Guillaume Farel

Reformator der französischsprachigen Schweiz sowie Freund, Vorgänger und Mitarbeiter Johannes Calvins From Wikipedia, the free encyclopedia

Guillaume Farel (* 1489 in Les Farelles bei Gap[1] in der Dauphiné; † 13. September 1565 in Neuenburg) war ein Reformator in Frankreich und in der französischsprachigen Schweiz sowie Vorgänger und Mitarbeiter Johannes Calvins.

Guillaume Farel
Statue von Farel in Neuenburg

Leben und Wirken

Farel war der zweitjüngste Sohn des päpstlichen Notars und katholischen Adligen Antoine Farel und seiner Frau Anastasie d’Orcières.[2] Er widersetzte sich seinem Vater, der eine Militärlaufbahn für ihn vorgesehen hatte. 1509 begann er sein Studium der freien Künste an der Sorbonne in Paris. Sein Professor, der Humanist Jacques Lefèvre d’Étaples (lateinisch: Jacobus Faber Stapulensis), beeinflusste ihn stark. Farel selbst wurde Professor für Philosophie und Grammatik am Collège Cardinal Lemoine. Wahrscheinlich wandte er sich 1519 dem Evangelium zu, wie es auch sein Vorbild Jacques Lefèvre d’Étaples getan hatte. Ihm half er auch, das Neue Testament ins Französische zu übersetzen.[3] Faber und Farel verkündigten in Paris mehrere Monate lang ungehindert das Evangelium.[4] Faber verließ Paris aufgrund des großen Widerstandes gegen seine Lehre im November 1519.[5] Die Abschriften der Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck wurden auch in Paris verbreitet. Das dortige Establishment verwarf die Lehrsätze von Luther. Seine Schriften wurden im April 1521 in den Straßen verbrannt.[6] So ging Farel 1521 nach Meaux, vom Bischof Guillaume Briçonnet, einem Freund gemäßigter Reformen, berufen.

Da er mit der katholischen Kirche gebrochen hatte, wurde er 1523 von Meaux vertrieben und begab sich nach Straßburg, Zürich, Bern und Basel. Seine öffentliche Disputation in Basel 1524 über die Unterscheidungslehren der römischen und evangelischen Kirche war sehr erfolgreich. Dennoch erzwangen seine Gegner, zu denen auch Erasmus von Rotterdam gehörte, bald darauf seine Entfernung. Farel traf danach den Reformator Martin Bucer in Strassburg und predigte in Metz. Er führte 1525 die Reformation in Montbéliard/Mömpelgard, das aber später das lutherische Bekenntnis annahm. Im Auftrag der Berner Regierung wirkte er von 1526 bis 1530 in Aigle, Lausanne, Orbe, Grandson, Yverdon und vorzugsweise in Neuenburg und Umgebung, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen. Vielerorts wurde sein leidenschaftlicher Einsatz und kompromissloser Kampf, mit der er sich für den neuen evangelischen Glauben einsetzte, von der bereits reformierten Regierung Berns unterstützt und gefördert. Mancherorts erlebte er Widerstand, Gewalt und Verfolgung.[7]

Am 23. Oktober 1530 wurden nach einer Predigt Farels materiell wertvolle Bilder, Altäre, Figuren und Kruzifixe in der Kollegiatkirche Neuenburg unter Beteiligung der Priester von der Volksmenge zerstört. Die Forderung des Gouverneurs, man solle damit aufhören, wurde nicht befolgt, da die breite Bevölkerung Farels Ideen unterstützte. Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde eine Platte aus Messing angefertigt.[8]

1532 nahm Farel an der Synode von Chanforan im Val d’Angrogna bei Torre Pellice im Piemont teil, die bewirkte, dass sich die dortigen Waldenser endgültig der Reformation anschlossen und Pierre-Robert Olivétan in Neuenburg die Bibel ins Französische übersetzte. 1533 rief er Pierre de Vingle, den ersten reformatorischen Drucker, nach Neuenburg; 1536 Jean Girard, der die Schriften Calvins druckte, nach Genf.

