Des Minnesangs Frühling

1857 von Karl Lachmann und Moriz Haupt erstmals herausgegebene Edition der deutschsprachigen Minnelieder des 12. und frühen 13. Jahrhunderts From Wikipedia, the free encyclopedia

Des Minnesangs Frühling (MF) ist eine Edition deutschsprachiger Minnelieder des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, die aus dem Nachlass von Karl Lachmann (1793–1851) erstmals 1857 von Moriz Haupt veröffentlicht wurde. Das germanistische Standardwerk wurde seit der Erstveröffentlichung mehrmals überarbeitet und neu aufgelegt, zuletzt 1988.

Des Minnesangs Frühling, Ausgabe Leipzig 1935

Editionsgeschichte

Nach den Editionsprinzipien der bahnbrechenden Ausgabe der Lieder Walthers von der Vogelweide, die Karl Lachmann 1827 herausgegeben hatte (2. Ausgabe 1843), stellte Moriz Haupt 1857 aus Lachmanns Nachlass eine Textsammlung der wichtigsten Dichter des Minnesangs zusammen. Diese wurde 1875 von Wilhelm Wilmanns sowie 1882 und 1888 von Friedrich Vogt in geringfügig überarbeiteter Fassung erneut herausgegeben.

Ab 1911 arbeitete Friedrich Vogt das Werk stärker um, indem er sich in den Textfassungen von Lachmanns historisch-kritischer Methode der Rekonstruktion einer hypothetischen Textfassung löste und stärker an den Handschriften orientierte. Im Satzbild brachte Vogt die Neuerung, die Anmerkungen nicht mehr am Ende des Werkes anzuhängen, sondern direkt unter den jeweiligen Texten abzudrucken.

Nachdem der Germanist Carl von Kraus bereits 1939 seine Untersuchungen als vorbereitende Arbeit publiziert hatte,[1] veröffentlichte er 1940 eine neubearbeitete Textausgabe, die sich konsequent an Lachmanns textkritischer Methode orientierte, und dabei zu Konjekturen gelangte, die Hugo Kuhn als „energisch und kühn bis zu nur noch künsterlisch zu verantworteten Eingriffen“ charakterisierte.[2] Kraus’ Ausgabe erschien ab 1959 als reine Textausgabe ohne Anmerkungen und wurde in dieser Form bis 1970 (gezählt als 35. Auflage) mehrfach unverändert nachgedruckt.

Die radikalste Abkehr von früheren Editionsprinzipien brachten die neuen Herausgeber Hugo Moser und Helmut Tervooren ab der 36. Auflage von 1977. An die Stelle des Versuchs, aus den verschiedenen Textzeugen einen einheitlichen, hypothetischen Grundtext zu generieren, wird der Text jeweils anhand einer „Leithandschrift“ wiedergegeben, Varianten aus der Parallelüberlieferung anderer Handschriften werden in den Anmerkungen vermerkt. Korrekturen auf Inhaltsebene brachten die Herausgeber nur dort an, wo „das Überlieferte im Rahmen seines historischen Kontexts schlechthin keinen Sinn ergab“.[3.1] Die Entscheidung über die jeweilige Leithandschrift wurde dabei strophenweise neu getroffen, was der Erkenntnis erwuchs, dass die mittelalterlichen Texte schon zu ihrer Entstehungszeit eine hohe Variabilität aufwiesen, und die Strophen von den Dichtern je nach historischem Kontext in verschiedenen Liedzusammenhängen erscheinen können.[3.2] Die Neubearbeitung wurde von der Fachwelt überwiegend positiv aufgenommen, jedoch gab es in Details auch Kritik, besonders am Verfahren des strophenweisen Wechsels der Leithandschrift.[4.1]

Umfang

Des Minnesangs Frühling ist eine Textedition von Minnesang-Strophen der wichtigsten mittelalterlichen Dichter, wie sie in den Haupthandschriften A (Kleine Heidelberger Liederhandschrift), B (Weingartner Liederhandschrift) und C (Codex Manesse) überliefert sind. 21 weitere Handschriften wurden für Textvergleiche herangezogen. Die Edition bietet Minnelieder der folgenden Autoren:

