Gefährliche Liebschaften

Briefroman von Pierre Choderlos de Laclos (1782) From Wikipedia, the free encyclopedia

Gefährliche Liebschaften (französisch: Les Liaisons dangereuses ou Lettres recueillies dans une société et publiées pour l’instruction de quelques autres), ein Briefroman von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, gilt als ein Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und Sittengemälde des ausgehenden Ancien Régime. Der Roman erschien in Frankreich erstmals am 23. März 1782, war beim zeitgenössischen Publikum ein Skandalerfolg und erlebte bis zur Französischen Revolution mehrfache Auflagen.[1] Bereits 1783 wurde die erste deutsche Übersetzung von Christian von Bonin publiziert, viele weitere folgten (s. Deutsche Ausgaben).

Die Marquise de Merteuil trifft sich heimlich mit ihrem Geliebten, dem Chevalier de Belleroche (10. Brief). Illustration von Charles Monnet (1796)

Inhalt

Überblick

Der Roman schildert in 175 Briefen die Geschichte zweier Intrigen: die der Marquise de Merteuil und die des Vicomte de Valmont, die sich nicht an moralische und traditionelle sexuelle Normen gebunden fühlen und einen ausschweifenden Lebenswandel führen. Die Gräfin erklärt im 81. Brief an Valmont ihre Motive im Zusammenhang mit ihrer Biographie: „Ich dachte nicht daran, zu genießen, ich wollte wissen, und das Verlangen, mich zu unterrichten, gab mir das richtige Mittel ein“, das Gespräch mit ihrem Beichtvater.[2] Das durch Beobachtung und Reflexion entwickelte Machtgefühl verbindet sich mit der Rache ihres Geschlechtes an der von hochmütigen Männern dominierten Gesellschaft: „Ich sage meine Prinzipien […] denn sie sind nicht, wie die der anderen Frauen, vom Zufall geboren, ohne Prüfung hingenommen und aus Gewohnheit befolgt: sie sind Ergebnisse meines reiflichen Nachdenkens, ich habe sie geschaffen und ich kann sagen, dass ich mein eigenes Werk bin. […] Ich muss siegen oder untergehen.“[3]

Unter der Fassade der Tugendhaftigkeit spannt sie Intrigennetze und zerstört Liebesbeziehungen und das gesellschaftliche Ansehen ihrer Opfer, so auch in der Haupthandlung des Romans: Sie plant, sich an ihrem ehemaligen Liebhaber, dem Comte de Gercourt, zu rächen, weil er sie wegen einer anderen Frau verlassen hat und jetzt Cécile de Volanges, ein 15-jähriges noch jungfräuliches und naives Mädchen, das gerade die Klosterschule verlassen hat, heiraten will.

Erster Teil

Für ihr diabolisches Spiel spannt sie ihren früheren Geliebten und bekannten „bon vivant“, den Vicomte de Valmont, ein und schlägt ihm vor, er solle zur Erweiterung seiner Erfolgsliste die junge Cécile verführen, doch dieser lehnt zunächst ab, da er die Herausforderung für zu leicht hält, während er die Umgarnung einer tugendhaften verheirateten Frau, La présidente de Tourvel, als echte Herausforderung ansieht, um seinen Ruf als unwiderstehlicher Don Juan zu bestätigen. Aber er will ihren Plan unterstützen und sie verspricht ihm, wenn er ihr einen schriftlichen Nachweis von der Verführung der „Betschwester“ vorlegt, eine Nacht mit ihm zu verbringen.

Valmont erpresst Julie, die Kammerjungfer Mme. de Tourvels, ihm den Briefwechsel ihrer Herrin mit Mme. de Volanges zu lesen zu geben. (Brief 44). Illustration von Charles Monnet (1796)

Beide versuchen nun, in getrennten Aktionen, den jungen Chevalier Danceny, Céciles Musiklehrer, der sich in seine Schülerin verliebt hat, zu einer Verführung anzustacheln und die Bereitschaft des Mädchens zu diesem Abenteuer vorzubereiten. Da Danceny anfangs zu ehrenhaft und schüchtern für eine eigene Initiative ist, schleicht sich Valmont in das Vertrauen des 20-Jährigen ein, ermuntert ihn und gibt ihm Tipps. Parallel dazu nutzt die Gräfin ihre Verwandtschaftsbeziehung, spielt die Freundin und übt so ihren Einfluss auf Cécile aus. Zugleich beruhigt in einem Doppelspiel deren auf die Tugendhaftigkeit ihrer Tochter bedachten Mutter. Um deren Vertrauen zu gewinnen, verrät sie ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit den ihr von Cécile anvertrauten Aufbewahrungsort der Liebesbriefe Dancenys. Dann lenkt sie dem Mädchen gegenüber den Verdacht des Verrats auf ihren Beichtvater oder die Zofe und schlägt ihr bessere Verstecke vor.

Zweiter Teil

Während sich die beiden Protagonisten ihre Liebesaffären, z. B. die ihren mit Prévant und Belleroche, mitteilen, entwickelt sich die Verführungsgeschichte Céciles langsam weiter. Auch Valmont kommt dem Ziel seines Eroberungsprojekts nicht voran, obwohl Mme de Tourvel ihn zu lieben beginnt. Einen Rückschlag erleiden seine Bemühungen, als Céciles Mutter Mme. de Tourvel vor seinem schlechten Charakter warnt. Er rächt sich, indem er Cécile, wie von der Marquise zuerst vorgeschlagen, vergewaltigt.

