Tuglas-Gesellschaft

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Die Tuglas-Gesellschaft (früher Friedebert-Tuglas-Gesellschaft) ist eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Helsinki zur Förderung der kulturellen Beziehungen zwischen Finnland und Estland.

Vorgeschichte und Gründung

Durch die sprachliche Nähe zwischen dem Finnischen und Estnischen herrschten seit zwei Jahrhunderten besondere Kulturbeziehungen zwischen den beiden Völkern, die seit 1809 beide Bestandteil des Zarenreichs waren.[1] Anfang des 20. Jahrhunderts bekam diese Zusammenarbeit vor dem Hintergrund der Revolutionen im Russischen Reich auch eine politische Dimension.[2] Da die beiden Länder nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch durch den Eisernen Vorhang getrennt waren – Finnland gehörten zum (neutralen) Westen, während Estland von der Sowjetunion besetzt war –, beschränkten sich die Beziehungen dann wieder vor allem auf die Kultur,[3] wenngleich es auch Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich gab.[4] Am deutlichsten wird dies bei der Sprachwissenschaft: Bereits seit Mitte der 1960er Jahre wurden Lektorinnen aus Sowjetestland an finnische Universitäten entsendet, den Anfang machte Urho Kekkonens Dolmetscherin bei seiner Estlandreise von 1964, Ellen Noot, die an die Universität Oulu ging.[5]

An der Universität Helsinki war seit 1945 die Exilestin Eeva Niinivaara (1901–2000) Lektorin. Sie war 1930 durch Eheschließung mit einem Finnen nach Helsinki gekommen und nach dem Tode ihres Mannes und der Sowjetisierung Estlands in Finnland geblieben. Zu ihrem 80. Geburtstag publizierten ihre ehemaligen Studierenden eine Festschrift, die der Jubilarin im Dezember 1981 feierlich überreicht wurde.[6] Dem offiziellen Festakt folgte ein Abendessen in einem Restaurant in Helsinki, auf dem zu später Stunde Raili Kilpi, eine der Initiatorinnen und ehemalige Studentin von Niinivara, den Wunsch aller Teilnehmer, sich weiterhin mit Estland zu befassen, in der simplen Feststellung zusammenfasste: „Gründen wir eine Gesellschaft!“[7]

Nach den notwendigen Vorarbeiten und der Klärung des Verhältnisses zur Finnisch-Sowjetischen-Gesellschaft, die auch über eine Estland-Abteilung verfügte, fand die tatsächliche Gründungsversammlung mit geladenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern am 3. Mai 1982 statt.[8] Zu den Gründungsmitgliedern zählten angesehene finnische Wissenschaftler wie die Professoren Kai Laitinen, Väinö Kaukonen oder Seppo Suhonen, Übersetzerinnen aus dem Estnischen wie Pirkko Huurto oder Eeva Lille, aber auch der in Finnland lebende deutsche Dichter Manfred Peter Hein.[9]

Tätigkeit

Eine der ersten großen Veranstaltungen, bei der die neue Gesellschaft in Erscheinung trat, war ein Lyrikabend zur modernen estnischen Dichtung, der am 1. November 1982 an der Universität Helsinki organisiert wurde. Offizieller Organisator war die Estlandabteilung der Finnisch-Sowjetischen-Gesellschaft, aber die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ins Vereinsregister eingetragene Tuglas-Gesellschaft, deren Vorstand sich personell zum Teil mit der besagten Estlandabteilung deckte, war inhaltlich hauptverantwortlich. Dadurch wurde der von 900 Personen besuchte Abend in erster Linie zu einem „Estlandereignis. Die Teilnahme war eine Manifestation von Estophilie, nicht von Lyrikbegeisterung oder Bewunderung der Sowjetkultur.“[10]

