Bestätigungsfehler

kognitive Verzerrung, Informationen gemäß eigener Erwartungen zu bevorzugen From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Bestätigungsfehler (auch Bestätigungsfehlschluss oder Bestätigungsverzerrung, engl. confirmation bias) ist ein Begriff der Kognitionspsychologie, der die Neigung bezeichnet, Informationen so zu ermitteln, auszuwählen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen (bestätigen). Die erste Theorie zu dieser kognitiven Verzerrung stammt von Peter Wason (1960, 1968).[1][2] Der Bestätigungsfehler betrifft viele Prozesse der Informationsverarbeitung und wird mittlerweile als Grundlage für verschiedene Verzerrungen und Urteilsfehler angesehen.[3]

Definition und Merkmale

Bis in die 1960er Jahre war die Frage nach der Auswahl und Bewertung von Daten zur Überprüfung von Hypothesen eine Frage der Wissenschaftstheorie. Wason, beeinflusst von Karl Popper und seiner Lehre des Falsifikationismus, vertrat die Auffassung, dass die Menschen dazu neigen, bestehende Hypothesen zu bestätigen. Diese Strategie nannte er confirmation bias („Bestätigungsneigung“) und stellte ihr eine „richtige“ Teststrategie, die disconfirming evidence („widerlegende Hinweise“), gegenüber. Allgemein liegt ein Bestätigungsfehler vor, wenn Hypothesen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt durch die Auswahl, das Erinnern und das Interpretieren von Informationen eher bestätigt werden.

Wason entwickelte mehrere denkpsychologische Experimente. Obwohl in den folgenden Jahren viele weitere Experimente die einfache Annahme der Existenz eines systematischen Bestätigungsfehlers stark in Zweifel gezogen haben, ist die Annahme, dass Menschen danach streben, ihre eigenen Hypothesen zu bestätigen, nicht nur unter Laien weit verbreitet. Die Bestätigung von Hypothesen erstreckt sich auf die kognitiven Funktionen Erinnern, Wahrnehmen, Interpretieren und Anwenden von Suchstrategien. Die kognitionspsychologische Forschung konzentriert sich auf die Auswahl der Information.

Hauptsächlich können Bestätigungsfehler ermittelt werden, wenn die zu prüfende Theorie schon fest etabliert ist oder wenn die zu bestätigende Erwartung mit einem positiven Gefühl belegt oder auf eine andere Art erstrebenswert ist. Andererseits wird eine Erwartungsbestätigung im Alltag auch oft angestrebt, wenn die Erwartung selbst nicht angestrebt wird. Trope und Liberman (1996) stellen deshalb die Kosten von fehlerhaften Entscheidungen bei ihren Experimenten in den Vordergrund. Allgemein wollen die Menschen demnach die hohen Kosten von Fehlentscheidungen vermeiden. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Hypothese durch Informationen bestätigt oder widerlegt werden soll.[4]

Bestätigende Informationen werden unter anderem bevorzugt, wenn

  • passende Informationen besser in Erinnerung bleiben,
  • passende Informationen höher gewertet werden als gegensätzliche,
  • Informationsquellen für unpassende Informationen gemieden werden.[5]

Positive Teststrategie

Joshua Klayman und Young-Won Ha (1987) haben die allgemeine Definition eines Bestätigungsfehlers von der sogenannten positiven Teststrategie (PTS) unterschieden. Sie ist eine allgemeine Strategie zum Testen von Hypothesen. Dabei werden nur Werte oder Ereignisse überprüft, die schon in der Vergangenheit aufgetreten sind oder die erwartet werden.[6] Einige Autoren reduzieren die Beschreibung einer positiven Teststrategie auf die Aussage: „Menschen haben die Tendenz, nur nach Hinweisen zu suchen, die ihre Meinung bestätigen.“ Es hat sich in Forschungen aber gezeigt, dass diese einfache Aussage nicht haltbar ist und eine PTS nur in Ausnahmefällen zu einem Bestätigungsfehler führt.

So ist eine positive Teststrategie eine heuristische Methode, um die Menge aller möglichen Untersuchungsparameter auf eine plausible und praktikabel überprüfbare Auswahl zu begrenzen. Deshalb kann sie sehr effektiv und ihre Anwendung rational sein. Zudem ermöglicht die PTS auch die Falsifikation der geprüften Hypothese. Deshalb führt ihre Anwendung auch nicht zu einem systematischen Bestätigungsfehler. Dieser stellt sich nur ein, wenn die nach der PTS gewählten Daten eine Teilmenge der „korrekten“ Daten, die zur „korrekten“ Hypothese gehören, sind. In diesem Fall wird durch PTS immer wieder eine nicht korrekte Hypothese bestätigt. Es hat sich zudem gezeigt, dass Probanden eher dazu neigen, zustimmende Antworten zu geben. Die treffendere Aussage ist demnach: „Menschen neigen dazu, Prüfungsfragen so zu formulieren, dass ihre Annahmen bestätigt werden, falls die Antworten zustimmend sind.“[7]