  1. Namenlose Lieder, ab der 36. Auflage 1977 erweitert um Strophen aus Müllenhoff-Scherers Denkmälern[5] sowie aus den Carmina Burana
  2. Der von Kürenberg
  3. Meinloh von Sevelingen
  4. Burggraf von Regensburg
  5. Burggraf von Rietenburg
  6. Spervogel
  7. Herger, ab der 36. Auflage 1977
  8. Dietmar von Eist
  9. Kaiser Heinrich (vielleicht Heinrich VI. (HRR)), seit der Ausgabe 1911 aus der Gruppe der namenlosen Lieder herausgelöst
  10. Friedrich von Hausen
  11. Heinrich von Veldeke
  12. Ulrich von Gutenburg
  13. Rudolf von Fenis
  14. Albrecht von Johansdorf
  15. Heinrich von Rugge
  16. Bernger von Horheim
  17. Hartwig von Raute
  18. Bligger von Steinach
    Der von Kolmas, entfallen ab der Ausgabe 1911
  19. Heinrich von Morungen
  20. Engelhart von Adelnburg
  21. Reinmar der Alte
  22. Hartmann von Aue
  23. Gottfried von Straßburg, ab der 36. Auflage 1977
  24. Wolfram von Eschenbach, ab der 36. Auflage 1977
  • Anhänge: Faksimile der Jenaer Liederschrift, Budapester und Kremsmünsterer Fragment (38. Auflage).

Ausgaben

  • Des Minnesangs Frühling. Herausgegeben von Karl Lachmann und Moriz Haupt. [1. Auflage.] Hirzel, Leipzig 1857, urn:nbn:de:bvb:12-bsb10113274-2, archive.org.
  • Des Minnesangs Frühling. Herausgegeben von Karl Lachmann und Moriz Haupt. 2. Ausgabe, besorgt von Wilhelm Wilmanns. Hirzel, Leipzig 1875, archive.org.
  • Des Minnesangs Frühling. Herausgegeben von Karl Lachmann und Moriz Haupt. 3. Ausgabe, besorgt von Friedrich Vogt. Hirzel, Leipzig 1882, archive.org; 4. Ausgabe, besorgt von Friedrich Vogt. Hirzel, Leipzig 1888, archive.org.
  • Des Minnesangs Frühling. Mit Bezeichnung der Abweichungen von Lachmann und Haupt und unter Beifügung ihrer Anmerkungen neu bearbeitet von Friedrich Vogt. Hirzel, Leipzig 1911, archive.org; 2. Ausgabe. Hirzel, Leipzig 1914, archive.org; 3. Ausgabe. Hirzel, Leipzig 1920, archive.org.
  • Des Minnesangs Frühling. Nach Karl Lachmann, Moriz Haupt und Friedrich Vogt neu bearbeitet von Carl von Kraus. Hirzel, Leipzig 1940. 35. Auflage: Hirzel, Stuttgart 1970, archive.org.
  • Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann und Moriz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus. Bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren.
    • I. Texte. Mit einem Anhang: Das Budapester und Kremsmünsterer Fragment. 38., erneut revidierte Auflage. Hirzel, Stuttgart 1988, ISBN 3-7776-0448-8.
    • II. Editionsprinzipien, Melodien, Handschriften, Erläuterungen. 36. Auflage. Hirzel, Stuttgart 1977, ISBN 3-7776-0331-7.
    • III. Kommentare:
      • 1. Untersuchungen von Carl von Kraus. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1939, durch Register erschlossen und um einen Literaturschlüssel ergänzt, hrsg. von Helmut Tervooren u. Hugo Moser. Hirzel, Stuttgart 1981, ISBN 3-7776-0368-6.
      • 2. Anmerkungen nach Karl Lachmann, neu bearbeitet von Carl von Kraus. Nachdruck der 30. Auflage, Zürich 1950, durch Register erschlossen und um einen Literaturschlüssel ergänzt, hrsg. von Helmut Tervooren u. Hugo Moser. Hirzel, Stuttgart 1981, ISBN 3-7776-0368-6.

Literatur

  • Helmut Tervooren, Hugo Moser: Bibliographie zum Minnesang und zu den Dichtern aus Des Minnesangs Frühling. E. Schmidt, Berlin 1969, OCLC 601632802.
  • Judith Lange, Claudia Schumacher: Vom Nutzen der Editionen: Ein Aufriss der Editionsgeschichte anhand der Sammlung Des Minnesangs Frühling. In: Thomas Bein (Hrsg.): Vom Nutzen der Editionen: Zur Bedeutung moderner Editorik für die Erforschung von Literatur- und Kulturgeschichte (= Beihefte zu editio. Band 39). De Gruyter, Berlin 2015, S. 145–166, ISBN 978-3-11-040067-0, e-ISBN 978-3-11-041825-5, doi:10.1515/9783110418255-013.

Einzelnachweise

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