Geschichte der Gitarre
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Die Geschichte der Gitarre behandelt den Zeitraum vom ersten als ausreichend gesichertem Auftreten als „Gitarre“ identifizierbarer und benannter Musikinstrumente in den ersten Hochkulturen bis zur Gegenwart sowie die Hypothesen zur Vor- und Frühgeschichte des Instruments, dessen Ursprünge in Kulturen des Altertums und der Antike vermutet werden.

Hypothesen zur Frühgeschichte der Gitarre

Vorgeschichte
Lauteninstrumente waren bereits vor 5000 Jahren in Gebrauch. Erste Instrumente dieser Art sind im Orient nachweisbar. Ein der europäischen Laute ähnliches Instrument ist schon auf einem Relief aus dem Tempel des Hammurapi von Babylon (1792–1750 v. Chr.) zu finden. Ägyptische Zeichnungen zeigen Frauen, die Lauteninstrumente aus der Zeit der Pharaonen spielen.[1]
Erste Vorgänger der Gitarre gelangten angeblich im 8. Jahrhundert nach Spanien und von dort ins übrige Europa.[2]
Mittelalter (Guitarra latina und Guitarra morisca)

Erste, später als Gitarre bezeichnete Instrumente sind seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar. So finden sich in den Cantigas de Santa Maria Abbildungen von Instrumenten, von denen einige Autoren annehmen, es könne sich hierbei um die im literarischen Werk des Dichters Juan Ruiz erwähnte Guitarra latina ‚latinische Gitarre‘ und die Guitarra morisca ‚maurische Gitarre‘ handeln. 1349 tauchten beide Instrumentenbezeichnungen als Guiterre latine und Guiterre moresche am Hof des Herzogs der Normandie auf. Erwähnt wird die maurische Gitarre auch vom Komponisten Guillaume de Machaut (als [en-]morache) und um 1300 vom Musiktheoretiker Johannes de Grocheo (als Guitarra saracenica).[3]
Die Gitarre im 16. Jahrhundert

Erscheinungsform
Die spanische Vihuela gilt als unmittelbarer Vorgänger jenes Gitarrentyps, der in der modernen Literatur als „Renaissancegitarre“ bezeichnet wird. Sie hat einen schmalen, achtförmig geschweiften Korpus, einen flachen Boden, einen gitarretypischen Hals mit Bünden und eine Kopfplatte mit hinterständigen Wirbeln. Neben der Vihuela existierte in Spanien noch die kleinere vierchörige Gitarre (guitarra de quarto órdenes). Nach den Angaben des spanischen Musiktheoretikers Juan Bermudo in seinem 1555 erschienenen El libro llamodo declaracion de instrumentos musicales. konnte man eine Vihuela durch Entfernen des 1. und 6. Chores zu einer vierchörigen Gitarre umwandeln, was auf die nahe Verwandtschaft der beiden Instrumente hinweist.[4]
Der am aragonesischen Hof in Neapel wirkende franko-flämische Komponist und Musiktheoretiker Johannes Tinctoris vermutet in seiner Schrift De inventione et usu musicae von 1484 den Ursprung der viersaitigen Gitarre in Katalonien. Die von ihm beschriebenen Instrumente gleichen jedoch eher einer Laute beziehungsweise der Guitarra morisca.[5]
Die vierchörige spanische Gitarre hatte drei Doppelsaiten („Chöre“) und eine einfache Saite und somit einen begrenzteren Umfang sowie in der Tabulatur-Literatur ein weniger anspruchsvolles Repertoire als die Laute und die auch „spanische Laute“ genannte (sechschörige) Vihuela,[2]
Verbreitung
Wie aus einer Beschreibung der Quinterna, einer fünfchörigen Gitarre, bei Michael Praetorius (1571–1621) in Syntagma musicum und aus einer Tabulatur von 1653 hervorgeht,[6] waren gitarrenartige Instrumente im deutschsprachigen Raum ab dem 16. Jahrhundert bekannt. Ein ähnliches Instrument wie die Quinterna bei Praetorius zeigt die „Quinternspielerin“ in einer Holzschnittfolge der neun Musen von Tobias Stimmer.[7]
In Italien unterschied man im 17. Jahrhundert die chitarra von der kleineren chitarriglia.[8.1] Auch die im 16. Jahrhundert vor allem in Frankreich benutzte Gitarre hatte anfänglich meist vier Chöre.[9]
Musik
Für Gitarre intavolierte Lieder und Villancicos sowie Instrumentalkompositionen des 16. und 17. Jahrhunderts (darunter auch polyphone Werke, wie Fantasien und Ricercare) sind vor allem in Form von Tabulaturdrucken überliefert.[10] Werke für die vierchörige Gitarre finden sich in Spanien bei Alonso Mudarra (1546) und bei Miguel de Fuenllana (1554) sowie in französischen und italienischen Tabulaturausgaben von Robert Ballard und Adrian Le Roy (1551), Melchiore de Barberis (1549) und Pierre Phalèse (1568 ff).
