Jelena Gennadjewna Kostjutschenko

russische Journalistin und Aktivistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Jelena Gennadjewna Kostjutschenko (russisch Елена Геннадьевна Костюченко, Betonung: Jeléna Gennádjewna Kostjutschénko; wiss. Transliteration Elena Gennad'evna Kostjučenko, * 25. September 1987 in Jaroslawl, Sowjetunion) ist eine russische Investigativjournalistin, Korrespondentin der Nowaja gaseta, Autorin und LGBT-Aktivistin.

Jelena Kostjutschenko (Mitte) auf dem Filmfestival „Side by Side“ (2011)

Nach Berichten über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ging sie ins Exil nach Deutschland, wo sie im Oktober 2022 einen mutmaßlichen Giftanschlag überlebte.

Leben

Elena Kostjutschenko begann bereits in ihrer Schulzeit journalistisch zu arbeiten. Ihre ersten Veröffentlichungen erschienen in der Jaroslawler Regionalzeitung Sewerny Krai. Eigenen Angaben zufolge war sie zu dieser Zeit stark von den Texten Anna Politkowskajas beeinflusst, die maßgeblich zu der Entscheidung beitrugen, ebenfalls für die Nowaja gaseta arbeiten zu wollen.[1] Sie wurde bereits als 17-Jährige für die Nowaja gaseta tätig.[2]

Im Jahr 2004 zog sie nach Moskau, um sich an der Lomonossow-Universität für ein Journalismus-Studium einzuschreiben. 2005 begann sie als Sonderkorrespondentin für die Nowaja gaseta zu arbeiten. Sie schrieb unter anderem ausführlich über den Massenmord in dem Dorf Kuschtschowskaja und über das Pussy-Riot-Verfahren.[1] Für eine spätere Recherche ließ sie sich zu journalistischen Zwecken in eine Einrichtung für als „retardiert“ und „nicht normal“ stigmatisierte Menschen aufnehmen.[2] Dort beschrieb sie schwere Missstände wie Fixierungen, Sedierungen sowie Fälle von Zwangssterilisation und deutete das System als ein Netz hunderter lagerähnlicher Einrichtungen, in denen Menschen grundlegende Rechte und Besitzmöglichkeiten entzogen würden.[2] Sie berichtete zudem von mangelhafter Versorgung und einem entwürdigenden Alltag, der sich auch in Details wie unzureichender und schlechter Verpflegung zeige.[2]

Im Jahr 2008 begann Kostjutschenko eine verdeckte Recherche über die Organisation „Rosa Mira“, jedoch ohne die Redaktion der Nowaja gaseta darüber zu informieren. Die Recherche stand im Zusammenhang mit dem Suizid des Fotomodells Ruslana Korschunowa, die zuvor ein Training der Organisation besucht hatte. Im Laufe ihrer Recherche erkrankte Kostjutschenko an einer schweren Depression und begab sich zur Behandlung in eine psychiatrische Klinik. Das gesammelte Material blieb unveröffentlicht. Im Mai 2019 berichtete Kostjutschenko über diesen Vorfall auf ihrer Facebook-Seite.[3][4]

In ihrem Reportageband I Love Russia schilderte Kostjutschenko, wie die Annexion der Krim 2014 zu heftigen Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter führte, die damals die Darstellung des russischen Staatsfernsehens übernahm.[2] Sie deutete den Konflikt als Beispiel dafür, wie staatliche Propaganda bis in Familienbeziehungen hineinwirken und Wahrnehmungen politischer Ereignisse überformen könne.[2] Später habe ihre Mutter begonnen, die im Staatsfernsehen beschworene „Sieges“-Rhetorik über den Krieg zu hinterfragen, spreche aus Angst vor Denunziation jedoch kaum noch über Politik im Freundes- und Nachbarschaftskreis.[2]

Elena Kostjutschenko war die erste Journalistin, die die Informationsblockade hinsichtlich der Ereignissen in Schangaösen am 16. Dezember 2011 durchbrach.[5][6][7][8]

