British Institute at Ankara
1947 gegründetes britisches Forschungsinstitut mit Sitz in Ankara
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Das British Institute at Ankara (BIAA), vormals British Institute of Archaeology at Ankara, ist ein 1947 gegründetes britisches Forschungsinstitut mit Sitz in Ankara. Es widmet sich der Förderung und Publikation von Forschungen zu Archäologie, Geschichte sowie weiteren Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt auf der Türkei und dem Schwarzmeerraum. 1956 wurde das Institut in ein bilaterales Kulturabkommen zwischen der Türkischen Republik und dem Vereinigten Königreich aufgenommen; es ist als gemeinnützige Organisation registriert und ist dem Verbund der Overseas Institutes der British Academy zugehörig. Das Institut unterhält in Ankara eine Forschungsbibliothek, Arbeitsräume und Unterkünfte für Gastwissenschaftler; ein weiteres Büro befindet sich in London. Seit 2004 firmiert es unter dem heutigen Namen.
Institutioneller Rahmen, Organisation und Struktur
Das British Institute at Ankara ist Teil der British International Research Institutes (BIRI) und unterhält Standorte in Ankara und London. Es ist als gemeinnützige Einrichtung nach britischem Recht (UK Charity) registriert; die Aufsicht obliegt einem in Großbritannien ansässigen Verwaltungsrat. Das Amt des Präsidenten bekleidet seit Dezember 2022 Sir Dominick Chilcott als Nachfolger von John David Hawkins. Die institutionelle Anbindung an die British Academy gewährleistet finanzielle Grundförderung sowie Einbindung in ein Netzwerk britischer Auslandsinstitute; weitere finanzielle Mittel kommen aus dem UK Department for Science, Innovation and Technology.
Das Institut fördert die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung britischer Wissenschaftler in der Türkei und der Schwarzmeerregion, vergibt Stipendien und Projektmittel und unterhält in Ankara ein Forschungszentrum mit Bibliothek, Forschungsinfrastruktur und Einrichtungen für Fellows und Gastwissenschaftler. Die Leitung in Ankara obliegt einem auf fünf Jahre berufenen Direktor, der von wissenschaftlichem Personal unterstützt wird (Postdoctoral Research Fellow, Research Scholar, seit 2007 erneut Assistant Director). Seit 2006 steht das Institut unter der Leitung der Archäologin Lutgarde Vandeput. Seit den 1990er Jahren wurde die ursprünglich umfangreichere Personalstruktur zugunsten einer kleineren und stärker projektorientierten Organisationsform umgestaltet.[1]
Einen wichtigen Teil des Instituts bildet die Bibliothek mit einem Bestand von rund 50.000 Bänden.[2]
Forschungsprofil und Zielsetzung
Ziel des BIAA ist es, britischen Geistes- und Sozialwissenschaftlern eigenständige, international anschlussfähige Forschung zur Türkei und zur Schwarzmeerregion zu ermöglichen. Dies schließt die Förderung von Feldforschungen ebenso ein wie die Bereitstellung institutioneller Strukturen vor Ort. Zugleich stärkt das Institut die Kooperation zwischen britischen Hochschulen und Partnerinstitutionen in der Türkei und der Schwarzmeerregion und übernimmt eine koordinierende Funktion in transnationalen Forschungsverbünden. Ein zentraler Bestandteil dieser Tätigkeit ist das Forschungszentrum in Ankara, das vornehmlich archäologische, historische und gegenwartsbezogene Studien zur Türkei unterstützt und Postdoktoranden, Stipendiaten sowie Gastwissenschaftlern die notwendige wissenschaftliche Infrastruktur bieten soll.[3]
Institutsgeschichte
