Wu-Experiment

Erste Messung der Paritätsverletzung bei der schwachen Wechselwirkung From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Wu-Experiment wurde 1956 von der chinesisch-amerikanischen Physikerin Chien-Shiung Wu in Zusammenarbeit mit der Tieftemperaturgruppe des National Bureau of Standards durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass beim Betazerfall des Cobalt-60-Atomkerns die Parität nicht erhalten bleibt.[1]

Das Experiment war im selben Jahr von Tsung-Dao Lee und Chen Ning Yang vorgeschlagen worden. Sie hatten sich mit dem Zerfall des K-Mesons befasst, der über die schwache Wechselwirkung erfolgt und unerklärliche Eigenschaften aufwies. Als Erklärung schlugen sie vor, dass bei der schwachen Wechselwirkung die Erhaltung der Parität verletzt sein könnte. Sie zeigten, dass keines der bisherigen Experimente eine solche Paritätsverletzung ausschloss (oder belegte).

Das Resultat erregte großes Aufsehen, denn es widersprach der zuvor meist als selbstverständlich vorausgesetzten Annahme, dass alle Naturgesetze spiegelsymmetrisch seien, also zum Beispiel für Rechtsdrehung und Linksdrehung gleichermaßen gelten müssten. Lee und Yang, nicht aber Wu, erhielten für die Entdeckung der Paritätsverletzung 1957 den Nobelpreis für Physik.

Vorgeschichte

1927 wurde von Eugene Paul Wigner die Paritätsquantenzahl als Symmetrieeigenschaft der Wellenfunktionen der Zustände des Atoms eingeführt. Bei physikalischen Vorgängen, die in gespiegelter Form genau so ablaufen würden, bleibt diese Quantenzahl erhalten. Dabei galt als sicher, dass es davon überhaupt keine Ausnahme gibt.

1947 entdeckte man die heute „Kaonen“ genannten Teilchen, die durch schwache Wechselwirkung zerfallen. Seltsamerweise schien es zwei Arten zu geben, τ und θ genannt, die sich in der Parität ihres Zerfalls unterschieden aber ansonsten in allen Eigenschaften übereinstimmten. Als mögliche Lösung des „τ-θ-Rätsels“ schlugen Lee und Yang vor, dass bei der schwachen Wechselwirkung, im Gegensatz zur Gravitation, zur starken und zur elektromagnetischen Wechselwirkung, die Parität nicht erhalten bleibt. Sie wiesen darauf hin, dass diese Frage noch nie genau geprüft worden sei, und schlugen spezielle Experimente dafür vor, darunter das Wu-Experiment.[2][3]

Das Experiment

Grundidee

Lee und Yang schlugen vor, die Emissionsrichtung von Elektronen beim Betazerfall polarisierter Atomkerne zu vermessen. Als Beispiel nannten sie Cobalt-60 (60Co), den Kern, der dann auch im Wu-Experiment verwendet wurde.

Der 60Co-Kern hat einen Eigendrehimpuls (Spin), der entsprechend einer gewählten z-Achse entweder linksdrehend (von „oben“ gesehen gegen den Uhrzeigersinn) oder rechtsdrehend ist. Beim Betazerfall wird ein Elektron in einem Winkel zur z-Achse emittiert, der zwischen 0° („oben“) bis 180° („unten“) liegt. Das Vorzeichen der z-Richtung kann willkürlich festgelegt werden, d. h. die Aussage „der Kern drehte sich linksherum und das Elektron wurde im Winkel emittiert“ ist äquivalent zur Aussage „der Kern drehte sich rechtsherum und das Elektron wurde im Winkel emittiert“. Lee und Yang schlugen vor, die Winkelverteilung – was gleichbedeutend mit ist – zu messen. Falls die Physik des Betazerfalls spiegelsymmetrisch ist, muss stets gelten:

(„seitlich aufgestellter Spiegel“)

oder gleichbedeutend

(„auf den Boden gelegter Spiegel“).

Sollte sich irgendeine Abweichung zeigen, wäre dies ein Nachweis von Paritätsverletzung. Dabei wäre keine präzise Messung der Winkelverteilung erforderlich; schon ein summarischer Unterschied zwischen Emission nach oben (0° bis 90°) und unten (90° bis 180°) würde genügen.

Aufbau und Durchführung

Schematische Darstellung des Aufbaus des Wu-Experiments.

