Woschod 2

sowjetischer bemannter Raumflug From Wikipedia, the free encyclopedia

Woschod 2 [vasˈxɔt] (alternative Schreibweise Woßchod, russisch Восход „Sonnenaufgang“) war ein sowjetischer bemannter Raumflug im Rahmen des sehr kurzen Woschod-Programms. Zum ersten Mal verließ ein Raumfahrer die schützende Hülle seines Raumschiffes und schwebte frei im All (Außenbordeinsatz).

Schnelle Fakten Missionsemblem, Missionsdaten ...
Missionsemblem
[[Datei:|alt=|zentriert|150px|Emblem der Mission]]
Missionsdaten
MissionWoschod 2
NSSDCA ID 1965-022A
Raumfahrzeug Woschod 3KD
Rufzeichen Алмаз (Almas  Diamant“)
Masse 5682 kg
Besatzung 2
Start18. März 1965, 07:00 UT
Startplatz Baikonur 1/5
Landung19. März 1965, 09:02 UT
Landeplatz Uralvorland
59° 34′ N, 55° 28′ O
Flugdauer 1d 2h 02min
Erdumkreisungen 18
Umlaufzeit 90,93 min
Bahnneigung 64,79°
Apogäum 475 km
Perigäum 167 km
Zurückgelegte Strecke 717.300 km
  Vorher / nachher  
Kosmos 57
(unbemannt)
Kosmos 110
(unbemannt)
Bemannte Missionen
Woschod 1 Sojus 1
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Besatzung

Vorbereitung

Nach dem erfolgreichen Flug von Woschod 1, bei dem erstmals drei Raumfahrer in einem Raumschiff gestartet wurden, sollte nun eine weitere spektakuläre Erstleistung vollbracht werden: ein Kosmonaut sollte in der Erdumlaufbahn das Raumschiff verlassen und frei neben ihm schweben.

Das gegenüber Woschod 1 modifizierte Raumschiff vom Typ Woschod 3KD bot nur zwei Kosmonauten Platz. Wo bei Woschod 1 noch ein dritter Kosmonaut saß, war nun eine aufblasbare Luftschleuse angebracht, die verpackt einen Durchmesser von 70 cm und eine Länge von 77 cm hatte. Im All konnte sich die Schleuse nach außen entfalten und war dann 2,5 m lang, mit einem Außendurchmesser von 1,2 m und einem Innendurchmesser von 1,0 m. Die Schleuse wog etwa 250 kg.

Ein unbemanntes Raumschiff dieses Typs wurde am 22. Februar 1965 unter der Tarnbezeichnung Kosmos 57 gestartet. In der Erdumlaufbahn entfaltete sich die externe Luftschleuse wie geplant, was von der Bodenstation sogar per Fernsehbild beobachtet werden konnte. Irrtümlicherweise sendeten zwei Bodenstationen gleichzeitig Funkbefehle. Der Empfänger im Raumschiff interpretierte dies fehlerhaft als Kommando, die Bremsraketen zu zünden, um die Landung einzuleiten. Da aber das Raumschiff nicht korrekt ausgerichtet war, blieb es offenbar in der Erdumlaufbahn, wurde jedoch in eine schnelle Rotation versetzt. Der Selbstzerstörungsmechanismus löste aus, und Kosmos 57 explodierte nur knapp drei Stunden nach dem Start.

Dennoch wurde der bemannte Start auf nicht einmal einen Monat später angesetzt.

Besatzung

Blockausgabe der sowjetischen Post (1965); links: Beljajew, rechts: Leonow

Von den ursprünglich 20 Mitgliedern der ersten Kosmonautengruppe hatten nach Abschluss des Wostok-Programms fünf einen Raumflug absolviert. Einer war ums Leben gekommen, zwei weitere durch Unfälle oder aus anderen Gründen nicht mehr weltraumtauglich. Vier Piloten wurden aus disziplinarischen Gründen von der Ausbildung ausgeschlossen.

Damit blieben noch acht Kosmonauten, die auf ihren ersten Weltraumeinsatz warteten: Wladimir Komarow, Alexei Leonow, Boris Wolynow, Pawel Beljajew, Jewgeni Chrunow, Wiktor Gorbatko, Dmitri Saikin und Georgi Schonin, wobei die drei ersten bereits als Ersatzmann für einen Wostok-Flug eingeteilt waren.

