Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen
Wikimedia-Liste
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen enthält Ereignisse, die nach der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) als Unfall der Stufe 4 oder höher eingestuft wurden und sich in einer kerntechnischen Anlage ereigneten. Als kerntechnische Anlagen gelten dabei Kernkraftwerke, Forschungsreaktoren sowie Anlagen des nuklearen Brennstoffkreislaufs, etwa Urananreicherungs- oder Wiederaufarbeitungsanlagen. Weniger schwere Störfälle sind in der Liste meldepflichtiger Ereignisse in deutschen kerntechnischen Anlagen und in der Liste von Störfällen in europäischen kerntechnischen Anlagen erfasst.

Die INES-Skala wurde 1990 von der International Atomic Energy Agency (IAEA) und der Nuclear Energy Agency (NEA) eingeführt. Ereignisse, die sich zuvor ereigneten, besitzen daher keine zeitgenössische Einstufung; ihre Zuordnung zu einer INES-Stufe erfolgt auf Grundlage nachträglicher Bewertungen durch internationale Organisationen oder in der Fachliteratur. Frühere Ereignisse ohne INES-Einstufung werden in der Liste berücksichtigt, sofern sie Verletzungen oder Todesfälle infolge von Strahlenexposition verursachten.
Nicht enthalten sind radiologische Ereignisse außerhalb kerntechnischer Anlagen, etwa Unfälle mit Strahlenquellen in medizinischen oder industriellen Einrichtungen. Beispiele hierfür sind der Goiânia-Unfall in Brasilien (INES 5), ein Strahlenunfall in einer Bestrahlungsanlage bei Stambolijski im Jahr 2011 (INES 4)[1] oder der 1979 eingetretene Bruch eines Absetzsee-Dammes in den USA.
Die bekanntesten Unfälle in kerntechnischen Anlagen sind die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 11. März 2011. Neben diesen auslegungsüberschreitenden Unfällen (umgangssprachlich „Super-GAU“) gab es weitere Ereignisse, bei denen es zu erheblichen Freisetzungen radioaktiver Stoffe sowie zu Umwelt- und Gesundheitsschäden kam.
| 1940 • 1950 • 1960 • 1970 • 1980 • 1990 • 2000 • 2010 • 2020 |
1940er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 21. Aug. 1945 | Los Alamos (New Mexico) |
Harry K. Daghlian Jr. arbeitete auf dem Omega-Gelände des Kernforschungszentrums von Los Alamos und erzeugte eine prompt überkritische Anordnung, als er versehentlich einen Wolframcarbid-Klotz auf einen etwa 6 kg schweren Plutonium-Kern fallen ließ. Obwohl er das Stück wegstieß, erhielt er bei dem Prompt Burst eine tödliche Strahlendosis von geschätzt ca. 5 Sievert (Sv) und starb am 15. September.[2] |
|
| 21. Mai 1946 | Los Alamos (New Mexico) |
Im Kernforschungszentrum von Los Alamos experimentierte der kanadische Physiker Louis Slotin im Beisein mehrerer Wissenschaftler mit demselben Plutoniumkern, der in der Folge als „Demon Core“ bezeichnet wurde, und zwei Halbkugelschalen aus Beryllium, die als Neutronenreflektoren dienten. Slotin hielt die obere Halbkugel durch ein Daumenloch und benutzte, um sie kontrolliert abzusenken, einen Schraubendreher. Als der aus dem Spalt herausrutschte, riss Slotin die Halbkugel fort; er erhielt dabei eine Dosis von etwa 21 Sv, an der er bereits am 30. Mai verstarb.[2] |
1950er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 12. Dez. 1952 | Chalk River Laboratories, Chalk River (Ontario) |
Beim Unfall im Forschungsreaktor NRX der Chalk River Laboratories kam es während eines Tests infolge von Fehlbedienungen, missverständlicher Kommunikation zwischen Operator und Bedienpersonal sowie fehlerhaften Statusanzeigen im Kontrollraum zu einer Leistungsüberhöhung. Der Reaktorkern wurde teilweise zerstört; eine Wasserstoffexplosion beschädigte das Reaktorgebäude und setzte radioaktive Spaltprodukte frei. Mehrere Millionen Liter radioaktiv kontaminierten Wassers sammelten sich im Reaktorgebäude und wurden in eine Sickergrube gepumpt, um eine Verunreinigung des nahegelegenen Ottawa River zu vermeiden. Der beschädigte Reaktorkern wurde anschließend entfernt und vergraben; der Reaktor ging nach umfangreichen Dekontaminations- und Reparaturarbeiten zwei Jahre später wieder in Betrieb. An den mehrere Monate dauernden Aufräumarbeiten waren über 1000 Personen beteiligt. Sie erhielten zusammen eine Kollektivdosis von etwa 26 Personen-Sievert; eine spätere Studie fand unter den beteiligten Arbeitern keine erhöhte Krebssterblichkeit.[3] | 5[4] |
