflektiert. Er zeichnet jedes Einzelbild seiner Produktionen von Hand mit Kohle, Graphitstift oder Pastellfarben. Es entstehen so unzählige Einzelbilder mit minimalen Abweichungen, aus denen sich dann seine bewegten Werke zusammensetzen. Mehrfach war er mit Animationsfilmen Teilnehmer der Biennale Venedig. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika gestaltete er ein Plakat. Eine große Retrospektive von Kentridges Schaffen wurde 2012 in Rio de Janeiro zusammengestellt und war daraufhin in anderen Städten Lateinamerikas zu sehen. Im selben Jahr präsentierte Kentridge die Charles Eliot Norton Lectures an der Harvard-Universität und wurde zum Mitglied der American Philosophical Society und der American Academy of Arts & Sciences ernannt. Seit 2011 ist er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters[7] und seit 2012 assoziiertes Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique.[8] Im Jahr 2017 inszenierte er die Oper Wozzeck von Alban Berg bei den Salzburger Festspielen.
Ausstellungen (unvollständig)
Einzelausstellungen
- 2004: William Kentridge, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.[9]
- 2010/2011: William Kentridge. Fünf Themen – Five Themes, Albertina, Wien; vorher 2009 im San Francisco Museum of Modern Art
- 2011: Zeno Writing, 2002, Städel/Goethe-Universität, Frankfurt am Main; im IG-Farben-Haus, DVD/Ton Loop 11:32 Minuten
- 2013/14: William Kentridge: The Refusal of Time. A five-channel video installation, Metropolitan Museum of Art, New York,[10] im Institute of Contemporary Art, Boston, Massachusetts und danach in der Johannesburg Art Gallery
- 2015: William Kentridge – The Nose, Museum Haus Konstruktiv, Zürich
- 2015/2016: Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge, Kupferstichkabinett Berlin (2015/2016) und Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (2016/2017)
- 2016: Not It Is!, Martin-Gropius-Bau, Berlin (Kurator: Wulf Herzogenrath)
- 2017: William Kentridge. Thick Time. Installationen und Inszenierungen, Rupertinum, Salzburg (Kuratorinnen: Sabine Breitwieser mit Tina Teufel)
- 2017/18: William Kentridge. Smoke, Ashes Fables. Sint-Janshospital/Memlingmuseum (Kurator: Margaret K. Koerner) Brügge[11]
- 2018: William Kentridge. O Sentimental Machine, Liebieghaus, Frankfurt am Main.
- 2019: William Kentridge. Shadow Procession, Kunsthalle, Mannheim.
- 2019: William Kentridge – A Poem That Is Not Our Own, Kunstmuseum Basel
- 2020/21: William Kentridge - Why should I hesitate: Putting Drawings To Work, Deichtorhallen Hamburg.
- 2022: William Kentridge - That which we do not remember, Nationalmuseum Kaunas[12]
- 2022: William Kentridge, Royal Academy of Arts, London
- 2025/26: William Kentridge. Listen to the Echo. Museum Folkwang, Essen und Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Gruppenausstellungen
- 1993: 45. Biennale di Venezia, Venedig
- 1997: documenta X, (Kuratorin: Catherine David), Kassel
- 1998: Biennale von São Paulo, Sao Paulo
- 1999: 48. Biennale di Venezia, Venedig
- 2002: documenta 11, (Kurator: Okwui Enwezor), Kassel
- 2005: 51. Biennale di Venezia, Venedig
- 2008: Biennale of Sydney, Sydney, Australia
- 2012: The Refusal of Time dOCUMENTA (13), (Kuratorin: Carolyn Christov-Bakargiev), Kassel
- 2015: More sweetly play the dance, Lichtsicht 5, Bad Rothenfelde (Kurator: Peter Weibel)[13]
- 2017: Performa 17, New York
- 2024: Self-Portrait as a Coffee Pot, 60. Biennale di Venezia, Venedig
Werke (Auswahl)
- 1993: Felix in Exile, Zeichnung auf Papier, 84 × 103 cm (Versteigerung Januar 2010 im Auktionshaus Stephan Welz & Co., Johannesburg).