Dritter Teil

Valmont setzt seinen Plan, Cécile zu entjungfern, im dritten Romanteil erfolgreich um und dies hat Konsequenzen für den weiteren Handlungsverlauf. Zuerst gewinnt er als Überbringer der Briefe das Vertrauen der Verliebten, dann streut er als Berater seiner beiden „Mündel“ Misstrauen in ihre Liebesbeziehung (84. Brief). Durch eine List, die Liebesbriefe von der Mutter unbemerkt zu überbringen, erhält er Céciles Schlüssel, schleicht nachts in ihr Zimmer, erpresst sie mit der Drohung, bei ihrer Abwehr und Entdeckung ihr Einverständnis für ihr Geheimtreffen zu behaupten, zu Zärtlichkeiten und erreicht in dieser Doppelstrategie aus Druck und Liebkosungen ihre Einwilligung (96./97. Brief).

Valmont schleicht in das Zimmer der schlafenden Cécile (Brief 96). Illustration von Charles Monnet (1796)

Nach ihrer ersten Liebesnacht gibt sich Cécile die Mitschuld an ihrer Hingabe und zeigt depressive Symptome. Ihre Mutter vermutet einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Vermählung und will die Tochter von diesem Druck befreien und ihr dem zurzeit im Ausland weilenden Comte de Gercourt gegebenes Wort zurücknehmen. Die von ihr um Rat gebetene Gräfin warnt jedoch vor einem solchen Schritt aus gesellschaftlichen und finanziellen Gründen und beeinflusst zugleich Cécile, die Heirat als Fassade zu nutzen, um mit Geliebten ihren Spaß zu haben, und sie ermuntert sie dazu, ihre Affäre mit Valmont fortzusetzen. Cécile folgt ihrem Rat, wird schwanger und erleidet eine Fehlgeburt. Valmont verpflichtet den Chirurgen und die Zofe zur Verschwiegenheit der der Mutter gegenüber (140. Brief). Die Marquise wird misstrauisch. Ihr gefällt nicht, dass der Vicomte offenbar an der jungen Frau Gefallen findet und sich mit ihr verbunden fühlt. Außerdem scheint er durch die lange und intensive Korrespondenz Liebesgefühle für Mme. de Tourvel zu entwickelt, und sie kündigt ihm überraschend an, Danceny zu ihrem neuen Geliebten zu machen.

Vierter Teil

Nach Valmonts Eroberung Céciles intensiviert er seine Bemühungen um Mme. de Tourvel. Er hat durch die Simulation tiefer existentieller Schuldgefühle über sein zügelloses Leben und seinen Rückzug aus der Gesellschaft über Pater Anselm und seiner Tante, Mme. de Rosemonde, das Mitgefühl der tugendhaften Frau, die ihm bereits brieflich ihre platonische Liebe gestanden hat, erweckt und sie zu einem Treffen überredet (125. Brief): Er stellt sie vor die Alternative „Sie besitzen oder sterben“. Ohne das Glück ihrer geistigen und körperlichen Liebe sei sein Leben sinnlos.[4] Sie fühlt sich für sein glückliches Leben verantwortlich und gibt nach: „…ich kann mein Leben nur noch insoweit ertragen, als es dazu dient, Sie glücklich zu machen. Dem weihe ich mich ganz und gar. Von diesem Ausgenblick an gebe ich mich Ihnen, und Sie sollen von mir fortan weder eine Weigerung noch ein Wort der Reue hören.“[5] Valmont teilt seinen Sieg sofort der Marquise mit - „So ist sie denn besiegt, diese stolze Frau, die zu glauben wagte, dass sie mir widerstehen könnte!“ - und fordert das Einlösen ihrer „schönen Vereinbarung“ und die Beendigung ihrer anderen Affären.[6]

Valmont diktiert Cécile einen Brief an Danceny (95. Brief). Illustration von Charles Monnet (1796)

Mme. de Merteul reagiert darauf zurückhaltend. Er habe noch kein schriftliches Geständnis seines Opfers vorgelegt und habe sich offenbar sowohl in die „Betschwester“ wie in Cécile verliebt, so dass er beide Beziehungen weiterführe und nicht, wie vereinbart abbreche. Dies sei jedoch die Voraussetzung einer Beziehung zwischen ihnen, an deren Dauerhaftigkeit sie allerdings zweifele. Valmont bricht darauf seinen Kontakt mit Mme. de Tourvel ab und stellt die Gräfin vor die Alternative, dass er „vom heutigen Tage an entweder Ihr Geliebter oder Ihr Feind sein werde.“[7] Zudem durchkreuzt er ihre Absicht, Danceny zu ihrem neuen Geliebten zu machen, indem er den jungen Chevalier von der Gräfin trennt und mit Cécile zusammenbringt. Darauf spottet er über ihre Niederlage. Für die Marquise ist dies eine Kampfansage und sie übergibt dem Chevalier Valmonts Briefe über die Entjungferung Céciles, worauf der Chevalier den Rivalen zum Duell fordert (162. Brief) und ihn im Zweikampf mit dem Degen ersticht. Vor seinem Tod versöhnt sich der Vicomte mit seinem Gegner und gibt ihm die Briefe der Gräfin. Danceny reicht sie in der Gesellschaft herum und veröffentlicht einige davon, welche die Schreiberin als Intrigantin belasten.