- Quintern oder Gittern
- Vihuela, Valencia (um 1500)
- Spanische Vihuela, sechschörig
- Aus Syntagma musicum, in der Mitte eine Quinterna
Barock



Erscheinungsform
Der Legende nach wurde das vierchörige Instrument durch Vicente Espinel um eine fünfte, höchste Einzelseite (chanterelle) ergänzt.[11][12] Diese nunmehr fünfchörige Gitarre wird heute als Barockgitarre bezeichnet.
Die Gitarre wurde in der Barockzeit oftmals in einem von der modernen Saitenanordnung abweichenden reentrant tuning gestimmt, bei dem entweder beide Saiten oder auch nur eine Saite des vierten und fünften Saitenchors um eine Oktave höher eingestimmt wurden, woraus sich unterschiedliche Stimmungsvarianten ergaben, die u. a. glockenähnliche Klangeffekte (italienisch campanella ‚Glöckchen‘; spanisch campanela) ermöglichten.[8.2]
- 4. und 5. Chor unisono oktaviert (Gaspar Sanz)
- 4. Chor mit oktavierter Einzelsaite (Robert de Visée)
- 4. und 5. Chor mit oktavierten Einzelsaiten (Akkordspiel)
Neben diesen Stimmungsvarianten gab es zahlreiche Experimente mit individuellen Skordaturen für einzelne Werke oder auch Werkzyklen.[13]
Am Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einer gegenseitigen Beeinflussung von Mandora und Gitarre, wobei die Gitarre die sechste Saite und die Stimmung der Mandora (e′ – h – g – d – A – G, später auch e′ – h – g – d – A – E) übernahm.
Verbreitung
Der Katalane Juan Carlos Amat (1596) verfasste das erste Lehrwerk in spanischer Sprache für die fünfchörige Gitarre, das durch seine Beschränkung auf das Spiel geschlagener Akkorde zusammen mit Girolamo Montesardos Nuova inventione d’intavolatura […] (Florenz 1606) einen erheblichen Anteil an der internationalen Verbreitung des Instruments hatte.[8.3]
Die fünfchörige Gitarre gelangte im 17. Jahrhundert über Italien durch Francesco Corbetta, der 1670 sein Karl II. gewidmetes Werk La Guitare Royal veröffentlichte, nach Frankreich, wo sie am Hof von Ludwig XIV. ein beliebtes Musikinstrument wurde.
Spieltechnik
Im Verlauf der Barockzeit wechselte die Spielweise zwischen den batteries (spanisch rasgueado; italienisch battuto, auch battente), dem Schlagen von Akkorden,[14] und dem kontrapunktischen bzw. melodischen Spiel, dem punteado. Der Spanier Gaspar Sanz verfasste mehrere Lehrwerke in diesem gemischten Stil, die zu bedeutenden Zeugnissen für die Spieltechnik und das Repertoire der Barockgitarre geworden sind und in zahlreichen Nachdrucken und modernen Übertragungen vorliegen.
Musik
Im 17. und 18. Jahrhundert fand die Gitarre auch Verwendung als Generalbassinstrument. Anweisungen dazu finden sich bei Gaspar Sanz (1674), Nicola Matteis (1680) und Santiago de Murcia (1714).[15]
Gitarrenkompositionen stammen von Giovanni Paolo Foscarini (1630), Robert de Visée und Giovanni Battista Granata (1674), beides Schüler von Francesco Corbetta. Ferner traten hervor: Francisco Guerau (1694), der Lehrer von Santiago de Murcia, der flämische Komponist François Le Cocq,[16] Lucas Ruiz de Ribayaz (1677), ein Nachahmer von Gaspar Sanz, der Komponist und Herausgeber Carlo Calvi (1646), Angelo Michele Bartolotti (1655),[8.4] Ludovico Roncalli (1692) und François Campion. Auch der böhmische Lautenist Johann Anton Losy von Losinthal schuf zahlreiche Werke für Gitarre, teils als Originalwerke, teils als Bearbeitungen seiner Kompositionen für Laute.