| 29. Nov. 1955 | Idaho Falls (Idaho) |
Am 29. November 1955 erlitt der Forschungsreaktor EBR-I in der National Reactor Testing Station während eines Experiments mit rascher Leistungssteigerung eine partielle Kernschmelze. Eine verspätete Schnellabschaltung löste eine Leistungsspitze aus, die zu einer Teilkernschmelze führte, bei der etwa 40 bis 50 % des Reaktorkerns beschädigt wurden. Der Reaktor schaltete sich durch Verlust der Kritikalität selbst ab. Die Radioaktivität im Reaktorkühlsystem und an Lüftungseinrichtungen des Gebäudes stieg an, woraufhin das Personal vorsorglich evakuiert wurde. Personenschäden traten nicht auf, und in der Umgebung der Anlage wurde keine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Der Unfall wurde zunächst nicht öffentlich bekannt gegeben; erst mehrere Monate später bestätigte die damalige US-Atomenergiebehörde den Vorfall.[5.1] | 4[6] |
| 29. Sep. 1957 | Kyschtym, |
Am 29. September 1957 kam es im Kerntechnikkomplex Majak nahe Kyschtym im südlichen Ural zu einem schweren Unfall. In einer Zisterne mit hochradioaktiven Abfällen fiel das Kühlsystem aus, ohne dass dies zunächst bemerkt wurde. Der Inhalt erhitzte sich dadurch immer weiter und explodierte schließlich bei etwa 350 °C. Die Explosion sprengte die rund 160 Tonnen schwere Betonabdeckung des Tanks und schleuderte etwa 20 Millionen Curie radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre. Der radioaktive Niederschlag wurde vom Wind über ein Gebiet von etwa 20.000 km2 verteilt, in dem rund 270.000 Menschen lebten. In den Tagen nach dem Unfall wurden mehr als 20 Dörfer mit über 11.000 Einwohnern evakuiert und anschließend vollständig zerstört. Offizielle Informationen über die Ursache der Maßnahmen erhielten die Bewohner nicht. Der Vorfall blieb lange geheim. Außerhalb der Sowjetunion wurde er erst 1976 bekannt, als der sowjetische Biochemiker Schores Alexandrowitsch Medwedew erste Informationen darüber veröffentlichte. Die sowjetischen Behörden bestätigten den Unfall offiziell erst 1989.[7] |
6[1] |
| 10. Okt. 1957 | Windscale |
Während Wartungsarbeiten zur Regeneration des Graphitmoderators kam es am 10. Oktober 1957 im Reaktorblock 1 der Anlage Windscale in Cumberland (später Sellafield) zu einem schweren Störfall. Beim Ausglühen der im Graphit gespeicherten Wigner-Energie geriet die Erwärmung außer Kontrolle. Teile des Moderators überhitzten so stark, dass Hüllrohre von Brennelementen beschädigt wurden und Spaltprodukte, insbesondere Iod-131, freigesetzt wurden. Insgesamt gelangten etwa 2 × 104 Curie Iod-131 in die Umgebung. In einem Gebiet von etwa 50 km Länge und 10 bis 15 km Breite wurde vom 12. Oktober bis zum 23. November 1957 eine Milchsperre verhängt; rund 3 Millionen Liter Milch mussten aus dem Verkehr gezogen und vernichtet werden. Menschen wurden nicht verletzt, jedoch wurde der Reaktor, der der Plutoniumproduktion für das britische Atomwaffenprogramm diente, durch den Unfall zerstört. Der luftgekühlte Natururan-Graphitreaktor gehörte zu einem speziellen britischen Reaktortyp, der außerhalb von Windscale nicht eingesetzt wurde. Die radioaktive Wolke zog über London und weiter über Belgien und die Niederlande bis nach Deutschland, Österreich und in die Tschechoslowakei, wobei die Aktivität rasch abnahm. Der Unfall führte in Europa erstmals zu einer von einem Kernreaktor ausgehenden radioaktiven Kontamination mit messbaren Auswirkungen auf die Bevölkerung.[5.2] |
5[6] |
| 16. Jun. 1958 | Oak Ridge (Tennessee) |
Im Y-12 National Security Complex in Oak Ridge ereignete sich am 16. Juni 1958 ein Kritikalitätsunfall in einer Anlage zur Verarbeitung von Uran. Durch ein Leck gelangte Uranylnitrat aus einer Leitung in Rohrsysteme der Anlage und sammelte sich dort unbemerkt an. Beim Entleeren der Leitungen erreichte die Lösung eine kritische Masse, wodurch eine kurzzeitige Kettenreaktion ausgelöst wurde. Mehrere Arbeiter wurden einer erhöhten Strahlung ausgesetzt. Einige der Betroffenen litten unter langfristigen gesundheitlichen Folgen der Strahlenexposition. Der Unfall führte zu strengeren Sicherheitsmaßnahmen bei der Handhabung und Kontrolle von uranhaltigen Lösungen in Prozessanlagen.[8] | |
