Dürre und Hitze in Europa 1540
Klimatologisches Extremereignis
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Die Dürre und Hitze in Europa 1540 war ein klimatisches Extremereignis mit vielfältigen Auswirkungen auf Naturräume und menschliche Gemeinschaften. In verschiedenen paläoklimatologischen Untersuchungen wurden die Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse mit Hilfe der historischen Klimatologie rekonstruiert und zum Teil in Bezug zu den gegenwärtigen und künftigen klimatischen Bedingungen gesetzt.
Überwiegend wird auf der Basis von historischen Aufzeichnungen in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass es sich um eine elfmonatige Periode handelte, in deren Verlauf es in großen Teilen Europas nur spärlich oder so gut wie nicht regnete und es sich somit um eine Megadürre[1] gehandelt haben könnte. Ausgelöst wurde das Ereignis von einem ungewöhnlich stabilen, die atlantischen Luftströmungen blockierenden Hochdruckgebiet (Omegalage), das besonders Mitteleuropa beeinflusste, während zur selben Zeit im westlichen Russland kühles Schauerwetter herrschte.
Historische Beschreibungen
Die Annahme einer Megadürre im Jahr 1540 wird vor allem durch mehr als 300 zeitgenössische Chroniken aus weiten Teilen Europas gestützt,[2] die übereinstimmend die Auswirkungen einer lang anhaltenden Trockenheit und Hitze beschreiben, wie zum Beispiel ein ausgeprägtes Niederschlagsdefizit, den extrem niedrigen Pegel großer Flüsse, weiträumig auftretende Waldbrände, das Absinken des Grundwasserspiegels (wodurch Brunnen versiegten) sowie schwerwiegende Folgen für Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischbestände. Als besonders belastbare Quelle gilt hierbei das umfangreiche Wettertagebuch des Rektors der Jagiellonen-Universität in Krakau, Marcin Biem, dessen Aufzeichnungen es ermöglichen, die Niederschlagsmengen im Krakauer Raum für das Jahr 1540 statistisch zu rekonstruieren.[3]

Laut der Chronik des Winzers Hans Stolz war es im elsässischen Guebwiller (Gebweiler) nach einem mäßig kalten Januar vom 10. Februar bis Mitte Juni weitgehend trocken.[4] Etwas Regen fiel Anfang März. Im April und Mai blieb es fast durchwegs sonnig und sehr warm. Von Ende Juni bis zum 4. August herrschte brütende Hitze ohne einen Tropfen Regen. Im August und September regnete es mehrmals, aber nur wenig. Von Oktober bis Ende Dezember war es so warm wie im April, ganz ohne Frost oder Schneefall. Ähnliche Ergebnisse liefern die täglichen Aufzeichnungen des polnischen Wissenschaftlers und Theologen Marcin Biem in Krakau.[5]
Zum Niederschlag hielt der Schweizer Reformator und Wissenschaftler Heinrich Bullinger zusammenfassend fest, dass es zwischen Februar und Ende September 1540 in Zürich nie einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht lang regnete. Vier Chronisten im Schweizer Mittelland führten über den Zeitpunkt, teilweise selbst über die wahrgenommene Ergiebigkeit des Niederschlags Buch. Im polnischen Krakau hat der Wissenschaftler und Theologe Marcin Biem das tägliche Wetter festgehalten. Anhand ihrer Angaben sind die monatlichen Niederschlagsmengen für das Schweizer Mittelland und für Krakau mit Modellrechnungen geschätzt worden.[6] Der minimale Wasserstand des Rheins und der Elbe sowie der des Bodensees im Jahr 1540 ist anhand der Quellen mit neueren, durch Messungen belegten Extremwerten verglichen worden.[6]
Klimahistorische Untersuchungen

Die Dürre und Hitze in Europa 1540 wurde mit Hilfe von Methoden der historischen Klimatologie untersucht.