Das 19. Jahrhundert
Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Spanische Gitarre, wie sie etwa von Antonio Stradivari in Cremona (zum Beispiel 1688) gebaut wurde, zur sechssaitigen (und einchörigen) Gitarre des 19. Jahrhunderts, mit einer robusteren und im Vergleich zu den Verzierungen der barocken Gitarre funktionaleren Bauweise und – ablesbar in der Gitarrenliteratur ab 1750 – Möglichkeiten zu einer differenzierten Tonbildung und gleichzeitig einem die tiefen Töne stärker als zuvor hervorhebenden sowie auch durch eine lineare Stimmung Akkordumkehrungen (vgl. Voicings) beim Strumming erst richtig hörbar machenden[8.5] und sonoreren, der Musik der Romantik und des Impressionismus entsprechenden Klang.[17]
Für den Klang bedeutsam war ferner der Einbau von Resonanzleisten, welche die Schwingungen auf den gesamten Körper übertrugen, wodurch die Töne lauter wurden und sogar den Einsatz der Gitarre in kleineren Orchestern ermöglichte.[18] Zu den ersten Lehrwerke für die klassische Gitarre (mit sechs Saiten) gehörten die von Federico Moretti und das 1825 von Dionisio Aguado veröffentlichte.
Zentren der klassischen Gitarre waren hauptsächlich Wien und Paris. In Wien prägte Johann Georg Stauffer das Wiener Gitarrenmodell. Später bildete sich in London ein weiteres Zentrum der Gitarre europäischen Ranges aus. Zu den international wirkenden Komponisten der Gitarre zählte auch der Geigenvirtuose Niccolò Paganini.
Bedeutende Komponisten für die sechssaitige Gitarre waren in Paris Fernando Sor, Ferdinando Carulli, Dionisio Aguado und Napoléon Coste sowie in Wien Mauro Giuliani und Johann Kaspar Mertz. Zu den bedeutendsten Gitarrenvirtuosen nach Giuliani zählte Giulio Regondi; er lebte die längste Zeit seines Lebens in London.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die Gitarre wieder vor allem in Spanien weiterentwickelt. Der Gitarrist Francisco Tárrega beschritt dort mit seiner Methodik zur Griff- und Anschlagtechniken neue Wege. Zur gleichen Zeit vervollkommnete der Gitarrenbauer Antonio de Torres die Gitarre in Form und Abmessungen, Anordnung der (fächerförmigen) Decken-Verleistung und mechanischen Details.
Vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Die Torres-Gitarre aus dem 19. Jahrhundert ist bis heute die Grundlage der Konzertgitarre. Wichtige Weiterentwicklungen entstanden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts etwa in der Zusammenarbeit der Gitarrenvirtuosen Miguel Llobet und Andrés Segovia mit den Gitarrenbauern Manuel Ramírez und Hermann Hauser I.
Als bedeutende Gitarrenbauer des 20. Jahrhunderts gelten die Spanier Santos Hernandez, Domingo Esteso, Ignacio Fleta, Marcelo Barbero und José Ramirez III, die deutschen Gitarrenbauer Hermann Hauser II und Richard Jacob „Weißgerber“ sowie die Franzosen Robert Bouchet und Daniel Friederich.
Die verbreitete Bezeichnung Klassische Gitarre für die Spanische Gitarre wurde, abgesehen von russischen Veröffentlichungen zur Gitarre zwischen 1904 und 1915, erst nach 1946 durch die Zeitschrift Guitar Review eingeführt.[19]
Im 20. Jahrhundert wurden durch Gitarrenbauer wie der Gibson Guitar Corporation, C. F. Martin & Co. und Fender unter anderm mit der Archtop-Gitarre, der Westerngitarre oder der E-Gitarre neue Gitarren-Typen entwickelt, die das Klangbild populärer Musikstile wie Folk, Blues, Jazz, Rockmusik und Popmusik mitprägten und Spielerpersönlichkeiten wie Charlie Christian, Django Reinhardt, Jimi Hendrix oder Leo Kottke hervorbrachten.
Siehe auch
Literatur
Bücher
- Hannes Fricke: Mythos Gitarre: Geschichte, Interpreten, Sternstunden. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-020279-1.