| 15. Okt. 1958 | Vinča Jugoslawien |
Im Boris Institut für Nuklearwissenschaften „Boris Kidrič“ kam es während eines Experiments mit einer aus Natururanstäben und schwerem Wasser bestehenden Versuchsanordnung zu einem Kritikalitätsunfall. Durch schrittweises Anheben des Schwerwasserstands sollte die Neutronenvermehrung erhöht werden, ohne einen kritischen Zustand zu erreichen. Mehrere Messgeräte zeigten jedoch wegen Überlastung falsche Werte an, sodass die steigende Leistung zunächst unbemerkt blieb. Erst als ein Experimentator Ozon bemerkte, wurde die Reaktion erkannt und durch Einfahren von Sicherheitsstäben gestoppt. Sechs Personen erhielten hohe Strahlendosen zwischen etwa 2 und 4 Sv; eine von ihnen starb später an den Folgen der Strahlenexposition, die übrigen fünf erholten sich nach schwerer Strahlenkrankheit. Die Versuchsanordnung selbst blieb weitgehend unbeschädigt.[9.1] | 4[10]
|
| 30. Dez. 1958 | Los Alamos (New Mexico) |
Am 30. Dezember 1958 ereignete sich im Los Alamos Scientific Laboratory in New Mexico ein Kritikalitätsunfall in einer Anlage zur chemischen Aufarbeitung von Plutonium. In einem großen Mischbehälter, in dem Plutoniumverbindungen in Lösung gereinigt und konzentriert wurden, befand sich durch einen Fehler eine etwa 200-fach zu hohe Plutoniumkonzentration. Als der Operator den Rührer einschaltete, bildete sich ein Strudel, der die plutoniumhaltige obere Schicht aus organischem Lösungsmittel in der Mitte des Behälters konzentrierte. Dadurch wurde kurzfristig eine kritische Anordnung erreicht und eine rund 200 Mikrosekunden dauernde Kettenreaktion ausgelöst, bei der ein intensiver Puls von Neutronen- und Gammastrahlung frei wurde. Der unmittelbar am Behälter arbeitende Operator erhielt eine extrem hohe Strahlendosis und starb etwa 35 Stunden nach dem Vorfall an akuter Strahlenkrankheit. Der Unfall führte zu einer weiteren Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen bei Arbeiten mit kritischen Massen; insbesondere wurde der Einsatz von Fernmanipulatoren in den USA ausgeweitet.[11] | |
| 13. Juli 1959 | Simi Valley (Kalifornien) |
Am 13. Juli 1959 kam es im natriumgekühlten Forschungsreaktor Sodium Reactor Experiment auf dem Gelände des Santa Susana Field Laboratory in Kalifornien zu einer partiellen Kernschmelze. Zersetzungsprodukte des als Pumpenkühlmittel verwendeten Öls Tetralin gelangten in den Primärkreislauf und verstopften mehrere Kühlkanäle im Reaktorkern. Durch die unzureichende Kühlung überhitzten Brennelemente; in etwa 13 Brennelementbaugruppen kam es zu teilweisem Schmelzen des Brennstoffs. Die Zerstörung blieb zunächst unbemerkt und wurde erst am 26. Juli 1959 beim Zerlegen von Brennelementen am Ende des Betriebszyklus entdeckt. Die Freisetzung radioaktiver Stoffe blieb mit etwa 50 Curie relativ gering, Personen wurden nicht verletzt. Nach Reparaturarbeiten von rund 14 Monaten nahm der Reaktor im September 1960 den Betrieb wieder auf.[12.1] | 5–6[6] |
1960er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 3. Jan. 1961 | Idaho Falls (Idaho) |
Im Prototypreaktor SL-1 (Stationary Low-Power Reactor No. 1) auf dem Gelände der National Reactor Testing Station in Idaho kam es am 3. Januar 1961 während Montagearbeiten zu einem explosionsartigen Anstieg der Reaktorleistung. Der von der United States Army betriebene Siedewasserreaktor mit einer thermischen Leistung von 3 MW war als Prototyp eines kleinen Kraftwerks für abgelegene militärische Standorte entwickelt worden. Vermutlich wurde ein Steuerstab zu weit herausgezogen, wodurch eine prompt kritische Leistungsexkursion ausgelöst wurde. Dabei wurden im zentralen Bereich des Reaktorkerns zahlreiche Brennelemente beschädigt und teilweise aufgeschmolzen. Die schlagartige Bildung von Hochdruckdampf im Kernbereich schleuderte das Wasser nach oben und hob den Reaktordruckbehälter an; Teile der Kontrollstabantriebe wurden herausgeschleudert. Die dreiköpfige Bedienmannschaft wurde durch die Explosion und die intensive Strahlenexposition getötet. Im Reaktorgebäude wurden sehr hohe Strahlungswerte von etwa 500 bis 1000 Röntgen pro Stunde (entsprechend etwa 5 bis 10 Sievert pro Stunde), während außerhalb der Anlage nur geringe radioaktive Freisetzungen festgestellt wurden. Der Unfall führte in den USA zu Forderungen nach technisch verbesserten und zuverlässigeren Schnellabschaltsystemen sowie nach einer Weiterentwicklung der Katastrophenschutzmaßnahmen.[5.3] |