Petr Dobrovolny vom Geographischen Institut der tschechischen Masaryk-Universität in Brünn und seine Mitarbeiter haben 2010 monatliche, jahreszeitliche und jährliche Temperaturschätzungen seit 1500 auf der Grundlage von Temperaturindizes und Messwerten aus Deutschland, der Schweiz und Tschechien publiziert. Darin sind die Anomalien des Jahres 1540 deutlich zu erkennen.[7]
2013 ergab eine klimahistorische Untersuchung, dass die Temperatur in West- und Zentraleuropa im Sommer 1540 wahrscheinlich höher lag als im Hitzesommer 2003.[8] Die Sommer 1531 bis 1540 waren im Durchschnitt ähnlich warm wie jene in der Periode 1961–1990.[9]
Für Burgund gibt es mehrere Rekonstruktionen der Frühlings- und Sommertemperaturen anhand des Weinlesebeginns, der aus verschiedenen historischer Quellen abgeleitet werden kann. Eine 2004 veröffentlichte Rekonstruktion für die Zeit zwischen 1370 und 2003 deutete nicht darauf hin, dass das Jahr 1540 ein für diesen Zeitraum extrem warmes war, der Hitzesommer 2003 war mit Abstand der wärmste.[10] Doch ist diese Einschätzung relativiert worden: Der Weinlesebeginn für das Jahr 1540 war fehlerhaft und musste etwa einen Monat nach vorne korrigiert werden. Aber auch in einer weiteren Rekonstruktion für den Zeitraum 1354–2018 lagen die burgundischen Frühlings- und Sommertemperaturen des Jahres 1540 statistisch nur an 19. Stelle. Die Autoren erklären dies damit, dass die extreme Hitze und Trockenheit den Beginn der Reife der Beeren (Véraison) etwas verzögert haben könnte. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die Weinlese – die sonst nach einer fast konstanten Zeit auf die Véraison folgt – in diesem außergewöhnlichen Jahr deutlich verzögert begann. Das jedenfalls legen Dokumente nahe, die aus der Zeit für andere Weinbaugebiete überliefert sind. Während aber in den Rekonstruktionen extrem warme Jahre früher Ausreißer waren, sind sie seit 1988 die neue Norm geworden.[11]

Die geschätzte Anzahl der Niederschlagstage und die geschätzte Niederschlagsmenge für Mittel- und Westeuropa im Jahr 1540 lag unter den 100-jährigen Minima der instrumentellen Messung im Frühling, Sommer und Herbst. Die Auswertung der täglichen Beobachtungen im polnischen Krakau liefert ein vergleichbares Ergebnis. Die anhand eines Modells geschätzten Niederschlagsmengen waren im Frühjahr, Sommer und Herbst deutlich geringer als die Minima im 20. Jahrhundert. Der Jahresniederschlag, unter Annahme durchschnittlicher Verhältnisse im Winter, betrug rund einen Viertel der mittleren Werte im 20. Jahrhundert. Jener für das 900 km entfernte Krakau liegt in derselben Größenordnung Die geschätzte jährliche Niederschlagsmenge ist die niedrigste, die jemals zwischen 1500 und 2024 in Mitteleuropa gemessen oder geschätzt wurde. Ein solches Ereignis kann mit Klimamodellen nicht simuliert werden.[12][13]
Der herbstliche Abfluss großer Flüsse wie des Rheins in Basel und Köln und jener der Elbe in Meißen wurde anhand von ausführlichen Beschreibungen auf 10 % der mittleren Abflussmengen von Mai bis Oktober geschätzt. Man konnte diese damals noch mäandrierenden Flüsse stellenweise zu Pferd oder zu Fuß durchwaten.[12][13] Am Ende des Jahres 1540 war der Hochrhein auf den niedrigsten je verzeichneten Stand gesunken, wie aus einer Niedrigwassermarke hervorgeht.[14]
Witterungsverlauf
Der Schweizer Historiker Christian Pfister, vorwiegend tätig auf den Forschungsfeldern Umweltgeschichte und historische Klimatologie, beschreibt die Ereignisse des Jahres 1540 in Mitteleuropa folgendermaßen:[15]
- Elf Monate fiel damals praktisch kein Regen, „die Temperatur lag fünf bis sieben Grad über den Normalwerten des 20. Jahrhunderts, verbreitet muss die Temperatur im Hochsommer über vierzig Grad geklettert sein. […] [I]m ganzen Sommer 1540 wurde kein einziges Gewitter registriert.“[15]
