Tironische Noten
römisches Kurzschriftsystem
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Tironischen Noten sind ein römisches Kurzschriftsystem, das im ersten vorchristlichen Jahrhundert von Marcus Tullius Tiro, dem Privatsekretär Ciceros, zum Mitschreiben von Reden und Gerichtsverhandlungen entwickelt wurde und rund 4.000 Zeichen umfasste.

Das Zeichensystem besteht aus stark reduzierten Kapital-, teils aus Kursivbuchstaben. Die groß geschriebenen Hauptzeichen (Wortzeichen) stehen für ein ganzes Wort und werden ergänzt durch kleine Beizeichen (Auxiliar, titulus), die die Flexionsendungen ausdrücken.
Geschichte
Antike

Tiro unterrichtete jugendliche Senatoren in seinen Noten, und diese zeichneten damit am 5. Dezember 63 v. Chr. die Anklagerede gegen Catilina nach dem Verfahren der Schreibrunde auf.
Die tironischen Noten waren in der Antike wichtiger Bestandteil der Schreibausbildung. Bis zum Ende des römischen Reiches hatte sich der Zeichenschatz mehr als verdoppelt. In den Commentarii Notarum Tironianarum, der im 5. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Sammlung der tironischen Noten, die im Mittelalter die Hauptquelle ihrer Kenntnis bildete, sind 13.000 Zeichen zu finden.
Mittelalter
Im Frankenreich wurden die tironischen Noten insbesondere von den Urkundenschreibern der fränkischen Herrscher verwendet. Karl der Große forderte wohl in der Admonitio generalis von 789, dass die tironischen Noten in den Schulen studiert werden sollen. Im Original der Libri Carolini, dem Gutachten, das Karl als Antwort auf die Frage der Bilderverehrung in Byzanz verfassen ließ, befinden sich am Rand tironische Noten mit den Bekräftigungen des Kaisers. Karolingische Gelehrte lernten in den Schulen tironische Noten und benutzen sie auch für Kommentare oder Glossierungen in Handschriften. Eine solche Verwendung kann man beispielsweise im Vergilius Turonensis finden, einer Handschrift aus dem 2. Viertel des 9. Jahrhunderts. Manuskripte mit tironischen Noten werden ab dem 10. Jahrhundert selten. Einzelne Zeichen sind in den allgemeinen Schatz der Abkürzungen übergegangen, die hauptsächlich zur Raumersparnis verwendet wurden. Für den Alltagsgebrauch waren die Noten zu schwierig und umfangreich. Bekannt sind über 10.000 unterschiedliche Noten. In Deutschland sind aus dem hohen und späten Mittelalter besonders wenige Spuren ihrer Verwendung belegt.
Im Mittelalter wurden die tironischen Noten zum Korrigieren, Exzerpieren und Kommentieren von Handschriften verwendet. Einige Tironische Noten wurden bis ins 17. Jahrhundert in ganz Westeuropa verwendet.
Erforschung
Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die tironischen Noten insbesondere von Wilhelm Schmitz, Maurice Jusselin,[1] Arthur Mentz[2] und Michael Tangl[3] erforscht.
Tironisches Et
Verwendung

Das tironische Et ist ein Kürzel für lateinisch et (deutsch „und“). Als einzige tironische Note wird dieses ⁊ heute noch verwendet, und zwar im Irischen und Schottisch-Gälischen[4] statt „&“ (siehe zweites Bild rechts).

Im deutschen Fraktursatz wurde das tironische Et weit bis in das 19. Jahrhundert in der Abkürzung ⁊c. (i. e. etc., für „et cetera“) verwendet. Das runde r der gebrochenen Schriften ähnelt dem ⁊ in einigen Schriftarten, in anderen Schriftarten dagegen weniger (vergleiche linkes/erstes Bild unten). Beim Fehlen von ⁊ in einem Schriftsatz wurde das runde r häufig als Ersatz für ⁊ verwendet (siehe rechtes/zweites Bild unten). In der Folge wird das tironische Et gelegentlich mit einem runden r verwechselt.


Beispiele
- Tironisches Et in einer lateinischen Bibelhandschrift (Gerard Brils, Belgien), 1407
- Tironisches Et in der Abkürzung etc. (doppelt) am Ende der Adelstitelliste. Deutscher Druck, 1768
- Tironische Noten
Darstellung in Computersystemen
Unicode enthält das Zeichen ⁊ U+204A tironian sign et im Block Allgemeine Interpunktion. Mit der deutschen Tastaturbelegung E1 wird das Zeichen als
– & (das heißt Alt Gr+f – ⇧+6) eingegeben.
Eine Großbuchstaben-Variante ⹒ U+2E52 tironian sign capital et[6] im Block Zusätzliche Interpunktion wurde im März 2020 mit Version 13.0 in Unicode aufgenommen.
Weblinks
- TypoAkademie München: Tironische Noten
- Eberhard Henke: Über Tironische Noten. Monumenta Germaniae Historica, archiviert vom am 14. Februar 2006; abgerufen am 26. Mai 2019. Handschrift B 16 der Bibliothek der Monumenta Germaniae Historica, ca. 1960
- Martin Hellmann: Hypertext-Lexikon der tironischen Noten
- Stephan Bender: Geschichte der tironischen Kurzschriftzeichen
- Tironische Noten in der Karolingerzeit (PDF-Datei; 14 kB)
