Bernd Hunger
deutscher Stadtplaner
From Wikipedia, the free encyclopedia
Bernd Hunger (* 31. Januar 1953 in Apolda) ist ein deutscher Stadtplaner und Stadtsoziologe.
Leben
1971 bis 1975 studierte er Bauingenieurwesen (Fachrichtung Informationsverarbeitung im Bauwesen) an der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) in Weimar, an der er 1978 bis 1986 wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Lehrstuhl von Fred Staufenbiel war. Mit ihm und Rolf Kuhn war er am Aufbau der stadtsoziologischen Forschung und Lehre für Stadtplaner und Architekten in Weimar beteiligt. 1982 wurde er zum Dr.-Ing. promoviert, in seiner Dissertation schlug er die Einbeziehung der Sozialwissenschaft in die Planungspraxis vor. Grundlage waren die Erfahrungen aus dem „Kommunalen Praktikum“, bei dem die künftigen Stadtplaner vier Wochen lang mit einem Methodenmix aus Befragung, Beobachtung und Dokumentenanalyse den Lebensalltag in unterschiedlichen Typen von Stadtquartieren untersuchten. 1988 wurde Hunger habilitiert (in der DDR: Promotion B als Dr. sc. phil.), in seiner Qualifikationsarbeit wies er auf kulturübergreifende Traditionen hin, die auch die sozialistische Stadt prägen, womit er auf die Notwendigkeit des Erhalts der Altstädte der DDR aufmerksam machte.
1987 wurde Hunger auf Initiative von Bernd Grönwald Leiter der Abteilung „Städtebauprognose“ am Institut für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR in (Ost-)Berlin. Hier verantwortete er die 1989 abgeschlossene (und 1990 dann in West-Berlin veröffentlichte) Grundsatzstudie Städtebauprognose. Diese forderte nicht nur eine Umkehr vom Bau großer Neubaugebiete hin zur Innenstadtentwicklung, sondern eine Demokratisierung der Planung durch mehr Verantwortung der Kommunen für die städtebauliche Entwicklung. Die im Wendejahr 1989/90 vielbeachtete Studie war ein Baustein der Diskussion über die Stadtentwicklung in einer reformierten DDR. Sie nahm Planungsprinzipien vorweg, die mit dem Beitritt zur Bundesrepublik zur Praxis wurden.
1991 war Hunger als Projektleiter an der Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung am Design des ExWoSt-Forschungsvorhabens Städtebauliche Weiterentwicklung großer Neubaugebiete in den neuen Ländern beteiligt, das er später mit seinem Büro bearbeitete. Parallel war er 1990/91 als Vertreter von Walter Siebel Gastprofessor für Stadtsoziologie an der Universität Oldenburg. 1992 gründete er das „StadtBüro Hunger Stadtforschung und -entwicklung“ mit Sitz in Berlin. Seither ist er an zahlreichen Planungs- und Forschungsvorhaben für Bund, Länder, Kommunen und Wohnungswirtschaft beteiligt, insbesondere im Hinblick auf Sozialstudien, Integrierte Stadtentwicklungskonzepte und Quartiersmanagement. Von besonderer Bedeutung war u. a. die Mitwirkung am Großsiedlungsbericht 1994 der Bundesregierung, der die Weichen für die besondere Förderung der Erneuerung der in der DDR industriell errichteten Großwohngebiete stellte.
Die für den GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen erstellte Studie Überforderte Nachbarschaften (1998, gemeinsam mit dem Institut „empirica“) löste eine Diskussion über die Belegungspolitik der Kommunen und die soziale Verantwortung der Wohnungswirtschaft aus. Sie war eine der Grundlagen für das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, das den Fokus auf nicht-investive Maßnahmen zur Unterstützung des sozialen Zusammenhalts in den Quartieren richtete.