- „Alles begann in Norditalien, mit einem Winter, der sich wie ein Juli anfühlte. Kein Tropfen fiel von Oktober 1539 bis Anfang April 1540. Dann griff die Dürre auf den Norden über.“[15] Der Juli brachte eine solche „Gluthitze, dass die Kirchen Bittgebete aussandten, während Rhein, Elbe und Seine trockenen Fußes durchwatet werden konnten. Dort, wo noch Wasser floss, färbte sich die warme Brühe grün“,[15] Fische trieben tot mit dem Bauch nach oben. „Der Bodenseepegel sank auf Rekordniveau, Lindau war sogar mit dem Festland verbunden. Bald verdunstete das Oberflächenwasser vollständig, die Böden platzten auf, manche Trockenrisse waren so groß, dass ein Fuß darin Platz fand.“[15]
Die geschätzte Anzahl der Niederschlagstage und die Niederschlagsmenge für Mittel- und Westeuropa im Jahr 1540 liegt deutlich unter den 100-jährigen Minima der instrumentellen Messperiode für Frühling, Sommer und Herbst. Dieses Ergebnis wird durch unabhängige dokumentarische Belege über extrem niedrige Flussabflüsse und europaweite Wald- und Siedlungsbrände gestützt. Oliver Wetter und Co-Autoren schrieben 2014 in ihrer Zusammenfassung: „Wir haben festgestellt, dass ein Ereignis dieser Schwere von modernen Klimamodellen nicht simuliert werden kann.“[16] Im Gegensatz dazu kommt eine 2015 publizierte Studie anhand der Auswertung von Wachstumsringen verschiedener europäischer Baumarten zu dem Ergebnis, dass die durchgeführten Analysen keine Hinweise auf eine außergewöhnliche Dürreperiode im Jahresverlauf 1540 ergeben hätten.[17] In ihrer Erwiderung wiesen die Autoren der erstgenannten Arbeit (Wetter et al.) darauf hin, dass Wachstumsringe heiße und trockene Extreme mitunter unvollständig oder verzögert wiedergeben, mit spezieller Betonung des Umstands, dass in neuerer Zeit bei klimatischen „Ausreißern“ öfters Diskrepanzen zwischen instrumentell ermittelten und dendrochronologischen Daten auftreten („Divergenz-Problem“).[18][19]
Andauernde Hitze
Die monatlichen und jahreszeitlichen Temperaturdifferenzen zur Periode 1961–1990 in Deutschland, der Schweiz und in den tschechischen Ländern beruhen auf ausführlichen Beobachtungen von (Kultur)-Pflanzen (Phänologie). Kirschbäume standen um den 10. April in Vollblüte. Einen Monat später waren die Kirschen reif. Vor dem 10. Juni endete die Rebenblüte. Die ersten reifen Trauben wurden in Zürich schon einen Monat später gepflückt, was einem Vegetationsvorsprung von 4–5 Wochen entspricht.[20] Rekordtemperaturen wurden im April, Mai und Juli verzeichnet. Im letzteren Monat wurden möglicherweise Maxima von über 40 °C erreicht.[21] Anfang September blühten die Kirschbäume erneut, im Oktober pflückte man in Lindau am Bodensee nochmals reife Kirschen. Die warme Witterung hielt bis zum Jahresende an. Um Weihnachten (am 6. Januar 1541 nach dem heute gültigen gregorianischen Kalender) schwammen in Basel einige Burschen über den Rhein, was darauf hindeutet, dass die Wassertemperaturen auf Grund der anhaltenden Wärme und den rekordtiefen Wasserständen um diese Zeit wesentlich höher waren als heute.[22]
Hydrologische Dürre

Das Extremereignis wird durch Berichte über Wald- und Siedlungsbrände und den extrem niedrigen Pegel großer Flüsse, das völligen Austrocknen kleinerer Flüsse und das Versiegen von Brunnen und Quellen gestützt. Fußbreite Trockenrisse klafften in den Böden auf. Im 500 Meter über dem Thunersee gelegenen Dorf Goldiwil mussten die Menschen Nacht für Nacht Wasser mit Tragtieren aus dem See holen.[22][23] Mittelgroße Flüsse wie die Mosel verkamen zu nahezu stagnierenden Rinnsalen. Nahe der belgischen Stadt Lüttich suchten Kühe Abkühlung und Tränke im warmen Wasser der Maas. Das Wasser der Mosel und der Oder war mit toxischen Grünalgen verseucht (Algenblüte). Große Mengen an sterbenden Fischen (meist europäische Äsche) wurden im Schweizer Mittelland von Hand gefangen. Im ausgetrockneten Bett des Flüsschens Suhre im Kanton Luzern grub man 1,5 Meter tief nach Wasser, ohne einen Tropfen zu finden. Die völlige Austrocknung kleinerer Wasserläufe und der niedrige Wasserstand größerer Flüsse in Verbindung mit hohen Wassertemperaturen dürfte den Fischbestand empfindlich geschmälert haben. Die Alpengletscher dürften in diesem Jahr 5 bis 10 % ihrer Masse verloren haben.[22]