In Genf konnte Farel ab 1532 predigen, aber erst 1533 konnte er festen Fuß fassen. Er verteidigte bei dem Religionsgespräch im Januar 1534 dem Rat gegenüber die reformierte Lehre so erfolgreich, dass der Genfer Rat am 10. August 1535 die Reformation annahm. Priester und Mönche, die katholische bleiben wollten, mussten die Stadt verlassen. Von grosser Bedeutung für die Reformation in Genf war, dass Farel 1536 den durchreisenden Calvin zum Bleiben zu bewegen vermochte. Im Oktober 1536 nahm er als Leiter der reformierten Pfarrer an der Lausanner Disputation teil; in der Folge wurde die Reformation auch im Waadtland definitiv eingeführt.

Im April 1538 bewirkte der Zwang zu einer strengen Lebensführung und der damit einhergehenden Disziplinierung mittels Kirchenzucht die Ausweisung von Farel und Calvin aus Genf. Farel wählte Neuenburg zum Hauptort seiner Tätigkeit als Pfarrer, wo er bis zu seinem Tod ansässig blieb. Sein Einfluss im reformierten Genf war weiterhin gross.[9]

Auf Drängen von Farel billigte Calvin am 26. Oktober 1553 die Vollstreckung des Todesurteils gegen den zum Tode verurteilten humanistischen Gelehrten und antitrinitarischen Theologen Michael Servet auf dem Scheiterhaufen. Calvin war jedoch am Hinrichtungstag nicht anwesend. Während des Ganges zum Scheiterhaufen versuchte Farel auf den gefesselten Servet einzuwirken. Die letzten überlieferten Worte von Servet waren angeblich: O Jésus fils du dieu éternel, aie pitié de moi (deutsch: O Jesus, Sohn des ewigen Gottes, erbarme dich meiner).[10]

Er veranlasste Hilfsprogramme für die verfolgten Evangelischen 1552 in Frankreich, 1555 in Locarno und 1561 für die Waldenser in Italien. Weitere Missionsreisen in der Schweiz, Deutschland und Frankreich erschöpften den alten Farel sehr. Nach einer Reise im Winter 1565 nach Metz erholte er sich nicht mehr und starb am 13. September 1565 in Neuenburg.[11]

Lehre

Farels feurige Predigten waren stark auf Jesus Christus (Solus Christus), sein erlösendes Wirken und die freie Gnade Gottes (sola gratia) ausgerichtet, die durch Glauben (sola fide) angeeignet werde. Das Abendmahl verstand er wie der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli als symbolische Handlung; denn er war der Meinung, dass Brot und Wein blosse Zeichen von Fleisch und Blut Christi seien (siehe Abendmahlsstreit). Daher wirkte er auch aktiv am Consensus Tigurinus von 1549 mit.[12]

Schriften (Auswahl)

Farel verfasste 15 Schriften in französischer Sprache.[13] Sie sind eher Gelegenheitsschriften von vor allem historischer Bedeutung ohne grössere theologische Nachwirkung. Seine grosse Stärke war das mündliche, von glühendem Eifer getragene Wort, das die Zuhörer überzeugen konnte, manchmal aber auch Widerstände auslöste, die sich sogar in verbaler und physischer Gewalt gegen ihn zeigen konnte.

  • Le Pater noster et le Credo en françoys, 1524 (erster französischer Reformationsbericht).
  • Le Sommaire, 1524 und 1534; Jean Girard, Genf 1542 und 1552; Fick, Genf 1867; deutsch: Die Übersicht (erste französische reformierte Liturgie).
  • Le Livre de vraye et parfaicte oraison, Simon du Bois, Paris 1528.
  • Summaire et briefve declaration ..., 1529, (erste französische Darstellung der reformatorischen Lehre).
  • Jesus sur tout et rien sur lui, 1530.
  • De la saincte Cene de nostre Seigneur Jesus et de son Testament confirmé par sa mort et passion, Thomas Wolff, Basel 1532; Jean Crespin, 1553.
  • La maniere et fasson qu’on tient en baillant le sainct baptesme, Pierre de Vingle, Neuenburg 1533 (erstes reformatorisches Liturgietraktat).
  • Confession de la Foy, Genf, Wygand, Köln 1536.
  • Du vrai usage de la croix de Jésus-Christ, 1540; Jean Rivery Genf 1560; J.-G. Fick, Genf 1865.
  • Epistre envoyée au duc de Lorraine, Jean Girard, Genf 1543 und 1544.