Für das Experiment wurden 60Co-Atomkerne magnetisch so ausgerichtet, dass ihre Spins in eine Vorzugsrichtung zeigen (nämlich parallel zum Magnetfeld). Die experimentelle Herausforderung lag darin, eine möglichst hohe Spinpolarisation der Kerne zu erzielen. Aufgrund des – im Vergleich zu Elektronen – sehr geringen magnetischen Moments der Kerne waren extrem niedrige Temperaturen im Millikelvin-Bereich und hohe Magnetfelder notwendig, die ausschließlich durch Kühlung mit flüssigem Helium und Einsatz einer Spule nicht zu erzielen waren. Dies gelang aber mit Hilfe der Gorter-Rose-Methode,[4][5] die bereits 1953 erfolgreich mit 60Co-Kernen demonstriert worden war.[6] Dazu wurden 60Co-Kerne in ein paramagnetisches Salz (CeMg-Nitrat) eingelagert, das einen stark anisotropen g-Faktor hat und in einem Kryostaten durch flüssiges Helium und Abpumpen von gasförmigem Helium bei einer Temperatur von ca. 1,2 Kelvin gehalten wurde. Zunächst wurde das Salz durch ein Magnetfeld entlang der Achse mit dem größeren g-Faktor magnetisiert und anschließend adiabatisch entmagnetisiert, woraus eine Temperatursenkung auf ca. 0,003 Kelvin resultierte. Anschließend wurde das Salz entlang der Richtung des niedrigen g-Faktors (z-Richtung) magnetisiert, wodurch nur ein vernachlässigbarer Temperaturanstieg hervorgerufen wurde. Aufgrund der Polarisation der Elektronenhülle der Cobalt-Ionen und des damit verbundenen Magnetfeldes liegt ein deutlich höheres Magnetfeld in Kernnähe vor, so dass ein Polarisationsgrad der 60Co-Kerne von ca. 60 % erreicht wurde.

Das betrachtete Cobalt-Isotop zerfällt in einem Beta-Minus-Zerfall in einen angeregten Zustand von Nickel-60:

Der 60Co-Polarisationsgrad konnte über die Anisotropie der vom angeregten Tochterkern 60Ni emittierten Photonen ermittelt werden (Zerfallskaskade: 4+  2+  0+ ).

Nun wurde mit einem Detektor die Anzahl der emittierten Elektronen (d. h. die Beta-Strahlung) in negativer z-Richtung gemessen, einmal mit Magnetfeld in +z-Richtung, einmal entgegengesetzt.

Das Resultat

Wu stellte fest, dass deutlich mehr Elektronen antiparallel zur Spinrichtung der Kerne emittiert wurden als parallel dazu.

Der Mutterkern hat die z-Komponente des Spins Sz = +5, der (angeregte) Tochterkern Sz = +4. Das entstehende Elektron und das Antineutrino tragen jeweils Spin S = ½. Aufgrund der Drehimpulserhaltung zeigen ihre Spins also beide in die Spinrichtung des Cobaltkerns und liegen damit parallel zum Magnetfeld. Die Elektronen wurden also vorwiegend antiparallel ihrer eigenen Spinrichtung emittiert, hatten also vorwiegend negative Helizität. Der Unterschied hatte die theoretisch maximal mögliche Größe.

Kurz nach dem Wu-Experiment wurde die Paritätsverletzung beim Myonen-Zerfall nachgewiesen.[7][8] Ein Jahr später zeigte das Goldhaber-Experiment, dass es nur linkshändige Neutrinos und rechtshändige Antineutrinos gibt.

Die Verletzung der Parität ist keine kleine Korrektur, sondern maximal bei der schwachen Wechselwirkung. Sie ist sozusagen eines ihrer Kennzeichen. Eine Erklärung fand sie bald darauf in der V-A-Theorie der schwachen Wechselwirkung, in der das Austauschteilchen, das W-Boson, nur an linkshändige Teilchen (bzw. rechtshändige Antiteilchen) koppelt. Das W-Boson wurde 1983 experimentell nachgewiesen.

Nachdem die Verletzung der Raumspiegelungssymmetrie P gezeigt worden war, nahm man zunächst noch an, dass der Operator CP, die Kombination aus Raumspiegelung und Ladungsvertauschung, eine ungebrochene Symmetrie ist, bis 1964 auch hier eine Verletzung festgestellt wurde, die CP-Verletzung beim Kaon-Zerfall.

Die kombinierte Symmetrie CPT hingegen (T für Time bezeichnet die Zeitumkehr) ist in allen Wechselwirkungen erhalten. So lautet die Aussage des CPT-Theorems, das im Rahmen der Quantenfeldtheorie bewiesen werden kann.

Einzelnachweise

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