Die Entstehung des BIAA geht maßgeblich auf den britischen Archäologen John Garstang zurück, der bereits das Institut für Archäologie an der Universität Liverpool gegründet hatte und bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch Ausgrabungen in Anatolien hervorgetreten war. Garstang konzentrierte in Anatolien vor allem auf die hethitische Kultur, und seine wissenschaftliche Vision zielte darauf, eine dauerhafte britische Forschungsbasis in der jungen Republik Türkei zu etablieren. 1946 konkretisierte er diese Pläne während der Wiederaufnahme seiner Grabungen in Mersin. Die Verhandlungen mit türkischen Behörden und britischen Partnern verliefen rasch: Ende 1947 wurde das Institut offiziell gegründet, im Januar 1948 folgte die feierliche Einweihung und Garstang wurde erster Direktor des Instituts. Die Entscheidung von Garstang das Institut in Ankara anzusiedeln – im Unterschied zu anderen ausländischen Institutionen, die ihren Sitz in Istanbul nahmen – beruhte maßgeblich auf der Entwicklung des Archäologischen Museums der Hauptstadt. Dieses befand sich in raschem Ausbau und gewann zunehmend den Charakter eines Nationalmuseums, indem es Funde der anatolischen Vorgeschichte aus sämtlichen Landesteilen zusammenführte. Die räumliche Nähe zu dieser zentralen Einrichtung erschien daher als sachlich geboten.[4]
Nach seiner Rückkehr nach England übernahm Garstang die Präsidentschaft des Instituts; zugleich wurde ein Rat eingerichtet, der die Aktivitäten in Großbritannien und der Türkei koordinieren und überwachen sollte. Zu den ersten Beschlüssen dieses Gremiums zählte die Begründung einer eigenen Fachzeitschrift. 1951 erschien die erste Ausgabe von Anatolian Studies, die sich rasch zur zentralen Publikation des Instituts und zu einem maßgeblichen Forum für die archäologischen Disziplinen Anatoliens entwickelte. Bereits 1949 wurde Seton Lloyd, zuvor in Bagdad tätig, zum zweiten Direktor berufen. Wie sein Vorgänger war auch Lloyd ein aktiver Feldarchäologe. Er forschte in Harran und Alanya und leitete Ausgrabungen in Polatlı, Sultantepe und Beycesultan. Insbesondere die Grabungen in Beycesultan und Hacılar während der 1950er Jahre erweiterten die Kenntnisse über Chalkolithikum und Bronzezeit Westanatoliens erheblich und prägten den internationalen Diskurs über die Frühgeschichte der Region nachhaltig. Obgleich der Schwerpunkt der frühen Institutsarbeit auf der prähistorischen Archäologie lag, wurden zugleich Projekte initiiert, die darüber hinauswiesen. Hierzu gehörten Untersuchungen zu klassischen und insbesondere nachklassischen Überresten in Kilikien, Studien zum mittelalterlichen Harran sowie die Freilegung und Restaurierung der Wandmalereien des 13. Jahrhunderts in der Hagia Sophia von Trapezunt.[5] Mitte März 1956 wurde das Institut in die bilateralen Kulturabkommen zwischen der Republik Türkei und dem Vereinigten Königreich aufgenommen.[6]
Unter der Direktion von Lloyd bearbeitete James Mellaart, von 1959 bis 1961 stellvertretender Direktor, die neolithischen Fundstellen Hacılar und Çatalhöyük und setze mit seinen Entdeckungen neue Maßstäbe für die Erforschung frühbäuerlicher Gesellschaften.[7] Anfang der 1960er Jahre geriet Mellaart aufgrund gravierenden wissenschaftlichen Fehlverhaltens in einen Skandal, der auch das BIAA in Mitleidenschaft zog; dieses gewährte ihm dabei institutionellen Rückhalt.[8] Die Forschung des BIAA blieb weiterhin stark auf Archäologie fokussiert, öffnete sich jedoch zunehmend interdisziplinären Fragestellungen. Mit der Ernennung von Michael Gough (1961–1968) verlagerte sich der Forschungsschwerpunkt des BIAA deutlich in Richtung byzantinischer und frühchristlicher Archäologie. Gough leitete bedeutende Ausgrabungen in Alahan, Dağ Pazarı und Eski Gümüş.[9]