Familie

Noch 1558 heiratete der 69-jährige Farel Marie Thorel, eine 18-jährige Tochter eines französischen Glaubensflüchtlings trotz Missbilligung durch Calvin.[14]

Gedenken

Literatur

  • Pierre Barthel, Rémy Scheurer, Richard Stauffer (Hrsg.): Actes du colloque Guillaume Farel, Cahiers de la Revue de théologie et de philosophie, Tome 1, Neuchâtel 1983, S. 107–123.
  • Friedrich Wilhelm Bautz: FAREL, Wilhelm (Guillaume). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage. Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 1597–1598.
  • Charles Borgeaud: Guillaume Farel, 1489–1565: Biographie nouvelle, Neuchâtel 1930.
  • Pierre Caroli: Refutatio blasphemiae farellistarum in sacrosanctam Trinitatem, Metz 1545.
  • Emil Dönges: Wilhelm Farel – Ein Reformator der französischen Schweiz, Ernst Paulus Verlag (EPV), Neustadt an der Weinstrasse 1993.
  • Olivier Fatio: Farel, Guillaume. In: Theologische Realenzyklopädie 11 (1983), S. 30–36 (Überblick mit weiterer Literatur).
  • Antoine Froment: Les actes et gestes merveilleux de de la cité faicte lan 1534, Genf 1550 und 1854, S. 5–9.
  • Karl Rudolf Hagenbach: Kirchengeschichte von der ältesten Zeit bis zum 19. Jahrhundert. In Vorlesungen, Band 3, S. 473–479 online in der Google-Buchsuche.
  • Paul Henry: Das Leben Johann Calvins des großen Reformators, 3 Bände, Hamburg, 1835–1844 (über Farel: Band 1, S. 146–148).
  • Aimé-Louis Herminjard: Correspondance des réformateurs dans les pays de langue français, 9 Bände, Genf 1866–1897.
  • Henri Heyer: Guillaume Farel: An introduction to his theology, E. Mellen press, New York 1990.
  • Francis Higman: Farel, Guillaume. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Elfriede Jacobs: Die Sakramentslehre Wilhelm Farels, Zürcher Beiträge zur Reformationsgeschichte, Band 10, ISSN 0514-8693, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 1979, ISBN 978-3-290-14610-8 (Original in der University of Michigan digitalisiert am 1. August 2006).
  • Rudolf Pfister: Wilhelm Farel, Zwingliana 8, Zürich 1947, S. 372 bis 389.
  • Michel Roset: Les chroniques de Genève, ed. Henri Fazy, Genf 1560 und 1896, S. 165.
  • Abraham Ruchat: Histoire de la Réformation de la Suisse, 6 Bände, Genf 1727–1728, (Band 3, S. 175–179).
  • W. F. C. Schmidt: Guillaume Farel – Biographie nouvelle, Paris-Neuchâtel 1860 und 1930.
  • Frans P. van Stam: Piety in Tumultuous Times: Farel the Flamboyant Herald of Reformed Belief, in: Ulrike Hascher-Burger, August den Hollander und Wim Janse: Between Lay Piety and Academic Theology, Brill, Leiden 2010, S. 289–307.
  • Rudolf Steck und Gustav Tobler: Aktensammlung zur Geschichte der Berner-Reformation, 1521–1532, 2 Bände, Wyss, Bern 1923.
Commons: Guillaume Farel – Album mit Bildern

Einzelnachweise

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