Ölskizze
Entwurf in Öl für ein vollständiges Gemälde
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In der Kunstgeschichte bezeichnet der Begriff Ölskizze eine in der Regel schnell und in groben Zügen ausgeführte Malerei mit Ölfarbe. Sie dient überwiegend als Entwurf oder vorbereitende Studie für ein größeres Gemälde. In der Werkentwicklung steht die Ölskizze zwischen der gezeichneten Ideenskizze und der ausgeführten Ölmalerei. Charakteristisch sind ein kleines Format, eine spontane Malweise sowie ein experimenteller Umgang mit Komposition, Farbe und Licht. Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) ist eine Ölskizze eine schnell gemalte, häufig kleinformatige Studie, deren formale Bandbreite von einer zeichnungshaften Notiz bis zu einer relativ ausgearbeiteten, beinahe bildhaften Ausführung reichen kann.[1] In kunsthistorischen Lexika wird sie teilweise auch als Farbskizze bezeichnet. Im Italienischen wird das malerische Pendant häufig als Bozzetto oder Modello bezeichnet. Während Bozzetto meist die erste, flüchtige Entwurfsskizze meint, bezeichnet Modello eine stärker ausgearbeitete Vorlage, die etwa einem Auftraggeber zur Genehmigung vorgelegt wurde. Im Deutschen werden hierfür überwiegend die Begriffe Skizze, Entwurf oder Studie verwendet.[2]

Geschichte
Ihre Anfänge liegen im 16. Jahrhundert. Die Verwendung von Ölskizzen im künstlerischen Schaffensprozess entwickelte sich im Italien des 16. Jahrhunderts. Zu den frühen Malern, die diese Technik einsetzten, zählen Polidoro da Caravaggio, Domenico Beccafumi, Federico Barocci, Jacopo Tintoretto und Paolo Veronese. Die Künstler nutzten farbige Skizzen, um kompositorische Ideen zu überprüfen oder Bildkonzepte innerhalb der Werkstatt zu kommunizieren. Dennoch blieb der Einsatz von Ölskizzen im Umfeld der italienischen Renaissance begrenzt. Vor allem in Florenz dominierten weiterhin zeichnerische Vorstudien. Aus dieser frühen Phase sind nur wenige Beispiele überliefert. Laut dem Museo Nacional del Prado haben sich insgesamt lediglich etwa ein Dutzend solcher frühen Ölskizzen erhalten.[2]
Rubens und die Etablierung der Ölskizze

Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Ölskizze spielte Peter Paul Rubens (1577–1640). Der in Antwerpen tätige Maler lernte diese Technik vermutlich während seines Italienaufenthalts zwischen 1600 und 1608 kennen und integrierte sie anschließend systematisch in seinen Arbeitsprozess.
Von Rubens haben sich rund 500 Ölskizzen erhalten.[3] Sie dienten verschiedenen Zwecken:
- als Mittel zur Entwicklung und Klärung der Bildidee,
- zur Vermittlung von Kompositionsentwürfen an Werkstattmitarbeiter und
- zur Präsentation von Entwürfen gegenüber Auftraggebern.
Je nach Zweck führte Rubens die Ölskizzen unterschiedlich aus – von flüchtigen Bozzetti bis zu sorgfältig ausgearbeiteten Modellen. Häufig malte er auf Holztafeln, da diese als stabilere und haltbarere Bildträger galten als Papier. Neben Holz wurden seit dem 16. und 17. Jahrhundert auch Papier, Karton oder Pappe als kostengünstige Malgründe verwendet. Ein Beispiel für die Vielseitigkeit dieses Entwurfsverfahrens ist eine doppelseitig bemalte Tafel aus dem Bestand der Alten Pinakothek in München. Sie zeigt auf der Vorderseite einen schnellen Bozzetto für die Löwenjagd (1621) und auf der Rückseite ein ausgearbeitetes Modello für den Medici-Zyklus.
Entwicklung im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert wurde die Ölskizze zunehmend als Experimentierfeld für Bildideen genutzt. Dabei näherten Künstler die Skizze dem fertigen Bild an. Die Grenzen zwischen vorbereitender Studie und eigenständigem Werk wurden dabei zunehmend fließend. Zeitgenössische Quellen berichten bereits von einer größeren Wertschätzung der spontanen, skizzenhaften Malweise. Die Ölskizze wurde somit nicht mehr ausschließlich als vorbereitender Arbeitsschritt verstanden.[2]
Die autonome Ölskizze im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert gewann die Ölskizze durch die Entwicklung der Freilichtmalerei an Bedeutung. Künstler hielten atmosphärische Eindrücke direkt vor der Natur in schnell gemalten Ölstudien fest. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Praxis zählen John Constable, Eugène Delacroix und Adolph von Menzel. Besonders Constables Landschaftsskizzen beeinflussten spätere Generationen. Menzel wiederum nutzte Ölskizzen vor allem als private Studien, die nicht zum Verkauf bestimmt waren, sondern der eigenen malerischen Übung dienten. Mit der zunehmenden Wertschätzung der spontanen Malweise entwickelte sich die Ölskizze im Laufe des 19. Jahrhunderts teilweise zu einem autonomen Kunstwerk. Die skizzenhafte Technik wurde später zu einem wesentlichen Element der Malerei des Impressionismus.[2]
Forschung und Terminologie
Die kunsthistorische Forschung hat verschiedene Kriterien zur Einordnung von Ölskizzen entwickelt. So wies beispielsweise der Kunsthistoriker Rudolf Wittkower auf die große formale Bandbreite dieser Gattung hin. Diese kann von einer kurzen, zeichnungsnahen Notiz bis zu einer nahezu bildhaften Ausführung reichen.
