Bischofsärmel
Ärmelform
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Bischofsärmel sind eine weite Form von Ärmeln, die in einem Bündchen am Handgelenk geschlossen werden. Die Form kam ab dem 16. Jahrhundert in der Herren- wie Damenmode auf;[1] sie erweiterte sich von der Schulter nach untenhin stark, wurde an ihrem Saum vom Handgelenk hochgerafft[1][2] und im halben Oberarm befestigt,[2] ähnlich der anglikanischen Bischofsrobe.[3]


Vorgänger waren die sogenannten Virago-Ärmel der Damenkleidermode während der Regierungszeit Karls I. (1600–1649), die in den Bischofsärmeln fortlebten.[4]
Die eigentliche englische Bezeichnung für die weiten Ärmel der anglikanischen Bischöfe in vollem Ornat war lawn sleeves,[5] die aus Batist oder Linon genäht waren.[6][5] In London wurde die Modeerscheinung Bishop’s Sleeves genannt, in der deutschen Modewelt entsprechend Bischofsärmel.[2]
Allgemein war diese Ärmelform auch ein Ziel der Spötter und Karikaturisten. Scherzhaft wurden sowohl die Ärmel als auch die Kleriker, die sie trugen, pudding sleeves (Puddingärmel) genannt.[7][8]

Beschreibung
Die weiten Ärmel der Bischöfe wiesen am Handgelenk (farblich passend zur Zimarra („chimere“)) entweder gestärkte, gekräuselte Manschetten mit einem schmalen schwarzen oder roten Band auf oder schmale, gerade Manschetten und ein breiteres schwarzes oder rotes Band.[9]

Die modernen „Lawn Sleeves“ entwickelten sich aus dem Rochett, einem Gewand, das ursprünglich entweder eng anliegende Ärmel aufwies oder ärmellos war. Über diesem Rochett wird eine schwarze Zimarra getragen; da es jedoch schwierig war, diese über die Ärmel des Rochetts zu ziehen, wurden die Ärmel vom Rochett abgetrennt und an der Zimarra befestigt,[10] entweder nur geheftet oder fest vernäht.[11] 1897 schreibt das Englische Real-Lexikon, dass dies eine Neuerung sei, da sie eigentlich am Chorhemd befestigt wurden.[12]
In einer Schrift der St Paul’s Cathedral hieß es 1900, dass die eigenwillige Gepflogenheit, die lawn sleeves an die Chimäre zu nähen – so praktisch sie auch sein mochte –, allgemein abgelehnt würde, genau wie die sonderbare Fältelung und Verengung des Rückenteils der „chimere“ zwischen den Schultern, die dazu diente, den übermäßig voluminösen Ärmeln Platz zu bieten.[13]

Ab ca. 1810 bis Ende des 19. Jahrhunderts kamen für Damen die sogenannten Bischofsärmel für Morgenmäntel[14] und Tageskleider aus leichtem Stoff in Mode; sie waren von der Schulter bis zum Handgelenk sehr weit geschnitten und hier zu einer geschlossenen Manschette gerafft.[15] Bis ca. 1850 waren sehr weite Bischofsärmel, danach in etwas gemäßigter Weite, hauptsächlich an Blusen beliebt, dann im 20. Jahrhundert auch an Mänteln und Kleidern.[15]
In den 1890er Jahren zeichneten sich Bischofsärmel als markantes Element von Seiden- oder Baumwollblusen der Damen oft durch dekorative Details an der Ärmelkugel aus (etwa durch einen geriffelten Überärmel) sowie durch Raffungen oder Smokarbeiten.[16]
Der Bischofsärmel erlebte 1939 eine neue Glanzzeit und wurden von Designern wie Jean Patou und Maggy Rouff (1896 1971) verwendet, wobei Patou ihm durch Falten oder kunstvolle Keile Schwung und Bewegung verlieh.[17]
Namensherkunft
Die weiten Ärmel werden spöttisch mit dem Pudding-Kochbeutel verglichen. In Jonathan Swifts unveröffentlichtem Spottgedicht Story of Baucis and Philemon (1706–09) verwandeln die Götter den Protagonisten wie gewünscht in das Erscheinungsbild eines Geistlichen, das er zu nutzen beabsichtigt, um Lastern zu frönen:
- „He sees, yet hardly can believe,
About each arm a pudding sleeve;
His waistcoat to a cassock grew,
And both assumed a sable hue“;[18]
Die Bezeichnung „Puddingärmel“ taucht beim Satiriker Ned Ward in seinem The Delights of the Bottle von 1720 auf und bezeichnet einen Pfarrer.[19][20] Ward spottete:
- „As if they feared the crowd of laymen,
Who work like slaves to drink like Draymen,
Should swallow all the best, and leave
no priest-wine for the pudding-sleeve.“[21]
Lawn sleeves setzt sich aus den Wörtern lawn (eigentlich: Rasen-, Grasplatz im Wald,[6] hier: feine Leinwand, Schleiertuch[22]) und sleeves (Ärmel) zusammen.[6] Für die Wortherkunft von lawn wird eine korrumpierte Aussprache des französischen linon, im Englischen linen (Leinen) angenommen, auch wahrscheinlich scheint die Wortherkunft des lawn ein gälisches lán (voll, also full sleeves im Sinne von aufgebauschte Ärmel) zu sein.[23]
Rezeption

