Amcha Deutschland

Verein zur psychosozialen Hilfe für Holocaustüberlebende und ihre Nachkommen From Wikipedia, the free encyclopedia

Amcha Deutschland (Eigenschreibweise AMCHA) ist ein 1988 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der die psychosoziale Arbeit von Amcha Israel, gegründet 1987 in Jerusalem, unterstützt. Im Zentrum seiner Tätigkeit steht die Auseinandersetzung mit den langfristigen psychosozialen Folgen der Shoah, insbesondere im Hinblick auf Traumata und dessen Weitergabe über Generationen hinweg. Der Verein verbindet dabei Unterstützung für Überlebende und ihre Nachkommen mit Bildungs-, Dialog- und Vernetzungsarbeit, die sich auf die gegenwärtige Wirkungsgeschichte der Shoah und kollektive Gewalt konzentriert.

RechtsformVerein
Gründung1988[1]
SitzBerlin
MottoGedenken, aber die Überlebenden nicht vergessen.
Schnelle Fakten Rechtsform, Gründung ...
Amcha Deutschland
Rechtsform Verein
Gründung 1988[1]
Sitz Berlin
Motto Gedenken, aber die Überlebenden nicht vergessen.
Schwerpunkt psychosoziale Hilfe für Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen, Vermittlung und transnationale Vernetzung
Aktionsraum Israel, Deutschland
Vorsitz Lukas Welz
Geschäftsführung Juliane Solf
Personen Rouven Sperling (stellvertretender Vorsitzender), Elmar Esser (Schatzmeister)
Umsatz 1.682.000 Euro (2025)
Beschäftigte 7 (2026)
Mitglieder 85 (2025)
Website www.amcha.de
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Geschichte

Gründungsphase

Amcha Israel (hebräisch für: "Dein Volk") wurde 1987 in Jerusalem von Überlebenden des Holocaust, die selbst Psychologen waren, gegründet. Ziel war es, eine spezialisierte psychosoziale Versorgung für Überlebende und ihre Nachkommen zu schaffen, deren langfristige Traumatisierungen in der israelischen Gesellschaft zunächst wenig Beachtung fanden.

Bereits ein Jahr später wurde am 14. April 1988 in Bonn der Verein der Freunde und Förderer von Amcha e. V. in der Bundesrepublik Deutschland gegründet, der die Arbeit von Amcha Israel finanziell und ideell unterstützte. Die Initiative ging vor allem von Einzelpersonen aus Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft, darunter Günter Linnenbrink, Renate Schmidt, Rita Süssmuth, Hans-Jochen Vogel, aus und war zunächst nicht institutionell breit verankert.[2]

Unterstützung in der DDR

In der DDR entstand im Zuge der politischen Umbrüche von 1989/1990 ein Unterstützungskreis um Peter Fischer, der sich für eine institutionelle Förderung einsetzte. Am 8. März 1990 beschloss der Ministerrat der DDR, die Gründung einer Stiftung zur Unterstützung von Amcha Israel zu ermöglichen. Zunächst wurden 100.000 Mark bereitgestellt, im weiteren Verlauf wurde eine Zuwendung von rund 6,2 Millionen Mark vereinbart. Am 28. Mai 1990 wurde in Ost-Berlin der Verein "Amcha-Stiftung in der DDR e. V." gegründet. Die zugesagten Mittel wurden noch vor der Währungsunion im Juni 1990 überwiesen.[3]

Im Frühjahr 1990 bekannte sich die erste frei gewählte Volkskammer der DDR erstmals zur historischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen. Die Bereitstellung der Mittel für die Amcha-Stiftung wird in diesem Zusammenhang als Teil eines politischen und gesellschaftlichen Wandels gesehen.[4]

Zusammenführung nach der deutschen Einheit

Nach der deutschen Einheit wurde der in der Bundesrepublik bestehende Verein mit dem in der DDR gegründeten Verein zusammengeführt, woraus sich Amcha Deutschland e. V. entwickelte, der seit dem 1. September 1992 in seiner heutigen Form organisiert ist.