Für alle Beteiligten endet die Intrigengeschichte tragisch: Mme. de Tourvel sucht nach einem Nervenzusammenbruch Zuflucht in einem Kloster und stirbt dort. Cécile wird Nonne. Der Chevalier verlässt das Land und geht nach Malta. Die Marquise wird gesellschaftlich geächtet, vor Gericht angeklagt, verliert ihr Vermögen und erkrankt an Pocken. Mit vernarbtem Gesicht und halb blind setzt sie sich vor dem Prozess ins Ausland ab.

Interpretation

Vorwort und Vorbemerkung

Laclos stellt seinem Roman in einer Herausgeberfiktion zwei Vorworte voran. Das erste ist eine (vorgebliche) Vorbemerkung des Herausgebers, der darauf hinweist, dass das Ganze nur ein Roman sei. Diese Einleitung fährt fort:

„Einige der handelnden Personen sind in der Tat so sittenlos und verderbt, dass sie unmöglich in unserm Jahrhundert gelebt haben können, in diesem unsern Jahrhundert der Philosophie und Aufklärung, die alle Männer, wie man weiß, so ehrenhaft und alle Frauen so bescheiden und sittsam gemacht haben.“[8]

Dem folgt ein (vorgebliches) Vorwort des Sammlers der Briefe:

„Dieses Werk oder vielmehr diese Zusammenstellung, die der Leser vielleicht noch zu umfangreich finden wird, enthält doch nur die kleinere Anzahl der Briefe, welche die gesamte Korrespondenz bilden. Von den Personen, an die diese Briefe gerichtet waren, mit deren Ordnung beauftragt, habe ich als Lohn für meine Mühe nur die Erlaubnis verlangt, alles, was mir unwichtig erschien, weglassen zu dürfen, und ich habe mich bemüht, nur jene Briefe zu geben, die mir zum Verständnis der Handlung oder der Charaktere wichtig erscheinen.“[9]

Die Briefe

Die Handlung des Romans erschließt sich dem Leser ausschließlich durch Briefe. Der Leser nimmt damit unmittelbar am Geschilderten teil – es gibt keinen allwissenden Erzähler, der einen Überblick über Handlung und handelnde Personen hat, sondern durch die Vielzahl der Briefeschreiber werden dem Leser mehrere Perspektiven auf dasselbe Ereignis eröffnet. Dadurch erhält der Roman auch eine gewisse Form der Ironie, die auf dem unterschiedlichen Wissen der Figuren der Romanhandlung basiert. Kirsten von Hagen weist darauf hin, dass Laclos mit einem „Suspense“-Effekt arbeite, wie man ihn aus Thrillern und Kriminalgeschichten des 20. Jahrhunderts kennt. Der Leser weiß mehr als die einzelnen Charaktere und antizipiert dadurch gewisse Ereignisse.[10] So kennt der Leser den Pakt zwischen dem Vicomte de Valmont und der Marquise de Merteuil und Valmonts Plan, die tugendhafte Madame de Tourvel zu verführen, und liest die Briefe mit einer gewissen Erwartungshaltung.

Die Wohltätigkeit Valmonts, bei der er eine vom finanziellen Ruin bedrohte Familie durch Begleichung ihrer Schulden rettet, weil er weiß, dass ihn ein Diener der Madame de Tourvel beobachtet, wird erst durch den Brief des Vicomte geschildert (Brief 21), dann in Brief 22 in der begeisterten Schilderung der Madame de Tourvel, die dessen Manöver nicht durchschaut, und schließlich in Brief 23 ein drittes Mal durch Valmont, in dem er seiner Briefempfängerin Merteuil entzückt schildert, mit welchem Lob Madame de Tourvel ihn gegenüber seiner Tante und dem anwesenden Pfarrer bedenkt. Laclos lässt den Leser aber manchmal auch bewusst im Unklaren. Warum Madame de Volanges plötzlich so zielstrebig den Schlüssel zum Schreibtisch ihrer Tochter einfordert, um dort die Briefe des Chevaliers Danceny zu finden, erschließt sich dem Leser erst zwei Briefe später – in Brief 64 berichtet die Marquise de Merteuil dem Vicomte de Valmont stolz von ihrem Ränkespiel, das sie als ihr Meisterstück bezeichnet. Sie hat sich sowohl in Cécile de Volanges' Vertrauen eingeschlichen und weiß daher, wo diese die Briefe aufbewahrt, die sie von Chevalier Danceny erhält, und geriert sich gleichzeitig gegenüber Madame de Volanges als tugendhafte Person, die vom Verhalten Céciles beunruhigt ist. Um ihr Doppelspiel weiter betreiben zu können, legt sie der Mutter nahe, sie nicht zu verraten.

„Ich bat sie noch, mich ihrer Tochter gegenüber nicht zu verraten, was sie mir um so leichter versprach, als ich sie darauf aufmerksam machte, dass es ja nur um so besser wäre, wenn das Kind Vertrauen zu mir habe, mir ihr Herz zu eröffnen, und es mir so möglich mache, ihr meinen guten Rat zu geben. Dass sie mir dieses ihr Versprechen halten wird, ist sicher, denn sie wird sich bei ihrer Tochter etwas mit ihrem Scharfblick inszenieren wollen. Und ich kann des jungen Mädchens Freundin markieren, ohne dass mich deshalb die Mutter für falsch und unredlich hält. Und ich profitiere in der Folge auch noch dies, dass ich so oft und so lang es mir paßt mit der Kleinen zusammen sein kann, ohne dass es der Mutter verdächtig auffällt.“[11]

Die Briefe enthalten regelmäßig Hinweise sowohl auf den Akt des Briefeschreibers als auch die Form, in der der Brief übermittelt wird. Die bekannteste Briefszene ist vermutlich der Brief 48, in dem der Vicomte de Valmont der Marquise mitteilt, dass er gerade einen Liebesbrief an Madame de Tourvel geschrieben habe, und als Unterlage den Rücken der Kurtisane Émilie benutzt habe, mit der er das Bett teilt.