4[6] |
| 24. Juli 1964 | Wood River Junction |
Am 24. Juli 1964 ereignete sich in der Uranrückgewinnungsanlage der United Nuclear Corporation in Wood River Junction ein Kritikalitätsunfall. In der Anlage wurden uranhaltige Abfälle chemisch aufgelöst, um angereichertes Uran zurückzugewinnen. Ein Mitarbeiter füllte eine hochkonzentrierte Lösung aus angereichertem Uran irrtümlich in einen Mischbehälter, in dem sie durch das Rühren geometrisch so konzentriert wurde, dass eine unkontrollierte Kettenreaktion einsetzte. Dabei kam es zu einem kurzen, intensiven Neutronen- und Gammastrahlenstoß, begleitet von einem blauen Lichtblitz, während die Kritikalitätsalarme auslösten. Der Operator wurde einer extrem hohen Strahlendosis ausgesetzt und starb etwa 49 Stunden später an akuter Strahlenkrankheit. Weitere Beschäftigte erhielten nur vergleichsweise geringe Dosen. Die Ursache des Unfalls lag in einer Fehlidentifikation eines Behälters mit hochkonzentrierter Uranlösung sowie in der Verwendung eines großen Mischbehälters, der keine kritikalitätssichere Geometrie aufwies.[13] | |
| 5. Okt. 1966 | Monroe (Michigan) |
Im schnellen Brutreaktor Enrico Fermi 1 kam es zu einer teilweisen Kernschmelze. Während des Betriebs wurden ungewöhnlich hohe Temperaturen einzelner Brennelemente und schwankende Neutronensignale beobachtet. Kurz darauf lösten Strahlungsdetektoren Alarm aus, worauf der Reaktor manuell abgeschaltet und das Gebäude isoliert wurde. Spätere Untersuchungen ergaben, dass eine lose Zirkalloy-Metallplatte im Kühlmittelstrom den Zufluss von Natrium zu einigen Brennelementen teilweise blockiert hatte. Dadurch überhitzten zwei Brennelemente und schmolzen teilweise. Personen kamen nicht zu Schaden, und es gelangte keine Radioaktivität in die Umwelt. Der Reaktor wurde repariert und nahm 1970 den Betrieb wieder auf.[12.2] | 4[10] |
| 11. Mai 1967 | Chapelcross, Schottland |
Im Magnox-Reaktor Chapelcross 2 kam es am 11. Mai 1967 zu einer Überhitzung von Brennelementen, nachdem Graphittrümmer einen Kühlkanal teilweise blockiert hatten. Der dadurch gestörte Kohlendioxid-Kühlstrom führte zu steigenden Temperaturen, bis die Magnox-Ummantelung der Brennelemente versagte und radioaktive Spaltprodukte in den Reaktorkern freigesetzt wurden. Anschließend entzündete sich das Magnesium der Brennstoffhülle im blockierten Kanal. Der Reaktor wurde abgeschaltet; zur Sicherung der beschädigten Brennelemente führten Mitarbeiter unter Schutzmaßnahmen Arbeiten im Reaktorbehälter durch. Personen kamen nicht zu Schaden, die Freisetzung von Radioaktivität blieb auf das Innere des Reaktors beschränkt.[12.3] | 4[10]
|
| 21. Jan. 1969 | Lucens, |
Beim Versagen des Kühlsystems eines experimentellen Reaktors im Versuchsatomkraftwerk Lucens (VAKL) im Kanton Waadt gab es im Reaktor (der ähnlich wie der NRX-Reaktor aufgebaut war) eine partielle Kernschmelze. Anfang des Jahres 1968 gab es eine Prüfung des mit einer Leistung von 8 MW Energie produzierenden Reaktors. Im April/Mai wurde er in Betrieb genommen, allerdings anschließend bis Januar des nächsten Jahres wieder abgeschaltet. Während dieses Stillstandes lief externes Wasser über eine defekte Gebläse-Dichtung in den Kühlkreis des Reaktors. Die aus Magnesium bestehenden Brennstab-Umhüllungsrohre korrodierten. Als der Reaktor im Januar 1969 wieder in Betrieb genommen wurde, behinderten die Korrosionsprodukte die Kühlung. Der Brennstoff überhitzte und ein Brennelement schmolz. Es geriet in Brand und brachte den Moderatortank zum Bersten. Dabei wurden 1100 kg Schweres Wasser (Moderator), geschmolzenes radioaktives Material und Kohlendioxid (Kühlmittel) in die Reaktorkaverne geschleudert.[15] Da die erhöhte Radioaktivität bereits etwas früher gemessen wurde, konnte das Kraftwerk evakuiert und die Kaverne isoliert werden. Es wurde in der Fels-Kaverne anfänglich eine Dosisleistung von ca. ein Sievert pro Std. Radioaktivität gemessen, wobei eine geringe Menge davon durch „zwei sehr kleine undichte Stellen“ in die Umgebung gelangte; einige Tage später wurde der gesamte Gasinhalt der Kaverne „kontrolliert über Filter“ in die Umgebung abgegeben[16]. Die zusätzliche Dosisbelastung der Bevölkerung betrug 0,001 mSv, war also sehr gering.