In den frühen 1990er Jahren kam es zu rechtlichen Auseinandersetzungen über die Anerkennung der in der DDR gegründeten Stiftung im bundesdeutschen Rechtssystem. Nach weiteren Zustiftungen 1991 und 1992, unter anderem durch Daimler-Benz, der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Deutschen Roten Kreuz und Volkswagen, konnte der in der DDR gegründete Verein die Stiftung erst am 15. Mai 1995 offiziell errichten. 2002 wurde die Stiftung in eine Verbrauchsstiftung umgewandelt, um angesichts des steigenden Unterstützungsbedarfs von Überlebenden der Shoah auch das Stiftungskapital schrittweise einsetzen zu können.[2]

Der Verein wirkte neben der Einwerbung von Spenden und Benefizkonzerten, unter anderem mit Giora Feidman anlässlich des Jom haScho’a 1995 in der Berliner Philharmonie durch fachliche Veranstaltungen, darunter ein Symposium im November 1990 in der Berliner Charité.[5]

Weiterentwicklung und Profilbildung seit 2012

Seit dem Vorstandswechsel 2012 hat Amcha Deutschland e. V. unter dem Vorsitz von Lukas Welz seine Tätigkeit über die finanzielle Unterstützung von Amcha Israel hinaus erweitert. Neben der weiterhin zentralen finanziellen Unterstützung, die auch durch öffentliche Fördermittel des Auswärtigen Amtes bereitgestellt wird, engagiert sich der Verein verstärkt in Projekten, Ausstellungen und internationalen Austauschformaten an der Schnittstelle von psychosozialer Praxis, Shoah-bezogener Erinnerung und transgenerationalem Trauma. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich die Folgen der Shoah in der Gegenwart von Überlebenden, Nachkommen und anderen von kollektiver Gewalt betroffenen Gruppen zeigen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem internationalen Fachaustausch zur psychosozialen Arbeit nach kollektiver Gewalt. In diesem Zusammenhang wurden Programme mit Partnern in anderen Ländern, unter anderem in der Ukraine, durchgeführt. Darüber hinaus unterstützt der Verein Initiativen, die sich mit den langfristigen Folgen der NS-Verfolgung in unterschiedlichen Communities, darunter Sinti und Roma, befassen.

Arbeitsfelder von Amcha Deutschland

Unterstützung psychosozialer Arbeit

Der Verein unterstützt in Israel die psychosozialen Angebote für Überlebende und Nachkommen durch Amcha Israel. Amcha Deutschland sammelt Spenden und Fördergelder, um Therapiestunden, Sozialtreffs und Hausbesuche zu finanzieren.

Politik der Entschädigung

Amcha Deutschland engagiert sich zudem gemeinsam mit anderen Organisationen für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Überlebenden der Shoah und setzt sich für eine nachhaltige Ausgestaltung von Entschädigungsleistungen für NS-Unrecht über Generationen hinweg ein.[6] Darüber hinaus fungiert der Verein als Ansprechpartner für Menschen in Deutschland, die Unterstützung im Umgang mit den psychosozialen Folgen der NS-Verfolgung suchen.

Städtemitgliedschaften

Durch die Mitgliedschaft von Städten bei Amcha Deutschland soll eine Erinnerungskultur gefördert werden, die lokal, aber über alle Grenzen hinweg, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus verbindet mit der Verantwortung für ein vergangenheitsbewusstes Denken und Handeln in der Gegenwart. Bisher (Stand: 2013) haben sich folgende Städte zu einer Mitgliedschaft entschlossen: Eberswalde, Celle und Oranienburg. Regelmäßig werden vor Ort etwa Begegnungen mit Zeitzeugen oder Benefizkonzerte durchgeführt. Das Denkmalprojekt Wachsen-mit-Erinnerung der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz etwa verbindet die Erinnerung an die während der Novemberpogrome zerstörte Eberswalder Synagoge durch Buchstabenspenden für die humanitäre Hilfe von Amcha in Israel. Das Denkmal wurde am 9. November 2013 von Bundespräsident Joachim Gauck eingeweiht.

Vermittlung und Bildung

Amcha Deutschland entwickelt biografie- und dialogorientierte Vermittlungsprojekte, die sich mit den langfristigen Folgen der Shoah und der Gegenwart von Vergangenheit befassen. Ziel ist es, die Auswirkungen von Vergfolgung, Trauma und Überleben in der Gegenwart sichtbar zu machen, für die Spätfolgen der Verfolgung (wie dem Überlebenden-Syndrom) zu sensibilisieren und gesellschaftliche Diskurse über Antisemitismus, Rassismus und Verantwortung anzuregen.