Selten teilen die Briefe jedoch mit, was die Person wirklich bewegt. Die gerade aus dem Kloster entlassene Cécile de Volanges versucht anfangs, in ihren Briefen ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Marquise de Merteuil weist sie jedoch bald darauf hin, dass es in Briefen vor allem darum gehe, dem Empfänger das zu schreiben, was ihm gefalle.[12] Der Höhepunkt der Verstellungskunst sind die Briefe des Vicomte de Valmont an Madame de Tourvel, in dem Valmont sich einer religiös gefärbten Sprache bedient. Madame de Tourvels Fehler liegt in der Annahme dieser Briefe, die ihr letztlich zum Verhängnis werden, weil sie ihrer Verführungskraft erliegt. Valmont muss am Anfang große Anstrengungen unternehmen, um sie dazu zu bewegen. So täuscht er mit einem falschen Poststempel vor, dass der Brief von ihrem in Dijon weilenden Mann stammt, oder er legt ihr in Anwesenheit seiner Tante einen Brief auf das Bett, den sie annehmen muss, will sie nicht einen Skandal provozieren.

Laclos spielt auch mit dem Zeitraum, der zwischen dem Absenden und dem Empfangen eines Briefes vergeht. Der 75. Brief, den die Marquise von Merteuil an den Vicomte von Valmont richtet und der 72. Brief, den Cécile Volanges an ihre Brieffreundin und Schulfreundin Sophie Carnay schreibt, nehmen zu Ereignissen Stellung, bei denen sich bis zum Eintreffen des Briefes bereits eine völlig neue Konstellation ergeben hat.

Orte der Handlung

Ungewöhnlich für Romane seiner Zeit macht der Autor häufig nur vage Ortsangaben. Der Landsitze der Madame de Rosemonde, der Tante des Viscomte de Valmont, ist nicht näher lokalisiert. Ansonsten findet die Handlung in Paris statt, aber auch hier gibt es nur wenige präzise lokale Verweise.[13] Genannt wird die Kirche St-Roch, in der Valmont und die Marquise Madame de Tourvel beobachten, die Straße vor der Oper und schließlich die Comédie Italienne, in der die Marquise ausgebuht wird. Dass Orte in dem Roman so selten genau bezeichnet werden, hängt möglicherweise mit dem Fehlen eines allwissenden Erzählers zusammen. Für die Briefeschreiber besteht keine Notwendigkeit, die Orte, an denen sie sich aufhalten, genauer zu benennen.

Personen

Im Mittelpunkt der Intrigenhandlung stehen die Protagonisten Valmont und Merteuil. Die übrigen Personen sind lediglich Opfer und Handlanger der Akltionen. Man kann drei Gruppen unterscheiden: 1. Die sieben Hauptkorrespondenten: Marquise de Merteuil, Vicomte de Valmont, Madame de Tourvel, Cécile de Volanges, Chevalier Danceny, Madame de Volanges und Madame de Rosemonde. 2. Die Figuren, die nur mit einem oder zwei Briefen vertreten sind: Maréchale (Brief 86), Valmonts Bediensteter Azolan (Brief 107), Marquise Merteuils ehemaliger Geliebter und Céciles vorgesehener Ehemann Gercourt (Brief 111), Père Anselme (Brief 123), Betrand, Valmonts Verwalter (Brief 163 und Brief 166), und ein anonym bleibender Freund des Chevaliers Danceny (Brief 167). 3. Nebenfiguren, die nicht schreiben, wie Céciles Klosterfreundin Sophie Carnay, die Dienstmädchen Julie und Victoire oder Joséphine, die Pförtnerin des Klosters, oder nur erwähnt werden. Andere Personen spielen eine Rolle in Liebesaffären-Schilderungen (Chevalier de Belleroche, Prévan, Émilie, Valmonts Mätresse u. a.).

Bei der Personengestaltung nutzt Laclos relativ festgelegte Typen, wie sie beispielsweise auch in der Commedia dell’arte vorkommen: die tugendhafte Unschuld, die junge Naive, den kaltblütigen Verführer, die weise Ratgeberin und den ritterlichen Romantiker. Laclos durchbricht jedoch das traditionelle Rollengefüge: Der kaltblütige Verführer entwickelt teilweise echte und die tugendhafte Unschuld auch leidenschaftliche Gefühle.[14]

Marquise de Merteuil

Die Marquise ist von adeliger Abstammung und wurde in jungen Jahren mit dem Marquis de Merteuil verheiratet, der bald darauf starb. Obwohl sie sich wieder hätte verheiraten können, tat sie dies nicht, um von niemandem abhängig zu sein. Um ihrem Ruf nicht zu schaden, zog sie sich in eines ihrer Schlösser zurück und studierte dort philosophische Schriften – wahrscheinlich von Rousseau und Voltaire, die sie einige Male in ihren Briefen zitiert – über die Gesellschaft des Ancien Régime. Nach ihrem erneuten Eintritt in die Gesellschaft begann sie, sich Liebhaber zu nehmen, und vergnügte sich, ohne jedoch ihren Ruf als ehrbare Frau zu zerstören.

