Engelhardt-Brauerei Aktiengesellschaft Berlin

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Die Engelhardt-Brauerei Aktiengesellschaft Berlin war ein Brauerei-Konzern, der vor allem in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schlesien und Vorpommern aktiv war. Die Engelhardt-Brauerei AG wurde 1907 gegründet, war in der Zwischenkriegszeit sehr erfolgreich und wurde 1992 durch Verschmelzung auf die Brau und Brunnen aufgelöst.[1]

Historisches Bieretikett der Engelhardt-Brauerei

Entwicklung

Vorgeschichte

Die Ursprünge der Engelhardt-Brauerei gehen bis in die 1860er Jahre zurück, als in der Berliner Chausseestraße eine erste Braustätte eröffnete, aus der die Breslauer Weizenbier-Brauerei entstand. Die Betreiber schlossen 1903 die Bergbrauerei Gebr. Josty in der Bergstraße 22 an und verlegten 1905 die gesamte Erzeugung nach Pankow in die Kaiser-Friedrich-Straße (heute: Thulestraße), die die Bezeichnung Abteilung I erhielt. Zeitgleich wurde der Standort Chausseestraße geschlossen.

1907–1928 Expansion

Im Jahre 1907 wandelten die Besitzer die Brauerei in eine Aktiengesellschaft um. Im Jahre 1910 entstand durch Fusion mit der Kaiserbrauerei AG in Berlin-Charlottenburg, Sophie-Charlotten-Straße 92/94, eine zweite Braustätte, die nun die Abteilung II war; 1913 endete die Bierherstellung in der Bergbrauerei. Im Jahre 1917 erfolgte die Verschmelzung mit der Viktoria-Brauerei AG in Berlin-Stralau, Alt-Stralau 62. Dieser Standort war nun die Abteilung III. Hier war auch eine Mälzerei vorhanden. Zusätzlich wurden noch 1916 bis 1918 die Berliner Stadtbrauerei in der Belforter Straße 4 und die Brauerei Oswald Berliner in der Brunnenstraße 141/143 übernommen und in beiden Fällen kurz darauf der Betrieb eingestellt.

Auch außerhalb Berlins wurden zahlreiche Betriebe übernommen und das Vertriebsgebiet unter anderem Richtung Sachsen-Anhalt, Vorpommern, Schlesien und Ruhrgebiet ausgeweitet.[2] Bis 1928 kamen die Betriebe hinzu:

Zu den genannten Betriebsteilen gehörten auch viele Niederlagen. Hierbei handelte es sich um Außenstellen oder Zweigniederlassungen einer Brauerei, die den Vertrieb des Bieres dezentral organisierten. Das Bier wurde dabei zentral gebraut und in großen Transportfässern per Eisenbahn oder Schiff zu den Niederlagen transportiert, wo es zwischengelagert und anschließend in handelsübliche Fässer oder Flaschen umgefüllt wurde. Die Niederlagengrundstücke waren mit der notwendigen Infrastruktur ausgestattet: Es gab Pferdeställe und Abstellplätze für Fuhrwerke, kleine Werkstätten sowie gekühlte Lagerräume. Zur Kühlung des Bieres kam noch lange Zeit Eis zum Einsatz, um den teuren Betrieb von Kältemaschinen und Dampfmaschinen zu vermeiden. Nach Möglichkeit verfügten die Niederlagen zudem über einen Gleisanschluss. Es konnte sich auch um kleinere Brauereien handeln, die nach der Einstellung des Brauereibetriebes weiter als Niederlagen dienten. In den Adressbüchern bis 1943 lassen sich über 100 Niederlagen der verschiedenen Engelhardt-Brauerei-Gesellschaften finden.[3][4][5][6]

1928–1933 Ausgliederung der Unternehmen

Die Engelhardt‑Brauerei entwickelte sich ab Ende der 1920er‑ bis in die 1930er‑Jahre zu einem Konzern, der aus mehreren Tochtergesellschaften bestand und außerdem Beteiligungen an weiteren Brauereien hielt.[7]

Die Mutter-Gesellschaft Engelhardt-Brauerei AG besaß im Jahr 1930 in Berlin nur noch die drei Betriebe in Berlin-Pankow, Charlottenburg und Berlin-Stralau sowie in Rudelstadt i. Schlesien die Mälzerei. Die Zentralverwaltung wurde mehrfach verlegt und lag laut Berliner Adressbüchern

  • 1919–1928 im Alexanderhaus (Berlin) am Alexanderplatz,
  • 1929–1936 in der Kurfürstenstraße 131 und
  • 1937–1943 in Stralau, Abteilung III.