„Diese kleine und zerbrechliche junge Frau Elena Kostjutschenko ist eine extreme Journalistin. Mafiosi aus Kuschtschowka, Schlägereien in Chimki und Straßenprostituierte sind ihre Themen.“

Aleksandr Litoi: RBK daily[9]

Am 1. September 2015 berichtete Kostjutschenko von einer nicht genehmigten Aktion von sechs Frauen, die Verwandte bei der Geiselnahme von Beslan verloren hatten sowie über ihren Prozess am selben Tag. Sie wurden wegen Ordnungswidrigkeiten schuldig gesprochen. Kostjutschenkos dokumentarisches Theaterstück Nowaja Antigona (deutsch: Die neue Antigone), eine Zusammenstellung aus Fragmenten von Sitzungsprotokollen, eigenen Texten und Auszügen aus SophoklesAntigone, wurde 2017 von Jelena Gremina bei театр.doc inszeniert.[10][11]

Berichte aus der Ukraine, Exil und möglicher Giftanschlag

Im Zuge der Ausweitung des Russisch-Ukrainischen Kriegs im Februar 2022 reiste Kostjutschenko in die Ukraine. Von dort berichtete sie in mehreren Artikeln unter anderem über die Situation in Odessa, Cherson und Mykolajiw.[12][13][14] Auch in ausländischen Medien wurden ihre Kriegsreportagen rezipiert.[2] Nach Warnungen, dass tschetschenische Einheiten an russischen Checkpoints den Auftrag hätten, sie zu töten, brach sie eine geplante Reise von Saporischschja nach Mariupol ab und verließ die Ukraine.[15]

Elena Kostjutschenko landete schließlich in Berlin, wo sie ab September 2022 für das Online-Exilmedium Meduza arbeitete.[15] Im Februar 2026 erklärte sie in einem Interview, sich zu diesem Zeitpunkt vorübergehend in den Vereinigten Staaten aufzuhalten.[2]

Am 18. Oktober 2022 wurde Kostjutschenko bei einem Aufenthalt in München vermutlich vergiftet. Sie hatte einen Termin beim Konsulat der Ukraine in München, um ein Visum für weitere Recherchen zu beantragen. Nach einem Mittagessen im Restaurant, wo sie nur den halben Teller aufgegessen hatte, zeigte sie verschiedene Symptome, darunter Kopfschmerzen, Erschöpfung, Kurzatmigkeit und später schwere Bauchschmerzen, Übelkeit, Schwellungen und Schwindel. Da sie die Symptome erst auf eine abklingende Covid-19 Infektion schob, ging sie erst nach 10 Tagen zum Arzt. Die festgestellten starken Leber- und Nierenschäden in Kombination mit ihren Symptomen weisen laut Experten auf eine Vergiftung hin, womöglich durch Chlorkohlenwasserstoffe. Die Giftstoffe konnten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nachgewiesen werden.[15][16] Am 14. November 2025 wurde sie in Russland als „ausländische Agentin“ eingestuft.[2]

Kostjutschenko bezeichnete das politische System Russlands als faschistisch und gibt an, sie habe lange gebraucht, um das Ausmaß dieser Entwicklung zu erkennen.[2] Hierbei verwies sie auf das Bild eines Frosches, der in langsam erhitztem Wasser erst zu spät bemerke, dass er gekocht werde, und auf eine verbreitete Erzählung, Russland habe den Faschismus historisch besiegt.[2] Als mögliche Auswege aus dieser Entwicklung nannte sie – solange Wladimir Putin an der Macht sei – einen Putsch oder eine Revolution, warnte jedoch zugleich vor unklaren Machtverhältnissen nach einem Putsch.[2] Sie plädierte überdies dafür, die russische Opposition stärker durch sichere digitale Kommunikationsmöglichkeiten zu unterstützen, und kritisierte bestimmte europäische Restriktionen gegenüber russischen Staatsangehörigen als potenziell kontraproduktiv.[2]