Am Anfang der Gefährlichen Liebschaften bittet die Marquise ihren ehemaligen Geliebten, Vicomte de Valmont, ihr einen Freundschaftsdienst zu erweisen: Er soll die junge Cécile de Volanges, mit der die Marquise verwandt ist, verführen und entjungfern, weil diese mit dem Comte de Gercourt verlobt ist, der die Marquise verlassen hat. Nach einigen Verwicklungen entfremden sich die ehemaligen Freunde und Verbündeten – der Vicomte und die Marquise – und versuchen einander zu schaden. Nachdem Valmont der Marquise ihren jungen Geliebten, den Ritter Danceny, der auch ein Verhältnis mit Cécile de Volanges hat, ausgespannt hat, wendet die Marquise de Merteuil ihn gegen Valmont. Danceny tötet Valmont schließlich auf Betreiben Merteuils im Duell, doch der Vicomte erzählt Danceny vor seinem Tod die Wahrheit und gibt ihm die Briefe, die er mit Merteuil ausgetauscht hat. Danceny veröffentlicht diese und zerstört so den Ruf der Marquise. Diese verliert danach einen Gerichtsfall, geht bankrott und wird nun von der gesamten Pariser Gesellschaft gemieden. Sie erkrankt an den Pocken und überlebt mit furchtbaren Narben im Gesicht. Kurz darauf verlässt sie Paris und nimmt ihren übrig gebliebenen Schmuck mit. Ihre Verwandten glauben, sie habe sich in die Niederlande begeben.

Die Marquise de Merteuil ist im Roman der Bösewicht, denn anders als der Vicomte bereut sie nicht. Ihre Figur sollte sicherlich ein Sittenbild ihres Standes zeichnen und ihre Bestrafung nahm die Urteile über das Ancien Régime in der Französischen Revolution vorweg. Andererseits gewährt Laclos ihr auch eine Rechtfertigung: In einem Brief an Valmont beschreibt sie ihren „Werdegang“ und offenbart die Zwänge, die sie zu ihrer Handlung gezwungen haben: Während jede Eroberung für einen Mann einen Sieg darstellt, so ist er für die Frau eine Niederlage. Was bleibe daher einer Frau übrig, als sich hinter einer Maske zu verbergen, um ihr Leben genießen zu können?

Valmont und eine seiner Geliebten, die Vicomtesse de M., vor ihrer verschlossenen Tür. Illustration von Charles Monnet (1796)

Vicomte de Valmont

Der Vicomte ist von hochadeliger Herkunft, besitzt gesellschaftliches Ansehen, Vermögen, Charme und Ausstrahlung. Er konkurriert mit anderen Libertins auf dem Gebiet der Verführung – gelänge es ihm, die prinzipientreue und loyale Ehefrau des Présidente de Tourvel zu verführen, wird ihm dies in diesen Kreisen großen Ruhm einbringen. Es wird gemunkelt, dass er mit allen Frauen von Paris ein Verhältnis gehabt habe, was ihn nicht unbedingt zum Liebling der meisten Ehemänner und Mütter werden lässt. Die Marquise de Merteuil sieht den Grund für seine Unwiderstehlichkeit in „seinem schönen Gesicht, seinen guten Manieren, seinem Geist und seiner Unverschämtheit“. Die Marquise hatte selbst ein Verhältnis mit dem Vicomte und bittet ihn, nun zur Rache die junge Cécile de Volanges zu verführen. Er lehnt jedoch ab, da er beabsichtigt, die tugendhafte und religiöse Präsidentin von Tourvel zu verführen. Während Madame de Tourvel dem Verführungsspiel des Vicomte noch widerstrebt, nimmt der Vicomte de Valmont an Madame de Volanges Rache, die Madame de Tourvel vor ihm gewarnt hat und dadurch seinen Erfolg gefährdet. Er vergewaltigt und schwängert ihre Tochter Cécile.

Der sterbende Valmont (143. Brief). Illustration von Marguerite Gérard (1796)

Schließlich kann er Madame de Tourvel verführen. Als ihm die Marquise vorwirft, er sei in sie verliebt und von ihr abhängig, trennt er sich von ihr. Madame de Tourvel, die seinetwegen alle ihre Ideale verraten hat, bricht daraufhin zusammen. Valmont fordert nun das Versprechen der Marquise ein und will mit ihr schlafen. Doch Merteuil lehnt ab, da sie findet, er sei durch seine Liebe zu Tourvel nicht mehr derselbe. Valmont bekämpft nun die Marquise, doch diese triumphiert, indem sie ihren jungen Geliebten Danceny zu einem Duell mit Valmont anstiftet. Danceny tötet Valmont, doch dieser kann ihm vor seinem Ende die Wahrheit erzählen und ihm die Briefe zwischen ihm selbst und der Marquise übergeben. So gewinnt der Vicomte letztendlich, denn durch die Veröffentlichung der Briefe durch Danceny verliert die Marquise de Merteuil alle Dinge, die wichtig für sie sind: ihren Ruf, ihren Reichtum und ihre Schönheit.

