Jacques Lefèvre d’Étaples

französischer Reformhumanist, Bibelübersetzer und Exeget From Wikipedia, the free encyclopedia

Jacques Lefèvre d’Étaples (auch Jacobus Faber Stapulensis; * 1450 oder 1455 in Étaples, Picardie; † 1536 in Nérac) war ein französischer katholischer Theologe, Philosoph, Mathematiker und Humanist. Er ist bekannt als Aristoteles-Kommentator und als Herausgeber des Pimander[1] (als eigenständiges Werk unter dem Titel De magia naturali[2][3][4]). Sein Name verbindet sich vor allem mit der Bible de Lefèvre d’Étaples (1523–30), der ersten vollständigen französischen Bibelübersetzung, und er gilt auch als Reformer der katholischen Theologie und Vorläufer der Reformation in Frankreich.[5]

Lefèvre d'Étaples

Leben und Schaffen

Ausbildung und Bildungsreisen nach Italien

Über Lefèvres Familie und seine Kindheit ist nichts überliefert, außer dass er um 1450 in Étaples geboren wurde. Er kam 1474 nach Paris und lernte zuerst Grammatik am Collège Boncour. Dann studierte er Logik, Theologie und Philosophie am Kolleg von Kardinal Lemoine. Diese Ausbildung beinhaltete auch Physik, Musik und Rhetorik, und er schloss 1479 mit einem Bachelor ab.[6] Nach der Priesterweihe in Paris wurde er Dozent für Philosophie am Kollegium Kardinal Lemoine der Sorbonne. Daneben begann er Altgriechisch zu lernen, womit er einer der ersten französischen Gräzisten wurde. Vielleicht schon vor 1486, auf jeden Fall aber 1491/1492, 1499/1500 und 1507 unternahm er Bildungsreisen nach Padua und Pavia als Zentren der schon voll erblühten humanistischen Gelehrsamkeit. Dort besuchte er Ermolao Barbaro, Giovanni Pico della Mirandola, Marsilio Ficino, Angelo Poliziano und andere berühmte Gelehrte, um mehr von ihnen zu lernen. Seine anfänglich universalistisch Interessen galten vorerst der Mathematik, Naturmagie, universitärer Logik, Naturphilosophie, Moralphilosophie und Metaphysik. Aber er studierte auch Arabisch, Hebräisch, Aramäisch und tauschte sich mit Kabbalisten, jüdischen Mystikern, aus.[7]

Humanistischer Autor und Generalvikar in Meaux

Nach seiner Rückkehr 1507 nach Paris wurde er selbst als humanistischer Autor aktiv mit Einführungen, Kommentaren und textkritischen Editionen zentraler Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles. Er kehrte ab von den mittelalterlichen, scholastischen Deutungstraditionen und interpretierte und kommentierte sie neu humanistisch. Er wurde zum Mittelpunkt eines kleinen Kreises humanistisch interessierter Adeliger, Theologen und Juristen, darunter Guillaume Budé, der später (1530) mit Unterstützung von König Franz I. das Collège des trois langues gründete, die erste an der Universität vorbei eingerichtete Hochschule Frankreichs.[8]

Ein anderer Getreuer war Guillaume Briçonnet, Bischof von Lodève in Südfrankreich, der sich meistens aber in Paris aufhielt, um am Hof präsent zu sein. Als Briçonnet 1507 auch die Pfründe des Abtes der Abtei Saint-Germain-des-Prés vor den Toren der Stadt erhielt, ließ sich Lefèvre dort nieder und half ihm bei der Einführung eines enger am Evangelium orientierten Ordenslebens. Denn auch ihm war, wie vielen Humanisten, zunehmend bewusst geworden, dass viele Dogmen und Regeln der Kirche nicht der Bibel entsprachen.[9] Ab 1508 erarbeitete und publizierte er textkritische Editionen verschiedener Teile der Bibel, beispielsweise 1509 die Psalmen, 1512 die Paulusbriefe, die Martin Luther beeinflussten, und 1521 seine Kommentare zu den vier Evangelien.