Aktivitäten in der LGBT-Bewegung

Elena Kostjutschenko identifiziert sich als lesbisch. Im Jahr 2011 veröffentlichte sie vor ihrer Teilnahme an der Gay Pride Parade einen Aufruf an die Öffentlichkeit mit dem Titel „Warum ich heute zu einer Gay Pride Parade gehe“,[17] in dem sie sich entschieden gegen Homophobie und Diskriminierung von Schwulen und Lesben aussprach und gleiche Rechte für sexuelle Minderheiten forderte. Ihr diesbezüglicher Post erreichte in den sozialen Netzwerken über 10.000 Kommentare. Am Tag der Aktion, dem 28. Mai 2011, wurde Elena Kostjutschenko von dem russisch-orthodoxen Aktivisten Roman Lisunov[18] angegriffen, der ihr dabei ins Gesicht schlug. Nach diesem Vorfall wurde sie mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht. Dort wurde jedoch ein Barotrauma diagnostiziert.[19] Als Beispiel für den Druck auf LGBT-Familien nannte Kostjutschenko in einem Interview ein befreundetes lesbisches Paar, das seinem Sohn aus Angst vor staatlichen Repressionen einredete, seine Eltern seien „Monster“ und könnten ihm deshalb weggenommen werden.[2] Nach ihren Angaben trug diese Episode dazu bei, dass auch in ihrem familiären Umfeld die staatliche Darstellung von LGBT-Menschen und der Kriegspolitik stärker hinterfragt wurde.[2]

In den Jahren 2012–2013 initiierte Elena Kostjutschenko viermal vor den Mauern der Staatsduma Aktionen unter dem Titel Tag der Küsse. Diese Kundgebungen fanden zeitgleich mit den Beratungen des Parlaments zum Gesetzesentwurf über das Verbot „homosexueller Propaganda“ (in abschließender Lesung: „Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen zwischen Minderjährigen“) statt.[20]

Auszeichnungen

  • 2007: 2. Preis des Wettbewerbs „Ступень к успеху“ für junge Journalisten.[21]
  • 2013: Gerd Bucerius-Förderpreis Freie Presse Osteuropas der deutschen Zeit-Stiftung und der norwegischen Stiftung Fritt Ord. Nominiert von: Ilja Krieger (Redakteur des Verlages Corpus), der Norwegian Helsinki Comitee und der Rights House Foundation.[22]
  • 2013: Свобода-Preis für die Berichterstattung über die Proteste im Gebiet Mangghystau, Kasachstan.[5]
  • 2015: Andrei-Sacharow-Preis „За журнализм как поступок“.[23]
  • 2015: Achmednabi-Achmednabiew-Preis, 2. Preis – für die Reportage „Сны Беслана“ (deutsch: Die Träume von Beslan).[24]
  • 2016: Preis „Профессия журналист“ der Organisation Открытая Россия in der Kategorie „Reportage“ – für die Reportage „Боги болот никого не отпустят“ (deutsch: Die Götter der Sümpfe lassen niemanden gehen).[25]
  • Drei monatliche Journalisten-Preise „Редколлегия“:
    • Mai 2017 „für eine Reihe von Artikeln über die Verfolgung und Ermordung von Schwulen in Tschetschenien“ (zusammen mit Irina Gordienko und Elena Milaschina).[26]
    • Dezember 2020: für den Artikel „Ночь, день, ночь“ (deutsch: Nacht, Tag, Nacht) über den Kampf gegen die COVID-19-Epidemie (zusammen mit Yuri Kozyrev).[26]
    • Mai 2021: für den Artikel „Интерна“ (deutsch: Internat) über psycho-neurologische Einrichtungen (mit Yuri Kozyrev).[26]
  • 2020: „Камертон“-Preis der Russischen Journalisten-Vereinigung zu Ehren Anna Politkowskajas.[27]
  • 2024 Pushkin House Book Preis für ihr Buch "I Love Russia: Reporting from a Lost Country".[28]

Schriften

Einzelnachweise

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