1933 waren folgende Töchter oder Unternehmen vorhanden[8]:

  • Engelhardt-Brauerei AG, Greifswald
  • Engelhardt-Brauerei AG, Weißwasser O/L
  • Engelhardt-Brauerei GmbH Rathenow
  • Mitteldeutsche Engelhardt-Brauerei AG, Halle a/S
  • Engelhardt-Brauerei Königsberg Neumark GmbH
  • Aktien-Brauerei Cöthen
  • Winterhuder Brauerei in Hamburg
  • Malzbierbrauerei Groterjan & Co. AG, Berlin-Gesundbrunnen
  • Schlesische Engelhardt-Brauerei AG
  • Gesenberg-Brauerei AG, Wuppertal-Elberfeld
  • Brauerei Oswald Berliner, Berlin (zwei Mälzereien in Leobschütz, 1936 umbenannt in Schlesische Malzfabriken AG, Berlin)
  • Bierbrauerei Kelbra AG
  • Weitere Unternehmen der Lebensmittelindustrie und Grundstücksverwaltungen

1934–1944 Verkäufe

In den folgenden Jahren erfolgten schrittweise Verkäufe, die zu einer erheblichen Verkleinerung des Konzerns führten:

  • 1934/35 Abstoßung der Beteiligungen an der Gesenberg-Brauerei AG, Elberfeld und der Engelhardt-Brauerei AG, Greifswald, die als Greifswalder Brauerei AG weitergeführt wurde.[9] Im Zusammenhang mit dem Verkauf des Verwaltungsgebäudes in der Berliner Kurfürstenstraße wurde die Zentralverwaltung in die Abteilung III in Berlin-Stralau verlegt.
  • 1935/36 Abstoßung der Aktien der Engelhardt-Brauerei AG Weißwasser in Weißwasser (weitergeführt als Schnitter-Brauerei), der Winterhuder Bierbrauerei, Hamburg, und ein Teil der Anteile der Engelhardt-Brauerei Rathenow GmbH, Rathenow.
  • 1939/40 Verkauf der Beteiligungen an der Mitteldeutschen Engelhardt-Brauerei AG,[10] der Aktien-Brauerei Cöthen, Köthen. Außerdem Verkauf der restlichen Aktien der Schlesischen Engelhardt-Brauerei AG, Breslau, die 1943 in die Wappenhof AG umbenannt wurde und sich auf die Ausübung des Gaststätten- und Beherbergungsgewerbes konzentrieren wird. Die Brauerei in Breslau wurde von der Brauerei Haselbach Grüneiche GmbH weiterbetrieben[11]
  • Die Schlesische Malzfabriken AG verkaufte 1941 eine der Mälzereien in Leobschütz[12].

Bis 1944 verblieben neben der Muttergesellschaft nur noch folgende Beteiligungen[2]:

  • Engelhardt-Brauerei GmbH Rathenow,
  • Engelhardt-Brauerei Königsberg Neumark GmbH,
  • Schlesische Malzfabriken AG,
  • Malzbierbrauerei Groterjan & Co. AG, Berlin-Gesundbrunnen,
  • Zwei Verwaltungsgesellschaften und
  • 10 Vertriebs-Niederlagen.

Entwicklung nach Mai 1945

Nach Kriegsende lagen die verbliebenen Standort in verschiedenen Bereichen:

  • In Westteil von Berlin verblieb nur die Abteilung II. Sie wurde nach schweren Kriegszerstörungen wieder aufgebaut. Die Schultheiß-Brauerei übernahm 1956 50,4 % des Aktienkapitals der Engelhardt-Brauerei und damit auch deren Mehrheitsbeteiligung an der Malzbierbrauerei Groterjan AG. Die Groterjan Brauerei wurde 1961 zur Schultheiß-Brauerei AG übergeben, die sie bis zur Schließung im Jahr 1978 als „Abteilung Groterjan“ betrieb.[13] 1982 wurde die kurz vorher stillgelegte Hochschul-Brauerei in Berlin-Wedding, Seestraße 14–15 gekauft. Der Standort in Charlottenburg wurde bis 1983 betrieben und 1988 bis auf wenige Teile abgerissen. Über die weitere Geschäftstätigkeit der Engelhardt‑Brauerei AG liegen keine Informationen vor. Sie war aber noch mindestens bis zur Ausgabe 1991/92 in den Berliner Gelben Seiten unter der Branche „Bier“[14] enthalten.
  • Die im Ostteil von Berlin und der DDR liegenden Betriebsteile wurden enteignet und produzierten weiterhin. Teilweise wurden die Standorte bis wenige Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung betrieben, wie die Brauerei in Berlin-Stralau und Rathenow.

Gegenwart

Die 1998 gegründete Engelhardt Brauerei GmbH hat ihren Sitz am Standort der Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei.[15] Sie ist Inhaber der Wort-Bild-Marke „Engelhardt's Charlottenburger Pilsener“.[16] Engelhardt-Bier wird als Fassbier angeboten und in wenigen Gaststätten ausgeschenkt.

Literatur

  • Die deutsche Brauindustrie in Wort und Bild. Eckstein, Berlin, 1926. Hier: Abschnitt Engelhardt-Brauerei Aktiengesellschaft, Berlin
  • Schulze-Besse, H.: Aus der Geschichte des Berliner Brauwesens und seiner Braumeister. Erschienen i. A. des Berliner Braumeister-Vereins e.V., 1927.
  • Historisches Brauereiverzeichnis Deutschland ab ca. 1890. Herausgeber: Internationaler Brauereikultur-Verband e.V. (IBV). Stuttgart. IBV-Eigenverlag 2005.
  • Gidom, Henry: Berlin und seine Brauereien: Band 1: Gesamtverzeichnis der Braustandorte von 1800 bis 1925. Edition Berliner Unterwelten, 2012.

Einzelnachweise

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