Der Bestätigungsfehler im realen Leben

Politik und Rechtsprechung

In der Politik und politischen Meinungsbildung gibt es einige Beispiele für die Bestätigungsverzerrung. So beeinflussen bereits bestehende (politische) Überzeugungen auch die Bewertung von neuen Informationen. Dies zeigte sich beispielsweise in einer Studie von Sigelman und Sigelman (1984), in welcher Personen nach der Präsidentschaftsdebatte zwischen Reagan und Carter im Jahr 1980 befragt wurden, welcher Kandidat aus ihrer Sicht die Debatte gewonnen hatte. Obwohl alle Personen die identische Debatte gesehen hatten, sahen Carter-Anhänger ihren Kandidaten als Gewinner, während Reagan-Anhänger ihren Kandidaten als Gewinner der Debatte ansahen.[8] Auch alltägliche politische Informationen werden von der Normalbevölkerung so ausgelegt, wie sie am besten zu den bereits existierenden politischen Ansichten passen[9]. Dabei werden tatsächliche Fakten außer Acht gelassen oder uminterpretiert.[10] Sogenannte „Fake News“ werden eher geglaubt, wenn sie zum eigenen Wissensstand passen.[11] Manchmal werden Meinungen durch die Bestätigungsverzerrung so verstärkt, dass sich einige Menschen politisch polarisieren lassen.[12] Grundsätzlich sollten und vor allem wollen juristische Akteure unparteiische und objektive Entscheidungen treffen. Da die Bestätigungsverzerrung ein weitgehend unterbewusstes Phänomen ist, wissen diese Akteure oft gar nicht, dass sie dieser kognitiven Verzerrung unterliegen. Dies kann bei sämtlichen Prozessen und Bereichen der Rechtsprechung passieren – vom Tatort bis zum Gericht.[13] Despodova, Kukucka und Hiley (2020)[14] analysierten, inwieweit Anwälte und Anwältinnen in einer fiktiven Situation mögliche Bestätigungsfehler bei medizinischen Gutachtenden erkennen. Obwohl die Rechtsbeistände darauf hingewiesen wurden, dass es einen forensischen Bestätigungsfehler gibt, unterschätzten sie diesen bei den medizinischen Sachverständigen und konnten so das Gutachten nicht kritisch genug bewerten. Das würde die Verteidigungschancen realer angeklagter Personen erheblich reduzieren. Um die Bestätigungsverzerrung vor Gericht zu vermeiden, schlagen Meterko und Cooper (2022) folgende Interventionsstrategien vor: Zum einen sollen unnötige Kontextinformationen, die die Meinungen der Beteiligten unterbewusst beeinflussen könnten, vermieden werden. Zum anderen sollte die Reihenfolge, in der die Beweise präsentiert werden, kontrolliert werden. So legen sich die am Prozess beteiligten Personen nicht vorschnell auf eine mögliche Tathypothese fest.[15]

Soziale Medien

In sozialen Medien wie Instagram oder Tiktok bewegt man sich in sogenannten Filterblasen oder Echo Chambers. Dabei werden Personen überwiegend nur Inhalte gezeigt, die zu den eigenen Interessen und Meinungen passen. Dadurch wird die Bestätigungsverzerrung verstärkt – Meinungen werden gefestigt.[16] Dabei wirken sich insbesondere Videos oder Bilder durch ihren visuellen und interaktiven Charakter stärker auf die Bestätigungsverzerrung aus als reine Textinhalte.[17] Analog zur Politik kann der Bestätigungsfehler auch in sozialen Medien zur Meinungspolarisierung der Nutzenden führen. Dabei kommt es nicht nur auf die gezeigten Inhalte, sondern vor allem auch auf Verbindungen zu anderen Nutzenden an: Je mehr ich nur mit gleichdenkenden Usern vernetzt bin, desto größer wird mein Bestätigungsfehler.[18] Aber Echo Chambers und Filterblasen sind nicht nur negativ: Vor allem Jugendliche können durch den Austausch mit anderen Gleichgesinnten ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität erfahren.[19]

Selektives Erinnern

Wer bereits eine feste Meinung zu einem Thema hat, erinnert sich nach einer Diskussion darüber sowohl an die Argumente für die eigene Position als auch an die Argumente für die gegnerische Position.[20] Es gibt keine eindeutigen Hinweise, dass man sich an Informationen, die die eigenen Annahmen bestätigen, besser erinnert als an Informationen, die die eigenen Annahmen widerlegen.[21]

Contextual bias

Der Contextual bias ist eine Form des Bestätigungsfehlers und beschreibt, dass zusätzliche Kontextinformationen die Informationsverarbeitung beeinflussen,[22] z. B. in der Studie von Rassin (2020) zeigte sich, dass zusätzliche Kontextinformationen juristische Urteile beeinflussen können, obwohl diese nicht zur Schuldfrage beitrugen. So wurden zwei Fallberichte erstellt, welche positive Kontextinformationen enthielten und negative Kontextinformationen. Die Mehrheit der Richter, welche den Fallbericht mit positiven Kontextinformationen erhielten, stimmten gegen eine Verurteilung des Verdächtigen, während der Fallbericht mit negativen Kontextinformationen zu überwiegend Verurteilungen des Verdächtigen führte.[23]

Siehe auch

Literatur

  • Christian Glaser: Bestätigungsfehler. Warum Freitag der 13. ein ganz normaler Tag ist. In: Risiko im Management. 100 Fehler, Irrtümer, Verzerrungen und wie man sie vermeidet. Springer Gabler, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-25834-4, S. 62–65, doi:10.1007/978-3-658-25835-1_16.
  • Hugo Mercier: Confirmation bias – Myside bias, in: Rüdiger F. Pohl (Hrsg.): Cognitive illusions: Intriguing phenomena in thinking, judgment and memory. 2. Auflage. Routledge, London and New York 2017, ISBN 978-1-138-90341-8, S. 99–114.
  • Fenna H. Poletiek: Hypothesis-testing behaviour. Psychology Press, Philadelphia 2001.
  • Peter Wason: On the failure to eliminate hypotheses in a conceptual task. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, Band 12, 1960, ISSN 0033-555X, S. 129–140.
  • Peter Wason: Reasoning about a rule. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, Band 20, 1968, ISSN 0033-555X, S. 273–281.

Fußnoten

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