In einem Doppelporträt des irisch-protestantischen Bischofs Robert Clayton mit Ehefrau Katherine von ca. 1740 zieht der Bischof mit den wogenden, strahlend weißen Bischofsärmels die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich, während sich die Frau in gedämpften Brauntönen kaum vom Hintergrund abhebt.[24]
Ein Moden-Berichterstatter vom Morgenblatt für gebildete Stände schrieb 1816 aus London: „Wie verkehrt ist alles in der Welt! […] wenn die Damen bis auf den Hals eingewickelt sind, und die Arme in Säcken stecken haben, so weit als Bischofs Aermel, so sagen sie, sie seyen nicht angezogen. Wenn sie aber ein Stückchen Schleier umwerfen , das kaum das Nöthigste bedeckt, so sagen sie, sie seyen angezogen.“[25]
1829 mokierte sich Karl August Böttiger über Thomas Campells Aufsatz Bishops’ Sleeves von 1829 in der New Monthly Magazine: „So nannte man diese Sackärmel in England, weil sie mit den weitfaltigen, bis zur Hand vorgehenden Aermeln der Chorhemden, in welchen die englischen Prälaten in vollem Costume und bei geistlichen Verrichtungen erscheinen, die größte Aehnlichkeit haben. Nachdem der Verfasser erst die Vorfrage gestellt hat, […], ruft er den britischen Schönen zu, ‚zu eurer größten Ehre tragt ihr Bischofsärmel, um die, bis zum Zerplatzen angefüllten Magazine der Manufacturhändler von den Massen zu entlasten, die als Ladenhüter daliegen. Wie patriotisch! […] habt ihr eure Männer und Väter in Unkosten gesetzt‘.“[26]
1833 wetterte ein britisches religiöses Ratgebermagazin, dass die Missgestaltung der Damenmode durch „Bischofsärmel“, die man ebenso gut „pudding-bags“ (Puddingkochbeutel aus Stoff) hätte nennen können, aktuell „Imbécilles“ (franz. Schwachsinnige) genannt werde.[27] Diese Bezeichnung passe eher zur Trägerin als zum Kleidungsstück selbst, wie die Gefahren und die lächerliche Wirkung zeigen, wie das unerwünschte Eintauchen der Ärmel in Speisen und Getränke bei Tisch, und die Brandgefahr – etwa beim abendlichen Ankleiden oder bei anderen Gelegenheiten[27] (durch Kerzen). Diese Bezeichnung war dem 1831 veröffentlichten Spottlied The Summer Fête von Thomas Moore entsprungen:
- „… this fine Cantata upon Sleeves.
The very notes themselves reveal
The cut of each new sleeve so well;
A flat betrays the Imbécilles,
Light fugues the flying lappets tell;
While rich cathedral chords awake
Our homage for the Manches d’Evêque.“[28]
Der Schnitt wurde zwar seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach aufgegriffen und neu interpretiert, aber mit Ausnahme des Films Stolz und Vorurteil findet sich diese Ärmelform jedoch in keinem der herausragendsten Kostüme der Filmgeschichte wieder.[17] Walter Plunkett hatte für den Film Vom Winde verweht die Kostüme historisch korrekt zusammengestellt: die für Scarlett O’Hara dargestellte Epoche umfasst die 1860er und frühen 1870er Jahre, mit einem Rückgriff auf das Jahr 1834, als sie das Brautkleid ihrer Mutter mit Keulenärmeln trägt.[29] Die weibliche Silhouette der 1860er Jahre wies unterhalb des Ellbogens glockenförmig ausgestellte Ärmel auf, die man Bischofsärmel bezeichnete und bereits zu Beginn des Jahrzehnts in Mode waren, doch auch wenn der Bischofsärmel seinen Platz fand, erfreute sich während der Ära der Krinoline der Pagodenärmel besonderer Beliebtheit.[29]