- 1999: Stereoscope.
- 2007: Zeichnung für den Film Il Sole 24 Ore, Kohle, Gouache, Pastell und Buntstifte auf Papier.
- 2009: mit Gerhard Marx: Fire Walker, 11 Meter hohe bemalte Stahlskulptur, Newtown, Johannesburg.
- 2011: Lecture Performance mit Kentridge im Market Theatre, Johannesburg: Dancing with Dada mit dem Komponisten Philip Miller und der Tänzerin und Choreographin Dada Masilo.
- 2014: Inszenierung von Schuberts Winterreise im Rahmen der Wiener Festwochen.[14]
- 2018: The Head & The Load, Eröffnung der Ruhrtriennale 2018[15]
Filmprojekte
- Drawings for Projection (1989–2020) besteht aus 10 Kurzfilmen
- 1989: Johannesburg, 2nd Greatest City after Paris (1989, 16 mm, Videotransfer, 3:11 Min.)
- 1990: Monument
- 1991: Mine (6 min.)
- 1991: Sobriety, Obesity & Growing Old (9 min)
- 1994: Felix in Exile (9 min.)
- 1996: History of the Main Complaint
- 1998: Weighing and Wanting
- 2003: Tide Table
- 2011: Other Faces
- 2020: City Deep[1]
- Self-Portrait as a Coffee Pot (2024) besteht aus 9 Kurzfilmen
- A Natural History of the Studio
- Self-Portrait as a Coffee-Pot
- Vanishing Points
- Finding One's Fate
- AS IF
- Harvest of Devotion
- Metamorphosis
- Oh To Believe In Another World
- In Defence of Optimism
Filme (unvollständig)
Preise, Auszeichnungen, Ehrungen
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Veröffentlichungen
- Sechs Zeichenstunden: Die Charles Eliot Norton Vorlesungen, 2012, Verlag Walther König, Köln 2016, ISBN 978-3-86335-949-2.
- In Verteidigung der weniger guten Idee. Sigmund Freud Vorlesung 2017. Turia + Kant, Wien/Berlin 2018, ISBN 978-3-85132-893-6.
- The Head & the Load, Prestel, 1. September 2020, ISBN 978-3-7913-8718-5
- William Kentridge: Self-Portrait as a Coffee Pot, Thames & Hudson, 8. Juli 2025, (englisch) ISBN 978-3-907493-12-0.
Literatur
- Sabine Breitwieser, Iwona Blazwick (Hrsg.): William Kentridge. Thick Time. Installationen und Inszenierungen. Hirmer, München 2016, ISBN 978-3-7774-2714-0.
- Sabine Schaschl: William Kentridge: The Nose. Haus Konstruktiv, Zürich 2015, ISBN 978-3-86335-771-9.
- Sandra Coumans: Geschichte und Identität. „Black Box / Chambre noire“ von William Kentridge. regiospectra, Berlin 2012, ISBN 978-3-940132-37-6.
- Michael Auping (Hrsg.): William Kentridge. Fünf Themen – Five Themes, Hatje Cantz, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7757-2633-7.
- William Kentridge. Listen to the Echo., hrsg. Museum Folkwang Essen and Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Steidl, 2025, ISBN 978-3-96999-475-7.
Kurzfilme (Auswahl)
Weblinks
- Literatur von und über William Kentridge im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über William Kentridge in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- William Kentridge bei IMDb
- Website Kentridge Studio - Drawings for Projection (englisch)
- William Kentridge auf culturebase.net (englisch)
- Biografie auf yale.edu (englisch)
- William Kentridge: Harvard Norton Lectures (englisch)
- Out of South Africa: how politics animated the art of William Kentridge. The Guardian vom 10. September 2016 (englisch)
- Im Reich der Striche und Schatten. Diagonal zur Person William Kentridge, Ö1, 22. Juli 2017
- Film: William Kentridge, Triumphs and Laments, Italien 2016, Regie: Giovanni Troilo.