[17]. Die radioaktiven Trümmer konnten erst Jahre später aus dem Stollensystem geräumt werden. Die Kaverne enthielt nach wie vor eine Menge radioaktiven Materials, wurde aber so verschlossen, dass vorerst keine Strahlung in die Umwelt gelangen konnte. Die Aufräumarbeiten dauerten bis Mai 1973. Die Trümmer wurden in versiegelten Behältern auf dem Gelände gelagert, bis sie 2003 ins zentrale Zwischenlager in Würenlingen (Zwilag) abtransportiert wurden. | 4 |
| 11. Mai 1969 | Rocky Flats (Colorado) |
In einem Container mit 600 t feuergefährlichem Material kam es zu einer spontanen Entzündung von Plutonium. Das Feuer verbrannte 2 t des Materials und setzte Plutoniumoxid frei. Durch die Entnahme von Bodenproben im Umfeld der Anlage stellte man fest, dass die Gegend mit Plutonium kontaminiert wurde. Da sich die Betreiber der Anlage weigerten, Untersuchungen einzuleiten, wurden die Proben im Rahmen einer nicht offiziellen Untersuchung entnommen. (INES: 4–5)[18] | 4–5 |
1970er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 1973 | Windscale bzw. Sellafield, |
In der Wiederaufarbeitungsanlage kam es in einem für Reparaturen entleerten Becken beim Wiederauffüllen mit Wasser aufgrund heißer Radionuklide am Beckenboden zu einer exothermen Reaktion. Hierdurch wurden ein Teil der Anlage sowie 35 Arbeiter radioaktiv kontaminiert. Aufgrund der internen Kontamination und offenbar auch einer gewissen Freisetzung wurde dieser Unfall mit INES 4 eingestuft.[19] | 4 |
| 18. Januar 1970 | Werft 112 Gorki |
Bei dem Atom-U-Boot K-302 (K-320) der 670 Charlie-I-Klasse wird in der Werfthalle ein hydraulischer Test des Primärkreislaufes durchgeführt. Dabei wurde der Reaktor Prompt überkritisch und der spontane Verdampfungsprozess zerstört ein Teil des Primärkreislaufes. Die Strahlenexposition in der Werfthalle betrug 0,16 Gy/s und Schätzungen zufolge wurden rund 2,8 PBq Spaltprodukte freigesetzt. 12 Werftarbeiter im Boot erhielten eine tödliche Strahlendosis und starben innerhalb weniger Tage. Sieben weitere bekamen die Strahlenkrankheit, wovon zwei später starben. 156 Werftarbeiter waren stark erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt und einige bekamen später die Strahlenkrankheit. Die Werfthalle sowie zwei weitere 670 Charlie-I-Klasse-Boote die in der Halle aufgelegt waren, mussten dekontaminiert werden.[20][21][22][23][24] | 4–5 |
| 6. Feb. 1974 | Leningrad, |
Aufgrund siedenden Wassers ereignete sich ein Bruch des Wärmetauschers im Block 1 des Kernkraftwerks Leningrad. Drei Menschen starben. Hochradioaktives Wasser aus dem Primärkreislauf wurde zusammen mit radioaktivem Filterschlamm in die Umwelt freigesetzt. (INES: 4–5)[25] | 4–5 |
| Okt. 1975 | Leningrad, |
Im Oktober 1975 ereignete sich eine teilweise Zerstörung des Reaktorkerns in Block 1 des Leningrader KKW. Der Reaktor wurde abgeschaltet. Am nächsten Tag wurde der Kern gereinigt, indem eine Notreserve Stickstoff hindurchgepumpt und durch den Abluftschornstein abgeblasen wurde. Dabei wurden ca. 1,5 Megacurie (55 PBq) an radioaktiven Substanzen an die Umwelt abgegeben. (INES: 4–5)[25] | 4–5 |
| 1977 | Belojarsk, |
Bei einem Unfall schmolzen 50 % der Brennstoffkanäle des Blocks 2 vom Belojarsker KKW, einem Druckröhrenreaktor ähnlich dem RBMK. Die Reparatur dauerte etwa ein Jahr. Das Personal wurde hohen Strahlenbelastungen ausgesetzt. (INES: 5)[25] | 5 |
| Feb. 1977 | Jaslovské Bohunice, |
In dem mit einem Druckröhrenreaktor ausgestatteten ersten slowakischen Kernkraftwerk Bohunice A-1 kam es zu einem Unfall: Beim Beladen mit frischen Brennelementen überhitzten einige davon, ein Brennelement schoss aus dessen Druckröhre und zerschellte am darüberliegenden Beladungskran. Ein Arbeiter starb, die Reaktor-Halle wurde kontaminiert (INES: 4). Der Reaktor wurde nach dem Unfall stillgelegt.[26] | 4 |
| 31. Dez. 1978 | Belojarsk, |
Im Turbinenhaus des Blocks 2 vom Belojarsker KKW stürzte eine Deckenplatte auf einen Turbinenöltank und verursachte einen Großbrand. 8 Personen erlitten hohe Strahlendosen beim Organisieren der Reaktornotkühlung. (INES: 3–4)[25] | 3–4 |