In der Literaturgeschichte wird Roué Lovelace als Vorbild für die Figur des Vicomte de Valmont gesehen. Diese Figur von Samuel Richardson hat es mit Clarissa ebenfalls auf eine tugendhafte Frau abgesehen. Lovelace ist ebenfalls willens, sein Opfer zu vergewaltigen, Valmont bedient sich als feinsinniger Libertin etwas subtilerer Mittel.[15] Wird der Roman als sittengeschichtliches Zeitdokument rezipiert, kann der Vicomte de Valmont als typischer Vertreter der höfischen Gesellschaft gesehen werden. Unter Ludwig XV. und seinem Nachfolger Ludwig XVI. kennzeichneten Unbekümmertheit und Offenheit in erotischen Dingen den Hof. Valmont ist der sexuellen Libertinage verpflichtet, seine Liebe gilt einzig dem eigenen Ich. In Liebesdingen ist Verführung und der sofortige Bruch mit dem Opfer das typische Vorgehen des Libertins, der so seine Macht unter Beweis stellt.[16] Liebesbeziehungen gelten als Krieg.

Cécile de Volanges

Cécile ist Klosterschülerin und soll den ehemaligen Liebhaber der Marquise, den Grafen Gercourt, heiraten. Dieser hat die Marquise wegen einer anderen Frau verlassen – das ist der Grund, warum sie Valmont auffordert, die 15-Jährige zu verführen. In Brief 2 nennt die Marquise sie eine Rosenknospe, dumm und lächerlich naiv, aber nicht geziert. Die Marquise ist überzeugt, dass Cécile später ebenfalls zu den Libertinen zählen wird. Später wird die Marquise eingestehen, dass ihre Schülerin nicht das Zeug zu einer „éducation libertine“ habe.

Die 15-Jährige verliebt sich in ihren Musiklehrer, den Chevalier Danceny. Das hindert sie nicht daran, an den nächtlichen Besuchen Valmonts auf dem Schloss der Madame de Rosemonde Gefallen zu finden, was dieser nutzt, um sie zu vergewaltigen und zu schwängern. Sie erleidet eine Fehlgeburt. Laclos hat in einer späteren Schrift De l’éducation des femmes ausführlich die mangelhafte Bildung von Frauen kritisiert. Cécile de Volanges zeigt, was eine unzureichende Bildung bei einer jungen Frau anrichten kann.[17]

Madame de Volanges

Sie ist Céciles Mutter und Freundin von Madame Rosemonde, der Tante Valmonts, und der Präsidentin de Tourvel sowie eine Verwandte der Marquise de Merteuil.

Chevalier Danceny

Danceny gibt Cécile Musikunterricht und hat sich in die junge Frau verliebt.

Madame de Tourvel

Die schöne Madame de Tourvel ist mit dem Präsidenten de Tourvel verheiratet. Sie liebt diesen zwar nicht, respektiert ihn jedoch und ist mit ihm freundschaftlich verbunden. Obwohl ihr Mann nicht oft zuhause ist, ist sie ihm treu. Am Anfang der Gefährlichen Liebschaften ist Madame de Tourvel zu Besuch im Schloss ihrer Freundin, der Madame de Rosemonde, da ihr Mann nicht zuhause ist. Dort wird der Neffe der Madame Rosemonde, der Vicomte de Valmont, der ebenfalls im Schloss seiner Tante weilt, auf sie aufmerksam. Valmont beschreibt sie in Brief 6, der an die Marquise de Merteuil gerichtet ist, mit fast sinnlichen Worten:

„Sie werfen ihr vor, dass sie sich schlecht kleidet und mit Recht, denn die Pracht steht ihr nicht; alles, was sie verhüllt, verunstaltet sie. Nur in der Ungebundenheit des Hauskleides ist es wirklich entzückend. Dank der jetzt herrschenden schwülen Hitze lässt ein einfaches Leinennegligé die runde und weiche Linie ihres Körpers erkennen. Ein dünner Musseline bedeckt den Hals, und meine heimlichen, aber durchdringenden Blicke sahen schon die entzückendsten Formen. Sie sagen, ihr Gesicht habe keinen Ausdruck. Was soll es ausdrücken in Momenten, wo nichts zu ihrem Herzen spricht? Nein, ohne Zweifel hat sie nicht jenen lügenhaften Blick unserer koketten Frauen, der uns manchmal verführt, aber immer betrügt. Sie versteht es nicht, die Leere einer Phrase durch ein einstudiertes Lächeln zu verbergen, und gleichviel sie die schönsten Zähne von der Welt hat, so lacht sie doch nur, wenn sie etwas darüber zu lachen findet.“[18]

Er versucht, sich mit de Tourvel anzufreunden, doch sie will nichts von ihm wissen, da ihre Freundin, die Madame de Volanges, sie in einem Brief vor seiner Lieblingstätigkeit, Frauen zu verführen und dann zu zerstören, gewarnt hat. Valmont besticht Tourvel jedoch durch seinen Charme und tut allerlei, um sie zu beeindrucken, was sie schließlich davon überzeugt, dass die Ratschläge ihrer Freundin nicht wichtig seien. Sie freundet sich mit ihm an, doch er offenbart Mme. de Tourvel seine „Liebe“, was diese verstört und wütend macht. Sie bittet ihn, abzureisen, was er auch tut. Valmont schickt ihr jedoch weiterhin Briefe mit seinen Liebesbezeugungen, die sie zuerst ungeöffnet zurückschickt, aber dann annimmt. Als sie ihm ihre Freundschaft anbietet, entgegnet er, er wolle ihr Liebhaber sein und sonst gar nichts. Schließlich gibt sie ihre Gefühle für ihn zu, besteht jedoch darauf, ihre Ehe nicht zu brechen. Doch nach vier Monaten verführt Valmont Mme. de Tourvel. Der Frauenheld Valmont will jedoch nicht wahrhaben, dass er in die Präsidentin von Tourvel verliebt ist. Die Marquise de Merteuil, die ihm das offenbart, beschämt ihn, und so schreibt er der Präsidentin, er wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Diese erleidet einen Nervenzusammenbruch und geht ins Kloster. Als sie zufällig erfährt, dass Valmont im Duell getötet worden ist, verzeiht sie ihm und stirbt.

