Evangeliar von Saint-Riquier
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Evangeliar von Saint-Riquier, auch Evangeliar aus Centula oder Evangeliar in Abbeville genannt, ist eine karolingische Bilderhandschrift. Sie entstand zu Lebzeiten Karls des Großen, wohl kurz vor 800, an dessen Hofschule in der Aachener Königspfalz und gehört zu den herausragenden Zeugnissen der frühen karolingischen Buchmalerei.


Das Evangeliar besteht aus 198 purpurnen Pergamentblättern im Format 355 × 247 mm. Die Textseiten sind mit Goldtinte beschrieben; dabei sind die Texte der vier Evangelien (fol. 1–188) in Unzialschrift, die capitula evangeliorum am Ende (fol. 189v–198r) in Minuskelschrift gehalten. Zum Buchschmuck gehören neben den ganzseitigen Porträts der vier Evangelisten Matthäus (fol. 17v), Markus (fol. 66v), Lukas (fol. 101v) und Johannes (fol. 153v) die kunstvoll ausgeschmückten Kanontafeln (fol. 10r–16v) sowie jeweils seitengroße, reich verzierte Initialen.
Die Handschrift war als Geschenk für Angilbert († 814) bestimmt, den Laienabt der Benediktiner-Abtei Saint-Riquier und Geliebten von Karls des Großen Tochter Bertha. Angilbert schenkte das Evangeliar zusammen mit zahlreichen weiteren Handschriften der Bibliothek seines Klosters, wo es 831 in einem Bestandskatalog nachgewiesen ist. Heute wird die Handschrift im nahen Abbeville verwahrt (Bibliothèque Municipale, Ms. 4).[1]
Das Evangeliar, dessen Text und Ausgestaltung enge Verwandtschaft zum ebenfalls an der Aachener Hofschule entstandenen sogenannten Krönungsevangeliar aufweist,[2] beeinflusste namentlich die westfränkischen Skriptorien des 9. Jahrhunderts.[3]
Literatur
- Bernhard Bischoff: Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigothischen). Teil 1: Aachen-Lambach. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Birgit Ebersperger. Harrassowitz, Wiesbaden 1998 (Veröffentlichungen der Kommission für die Herausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. Bayerische Akademie der Wissenschaften), ISBN 3-447-03196-4, S. 8 Nr. 8.
- Elias Avery Lowe (Hrsg.): Codices Latini Antiquiores. A palaeographical guide to Latin manuscripts prior to the 9th century. Band VI: France. Abbeville–Valenciennes, Oxford 1953, Nr. 704.
- Wilhelm Koehler: Die Karolingischen Miniaturen. Band 2: Die Hofschule Karls des Großen. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin 1930, S. 49–55 Tafeln 33–41.
- Patrick McGurk: Latin Gospel Books from A.D. 400 to A.D. 800. Erasme, Paris/Brüssel 1961 (= Les Publications de Scriptorium, Band 5), S. 49–50.