2015 veröffentlichte der US-amerikanische Klimatologe Edward Cook zusammen mit 54 Kollegen eine Synthese der schweren Dürren in der Alten Welt (Afrika und Eurasien). Sie beruht vor allem auf Daten von Baumringen (Paläoklimatologie). Die räumliche Dimension der Dürre von 1540 deckt sich weitgehend mit der aus anderen Untersuchungen, in ihrem Ausmaß ist sie jedoch nicht die extremste.[24]
Folgen
Wasserversorgung
Schon im Mai wurde das Wasser knapp, Brunnen und Quellen fielen trocken.[15]
Land- und Forstwirtschaft, Wein- und Obstbau
Infolge der trockengefallenen Wasserläufe standen die Mühlen still. Menschen hungerten. Das Vieh wurde notgeschlachtet.[15]
Es kam zu zahlreichen Waldbränden. Der Rauch trübte das Sonnenlicht.[15]
Die Reben waren vor dem 10. Juni verblüht. Schon einen Monat später waren in Zürich die ersten Trauben reif, was einem Vegetationsvorsprung von vier bis fünf Wochen entspricht.[2]
Anfang August waren die Weintrauben in vielen Lagen reif, aber die Beeren waren vertrocknet, weshalb viele mit der Traubenlese auf einen Regen warteten, der um den 20. September erfolgte. Die verspätete Weinlese ergab eine große Menge preisgünstigen honigsüßen Weins, der selbst weniger Wohlhabende zu übermäßigem Alkoholkonsum verleitete. Der zeitgenössische Chronist Hermann von Weinsberg schrieb in seinem autobiografischen Tagebuch, dass viele Menschen in Köln „wie Schweine“ sturzbetrunken in den Gossen und hinter den Hecken lagen.[22] In Limoges ernteten die Winzer geröstete Trauben, aus denen sie Wein gewannen, der Sherry ähnelte Wein und schnell betrunken machte. Am Bodensee wurde Wein billiger als Wasser.[15]
In Würzburg wurde der sogenannte Kaiserwein gelesen, um zumindest einen Rest der verloren geglaubten Ernte zu retten, die großteils aus geschrumpften und vertrockneten Beeren bestand. Dies erwies sich im Rückblick als glücklicher Umstand: Die Qualität des 1540er Würzburger Stein war eine der besten des vergangenen Jahrtausends und wahrscheinlich mit der einer heutigen Trockenbeerenauslese vergleichbar. Die letzte Flasche dieser Rarität lagert im Würzburger Bürgerspital zum Heiligen Geist und kann dort im Rahmen von Führungen besichtigt werden.[25]
Aus der Stadt Münden liegt eine Beschreibung vor, wonach der 1540er Jahrgang des herzoglichen Weinbergs am Questenberg als „so vortrefflich“ bezeichnet wird, dass man ihn ausländischen Weinen vorzog.[26]
Die Kirschbäume standen um den 10. April bereits in voller Blüte.[2] Die Kirschen wurden Ende Mai reif. Im Elsass gab es eine zweite Blüte der Obstbäume, in Lindau reichte es sogar für eine zweite Kirschernte.[15]
Menschliche Gesundheit
In Europa starben im Jahr 1540 schätzungsweise eine Million Menschen, die meisten von ihnen an Durchfallerkrankungen.[15]
Stadtbrände
Im Jahr 1540 gab es, für ein Jahr ohne größere Kriegsschäden, eine ungewöhnlich große Zahl an Stadtbränden, die bis in das 19. Jahrhundert nur auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges übertroffen wurde. Insgesamt sind aus diesem Jahr 33 Stadtbrände auf deutschem Gebiet verzeichnet. In Einbeck beispielsweise war das Krumme Wasser, ein durch die Stadt fließender Bach, wahrscheinlich ausgetrocknet. Am Annentag, den 26. Juli 1540jul.,[27] brach der Stadtbrand von Einbeck aus. Bei ihm wurde die ganze Stadt vernichtet und zwischen 100 und 500 Menschen starben. Die Brände fanden in einer Zeit politisch-religiöser Konflikte um die Reformation statt. In vielen Fällen wurde vermutet, dass Brandstiftung Ursache der Feuersbrünste gewesen war, vermeintlich antiprotestantisch motiviert. Oft wurden fahrendes Volk und Bettler als Sündenböcke verdächtigt, es gab eine regelrechte Brandstifter-Paranoia. Das Jahr 1540 wurde auch als „Mordbrenner-Jahr“ bekannt.[28]
Einordnung in die europäische Klimageschichte
Die Witterungskonstellation 1540 verzeichnet eine paradoxe Situation, da dieses Ausnahmejahr während der Kleinen Eiszeit auftrat, die ungefähr vom frühen 15. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte und in Europa durch Episoden vergleichsweiser kühler Temperaturen gekennzeichnet war.