Die Fotodokumentation Leben nach dem Überleben (veröffentlicht als Buch und als Wanderausstellung) mit der Fotografin Helena Schätzle hatte Ausstellungsstationen unter anderem im Auswärtigen Amt in Berlin und im Bundessozialgericht in Kassel. Das Projekt wurde mit dem "Friedensbild des Jahres 2016" des Alfred Hermann Fried Photography Award des österreichischen Parlaments und der UNESCO ausgezeichnet.[7][8]

Amcha Deutschland hat Kunst- und Kulturprojekte gefördert, darunter das Puppentheater-Stück "BÄR. Ein Zeitzeuge erzählt" an der Berliner Schaubude.[9]

Vernetzung

Amcha Deutschland initiiert Fachdialoge und Projekte im deutsch-israelischen und transnationalen Kontext. Unter Programmen wie PresentPast, In Between Polarities und Resonanzen werden psychosoziale Erfahrungen aus der psychosozialen Arbeit im Kontext der Shoah in den Austausch mit anderen Gewaltkontexten eingebracht und weiterentwickelt, in den letzten Jahren z. B. in der Ukraine, im israelisch-palästinensischen Kontext und für Sinti und Roma in Deutschland und Tschechien. Amcha Deutschland Forschungsprojekte wurden mit dem Zentrum Überleben gefördert.

Der Verein organisiert Konferenzen, Workshops und Vortragsreihen. Die Formate verbinden Perspektiven aus Wissenschaft, psychosozialer Praxis und Erinnerungskultur. Zu den zentralen Reihen gehören die Konferenzreihe Transgenerationale sowie das interdisziplinäre Format Sequenzen, das historische Erfahrungen der Shoah mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen verknüpft.[10]

Die Arbeit von Amcha in Israel

Gegründet als jüdische Selbsthilfeorganisation nehmen heute jedes Jahr mehr als 16.000 Menschen die Hilfe von Amcha in Israel in Anspruch. Es gibt 15 Zentren, 380 Psychotherapeuten, Gerontologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter werden beschäftigt.[11] Gründer war Manfred Klafter.[12]

Hilfsangebote

Therapien

In 15 Zentren in Israel bietet Amcha professionelle psychologische, soziale und psychosoziale Hilfe für Holocaust-Überlebende und der Holocaust-Nachfolgegeneration. Um besser auf die besonderen Bedürfnisse der Klienten eingehen zu können, hat Amcha spezielle therapeutische Ansätze entwickelt, die eine Vielzahl expressiver und kreativer Herangehensweisen einschließen und soziale, psychologische und gerontologische Therapien integrieren. Die Dokumentation der persönlichen Lebensgeschichte oder die psychiatrische Konsultation zählen ebenso zu diesem integrativen Ansatz. Dabei werden die sozialen, mentalen, körperlichen und finanziellen Verhältnisse und Möglichkeiten der Klienten berücksichtigt. Amcha bietet Einzel- und Gruppentherapien an.

Amcha Sozialclubs

Aufbauend auf dem Prinzip der therapeutischen Gemeinschaft verfolgen die Amcha-Sozialclubs das Ziel, die Leiden der Holocaust-Überlebenden zu lindern. In Ergänzung zu den umfassenden mentalen Rehabilitationsangeboten wird den Klienten ein Ort der Gemeinschaft von Menschen geboten, die dasselbe Schicksal teilen. Sowohl professionelle Therapeuten als auch Kunst-, Bewegungs- und Entspannungslehrer bieten Beschäftigung und Rehabilitation an.

Hausbesuche

Durch Hausbesuche unterstützt Amcha jene Klienten, die aufgrund eingeschränkter oder fehlender Mobilität an ihr Zuhause gebunden sind. Der Grad der Hilfsbedürftigkeit variiert dabei stark. Diejenigen Klienten, die an komplexen sozialen Defiziten oder Krankheiten leiden, werden darin unterstützt, solange wie möglich selbstständig ihren Alltag gestalten zu können. Die häusliche Betreuung durch Amcha, die auch in Krankenhäusern, Altenheimen, Pflegestationen und Hospizen angeboten wird, ergänzt die Dienste kommunaler Organisationen, die zumeist nur begrenzt in der Lage sind, den besonderen Bedürfnissen der Holocaust-Überlebenden nachzukommen.