1521 wurde Briçonnet, der die Gunst von Franz I. besaß und Beichtvater dessen Schwester Margarete war, zum Bischof von Meaux befördert. Als er konsequent vor Ort zu residieren und sein Bistum zu evangelisieren beschloss, folgte ihm Lefèvre als Mitglied des Kreises von Meaux, die reformwillige Theologen und Gelehrte um den Bischof umfasste. Sie wollten den Inhalt der Heiligen Schrift durch Predigten in den Kirchgemeinde verbreiten. Darüber hinaus wurde er 1521 zum Generalvikar ernannt.[10]

Bibelübersetzer

Zugleich arbeitete er an einer Übersetzung der Bibel, zunächst des Neuen Testaments, wobei er von der quasi offiziellen lateinischen Version, der Vulgata, ausging, die der Kirchenvater Hieronymus um 400 nach den griechischen und hebräischen Texten hergestellt hatte. Mit seiner Übersetzung verfolgte er, ganz wie der fast zeitgleich tätige Martin Luther (der allerdings von den griechischen und hebräischen Originaltexten ausging) die typisch reformatorische Absicht, den normalen Gläubigen die Möglichkeit zu geben, selbst die Bibel zu lesen oder sich vorlesen zu lassen und deren Wortlaut ohne die Vermittlung der katholischen Geistlichkeit und ihrer Deutungskonventionen auszulegen. Als er 1523 ohne Genehmigung (die er auch kaum erhalten hätte) sein Neues Testament drucken und ab 1524 verbreiten ließ, wurde er von der Sorbonne, die inzwischen aggressiv ihre Deutungshoheit verteidigte, zum Ketzer erklärt. Sein Neues Testament wurde auf Anordnung der Gerichte verbrannt.

Auch sein Gönner Briçonnet wurde zunehmend angefeindet, unter anderem weil er die Franziskaner aus seinem Bistum verbannte und Anhänger des kürzlich exkommunizierten Luther predigen ließ. Als ihm 1525 vorübergehend die Rückendeckung des Königs fehlte, der bei der Schlacht von Pavia in die Gefangenschaft von Kaiser Karl V. geraten war, und er seinen konservativen Gegnern Konzessionen machen musste, fühlte sich Lefèvre ungeschützt und flüchtete in die freie Reichsstadt Straßburg, eine Hochburg des deutschen Humanismus und der Reformation.

Nach der Rückkehr des Königs 1526 konnte auch Lefèvre nach Frankreich zurückkehren, er wurde mit dem Posten eines Bibliothekars der königlichen Bibliothek Blois versorgt und als Prinzenerzieher eingesetzt. 1529 folgte er der Einladung Margaretes, der Schwester des Königs, die 1527 in zweiter Ehe Königin des Rest-Königreiches Navarra geworden war, und ging 1530 zu ihr nach Nérac in Südwestfrankreich, an den kleinen Hof, den sie dort unterhielt. Bei ihr, die mit dem Luthéranisme (deutsch: Luthertum) sympathisierte, beendete er seine Übersetzung nach der Vulgata auch des Alten Testaments. Er verbrachte seine letzten Jahre, übrigens ohne dezidiert mit der Katholischen Kirche ganz zu brechen, denn er war ein Reformer und kein Reformator.[11]

Bedeutung seiner Bibelübersetzung

Seine Gesamt-Bibel erschien 1530 in der damals weltoffenen, reichen und noch pro-reformatorischen Stadt Antwerpen als La Sainte Bible en français, translatée selon la pure et entière traduction de Saint-Hierosme. Sie wurde sofort vom Parlement de Paris verboten. Obwohl sie mehrfach nachgedruckt wurde, erreichte Lefèvres Bibel im französischen Sprachraum nicht dieselbe dominante Bedeutung wie die von Luther im deutschen. Ein wichtiger Grund war, dass der Reformator Johannes Calvin und mit ihm die frankophonen Protestanten die etwas spätere, eher hölzerne Übersetzung der Genfer Bibel von Pierre-Robert Olivétan (1535 ff.) bevorzugten, der wie Luther und Zwingli von den hebräischen und griechischen Texten ausgegangen war.

Schriften (Auswahl)