In der akademischen Forschung und Lehre war er parallel zur Bürotätigkeit 1997 bis 1999 als Gastprofessor für Planungstheorie am Institut für Stadt- und Regionalplanung (ISR) der TU Berlin tätig. 1999 bis 2018 war Hunger beim GdW Leiter des Referats Stadtentwicklung und Wohnungsbau und wirkte an der Schnittstelle von Städtebau und Wohnungswirtschaft unter anderem am Design des Bundesprogramms Stadtumbau Ost (Laufzeit ab 2002) für die sozialverträgliche Gestaltung von Umbauprozessen in den von Einwohnerrückgang und Wohnungsleerstand betroffenen Städten der neuen Bundesländer mit.
Seit 2009 ist Hunger ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender des bundesweit tätigen Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V. mit Sitz in Berlin, das mit Tagungen, Studien und Beratungsleistungen den Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch zu den Zukunftsperspektiven von Großsiedlungen organisiert. Seit 1992 ist Hunger auch Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Soziologische Untersuchungen als Bestandteil städtebaulicher Planung der Umgestaltung von Altbauwohngebieten, Dissertation A, Weimar (Hochschule für Architektur und Bauwesen), 1981
- Raum- und Gestaltansprüche aus soziologischer Sicht in ihrem Einfluss auf Städtebau und Architektur, Dissertation B, Berlin (Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED), 1988
- Bernd Hunger u. a.: Städtebauprognose. Städtebauliche Grundlagen für die langfristige intensive Entwicklung und Reproduktion der Städte (= Arbeitshefte des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin, Heft 42), Berlin 1990 (ISBN 3-7983-1373-3)
- Berlin auf dem Weg zur Metropole - Soziale Probleme der Stadterneuerung, in: Hans G Helms (Hrsg.): Die Stadt als Gabentisch. Beobachtungen der aktuellen Stadtentwicklung, Leipzig 1992, S. 521–530 (ISBN 3-379-00732-3)
- Stadtverfall und Stadtentwicklung – Stand und Vorschläge, in: Peter Marcuse und Fred Staufenbiel (Hrsg.), Wohnen und Stadtpolitik im Umbruch. Perspektiven der Stadterneuerung nach 40 Jahren DDR, Berlin 1991, S. 32–48 (ISBN 3-05-001747-3)
- Überforderte Nachbarschaften. Zwei sozialwissenschaftliche Studien über Wohnquartiere in den alten und den neuen Bundesländern (= GdW-Schriften, Nr. 48), Köln und Berlin 1998, auch online unter https://www.gdw.de/media/2019/11/m10c_3_3_2_gdw-schriften-48-ueberforderte-nachbarschaften.pdf (die Teilstudien bearbeitet von Marie-Therese Krings-Heckemeier und Ulrich Pfeiffer für „empirica“ sowie von Bernd Hunger und Wolfram Wallraf für das „StadtBüro Hunger“)
- Bernd Hunger und Werner Wilkens: Architektur und Städtebau im Spannungsfeld von klimakultureller Prägung und sozialökonomischer Entwicklung, in: Harald Welzer u. a. (Hrsg.), KlimaKulturen. Soziale Wirklichkeiten im Klimawandel, Frankfurt am Main 2010, S. 161–179 (ISBN 978-3-593-39195-3)
- Bernd Hunger: Parallelität und Divergenz. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Planungskultur beider deutscher Staaten, in: Christoph Bernhardt u. a. (Hrsg.): Städtebau-Debatten in der DDR. Verborgene Reformdiskurse, Berlin 2012, S. 244–251 (ISBN 978-3-943881-13-4)
- Bernd Hunger u. a.: Perspektiven großer Wohnsiedlungen 2015 (= Kompetenzzentrum Großsiedlungen e.V., Jahrbuch 2015), Berlin 2015 (ISBN 978-3-00-049520-5)
- Bernd Hunger u. a.: Prinzipien für den Bau neuer Wohnsiedlungen. Lernen von Beispielen für den aktuellen Siedlungsbau im Rückblick 1920–2016, Berlin 2017, auch online unter https://bbu.de/sites/default/files/articles/zusatzstudie_web.pdf; Zusammenfassung: Bernd Hunger, Prinzipien für den Bau neuer Wohnsiedlungen, in: DW Die Wohnungswirtschaft, Heft 4/2017, S. 8–11 (ISSN 0939-625X), auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/de/media/pdf/4013.pdf