Das Jahr 1540 war in West- und Zentraleuropa wahrscheinlich das heißeste und trockenste im Zeitraum 1500–2000. In Spanien begann 1540 ein längerer Zeitraum mit sehr geringen Niederschlägen, während im östlichen Mittelmeerraum möglicherweise günstige Bedingungen herrschten.[29] Eine 2016 veröffentlichte Publikation geht davon aus, dass die mittlere Sommertemperatur 1540 über den entsprechenden Durchschnittswerten der Zeitreihe 1966 bis 2015 lag und mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent auch die Hitzewelle des Sommers 2003 übertraf.[30] Eine Reanalyse des zentraleuropäischen Klimas von 1421 bis 2008 wies hingegen den Sommer 2003 als heißer aus. Hitze und Dürre dauerten 1540 aber länger als 2003 und erstreckten sich über eine größere Fläche. Zudem waren die Jahre vor 1540 schon sehr trocken gewesen. Nur der Sommer des Jahres 1590 war wahrscheinlich noch heißer, die Hitzeperiode war aber wesentlich kürzer, und das Jahr fiel in ein eher kühles und feuchtes Jahrzehnt.[31]
Die Fragestellung einiger Studien zielt darauf ab, ob das singuläre Ereignis von 1540 eine „Blaupause“ für die künftige klimatische Entwicklung in diesem geographischen Umfeld sein könnte.[3] Nach Bereinigung der Witterung der einzelnen Jahre im Zeitraum 1421–2008 um langfristige Klimaänderungen wiesen die Jahre 1590 und 1540 extrem große Anomalien in den Sommertemperaturen auf: +2,8 °C bzw. +2,2 °C gegenüber dem langjährigen Mittel. Der in absoluten Temperaturen heißere Sommer 2003 war, nach Herausrechnen des durch die globale Erwärmung langfristig ansteigenden Temperaturtrends, hingegen nur 1,12 °C wärmer als das langjährige Mittel. Modellexperimente zeigen, dass solche außergewöhnlichen Abweichungen wie 1540 auch künftig auftreten können. Sie würden noch zu der globalen Erwärmung hinzukommen und damit weit wärmer als die Ausnahmejahre 1540 oder 2003 ausfallen – mit möglicherweise zerstörerischen Auswirkungen auf Ökosysteme und Gesellschaften.[31][15]
Laut mehreren wissenschaftlichen Arbeiten gibt es seit einigen Jahrzehnten weltweit eine deutliche Tendenz hin zur Ausbildung von warmen und trockenen Klimaten.[32] Bei weiter zunehmender Erwärmung wird sehr wahrscheinlich auch in Mitteleuropa ein Verschwinden bestehender und die Etablierung neuer Klimazonen eintreten.[33]
Siehe auch
Literatur
- Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas – 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Darmstadt 2001 (3. Auflage 2008), S. 108.
- Christian Pfister, Heinz Wanner: Klima und Gesellschaft in Europa. Die letzten tausend Jahre. Bern, Haupt, 2021, ISBN 978-3-258-08182-3
- Jan Grossarth: Jahrtausenddürre 1540: Der schlimmste Sommer aller Zeiten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. August 2018 (Zeitungsartikel hinter Paywall bzw. in der Print-Ausgabe, S. 16).
- Andreas Frey: Europas vernichtende Jahrtausenddürre. In: spektrum.de. 11. August 2018 (Artikel hinter Paywall).
- Katja Iken: Jahrtausenddürre 1540 – Die schlimmste Trockenheit seit Menschengedenken. In: Der Spiegel. 24. August 2022 (hinter Paywall).
- Axel Bojanowski: Hitze und Dürre 1540: Wetterdaten enthüllen Europas größte Naturkatastrophe. In: Der Spiegel. 6. Juli 2014.
Weblinks
- Oliver Wetter et al.: Die beispiellose Hitze und Dürre von 1540 – ein Katastrophenszenario. (pdf) In: Hydrologie und Wasserbewirtschaftung. 2014, S. 245–247.
- Klimahistoriker zieht historische Parallele zu Dürre, Gespräch mit Christian Pfister, Schweizer Radio, Echo der Zeit, 14. Juli 2026 (Audio, 6 Min 11)
- Anne Preger: Als das Wasser versiegte: Die große Dürre von 1540. In: WDR ZeitZeichen, 16. Oktober 2025 (Audio, 15 Min; MP3).
- Michael Schorer: Dürreperioden. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 11. Juni 2012.