  • Totius philosophiae naturalis paraphrases, J. Higman, Paris 1492.
  • Introductio in metaphysicorum libros Aristotelis, J. Higman, Paris 1494.
  • Ars moralis. Aristotelis philosophi moralia illustria claraque reddit (= In Aristotelis Ethica Nicomachea introductio), A. Caillaut, Paris 1494.
  • Mercurii Trismegisti Liber de potestate et sapientia dei, per Marsilium Ficinum traductus, J. Higman, Paris 1494.
  • Textus de Sphera Johannis de Sacobosco, J. Higman und W. Hopyl, Paris 1495.
  • Elementa Arithmetica; Elementa musicalia; Epitome in Arithmetica Boetii; Richmimachie ludus, J. Higman und W. Hopyl, Paris 1496.
  • Introductiones in suppositiones, in predicabilia, in divisiones, in predicamenta, in librum de enunciatione, in primum priorum, in secundum priorum, in libros posteriorum, in locos dialecticos, in fallacias, in obligationes, in insolubilia, G. Marchant, Paris 1496.
  • mit Johannes Argyropulos, Leonardo Bruni, Robert Grosseteste: Decem librorum Moralium Aristotelis, tres conversiones [= translations of the Nicomachean Ethics by , with Lefèvre’s commentary and introduction], H. Estienne, Paris 1497.
  • Ps-Dionysius, Theologia vivificans. Cibus solidus, J. Higman und W. Hopyl, Paris 1499.
  • Textus de Sphera. Cum compositione Anuli Astronomici Boni Latensis et Geometria Euclidis Megarensis, W. Hopyl, Paris 1500.
  • Totius philosophiae naturalis paraphrases. Adiecto ad litteram familiari commentario, W. Hopyl, Paris 1502.
  • Artificialis introductio per modum epitomatis in decem libros Ethicorum Aristotelis adiectis elucidata commentariis, W. Hopyl und H. Estienne, Paris 1502.
  • Libri logicorum ad archetypos recogniti cum novis ad litteram commentariis ad felices primum Parhisiorum et communiter aliorum studiorum successus in lucem prodeant ferantque litteris opem, W. Hopyl und H. Estienne, Paris 1503.
  • Epitome compendiosaque introductio in libros Arithmeticos Boetii. Ars supputandi. Epitome rerum geometricarum. De quadratura circuli demonstratio ex Campano. Liber de cubicatione sphere. Perspectiva introductio. Astronomicon, W. Hopyl und H. Estienne, Paris 1503.
  • Primum volumen Contemplationum Remundi (Lulii) duos libros continens. Libellus Blaquerne de amico et amato, G. Marchant, Paris 1505.
  • Pimander, Mercurii Trismegisti liber de sapientia et potestate dei; Asclepius; Mercurii de voluntate divina; Crater Hermetis, H. Estienne, Paris 1505.
  • Politicorum libri octo; commentarii; Economicorum duo; commentarii; Hecatonomiarum septem. Economiarum unus. Explanationis Leonardi (Bruni) in oeconomica duo, H. Estienne, Paris 1506.
  • Artificialis introductio per modum epitomatis in decem libros Ethicorum Aristotelis adiectis elucidata commentariis, H. Estienne, Paris 1507.
  • Georgii Trapezontii Dialectica, Henri Estienne, Paris 1507.
  • Quincuplex Psalterium, H. Estienne, Paris 1509.
  • De superdivina Trinitate theologicum opus hexade librorum distinctum, H. Estienne, Paris 1510.
  • Epistolae Pauli, H. Estienne, Paris 1512.
  • Haec accurata recognitio trium voluminum Operum Clariss. P. Nicolai Cusae, Badius Ascensius, Paris 1514.
  • mit Bessarion und Johannes Argyropulos: Aristotelis castigatissime recognitum opus metaphysicum; metaphysica introductio quatuor dialogorum libris elucidata, H. Estienne, Paris 1515.
  • Euclidis Megarensis Geometricorum elementorum libri XV, H. Estienne, Paris 1517.
  • Introductorium Astronomicum theorias corporum coelestium duobus libris complectens, adiecto commentario declaratum, H. Estienne, Paris 1517.