Die Präsidentin de Tourvel ist die am positivsten gezeichnete Person des Romans. Sie ist treu, ehrlich, unkompliziert und unschuldig, vielleicht auch ein wenig naiv. Ihre Verführung, ihre Krankheit und ihr Tod, alle von Valmont verschuldet, schockieren den Leser und zeigen die Bosheit des Vicomte und der Marquise. Einzelne Literaturhistoriker haben argumentiert, dass sich in der Madame de Tourvel Ideale der Bourgeoisie vereinen, während Valmont und die Marquise de Merteuil den Hochadel und seine libertine Einstellungen repräsentieren.[19]

Madame de Rosemonde

Sie ist die Tante des Vicomte de Valmont und Freundin der Madame de Tourvel. Sie empfängt die beiden auf ihrem Landsitz.

Rezeption

Titelblatt des Romans Les Liaisons dangereuses (1782)

In Ahnung des Skandals erschien der Roman nach den Angaben des Titelblatts in Amsterdam, in Wahrheit jedoch in Paris, und der Verfasser zeichnete nur mit seinen Initialen. Trotz des Vorworts wurde dem Autor vorgeworfen, ein gefährliches und unmoralisches Buch geschrieben zu haben. Dadurch wurde die bereits durch den Titel erweckte Neugier des Lesepublikums noch gesteigert, v. a. in den Adelskreisen des Ancien Régime, dem das intrigante Romanpersonal entstammt. Selbst die Königin Marie-Antoinette las den Roman in einem kostbaren Einband. Innerhalb eines Monats wurden 2000 Bücher verkauft und im ersten Jahr folgten der Erstausgabe acht weitere, darunter einige Raubdrucke. Bis zur Revolution gab es 15, bis zu Laclos Tod (1803) 21 französische Ausgaben und viele Übersetzungen. Mit der Bedeutungslosigkeit des alten Adels des Ancien Régimes ließ das Interesse an dem Roman nach. Zurück blieb der Ruf eines unmoralischen Buches. Gerichtsurteile verboten die Publikation des Buches. Baudelaire und die Gebrüder Goncourt rehabilitierten das Image des Autors und sein Roman wurde zusammen mit dem Werk Stendals wiederentdeckt und ist seitdem als französischer Klassiker anerkannt.

Auf Wunsch des Verlegers France Loisirs wählten die Mitglieder der Académie Goncourt (siehe Prix Goncourt) 1999 die zwölf Bücher aus, die „sich als wesentliche Werke der französischen Literatur behaupten“. Der Roman Les Liaisons dangereuses belegte dabei den ersten Platz.

In Deutschland verlief die Rezeption ähnlich: frühe Publikationen, hundert Jahre lang geringes Interesse bis zur Neuauflage 1899, in einer Zeit der Renaissance der galanten französischen Literatur. Dann hob Heinrich Manns Laclos-Essay[20] den Roman in den Rang der Weltliteratur und Hermann Hesse lobte: Unter den erotischen und gesellschaftskritischen Romanen des französischen 18. Jahrhunderts vielleicht der klügste, kühlste, unsentimentalste. Literarisch und psychologisch glänzend.

In der Literaturkritik wurde, und wird immer noch, die Frage diskutiert, ob der Autor nur einen galanten Roman, „ein Eroticum im Stile eines Crébillion fils […] zum heimlichen Amüsement der sogenannten besseren Gesellschaft“ schreiben wollte und unter der Zensur-Gefahr eine Tarnung suchte[21] oder ob er mit der Briefsammlung-Fiktion eine moralisch-satirische „gesellschaftskritische Absicht“ verband. Für die zweite Interpretation spricht die im Vorwort des fiktiven Herausgebers vorhergesagte Reaktion der im Roman entlarvten Gesellschaftsschicht, die mit dem Unmoralvorwurf argumentierte und Laclos einen „heimlichen Verherrlicher des Lasters“ unter der Fassade des Moralisten nannte. Als Vertreter der Gegenmeinung führt Amelung eine Bemerkung des Erzählers in Marcel Prousts À la recherche de temps perdue an: „Es ist möglich, dass schöpferische Menschen von gewissen Lebensformen angeregt werden, die sie persönlich gar nicht erlebt haben.“[22]

Das Motiv der Rache an der Gesellschaft begründet Amelung mit Laclos Biographie: nicht erfüllte Aufstiegshoffnungen und Demütigungen. Er habe mit einem Werk, das vom gewöhnlichen Weg abwich, Aufsehen erregen wollen. Das habe er mit dem Kunstgriff der Herausgeberfiktion erreicht: durch die Beteuerungen des Verlegers im Vorspann, die geschilderten Sitten seien so unglaublich, dass man sie für romanhafte Erfindungen halten könne. Dadurch sei die Vermutung entstanden, es handele sich um einen Schlüsselroman, und die Spekulationen über die Vorbilder der Romanfiguren steigerten den Erfolg des Buches.

