André Renard (Gewerkschafter)
belgischer Politiker
From Wikipedia, the free encyclopedia
André Renard (geboren am 21. Mai 1911 in Valenciennes; gestorben am 20. Juli 1962 in Seraing) war ein belgischer Gewerkschafter und Résistant sowie ein wallonischer Aktivist.

Leben
André Renard wurde 1911 in Valenciennes (Frankreich) in einfachen Verhältnissen geboren. Seine Eltern stammten aus dem belgischen Seraing. Er besuchte die Sekundarschule in Frankreich. Anschließend setzte er sein Studium in Belgien an der École industrielle supérieure und an der Universität Lüttich fort.[1]
1932 begann André Renard als Arbeiter bei Cockerill in Lüttich und wurde später zum Vorarbeiter befördert. Er trug dort zur Gründung der ersten Gewerkschaftszellen bei. Sein Widerstand gegen das Bedaux-System (ein System, mit dem die Arbeitsproduktivität durch Leistungs- und Zeiterfassung erhöht werden sollte) führte zu seiner Entlassung.[2] 1936 schloss er sich den Streiks für bezahlten Urlaub und die 40-Stunden-Woche an.[3]
Während des Bürgerkriegs in Spanien übernahm Renard gewerkschaftliche Aufgaben in Spanien. Obwohl dies kolportiert wurde (z. B. in der La Wallonie) gehörte er wahrscheinlich nie den Internationalen Brigaden an.[2] 1937 engagierte er sich im Vorstand des Gewerkschaftsverbands der Metallarbeiter von Lüttich und veröffentlichte mehrere Artikel in der Zeitschrift Cri des jeunes, in denen er seine Positionen als antifaschistischer Aktivist vertrat.[3]
Im Zweiten Weltkrieg wurde er zur belgischen Armee eingezogen und nahm im Mai 1940 an der Schlacht um Belgien teil. Er geriet in Gefangenschaft und blieb bis 1942 in Deutschland, bis er aus medizinischen Gründen freigelassen und nach Wallonien zurückgeführt wurde. Sehr schnell schloss er sich der Résistance an, um gegen die Deportationen zu kämpfen. Er versuchte, die Produktion zu drosseln und die Maschinen zu zerstören. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, sein Engagement für die Arbeiter über die Untergrundpresse und den Service Socrate[A 1] im Jahr 1943 fortzusetzen.[4] Im Jahr 1945 spielte er eine entscheidende Rolle beim Aufbau der Gewerkschaftsorganisation Fédération Générale du Travail de Belgique[5]. Damit wurde er zu einer der führenden Persönlichkeiten der vereinigten Gewerkschaftsbewegung.[6][3]
Allerdings bestand in der FTGB – deren Vorsitzender neben dem Wallonen Renard der Flame Louis Major war – früh ein flämisch-wallonischer Gegensatz. Dieser führte dazu, dass Renard eine Föderalisierung der Gewerkschaft anstrebte.[3]

Im Jahr 1950, anlässlich der Königsfrage bezüglich der Rückkehr Leopolds III.[A 2], verteidigte André Renard vor dem Nationalkongress die Arbeiterbewegung und sprach sich für ein föderalistisches Vorgehen aus.[3] 1960, anlässlich der Abstimmung über das Einheitsgesetz und des darauffolgenden großen Streiks[A 3], war er die führende Persönlichkeit der wallonischen Gewerkschafter und wurde während der fünf Wochen des Streiks Vorsitzender des Koordinierungsausschusses der FGTB-Regionalverbände in Wallonien.[7][8]
Er erkannte recht schnell, dass er Belgien nicht durch gewerkschaftliche Aktionen zu einem föderalen Staat und weg von einem Einheitsstaat führen konnte. Er trat deshalb zurück und gründete 1961 das Mouvement Populaire Wallon (MPW), dem er bis zu seinem frühen Tod angehörte und das auch danach eine wichtige Rolle in der belgischen Politik spielte.[6][8]
Renards Ansichten und Praktiken, bei denen er den wallonischen Kampf der gewerkschaftlichen Arbeit unterordnete, wurden im Allgemeinen als Teil einer umfassenderen Gesellschaftsvision angesehen, die man als eine spezifische Form des Sozialismus oder des Syndikalismus betrachten kann und die in frankophonen Ländern unter dem Begriff „Renardismus“ (Renardisme) bekannt ist.[A 4]
André Renard wurde als Kommandeur des Mérite wallon ausgezeichnet.[4]
Literatur
- André Renard: André Renard écrivait ... recueil d'articles, 1936–1962. Impredi, 1962 (französisch).
- Paul Delforge, Philippe Destatte, Micheline Libon: Encyclopédie du mouvement wallon. Institut Jules Destrée, 2000, ISBN 978-2-87035-021-8 (französisch).
- Hervé Hasquin: Dictionnaire d'histoire de Belgique. Didier Hatier, 2000, ISBN 978-2-87088-926-8 (französisch).
- Rik Hemmerijckx: Le Mouvement syndical unifié et la naissance du renardisme. Courrier hebdomadaire du CRISP, 1986, doi:10.3917/cris.1119.0001 (französisch).
- Robert Moreau: Combat syndical et conscience wallonne. Fondation A. Renard, 1984, ISBN 978-2-87003-186-5 (französisch, [ Online]).
- Pierre Tilly: André Renard. Le Cri, 2005, ISBN 978-2-87106-378-0 (französisch).
Weblinks
- Rik Hemmerijckx: RENARD André, Gilles, Guillaume. [Belgique]. In: Le Maitron. (französisch).
- André Renard. In: ODIS. (französisch).
- Renard André. In: Connaître la Wallonie. (französisch).
- Renard André - Syndicaliste ( vom 7. September 2001 im Internet Archive)
- Renard, André. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
- Angaben zu André Renard in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
Anmerkungen
- Service Socrate oder auch Réseau Socrate (so in der frankophonen Wikipédia abrufbar) bezeichnet eine Widerstandsgruppe, die im besetzten Belgien aktiv war.
- Die Königsfrage bezeichnet in Belgien die politischen Ereignisse, die sich zwischen dem 7. Mai 1945 und dem 31. Juli 1951 im Zusammenhang mit der Rückkehr von König Leopold III. nach dem Zweiten Weltkrieg ereigneten. Diese Frage löste vor allem in Wallonien eine Anschlagsserie zwischen dem 20. und 26. Juli 1950 und schließlich einen gewalttätigen Generalstreik aus. Die Krise führte am 16. Juli 1951 zur Abdankung Leopolds III. zugunsten seines Sohnes Baudouin. Siehe dazu weiterführend Question royale in der französischsprachigen Wikipédia.
- Unter dem Namen Einheitsgesetz (als Loi unique in der frankophonen Wikipédia abrufbar) hatte die belgische Regierung ein Sparprogramm vorgelegt.
- Siehe dazu weiterführend den Artikel Renardisme in der französischsprachigen Wikipédia.