Klientengruppen

Holocaust-Überlebende der ersten Generation

Überlebende leiden oftmals an der Kombination von posttraumatischen Symptomen und altersbedingter Depression und Isolation. Die Überlebenden sind überwältigt von Schuldgefühlen, Sorgen, Albträumen und Angst vor imaginären Gefahren und wirklichen Katastrophen. Der Verlust von Bindungen und langjährigen Freunden, soziale Isolation und Einsamkeit, der Rückzug aus der Arbeitswelt und der Mangel an ökonomischer Sicherheit bedürfen aufgrund der posttraumatischen Belastungen im fortschreitenden Alter umso stärker einer Hilfe. Auch die posttraumatischen Symptome verstärken sich durch das physische Altern. Die Zahl derer, die psychologische und soziale Betreuung benötigen, wächst.

Kinderüberlebende

Als Kinderüberlebende werden Überlebende bezeichnet, die bei Kriegsende nicht älter als 16 Jahre alt gewesen sind. Kinder-Überlebende erfuhren Krieg und Vertreibung in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und erlitten während der langen Jahre im Versteck oder der Trennung von der Familie durch die extremen Verluste und Entbehrungen schwere Schädigungen. Andererseits haben Kinderüberlebende eine Vielzahl ungewöhnlicher Überlebensstrategien entwickelt, die oft ein ganzes Leben lang erhalten blieben. Mit dem fortschreitenden Altern nehmen auch die seelischen Leiden von Kinderüberlebenden zu. Einfache Veränderungen in dieser Phase des Lebens lösen alte Assoziationen aus, verursachen Depressionen und eine starke Reaktion auf die bedeutenden Verluste während ihrer Kindheit: Das Ausgestoßen sein als Kind, der Mangel an elterlichem Schutz und Konflikte um die persönliche Identität.

Nachfolgende Generationen

Kinder der Überlebenden verinnerlichen unbewusst die oftmals unterdrückten Gefühle der Eltern im Prozess der transgenerationellen Übertragung. Sie tragen die Last des Holocaust und der damit für die Eltern verbundenen Trauer in sich: Sie wollen die Leere füllen, die die ermordeten Verwandten hinterlassen haben, um ihre Eltern über ihre vielfältigen Verluste hinwegzutrösten. Die Kinder von Überlebenden tendieren zu einem „psychologischen Profil“, das eine Mischung aus besonderen Stärken aber auch starker Verwundbarkeit in belastenden Situationen beschreibt.

Rezeption und Medien

Über Amcha Deutschland wurde in zahlreichen Medien und Fachpublikationen berichtet. Offizielle Vertreter schätzten das Engagement: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobte die Hilfe für Überlebende durch Amcha bei einem Besuch im Amcha-Zentrum in Jerusalem anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung im Januar 2020.[13] Auch der deutsche Außenminister Heiko Maas würdigte die Arbeit von Amcha und die Unterstützung durch das Auswärtige Amt.[14]

Zahlreiche Akteure von Amcha wurden für ihr Engagement ausgezeichnet. So erhielten der ehemalige klinische Leiter Martin Auerbach, die Überlebende von Auschwitz und Amcha-Therapeutin Giselle Cycowicz und der Vorsitzende von Amcha Deutschland, Lukas Welz den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, was die breite Anerkennung ihrer Arbeit in Deutschland unterstreicht.[15][16]

Vereinsgremien, Unterstützer

Vorstand des Vereins

  • Geschäftsführender Vorstand: Lukas Welz, Vorsitzender (seit 2012), Rouven Sperling, stellvertretender Vorsitzender (seit 2012), Elmar Esser, Schatzmeister
  • Erweiterter Vorstand: Martin Auerbach, Juliette Brungs, Marina Chernivsky, Holger Michel, Sabine Sundermann

Mitglieder des Ehrenrats

Ehemalige Mitglieder des Ehrenrats

Mitglieder des Stiftungskuratoriums

Weitere Unterstützer

Zu den weiteren Unterstützern von Amcha in Israel und Deutschland zählten und zählen: Simon Wiesenthal (1908–2005), Jakob Hirsch, Giora Feidman, Jehuda Bacon. Noach Flug war Vorsitzender von AMCHA Israel.

Berichte über Amcha

Siehe auch

Einzelnachweise

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