| 28. März 1979 | Three Mile Island (Pennsylvania) |
Im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg führten Versagen von Maschinenteilen und Messsignalen sowie Bedienungsfehler der Mannschaft zum Ausfall der Reaktorkühlung, wodurch es zur partiellen Kernschmelze (50 % des Kerns) und Freisetzung von 90 TBq an radioaktiven Gasen kam. Dieser Unfall ist bis heute der schwerste in einem kommerziellen Reaktor in den USA. Er wurde von der IAEO mit INES 5 eingestuft. |
5 |
1980er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 1980 | Saint-Laurent, |
Das Teil-Schmelzen einiger weniger Brennelemente führte zu einer Kontamination des Reaktorgebäudes (INES: 4).[19] Die beiden ersten in St. Laurent gebauten Reaktoren waren graphitmoderiert und gasgekühlt. Die Notkühlung erfolgte deshalb nicht mit Wasser, sondern mit aus der Werksumgebung angesaugter Luft. Der Reaktor wurde nach Reparaturen noch eine Zeit lang weiterbetrieben. Heute laufen in St. Laurent nur noch zwei Druckwasser-Reaktoren. |
4 |
| Sep. 1982 | Tschernobyl, |
Im Block 1 des KKW Tschernobyl wurde durch Fehler des Personals ein Brennstoffkanal in der Mitte des Reaktors zerstört. Eine große Menge radioaktiver Substanzen wurden über den industriellen Bereich der Kernkraftanlage und die Stadt Prypjat verteilt. Das Personal, das mit der Liquidation der Konsequenzen dieses Unfalls beschäftigt war, erhielt hohe Strahlendosen. (INES: 5)[25] (der bekannte schwere Unfall geschah aber erst 1986, siehe weiter unten: Unfall höherer Stufe, in Block 4) | 5 |
| 1983 | Buenos Aires, |
Durch das Vernachlässigen von Sicherheitsregelungen starb ein Operator während einer Modifikation des Reaktorkerns eines Forschungsreaktors. Er befand sich nur wenige Meter entfernt und erhielt mit ca. 20 Gy eine tödliche Strahlendosis (INES: 4).[19] | 4 |
| 10. August 1985 | Chasma-Bucht, Wladiwostok |
In der Chazhma-Bucht, 55 km von der Stadt Wladiwostok entfernt ereignete sich ein ernster Unfall bei dem Brennelementwechsel des atomgetriebenen U-Bootes K-31 (K-431). Durch fehlerhaftes Lösen und Anheben des Reaktorverschlusses werden die Steuerstäbe aus dem Reaktor gezogen. Dabei wurde der Reaktor Prompt überkritisch und erreichte nach 1 bis 4 Millisekunden eine Leistung von 1,5 GW. Das Kühlmittel verdampfte schlagartig und es kam zu einer Dampfexplosion. Die 12 Tonnen schwere Reaktorabdeckung mit den Steuerstäben wurde abgesprengt und riss den Druckkörper des Bootes auf. Durch den Verlust des Moderators und der negativen Reaktivität erlosch die Kettenreaktion. Die meisten radioaktiven Trümmer fielen in einem Umkreis von 50 bis 100 m um das U-Boot in das Hafenbecken auf den Meeresgrund. Dieser wurde auf einer Fläche von rund 100.000 m² mit rund 185 GBq Spaltprodukten (mehrheitlich 60Cobalt) kontaminiert. Der nachfolgende Reaktorbrand in der offenen Reaktorabteilung konnte nach etwa vier Stunden gelöscht werden. Das Feuer setzte Schätzungen zufolge zwischen 185 und 259 PBq Spaltprodukte wie 60Cobalt, 131Jod und 54Mangan frei. Die radioaktive Wolke wehte in Richtung Nordwesten auf die Dunai-Halbinsel, wo auf einem Gebiet von rund 3,5 km Länge und 650 m Breite Radioaktiver Niederschlag niederging. Bei dem Unfall wurden zehn Marineangehörige sofort getötet, sieben Personen stark verstrahlt und 56 weitere bekamen die Strahlenkrankheit. Bei den darauffolgenden Lösch- und Aufräumarbeiten waren rund 2.000 Hilfskräfte im Einsatz. 290 von diesen waren stark erhöhter Strahlung von über 50 mSv ausgesetzt, wovon eine unbekannte Anzahl später an der Strahlenkrankheit starben. Einzelne Feuerwehrleute erhielten eine Äquivalentdosis von bis zu 2,2 Sv und eine Schilddrüsendosis von 4 Sv/s. Mitte der 1990er-Jahre lag die Zahl der offiziell identifizierten Opfer bei 950. Das am selben Pier liegende U-Boot K-42 (627A November-Klasse) wurde so stark verstrahlt, dass es außer Dienst gestellt werden musste.[27][28][29][30][31][32][33][34] | 5 |
| 6. Jan. 1986 | Gore (Oklahoma) |