In der Werkstattpraxis des Barock hat sich ein terminologisches Begriffspaar etabliert.
- Bozzetto: erste, meist kleine und rasch gemalte Entwurfsskizze
- Modello: ausgearbeiteter Entwurf zur Präsentation oder Genehmigung.
Eine grundlegende Untersuchung zur Ölskizze in der Kunst von Rubens legte Julius S. Held mit seinem 1980 erschienenen Catalogue raisonné der Ölskizzen des Künstlers vor. Held definiert die Ölskizze allgemein als in Öl ausgeführte Bildformulierung zur Vorbereitung eines anderen Kunstwerks, unabhängig von Format oder Ausführungsgrad. Zu den wichtigen Überblickswerken zur frühen Geschichte der Ölskizze zählt der von Rainer Klessmann und Rudolf Wex herausgegebene Sammelband Beiträge zur Geschichte der Ölskizze vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Braunschweig 1984).[2]
Beispiele
- Peter Paul Rubens, Der Zorn des Achilles, zwischen 1630 und 1635. Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
- Rembrandt, Porträt eines alten Mannes (möglicherweise ein Rabbiner), 1655. The Leiden Collection, New York City
- Francesco Zugno (ca. 1708–1787), Die Enthaltsamkeit des Scipio, um 1750. Museu de Arte de São Paulo (MASP)
- Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770), Vision des heiligen Clemens, ca. 1730 bis 1735. National Gallery London
- John Constable (1776–1837), Hampstead Heath, Looking Toward Harrow, 1816. Cleveland Museum of Art
- John Constable (1776–1837), Skizze zu dem Gemälde A Boat Passing a Lock, etwa 1822 bis 1824. Philadelphia Museum of Art
- John Constable (1776–1837), Ölskizze zu dem Gemälde The Haywain, um 1820. Yale Center for British Art, New Haven, Connecticut
- Eugène Delacroix (1798–1863), Tête de vieille femme (Studie für das Gemälde Scène des massacres de Scio) 1824. Musée des Beaux-Arts, Orléans
- Eugène Delacroix (1798–1863), Studie eines Inders aus Kalkutta, um 1820. Virginia Museum of Fine Arts, Richmond (Virginia)
- Adolph von Menzel, Krönung König Wilhelms I. in Königsberg im Jahre 1861. Alte Nationalgalerie, Berlin
Ausstellungen
Mehrere Ausstellungen widmeten sich der Ölskizze als eigenständige künstlerische Gattung. Die Ausstellung Magie des Augenblicks. Skizzen und Studien in Öl, die von 2009 bis 2010 im Museum Giersch in Frankfurt am Main gezeigt wurde, präsentierte erstmals eine umfangreiche Auswahl von Ölskizzen und Ölstudien aus verschiedenen Epochen. Im Mittelpunkt stand der künstlerische Arbeitsprozess. Eine der bislang bedeutendsten monografischen Ausstellungen zu diesem Thema war Rubens. Painter of Sketches, die vom Museo Nacional del Prado in Madrid und dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam organisiert wurde. Präsentiert wurden 82 Ölskizzen von Rubens sowie weitere Gemälde, Zeichnungen und Dokumente.[3]
Literatur
- Friso Lammertse, Alejandro Vergara (Hrsg.), Rubens. Painter of Sketches, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam / Museo Nacional del Prado, Madrid, 2018.
- Julius S. Held, The Oil Sketches of Peter Paul Rubens. A Critical Catalogue, 2 Bde., National Gallery of Art / Princeton University Press, Princeton, 1980.
- Rüdiger Klessmann, Reinhold Wex (Red.), Beiträge zur Geschichte der Ölskizze vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Ein Symposion aus Anlass der Ausstellung Malerei aus erster Hand – Ölskizzen von Tintoretto bis Goya im Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig vom 28.–30. März 1984, Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, 1984.
- Viktoria von der Brüggen, Zwischen Ölskizze und Bild. Untersuchungen zu Werken von John Constable, Eugène Delacroix und Adolph Menzel, Frankfurt am Main, 2004.
- Werner Busch, Die autonome Ölskizze in der Landschaftsmalerei. Der wahr- und für wahr genommene Ausschnitt aus Zeit und Raum, in: Pantheon. Internationale Zeitschrift für Kunst, 41, 1983.
- Magie des Augenblicks: Skizzen und Studien in Öl. Katalog zur Ausstellung im Museum Giersch, Frankfurt am Main, Michael Imhof Verlag, 2009.
- Werner Busch, Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit, C. H. Beck, München, 2015.
Weblinks
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Ölskizze
- Museo Nacional del Prado: Rubens. Painter of Sketches
- Albrecht Pohlmann, Rezension von Viktoria von der Brüggen: Zwischen Ölskizze und Bild, in: Sehepunkte 5 (2005), Nr. 11
- Werner Busch, Die autonome Ölskizze in der Landschaftsmalerei, artdok Heidelberg
- Ernst von Siemens Kunststiftung: Peter Paul Rubens, Löwenjagd und Hochzeit der Maria de Medici in Procuratione
- Portal Kunstgeschichte: Magie des Augenblicks
- ARTinWORDS: Peter Paul Rubens’ Ölskizzen als revolutionäre Technik