Im Juli 1964 traf Nikolai Kamanin, der Leiter der Kosmonautenausbildung, die Entscheidung für die Mannschaftsauswahl: Beljajew und Gorbatko sollten als Kommandanten ausgebildet werden, Leonow und Chrunow für den Ausstieg. Später stieß Saikin zur Mannschaft und wurde ebenfalls für den Ausstieg ausgebildet.

Am 9. Februar 1965 wurde offiziell entschieden, dass Woschod 2 mit Beljajew und Leonow bemannt würde, mit Chrunow und Saikin als Ersatzmannschaft, wobei Chrunow sowohl Beljajew als auch Leonow ersetzen könnte. Gorbatko zählte ebenfalls noch als Ersatzmann.

Flugverlauf

Start

Woschod 2 startete am 18. März 1965 um 07:00 Uhr UT vom Raketenstartplatz in Baikonur.

Erster Weltraumausstieg

Luftschleuse und Raumanzug, wie bei Woschod 2 benutzt

Schon während der ersten Umkreisung wurde die aufblasbare Luftschleuse ausgefahren. Leonow zwängte sich in die kleine Schleuse, die daraufhin dekomprimiert wurde. Die Kabine mit Beljajew blieb unter Druck, was ihm die Möglichkeit nahm, seinem Kameraden im Notfall wirksame Hilfe leisten zu können. Gegen 08:30 Uhr UT begab sich Leonow ins All.

Kurz darauf befand sich Woschod 2 wieder im UKW-Empfangsbereich der sowjetischen Bodenstationen, so dass eine Fernsehkamera an der Außenseite von Woschod Bilder dieses historischen Moments zur Erde senden konnte.

Leonow befand sich rund 12 Minuten mit einer Sicherungsleine gesichert neben dem Raumschiff. Als er sich wieder in die Schleuse begeben wollte, erwies sich dies schwieriger als gedacht, weil sein Raumanzug sich durch den fehlenden Gegendruck aufgebläht hatte und unbeweglich geworden war. Erst mit einer Druckreduzierung und mit dem Kopf voran konnte er sich unter extremer Anstrengung wieder in die Schleuse begeben. Danach wurde in der externen Schleuse der Druckausgleich zum Innendruck der Kabine durchgeführt.

Probleme beim Weiterflug

Nachdem Leonow wieder an Bord war, wurde die innere Luke zur Schleuse geschlossen und die Schleuse abgesprengt. Während des Weiterfluges wurde festgestellt, dass der Druck in den Sauerstoffbehältern von Woschod 2 schneller sank als vorgesehen. Dies ließ auf eine Undichtheit der Kapsel an der inneren Luke schließen, da der Kabinendruck zwar vom Lebenserhaltungssystem weitgehend konstant gehalten wurde, der Sauerstoffpartialdruck aber immer weiter anstieg. Als der Druck in den Sauerstoffbehältern von ursprünglich 75 auf 25 bar abgesunken war, entschloss sich die Flugleitung zu einer vorzeitigen Rückführung.

Landung und Bergung

Während der 16.%snbsp;Umkreisung sollte das automatische Landesystem von der Bodenstation durch Funkbefehle programmiert werden. Dies schlug fehl. Die Landung konnte nicht wie geplant nach der 17. Umkreisung eingeleitet werden. Das vorgesehene Landesgebiet war aus den Orbits 19 bis 21 nicht erreichbar. Der Flugleitung erschien auf Grund der Probleme mit Aufrechterhaltung des Kabinendrucks ein nochmaliger Versuch einer automatisierten Landung als zu hohes Risiko. Man entschied, Beljajew die erste manuell gesteuerte Landung eines sowjetischen Raumschiffes durchzuführen. Er erhielt die Anweisung, das Schiff manuell auszurichten und die Zündung von Hand vorzunehmen. Dies gelang während der 18. Erdumkreisung. Wegen der ungünstigen Anordnung des vom Wostok-Raumschiff übernommenen Steuerpults gelang die manuelle Zündung erst mit 48 s Verspätung. Nach dem Brennschluss trennte sich die Kapsel nicht vollständig vom Geräteteil. Das Raumschiff geriet daher zu Beginn des Wiedereintritts in heftiges Taumeln. Die verbliebenen Verbindungen brannten letztlich durch. Aufgrund der dadurch entstandenen Ungenauigkeiten wurde der anvisierte Landeplatz um 368 Kilometer überflogen und Woschod 2 ging im Vorland des Ural-Gebirges nieder.