Die vorgetäuschte Dokumentensammlung ohne „die kommentierende Stimme des Verfassers“ habe jedoch „bei einem großen Teil der Leser zu einem folgenschweren Missverständnis“ geführt: „[M]an hielt Laclos für moralisch indifferent, ja sogar für einen insgeheimen Verherrlicher des Lasters“[23] An ein solches Urteil schloss sich der Vorwurf vieler Patrioten an, der Autor habe „eine erlogene Wirklichkeit konterfeit und sogar, da sich alles in Frankreich abspiele, das französische Ansehen beschmutzt.“ Laclos entgegnete, wer die Wirklichkeit nicht ertragen könne, wie sie in Wirklichkeit sei, „möge die honigsüßen Romane seiner Zeitgenossen lesen […] Die Kunst habe das Recht, auch die Schattenseiten des Daseins als Gegenstand zu wählen“.

Später hat der Laclos sein Werk „als Beitrag zur Revolution und die Revolution als Rechtfertigung seines Romans“ gesehen: „Man wird sich durch die Lektüre (dieser Memoiren) überzeugen, dass die grässlichen und skandalösen Fiktionen, mit deren Hilfe die Romanschreiber (damit meinte er sich selbst) jene infamen Charaktere entlarvten und bekämpften, die sie darstellten, noch hinter der Wirklichkeit zurückblieben.“[24] Auch Zeitzeugen, wie der Comte de Tilly[25] bestätigen den Einfluss des Romans auf die Vorbereitung der Revolution.

Deutsche Ausgaben (Auswahl)

  • Die gefährlichen Bekanntschaften – oder Briefe gesammelt in einer Gesellschaft und zur Belehrung einiger anderer bekanntgemacht. Erste deutsche Übersetzung von Christian von Bonin 1783.
  • 1799 erschienen in Berlin Die gefählichen Liebschaften in der Übersetzung von M. Lorm (d. i. V. Adler)
  • Schlimme Liebschaften. Übersetzt und mit einer essayistischen Einleitung von Heinrich Mann, erschienen 1905 als Gefährliche Freundschaften, dann 1920 im Insel-Verlag Leipzig.
  • Gefährliche Liebschaften. Übersetzung von Franz Blei. Hyperion München, 1909.
  • Gefährliche Liebschaften. Übersetzer: Walter Widmer, Freiburg 1955, Goldmann, München, 1959.
  • Gefährliche Liebschaften. Übersetzung von Hans Kauders. Winkler München, 1959.
  • Gefährliche Liebschaften oder Briefe gesammelt in einer Gesellschaft und veröffentlicht zur Unterweisung einiger anderer. Neuübersetzung von Wolfgang Tschöke, mit einem Nachwort von Elke Schmitter. Hanser, München 2003, ISBN 3-446-20383-4.

Adaptionen

Der Roman, der heute zu den Klassikern der Weltliteratur gezählt wird, ist mehrfach illustriert und für die Bühne und für den Film[26] adaptiert worden.

Illustrationen

Gefährliche Liebschaften wurde von mehreren Malern und Malerinnen illustriert. Neben den bereits im Text (s. o.) mit ihren Graphiken vertretenen Charles Monnet (1796) und Marguerite Gérard (1796) sind dies u. a. Jules Bourdet, Aubrey Beardsley (1896), Götz von Seckendorff (1920)[27] und George Barbier (1920).

Film und Serie

Der Stoff diente als Grundlage für mehrere Filme und eine Serie:

Theater

Hamptons Theaterstück (2016)

Oper und Musical

Nach dem Roman benannte sich die deutsche Band Liaisons Dangereuses.

Siehe auch

Literatur

  • Anne Brüske: Das weibliche Subjekt in der Krise: Anthropologische Semantik in Laclos’ Liaisons dangereuses. Winter, Heidelberg 2010 (Studia Romanica 159)
  • Alice Coßmann: Les Liaisons dangereuses" von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos. Eine feministische Marquise de Merteuil?, Bachelorarbeit, GRIN Verlag 2014, ISBN 978-3-668-02227-0
  • Joelle Jean: Les Liaisons dangereuses de Laclos. Reihe Balises oeuvres. Fernand Nathan, Paris 1993, ISBN 2-87714-153-5
  • H. Knufmann: Das Böse in den Liaisons dangereuses des Choderlos de Laclos, München 1965
  • Gert Pinkernell: Zur Funktion und Bedeutung der Dreieckskonstellation in den „Liaisons dangereuses“ von Choderlos de Laclos. In: G. P.: Interpretationen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1997
  • Thomas Roghmann: Schein und Sein in Choderlos de Laclos' Les Liaisons dangereuses, GRIN Verlag 2003, ISBN 978-3-638-53377-5
  • Kirsten von Hagen: Intermediale Liebschaften: Mehrfachadaptionen von Choderlos de Laclos „Les Liaisons dangereuses“. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2000, ISBN 3-86057-535-X
  • Götz von Seckendorff: Handkolorierte Lithographien zu Choderlos de Laclos Liaisons dangereuses. 10 Tafeln in Mappe, 120 nummerierte Exemplare. Banas & Dette Verlag, Hannover 1920
  • Laurent Versini: Laclos et la tradition - Essai sur les sources et la technique des ‹Liaisons dangereuses›. 793 Seiten, Klinckensieck, Paris 1968
  • Anke Wortmann: Choderlos de Laclos: Les Liaisons dangereuses (1782). In: Dietmar Rieger (Hrsg.): Französische Literatur. 18. Jahrhundert I: Roman. Stauffenburg, Tübingen 2000, S. 253–302

Einzelnachweise

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