Literatur

  • Jean Barnaud: J. Lefèvre d’Etaples, in: Études théologiques et religieuses Année, 1926/1-1, S. 58–80.[12]
  • Guy Bedouelle: Faber Stapulensis. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 10, de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-008575-5, S. 781–783.
  • Guy Bedouelle: Lefèvre d’Étaples et l’intelligence des Écritures, Droz, Genf 1976.
  • Simon du Bois, Michael A. Screech (ed.): Épistres & Évangiles pour les cinquante & deux sepmaines de l’an, Droz, Genf 1964.
  • Jean Boisset: Les Hécatonomies de Lefèvre d’Etaples, in: André Stegmann (ed.): L’Humanisme français au début de la Renaissance, : Vrin, Paris 1973, S. 287–302.
  • Jean Boisset und Robert Combès (ed.): Hecatonomiarum libri: texte latin des Hécatonomies de Lefèvre d’Étaples, en parallèle avec la traduction latine de Platon par Marsile Ficini, Vrin, Paris 1979.
  • Preston Hill: The Death of the Soul: Christ’s Descent into Hell in the Thought of Calvin, Lefèvre, and Cusa, Reformation & Renaissance Review, 24/3, 2022, S. 140–160.
  • Philip Edgcumbe Hughes: Lefèvre: Pioneer of Ecclesiastical Renewal in France, Eerdmans, Grand Rapids 1984.
  • Eckhard Kessler: Introducing Aristotle to the Sixteenth Century: The Lefèvre Enterprise, in: Constance Blackwell und Sachiko Kusukawa (ed.): Philosophy in the Sixteenth and Seventeenth Centuries: Conversations with Aristotle, Ashgate, Aldershot 1999, S. 1–21.
  • Richard Kieckhefer: Jacques Lefèvre d’Étaples and the Conception of Natural Magic, in: Fabrizio Mero: La magia nell’Europa moderna, Olschki, Florenz 2007, S. 63–78.
  • Thomas Leinkauf: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350–1600), Felix Meiner Verlag, Hamburg 2017.
  • David A. Loines: Lefèvre and French Aristotelianism on the Eve of the Sixteenth Century, in: Günter Frank und Andreas Speer: Der Aristotelismus in der Frühen Neuzeit: Kontinuität oder Wiederangeignung?, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007, S. 273–290.
  • Armand Llinares: Le Lullisme de Lefèvre d’Etaples et de ses amis humanistes, in: Jean-Claude Margolin: L’Humanisme français au début de la Renaissance, Vrin, Paris 1973, S. 126–137.
  • Jean-Marc Mandosio: Le De magia naturali de Jacques Lefèvre d’Étaples: Magie, alchimie et cabale, in: Rosanna Gorris Camos: Les muses secrètes kabbale, alchimie et littérature à la Renaissance: actes de la journée en hommage à François Secret, Vérone, 18 octobre 2005, Droz, Genf 2013, S. 37–79.
  • Jean-Marc Mandosio (ed.): La Magie naturelle / De Magia naturali: I. L’Influence des astres, Les Belles Lettres, Paris 2018.
  • Walter Mönch: Die italienische Platonrenaissance und ihre Bedeutung für Frankreichs Literatur- und Geistesgeschichte (1450–1550), Matthiesen Verlag, Berlin 1936.
  • Richard J. Oosterhoff: Idiotae, Mathematics, and Artisans: The Untutored Mind and the Discovery of Nature in the Fabrist Circle, Intellectual History Review, 24, 2014, S. 1–19.
  • Richard J. Oosterhoff: Making Mathematical Culture: University and Print in the Circle of Lefèvre d’Étaples, Oxford-Warburg Studies, Oxford University Press, Oxford 2018.
  • Richard J. Oosterhoff: Jacques Lefèvre d’Étaples and Charles de Bovelles on Platonism, Theurgy, and Intellectual Difficulty, in: Stephen H. Gersh (ed.): Plotinus’ Legacy: The Transformation of Platonism from the Renaissance to the Modern Era, Cambridge University Press, 73–95, Cambridge 2019.
  • Isabelle Pantin: Les ‘commentaires’ de Lefèvre d’Etaples au Corpus Hermeticum, in: Antoine Faivre (ed.): Présence d’Hermès Trismégiste, Éditions Albin Michel, Paris, S. 167–183.
  • Jean-Francois Pernot (ed.): Jacques Lefèvre d’Etaples: (1450?–1536), Actes du Colloque d’Étaples les 7 et 8 novembre 1992, Champion, Paris 1995.
  • Sheila M. Porrer: Jacques Lefèvre d’Etaples and the Three Maries Debates, Droz, Genf 2009.
  • Siegfried Raeder: Faber, Jacobus Stapulensis. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 3, Mohr-Siebeck, Tübingen 2000, Sp. 1–2.
  • Eugen F. Rice: Humanist Aristotelianism in France: Jacques Lefèvre d’Étaples and His Circle, in: A. H. T. Levi: Humanism in France, Manchester University Press, Manchester 1970, S. 132–149.
  • Eugene F. Rice, (ed.): The Prefatory Epistles of Jacques Lefèvre d’Étaples and Related Texts, Columbia University Press, New York 1972.
  • Christoph Schönau: Jacques Lefècre d’Etaples und die Reformation (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte. Band 91). Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017.
  • André Stegmann: La politique de Lefèvre d’Étaples, in: L’Humanisme français au début de la Renaissance, Vrin, Paris 1973, S. 303–312.
  • Cesare Vasoli: Jacques Lefèvre d’Etaples e le origini del ‹Fabrismo›, Rinascimento, 10, 1959, S. 204–259.
  • Jan R. Veenstra: Jacques Lefèvre d’Étaples: Humanism and Hermeticism in the De Magia Naturali, in: Johan Vanderjagt (ed.): Christian Humanism: Essays in Honour of Arjo Vanderjagt, Brill, Leiden 2009, S. 353–362.
  • Pierre de Vingle, Guy Bedouelle, Franco Giacone (ed.): Jacques Lefèvre d’Étaples et ses disciples: Epistres et Evangiles pour les cinquante et deux dimenches de l’an, Brill, Leiden, 1976.

Einzelnachweise

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