Das Raumschiff landete bei 59° 34′ 0″ N, 55° 28′ 0″ O in einem tief verschneiten Nadelwald. Beljajew und Leonow teilten per Morsezeichen der Bodenstation über den Kurzwellensender mit, es sei „alles normal“ (russisch всё нормально). Knapp vier Stunden nach der Landung sichte ein Suchhubschrauber den Fallschirm, die Kapsel und die beiden Kosmonauten im tiefen Schnee etwa 30&snbsp;km südwestlich von Beresniki. Der Hubschrauber konnte im dichten Wald vor Ort nicht landen, warf jedoch für die Kosmonauten warme Kleidung und Verpflegung ab.

Nach Einbruch der Dunkelheit lndete ein größerer Hubschrauber ca. 5&snbsp;km von der Landekapsel entfernt auf einer Lichtung. Den Rettungsmannschaften gelang es jedoch vorerst nicht den Landeplatz von Woschod&snbsp;2 zu erreichen. Der Rundfunk hatte zu diesem Zeitpunkt die erfolgreiche Landung bereits verkündet.

Am nächsten Morgen sprangen Rettungsmannschaften mit Fallschirmen ab, sie erreichten Beljajew und Leonow um die Mittagszeit. Es wurde als zu riskant eingeschätzt, die Kosmonauten von einem Hubschraubern aus zu bergen. Die Besatzung musste eine weitere Nacht in der Taiga verbringen, inzwischen hatten jedoch etwa 20 Mitglieder der Bergungsmannschaft den Landeplatz erreicht.

Bis zum nächsten Morgen hatte man zwei Landestellen gerode. Mehr als 36 Stunden nach der Landung liefen Beljajew und Leonow mit Skiern zu der nächstgelegenen Lichtung, wurden dort an Bord eines kleineren Hubschraubers gehoben, zur nächsten Landestelle gebracht. Von dort brachte sie dann ein größerer Hubschrauber zu dem Flugplatz von Perm. Dort erreichte sie der Anruf von Parteichef Leonid Breschnew. Gegen Abend kamen die Kosmonauten in Baikonur an. Die Bergung hatte mit zwei Tagen doppelt so viel Zeit in Anspruch genommen wie der eigentliche Raumflug.

Bedeutung

Wie schon Woschod 1 erregte auch Woschod 2 weltweites Aufsehen. Der sowjetischen bemannten Raumfahrt war erneut eine Erstleistung gelungen. Vor der Öffentlichkeit wurden die teilweise sehr ernsten Probleme (Wiedereinstieg, Undichtheit der Kapsel, Landung) geheim gehalten. In allen drei Fällen war man knapp einer Katastrophe entronnen.

Die Bindung technischer und industrieller Kapazitäten für propagandistische Erfolge mit dem Woschod-Programm trug zu Verzögerungen bei der Entwicklung des strategisch zukunftsweisenden Sojus-Raumschiffs bei. Ein geplanter Dauerflug mit Woschod 3 wurde immer wieder verschoben. Währenddessen übernahm die NASA mit den insgesamt zehn Flügen des Gemini-Programms der Jahre 1965 und 1966 die Führung in der bemannten Raumfahrt. Erst 1967 startete Sojus 1.

Darstellung

Alexei Leonow beschrieb den Ausstieg in seinem 1971 in Westdeutschland erschienenen Erinnerungsbuch Spaziergänger im All bzw. dem 1980 in Moskau gedruckten Buch Ausstieg im Kosmos.[1]

Rezeption

Der Raumflug war die Vorlage für den 2017 produzierten russischen Kinofilm Die Zeit der Ersten von Dmitri Kisseljow, der auch unter dem Titel Spacewalker veröffentlicht wurde. Alexei Leonow wirkte an dem Film als Fachberater mit.

Literatur

  • Colin Burgess: The First Soviet Cosmonaut Team: Their Lives, Legacy, and Historical Impact, Springer Praxis Books / Space Exploration 2008, ISBN 978-0-387-84823-5

Einzelnachweise

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