- Johannes Klier, Ingrid Hacker-Klier. Die Gitarre. Ein Instrument und seine Geschichte. Hrsg. und eingeleitet von Santiago Navascués. Musikverlag Biblioteca de la Guitarra M. Bruckbauer, Bad Schussenried 1980, ISBN 3-922745-01-6.
- Johannes Monno: Die Barockgitarre: Darstellung ihrer Entwicklung und Spielweise. Tree Edition, Lübeck 1995.
- Heinz Nickel: Beitrag zur Entwicklung der Gitarre in Europa. Bibliotheca de la Guitarra M. Bruckbauer, Haimhausen 1972.
- Peter Päffgen: Die Gitarre – Geschichte, Spieltechnik, Repertoire, Grundzüge ihrer Entwicklung. Schott Music, Mainz 1988, ISBN 3-7957-2355-8; 2., erweiterte Auflage ebenda 2002.
- Józef Powroźniak: Gitarren-Lexikon. Übers. [von Leksykon gitary] aus d. Poln. von Bernd Haag. Mitarb. an d. erw. u. überarb. dt.-sprachigen Ausg.: A. Quadt […]. 1979; 4. Auflage. Verlag Neue Musik, Berlin 1988, ISBN 3-7333-0029-7; Neuausgabe: Gitarren-Lexikon. Komponisten, Gitarristen, Technik, Geschichte. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 1997, ISBN 3-930656-45-0.
- Konrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott Music, Mainz 2002, ISBN 3-7957-8725-4.
- Alexander Schmitz: Das Gitarrenbuch. Geschichte, Instrumente, Interpreten. Krüger, Frankfurt am Main 1982.
- Harvey Turnbull: The Guitar from the Renaissance to the Present Day. B.T. Batsford, London 1974.
- James Tyler: The Early Guitar: A History and Handbook. (Early Music Series 4) Oxford University Press, Oxford 1980
- James Tyler, Paul Sparks: The Guitar and Its Music from the Renaissance to the Classical Era. Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 978-0-19-816713-6; Neudruck ebenda 2007 (= Oxford Early Music Series), ISBN 978-0-19-921477-8.
- Josef Zuth: Handbuch der Laute und Gitarre. Verlag der Zeitschrift für die Gitarre (Anton Goll), Wien 1926 (1928).
Artikel
- Kathleen Schlesinger: Guitar. In: Encyclopædia Britannica. 11. Auflage. Band 12: Gichtel – Harmonium. London 1910, S. 703 (englisch, Volltext [Wikisource]).
Zeitschriften
Musikalien (Praktische Ausgaben)
- Adalbert Quadt: Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1–4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970 ff.; 2. Auflage ebenda 1975–1984.
- Frank Koonce: The Baroque Guitar in Spain and the New World: Gaspar Sanz, Antonio de Santa Cruz, Francisco Guerau, Santiago de Murcia. (= The Frank Koonce Series. Music transcribed and adapted for modern guitar, with facsimiles of the original tablatures) Mel Bay Publications, Pacific, Mo. 2006, ISBN 978-0-7866-7525-8.
- Frederick Noad: The Frederick Noad Guitar Anthology. 4 Bände. Ariel Publications [A Division of Music Sales Corporation], New York 1974; Neudrucke: Amsco Publications, New York / London / Sydney 1992 und 2002, UK ISBN 0-7119-0958-X, US ISBN 0-8256-9950-9.
- Band 1: The Renaissance Guitar. [Solos, duets and songs by 16th century composers for the guitar, lute and vihuela including Milan, Narvaez, Dowland, Cutting and others]. (kommentierter Notenteil S. 22–119; enthält auch Stücke für bandore und lyra-viol)
- Band 2: The Baroque Guitar [Solos, duets and songs by de Visée, Sanz, Corbetta, the Baroque guitar school and master composers for the lute: Bach, Weiss and thei contemporaries]. Ariel Publications, New York 1974; Neudruck (mit CD): Amsco Publications, New York / Sydney, ISBN 978-0-8256-1811-6.
Weblinks
- Literatur zum Thema Geschichte der Gitarre im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Geschichte der Gitarre auf tabazar.de
- James Tyler: The Role of the Guitar in the Rise of Monody: The Earliest Manuscripts. In: Journal of Seventeenth-Century Music. Band 9, Nr. 1, 2004. (Online; englisch)
- Monica Hall: Baroque Guitar Research.