Der Eintrag ins Vereinsregister erfolgte Ende Dezember 1982, sodass die Arbeit 1983 offiziell aufgenommen werden konnte. Neben der Einwerbung von Geldmitteln (vornehmlich vom finnischen Unterrichtsministerium) gehörte auch die Motgliederwerbung hierzu. Bereits Ende 1983 hatte die Gesellschaft über 200 Mitglieder, 1991 wurde die 1000-Marke überschritten, zehn Jahre später waren es über 2000.[11] Heute zählt sie über 3000 Mitglieder.[12]

Eine wichtige Rolle spielte die Gesellschaft in der Phase der Singenden Revolution in Estland, als einerseits die sowjetische Machtstrukturen abbröckelten, andererseits aber noch keine offiziellen Beziehungen zwischen Finnland und Estland möglich waren. Inoffiziell fungierten die Geschäftsräume der Gesellschaft als eine Art „estnisches Außenministerium“, von wo aus Lennart Meri, von 1990 bis 1992 estnischer Außenminister, ab 1992 Staatspräsident, die Wiederanerkennung von Estland im Westen betrieb. Als ihm einmal das Reisegeld ausging, weil er keinen Kredit bei einem finnischen Reisebüro mehr bekam, bewilligte ihm der finnische Bankdirektor Esko Ollila 1991 kurzerhand ein Stipendium von 40.000 Finnmark. Vermittelt wurde das von der Tuglas-Gesellschaft.[13]

Im kulturellen Bereich war in der Phase der Singenden Revolution ein Treffen zwischen exilestnischen und in Estland lebenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern wichtig, das im Mai 1989 in Helsinki organisiert wurde. Auch hier war die Gesellschaft federführend, die Idee dazu stammte vom damaligen Kultursekretär Tapio Mäkeläinen, der in der Zeitung von einem Treffen zwischen russischen Emigranten und Sowjetautoren gelesen hatte (in Kopenhagen) und etwas Vergleichbares für Exilesten und Einheimische vorschlug.[14] Mäkeläinen war damals auch Mitherausgeber der mehrsprachigen Literaturzeitschrift Estonia und organiserte die Begegnung von 15 exilestnischen und über 40 einheimischen estnischen Autorinnen und Autoren. Die Begegnung ist später als „Durchbruch“ charaktisiert worden: „Danach begann die Rückkehr der Exilkultur in ihre Heimat.“[15] Der estnische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Rein Veidemann bezeichnete das Treffen als „KSZE der Esten auf kulturellem Gebiet“.[16]

An weiteren Aktivitäten veranstaltet die Gesellschaft bis heute einen Martinsmarkt mit estnischen Produkten im November in Helsinki und führt Sprachkurse und kulturelle Reisen durch. Sie verfügt über mehrere regionale Filialen.

Name

Namenspatron ist der estnische Schriftsteller Friedebert Tuglas, weil er als bekannter und vergleichsweise neutraler Autor für alle Beteiligten akzeptabel war. Ein Exilautor kam nicht infrage, weil man sowjetischerseits der Gesellschaft dann Hindernisse in den Weg gelegt hätte, aber Ziel war ja gerade die Befassung mit der estnischen Kultur in Estland. Ein allzu sowjetischer Dichter wäre in Exilkreisen als Kotau vor der Sowjetunion gesehen worden und hätte sie verprellt.[17] Überdies weist Tuglas auch zahlreiche Bezüge zu Finnland auf, er hat während seines Exils (1906–1917) längere Zeit in Finnland gewohnt und finnische Literatur ins Estnische übersetzt.

Literatur

  • Heikki Rausmaa: Tuglaksen tuli palaa. Tuglas-seuran ja suomalais-virolaisten suhteiden historiaa. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura, Helsinki 2007, ISBN 978-951-746-926-5.
  • Juhani Salokannel: Sielunsilta. Suomen ja Viro kirjallisia suhteita 1944–1988. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura, Helsinki 1998, ISBN 951-746-046-5.

Einzelnachweise

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