In der Urankonversionsanlage Sequoyah von Kerr-McGee in Gore, Oklahoma barst ein überfüllter Zylinder mit Uranhexafluorid nach unzulässiger Erhitzung. Während des Abfüllens von Uranhexafluorid in einen dafür vorgesehenen Transportzylinder wurde bemerkt, dass aufgrund der fehlerhaften Kalibrierung einer Waage zu viel in den Zylinder abgefüllt worden war. Der Versuch, den Zylinder wieder auf ein normales Level zu entleeren schlug zunächst fehl, da sich das Uranhexafluorid im Behälter abgekühlt hatte und erstarrt war. Um ein weiteres Umfüllen zu ermöglichen, wurde die Erhitzung des Zylinders angewiesen, um den Stoff wieder zu verflüssigen. Beim Aufheizvorgang zerbarst der überfüllte Zylinder und durch Reaktion mit der Luftfeuchtigkeit wurden Uranylfluorid und Flusssäure freigesetzt. Ein Arbeiter starb durch das Einatmen von Flusssäure, 100 Arbeiter und Anwohner mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.[35] | 2–4 |
| 26. April 1986 | Tschernobyl, |
Zu einem Super-GAU (INES: 7)[25] kam es im Block 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine. Dabei wurde der Reaktorkern während eines Sicherheitstests aufgrund von Fehlern des Personals und durch konstruktionsbedingte Mängel prompt überkritisch. Es erfolgte eine Leistungsexkursion, die ein Vielfaches der Nennleistung überstieg, so dass es zu einer totalen Kernschmelze und zwei Wasserstoff-Explosionen in kurzer Folge kam. Die Abdeckung des Reaktorkerns und das Dach des Reaktorgebäudes wurden dadurch weggesprengt, ein Containment gab es nicht. Durch die Freilegung und Brand des Reaktorkernes wurden große Mengen Radioaktivität freigesetzt, die unmittelbare Umgebung wurde stark kontaminiert; darüber hinaus gab es zahlreiche direkte Strahlenopfer unter den Hilfskräften. Der Super-GAU konnte durch Radioaktivitätsmessungen und Fallout in Schweden und anderen europäischen Ländern nachgewiesen werden. Es wurde ein großräumiges Sperrgebiet eingerichtet und das Gebiet evakuiert. Die Anzahl der geschädigten Personen schwankt je nach Studie erheblich. Dass der Unfall bisher (gemäß IAEO) unerwartet wenig Opfer forderte, ist teils darauf zurückzuführen, dass der heftige Graphitbrand große Teile der Radioaktivität direkt und hoch in die Atmosphäre hinauf beförderte sowie der Wind vor der Evakuierung größerer Städte wie Prypjat weitgehend in Richtung bevölkerungsschwächerer Regionen blies. |
7 |
| Januar 1987 | KKW Belojarsk |
Im Brutreaktor-KKW (Block 3) kam es durch Übertemperatur und folgendem Brand zur Beschädigung von 12 Brennelementen. Es erfolgte dabei eine erhebliche Umgebungs-Freisetzung.[36][37] | 4 |
1990er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 24. März 1992 | Sosnowy Bor (Leningrad), Region St. Petersburg, |
Im Kernkraftwerk Sosnowy Bor barst ein Druckrohr, das ein Brennelement enthielt. Die nicht sehr hohe radioaktive Freisetzung wurde dennoch auch in Finnland registriert.[38][39] | ? |
| 6. April 1993 | Sewersk, |
In der Kerntechnischen Anlage Tomsk bei Sewersk (auch als Tomsk-7 bekannt) wurden in der Wiederaufarbeitungs-Anlage (vor allem genutzt für die Produktion von waffenfähigem Plutonium) durch einen Unfall große Mengen kurzlebiger radioaktiver Stoffe freigesetzt. Infolgedessen wurden rund 120 Quadratkilometer im Gebiet Sewersk kontaminiert (INES: 2–4).[40][41] | 2–4 |
| 30. Sep. 1999 | Tōkai-mura, |
In einer Brennelemente-Fabrik in Tōkai-mura (Japan) befüllten Arbeiter einen Vorbereitungstank mit 16,6 kg Urangemisch (statt der vorgeschriebenen 2,3 kg). Daraufhin setzte eine unkontrollierte Kettenreaktion ein und Strahlung trat aus. Die Zahl der Menschen, die erhöhte Strahlendosen erhielten, wird mit 35 bis 63 angegeben. Drei Arbeiter waren einer besonders hohen Dosis von bis zu 20 Sievert ausgesetzt. Ca. 300.000 Anwohner wurden aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Dieser Unfall wird von offizieller Seite mit INES 4,[42][43] von einigen Wissenschaftlern aber mit INES 5 bewertet.[44] Der Arbeiter Hisashi Ōuchi, der einer Strahlendosis von mutmaßlich 16 bis 20 Sievert ausgesetzt war, verstarb am 21. Dezember 1999 im Alter von 35 Jahren an Leberversagen. Am 27. April 2000 verstarb mit Masato Shinohara (40) ein weiterer Arbeiter nach langer Krankheit. Er war vermutlich einer Strahlung von 6 bis 10 Sievert ausgesetzt.[45] |
4–5 |
2000er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 11. März 2006 | Fleurus, |