Einen entscheidenden institutionellen Ausbau erlebte das BIAA während der langen Direktionszeit David Frenchs (1968–1994). In dieser Phase entwickelte sich das Institut von einer primär grabungsorientierten Einrichtung zu einem umfassenden regionalen Forschungszentrum. Zentral war der Ausbau der Bibliothek sowie der Aufbau bedeutender Referenzsammlungen – Keramik, epigraphische Abklatsche, botanische und zoologische Vergleichsbestände. Zugleich engagierte sich das Institut stark in großangelegten Rettungsgrabungen, ausgelöst durch Staudammprojekte am Euphrat. Besonders die Arbeiten in Aşvan und Tille Höyük kombinierten Archäologie mit Umweltforschung, Ethnographie und naturwissenschaftlichen Analysen und gelten als frühe Meilensteine einer integrativen Umweltarchäologie in der Türkei.[10] Seit den 1970er und 1980er Jahren differenzierte sich das Forschungsprofil weiter aus. Epigraphische Großprojekte etwa zu hieroglyphenluwischen Überlieferung oder zu antiken Straßennetzen prägten die Arbeit des Instituts. Gleichzeitig etablierten sich langfristige Ausgrabungen wie Amorium als Referenzprojekte für die mittelbyzantinische Archäologie.[11]
Mit dem Wechsel an der Spitze des Instituts setzte Anfang der 1990er Jahre eine Phase institutioneller Neuorganisation ein. 1996 wurde Roger Matthews neuer Direktor, ihm folgte 2001 Hugh Elton. Die personelle Struktur wurde deutlich verschlankt, die Zahl dauerhaft gebundener Mitarbeiter stark reduziert und die Förderung externer Projekte intensiviert. Zugleich öffnete sich das Institut stärker interdisziplinären Fragestellungen.[12] 1993 wurden die Grabungen in Catalhöyük von Ian Hodder wiederaufgenommen.[13] Mit der British Academy Black Sea Initiative (2001–2004) wurde der geographische Aktionsradius offiziell auf den Schwarzmeerraum ausgedehnt.[14]
Diese Entwicklung fand 2004 ihren formalen Ausdruck in einer Satzungsänderung und der Umbenennung in „British Institute at Ankara“. Seither umfasst das Mandat nicht mehr ausschließlich Archäologie und verwandte Disziplinen, sondern generell die Geistes-, Kunst- und Sozialwissenschaften mit Bezug zu Anatolien und der Schwarzmeerregion. Mit der Einführung thematisch gebündelter „Strategic Research Initiatives“ wurden die laufenden Projekte seit 2005 in übergreifende Programmlinien überführt. Diese reichten von Untersuchungen zur Siedlungsgeschichte und zu osmanischen Grenzräumen über Studien zur Präsenz der Genuesen im Schwarzmeerraum und zur Anthropologie bis hin zu Forschungen zur osmanischen Architektur sowie zur Klima- und Umweltgeschichte. Ziel dieser Neuordnung war es, die institutseigenen Arbeiten stärker zu bündeln und sie zugleich stärker an den aktuellen forschungspolitischen Rahmenbedingungen in Großbritannien und auf internationaler Ebene auszurichten. Seit 2006 leitet Lutgarde Vandeput das Institut. Unter ihrer Führung wurden die fachliche und geographische Ausweitung des BIAA weiter vorangetrieben. Seit den 2010er Jahren traten zudem kulturwissenschaftliche, historische und politikwissenschaftliche Vorhaben hinzu, darunter „Balkan Futures“, „From Enemies to Allies“ und „Water in Istanbul“. Parallel gewann die interdisziplinären Projekten an Gewicht, sichtbar im Pisidia Heritage Trail und im Projekt „Safeguarding Archaeological Assets of Turkey“ (2017–2020). Ab 2018 wurde mit dem Aufbau eines digitalen Repositoriums begonnen, zudem bezog das Institut neue Räumlichkeiten am Atatürk Bulvarı.[15]
Liste der Direktoren
| 1947/48–1949 | John Garstang |
| 1949–1961 | Seton Lloyd |
| 1961–1968 | Michael Gough |
| 1968–1993 | David H. French |
| 1993–1995 | David Shankland (kommissarisch) |
| 1996–2001 | Roger Matthews |
| 2001–2006 | Hugh Elton |
| seit 2006 | Lutgarde Vandeput |
Publikationen
Das Institut verfügt über mehrere Publikationsreihen: die jährlich erscheinende Fachzeitschrift Anatolian Studies, drei Monographienreihen, verschiedene frei zugängliche elektronische Publikationen sowie das jährlich herausgegebene Magazin Heritage Turkey/Türkiye, das laufende Projekte und Grabungen dokumentiert.[16]
Literatur
- Seton Lloyd: “Twenty-Five Years”. In: Anatolian Studies 24 (1974), S. 197–220.
- Roger Matthews (Hrsg.): Ancient Anatolia. Fifty Years’ Work by the British Institute of Archaeology at Ankara, London 1998.
- Lutgarde Vandeput: The British Institute at Ankara – 60 Years Young. In: Anatolian Studies 58 (2008), S. 1–14.