Appenzeller Kalender

Schweizer Almanach From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Appenzeller Kalender ist ein seit 1721 jährlich erscheinender Schweizer Almanach. Er hat seinen Ursprung im populären Genre der frühneuzeitlichen Schreibkalender und verbindet den kirchlichen Festkalender mit astronomischen Berechnungen sowie astrologischen Vorhersagen und Ratschlägen.

Geschichte

Ursprünge und frühe Entwicklung

Die erste Ausgabe des Kalenders wurde 1721 unter dem Namen Schreib-Calender vom Laienastronomen Johannes Tobler aus Rehetobel veröffentlicht, den Berechnungslücken in anderen Kalendern dazu bewogen hatten, einen eigenen Almanach zu produzieren. Die Publikation verbindet den kirchlichen Festkalender mit astronomischen Berechnungen sowie astrologischen Vorhersagen und Ratschlägen. Im hinteren Teil finden sich zunächst Nachrichtenmeldungen, Anekdoten und kurze naturwissenschaftliche Abhandlungen für ein breites Publikum.

Infolge des Landhandels, der zeitweise zu einer verstärkten Zensur des Kalenders durch die Ausserrhoder Obrigkeit führte, emigrierte Tobler 1736/1737 nach Nordamerika. Er übergab die Herausgeberschaft mitsamt den von ihm bereits auf mehrere Jahre hinaus gefertigten kalendarischen Berechnungen an Pfarrer Gabriel Walser in Speicher. Walser seinerseits übertrug die Leitung 1750 an Ulrich Sturzenegger, ebenfalls Laienastronom, der ab 1745 im Nachbarort Trogen einen eigenen Kalender unter dem Titel Hauß und Bauer Schreib-Calender herausgegeben hatte. Gleichzeitig meldete sich aus Übersee Johannes Tobler mit Kalenderberechnungen für weitere Jahre; kurzzeitig ergab sich eine Zusammenarbeit.

Die Sturzenegger-Ära

Während rund hundert Jahren und über vier Generationen zeichnete in der Folge die Familie Sturzenegger für den Appenzeller Kalender verantwortlich. Sie richtete 1767 eine eigene Druckerei in Trogen ein, die erste in Appenzell Ausserrhoden, nachdem der Kalender zuvor in Lindau, Ulm und St. Gallen gedruckt worden war. Ab der Ausgabe auf das Jahr 1764 erschienen regelmässig Holzschnitte, die zur grossen Popularität und zu den hohen Absatzzahlen des Almanachs weit über die Region hinaus beitrugen. Die Auflage wuchs in diesem Zeitraum beträchtlich und erreichte 1830 50'000 Exemplare, ihren Höhepunkt erreichte sie 1910 mit 80'000 Exemplaren.

Der Appenzeller Kalender popularisierte Wissen in den Bereichen Naturwissenschaft, Ethnologie, Geschichte und Zeitgeschehen. Damit erwies sich das überkonfessionell verbreitete Medium in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als wichtigstes Gefäss der Volksaufklärung in beiden Appenzell. Gleichzeitig wurden das astrologische Prognostikon sowie Berichte über übersinnliche Begebenheiten – nach wie vor Teil der frühneuzeitlichen Vorstellungswelt – als zentrale Elemente des Kalenders beibehalten. Praktischen Nutzen hatten unter anderem die Ratsherrenverzeichnisse und Markttabellen. Darüber hinaus verbreitete der Kalender ab 1805 erstmals Appenzeller Witze als eigenes Genre.

Letzte Entwicklungen

Markant wandelte sich nach ca. 1850 der redaktionelle Teil: Die Berichte über ferne Länder und Kulturen wurden abgelöst durch solche aus der ländlich-bäuerlichen Heimat im Sinn des Nationalismus und später der Geistigen Landesverteidigung, zudem erschien regelmässig Dialekt- und Heimatliteratur vieler bekannter Dichter.

Von 1847 bis 1975 erschien der Appenzeller Kalender bei verschiedenen Medienhäusern in Trogen, anschliessend in Herisau und ab 2015 in Schwellbrunn. Ab den 1990er Jahren revitalisierten die Herausgeber die seit dem 19. Jahrhundert marginalisierte astrologische Praktik, unter anderem in Form von Hinweisen zum Mondkalender. Die Auflage des Almanachs sank bis 2020 auf 15'000 Exemplare, aber er bleibt ein fester Bestandteil des kulturellen Inventars beider Appenzell.

Literatur

  • Georg Thürer: 250 Jahre Appenzeller Kalender. Ein Beitrag zur Literatur des kleinen Mannes. In: Rorschacher Neujahrsblatt. 62, 1972, S. 125–144.
  • Walter Schläpfer: Pressegeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden. 1978.
  • Ursula Brunold-Bigler: «Den ersten hinkenden Bott neue Zeit herausgegeben» oder die Tagebuchnotizen einer Appenzeller Kalendermacherfamilie (1771–1819). In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde. 79, 1983, S. 63–84.
  • Teresa Tschui: «Wie solche Figur zeiget». Der schweizerische Volkskalender als Bildmedium vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. 2009.
  • Norbert D. Wernicke: «…kurz, was sich in den Kalender schikt.» Literarische Texte in Schweizer Volkskalendern von 1508 bis 1848. Eine Bestandsaufnahme. 2011.
  • Alfred Messerli: Transnationale Medienereignisse im Appenzeller Kalender in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Bild und Text. In: Heidi Eisenhut, Anett Lütteken, Carsten Zelle (Hrsg.): Europa in der Schweiz. Grenzüberschreitender Kulturaustausch im 18. Jahrhundert. 2013, S. 231–248.
  • Holger Böning: Aufgeklärte Kalendermacher aus dem Bauernstand – der Appenzeller Kalender und seine Herausgeber. In: Klaus-Dieter Herbst, Werner Greiling (Hrsg.): Schreibkalender und ihre Autoren in Mittel-, Ost- und Ostmitteleuropa (1540–1850).,^ 2018, S. 459–491.
  • David Aragai, Marcel Prohaska: Der Appenzeller Kalender. Zeitmesser, Ratgeber, Kulturgut. 2024.
  • David Aragai: Appenzeller Kalender. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 13. Mai 2025.
Commons: Appenzeller Kalender – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
HLS Diese Fassung des Artikels basiert auf dem Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS), der gemäss den Nutzungshinweisen des HLS unter der Lizenz Creative Commons – Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) steht. Sollte der Artikel so weit überarbeitet und ausgebaut worden sein, dass er sich erheblich vom HLS-Artikel unterscheidet, wird dieser Baustein entfernt. Der ursprüngliche Text und ein Verweis auf die Lizenz finden sich auch in der Versionsgeschichte des Artikels.

Related Articles

Wikiwand AI