In einer Bestrahlungsanlage zur Herstellung radiopharmazeutischer Produkte beim Institut national des radio-éléments (IRE) wurde aufgrund eines Hydraulik-Versagens eine Kobalt-Quelle aus einem strahlenabschirmenden Wasserbecken gehoben, obwohl kein Bestrahlungsvorgang stattfand und die Tür zum Raum offenstand. Aufgrund des ausgelösten Alarms betrat ein Angestellter den Raum. Während seines Aufenthaltes von nur 20 Sekunden erhielt er eine Strahlendosis von rund 4,6 Sievert, die mittelfristig lebensbedrohlich sein kann (INES 4).[46] (Unfälle in rein medizinischen Anlagen werden gewöhnlich nicht INES-klassifiziert, beim IRE handelt es sich aber um eine kerntechnische Anlage). | 4 |
2010er Jahre
| Datum | Ort | Vorgang | INES |
|---|---|---|---|
| 11. März 2011 | Fukushima, |
Aufgrund von Schäden bei der Stromversorgung und an den Kühlsystemen, die durch das große Tōhoku-Erdbeben vom 11. März 2011 und den folgenden Tsunami verursacht wurden, kam es in drei Reaktoren und zwei Abklingbecken des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi (Fukushima I) zur Überhitzung der Brennelemente. Es ereigneten sich mehrere Explosionen: In Block 1 am 12. März, in Block 3 am 14. März und in den Blöcken 2 und 4 am 15. März. Bei diesen Explosionen wurden bei Block 1 und 3 die äußeren Gebäudehüllen stark beschädigt und radioaktives Material freigesetzt. Zudem brachen in den Blöcken 3 und 4 mehrere Brände aus und setzten große Mengen radioaktiver Stoffe frei. Zur behelfsmäßigen Kühlung wurde in die Reaktorkerne von Block 1, 2 und 3 zunächst Reinwasser, dann mit Borsäure versetztes Meerwasser und schließlich wieder Reinwasser gepumpt. Auch in die betroffenen Abklingbecken wurde Wasser von außen her nachgeführt. Von der japanischen Regierung wurden in mehreren Schritten Evakuierungsmaßnahmen mit einem Radius von zuletzt 20 km angeordnet, von denen zunächst etwa 80.000 Menschen betroffen waren; in einem Umkreis von 30 km wurde den Bewohnern empfohlen, sich nicht ins Freie zu begeben (dies betraf 200.000 Menschen) und Fenster und Türen geschlossen zu halten; die USA empfahlen wenige Tage nach der ersten Explosion eine Evakuierungszone von 80 km, davon wären ca. 2 Mio. Menschen betroffen gewesen. Später wurde aufgrund gemessener Bodenkontamination ein weiterer Bereich bis 30 km im Nordwesten des Werks evakuiert. Die Ereignisse in den Blöcken 1 bis 3 wurden von der Japanischen Atomaufsichtsbehörde (NISA) am 18. März 2011 vorläufig der Stufe INES: 5 zugeordnet,[47] am 12. April 2011 jedoch auf die höchstmögliche Stufe INES: 7 hochgestuft.[48] Erhebliches Interesse der nationalen und internationalen Medien inkl. Filmmaterial der Explosionen in zwei Reaktorgebäuden sowie eine höhere Einstufung durch ausländische Einrichtungen[49][50][51] hatten die japanische Regierung zuvor unter Zugzwang gesetzt. Der Kraftwerksbetreiber Tepco räumte schließlich ebenfalls sogenannte „teilweise Kernschmelzen“ in den Reaktoren 1 und 3 ein, später auch in Reaktor 2.[52][53] |
7 |
| 1940 • 1950 • 1960 • 1970 • 1980 • 1990 • 2000 • 2010 • 2020 |
Siehe auch
- Liste meldepflichtiger Ereignisse in deutschen kerntechnischen Anlagen
- Liste von Störfällen in europäischen kerntechnischen Anlagen
- Broken Arrow wird im US-Militär als Codewort für gefährliche Störungen bzw. für den Verlust von Nuklearsprengköpfen verwendet
- Unfälle mit Interkontinentalraketen
- Unfälle mit Kernwaffen an Bord des Bombers B-47
- Unfälle mit Kernwaffen an Bord des strategischen Bombers B-52
- Unfälle mit Kernwaffen an Bord des Transportflugzeuges Douglas C-124
- Liste von Vorfällen in der Biosicherheit von Laboren
- Liste von U-Boot-Unglücken seit 1945, darunter auch von Atom-U-Booten mit Nuklearraketen.
- Nuklearunfälle an Bord des Atomeisbrechers Lenin
- Nuklearunfall von Njonoksa
- Nuklearunfall von Samut Prakan
- Nuklearunfall von Kramatorsk
- Nuklearunfall bei Goldsboro
Weblinks
- Website der Internationalen Atomenergieorganisation (englisch)
- Nuclear Events Web Based System der IAEO – Aktuelle Sammlung nuklearer Geschehnisse (englisch)
- Nuclearfiles.org Zusammenstellung von Nuklearunfällen einer Friedensinitiative (englisch)
- Liste der Unfälle in kerntechnischen Anlagen dargestellt auf google.maps.de; mit Beschreibung der jeweiligen Orte (deutsch)