- Bernd Hunger u. a.: Bauen in Nachbarschaften. Ergänzender Wohnungsbau in großen Wohnsiedlungen und Stadtquartieren (= Schriftenreihe des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V.), Berlin 2018 (ISBN 978-3-00-063865-7), auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/de/media/pdf/4518.pdf
- Bernd Hunger u. a.: Berliner Großsiedlungen am Scheideweg?, Berlin 2021, auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/de/media/pdf/4251.pdf; dazu: Strategiepapier „Berliner Großsiedlungen am Scheideweg?“ Aktualisierung auf Basis des Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2023 sowie des Mikrozensus 2023, Berlin 2024, auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/de/media/pdf/4513.pdf
- Herausforderungen und Weiterentwicklung der Großsiedlungen der 1960er bis 1980er Jahre, in: Christa Reicher und Anne Söfker-Rieniets (Hrsg.), Stadtbaustein Wohnen. Lehr- und Grundlagenbuch, Wiesbaden 2022, S. 174–185 (ISBN 978-3-658-34070-4)
- Bernd Hunger u. a.: 50 Jahre Wohnungsbauserie WBS 70 – vielfältiger Wandel durch Weiterentwicklung. Dokumentation ausgewählter Beispiele (= Schriftenreihe des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V.), Berlin 2022 (ISBN 978-3-00-072102-1), auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/de/media/pdf/4500.pdf
- Bernd Hunger u. a.: Urbane Infrastrukturen in Großsiedlungen – bedarfsgerecht und baukulturell anspruchsvoll gestalten. Dokumentation ausgewählter Beispiele (= Schriftenreihe des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V.), Berlin 2025 (ISBN 978-3-00-081070-1), auch online unter http://www.gross-siedlungen.de/en/media/pdf/4559.pdf
Literatur
- „Großsiedlungen wurden von innen nach außen geplant und müssen aus dieser Logik weiterentwickelt werden“ (Interview mit Bernd Hunger), in: Friedemann Kunst (Hrsg.), Berlin & Berlin. Stadtplanung nach dem Mauerfall, Berlin 2021, S. 14–26 (S. 204 biographische Angaben) (ISBN 978-3-86859-657-1), auch online auf der Website des Verlags
- Max Welch Guerra: Räumliche Planung und Reformpolitik an der HAB Weimar, in: Frank Simon-Ritz u. a. (Hrsg.), Aber wir sind! Wir wollen! Und wir schaffen! Von der Großherzoglichen Kunstschule zur Bauhaus-Universität Weimar 1860–2010, Band 2: 1945/46–2010, Weimar 2012, S. 277–301 (ISBN 978-3-86068-427-6), auch online auf Academia.edu
- Max Welch Guerra: A twofold criticism of spatial planning. Unique academic experiences in the German Democratic Republic, in: Victoria Grau und Max Welch Guerra (Hrsg.), Histories of Urban Planning and Political Power. European Perspectives, New York 2024, S. 145–158 (ISBN 978-1-03-275694-3), auch online auf der Website des Verlags
Weblinks
- Literatur von und über Bernd Hunger im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- StadtBüro Hunger, Stadtforschung und -entwicklung
- Kompetenzzentrum Großsiedlungen e.V.
- Lieder vom Leben in Städten (Liederzyklus zum 80. Geburtstag von Fred Staufenbiel, April 2008, mit Bernd Hunger an der Gitarre, veröffentlicht von Offener Kanal Dessau)
- Wie wohnte es sich in der DDR? – Studierende waren auf Erkundungstour in der Platte und im Altbau (Interview des MDR mit Bernd Hunger, veröffentlicht am 21. Januar 2023)
- Interview mit Bernd Hunger im Rahmen eines Forschungsprojekts von Bundesstiftung Bauakademie und Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) zur Geschichte der Bauakademie der DDR, aufgenommen am 7. Januar 2025
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hunger, Bernd |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Stadtplaner |
| GEBURTSDATUM | 31. Januar 1953 |
| GEBURTSORT | Apolda |