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Fāl-Nāma

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Das Wort Fāl-Nāma (persisch فال نامه, ‚Orakel-Buch‘, türkisch Falnâme, DMG fāl-nāma) bezeichnet in der türkischen und persischen Kultur ein Buch, das zur Vorhersage der Zukunft mittels Stichomantie verwendet wird. Viele solcher Fāl-Nāma-Bücher sind kunstvoll gestaltet.[1][2] Fāl-Nāma-Bücher enthalten illustrierte Texte und oft Anleitungen zur Interpretation, die es Lesern oder Wahrsagern ermöglichen, durch zufälliges Aufschlagen von Seiten Vorhersagen zu treffen.[3] Diese Praxis reicht bis in die vorislamische Zeit zurück, gewann im islamischen Hoch- und Spätmittelalter an Bedeutung und wurde in islamischen Gesellschaften als Tradition zur Entscheidungsfindung genutzt.[1][4] Durch einen Hadith über die positive Deutung von Vorzeichen und Omen wurden diese als akzeptabel betrachtet und weiter durch religiöse Rituale legitimiert.[1]

Die Vertreibung aus dem Paradies aus einer Handschrift des Dschaʿfar as-Sādiq zugeschriebenen Fāl-Nāma

Geschichte und Ursprung

Die Geschichte der Wahrsagerei reicht bis etwa 4000 v. u. Z. zurück und spielte in nahezu allen Gesellschaften, auch in der türkischen und persischen Kultur, eine bedeutende Rolle.[4][5]

Ähnlich wie in anderen Religionen haben auch im Islam ältere Traditionen überdauert, insbesondere die ursprünglich aus der Naturbeobachtung stammende Kunst der Wahrsagerei und Zukunftsschau, die ihren Ursprung in der vorislamischen arabischen Kultur hatte. Im vorislamischen Arabien war die Wahrsagerei weit verbreitet und wurde als eine Art Wissenschaft angesehen. Mit der Ausbreitung des Islam verschwand diese Praxis nicht, sondern wurde in eine islamische Form überführt, wodurch ihr eine neue Bedeutung verliehen wurde. Mit dem zunehmenden Urbanisierungsprozess im islamischen Hoch- und Spätmittelalter und dem damit verbundenen Verlust an direkter Verbindung zur Natur suchten die Menschen zunehmend nach alternativen Wegen, um Orakel und Vorhersagen zu erhalten. Anstatt sich wie früher auf die Natur oder auf direkte Beobachtungen zu stützen, griffen sie nun verstärkt auf Bücher zurück, die als Quellen für Vorzeichen dienten, wie vor allem den Koran, aber auch Dichtersammlungen, etwa die des persischen Dichters Hafis, die in dieser Zeit eine wichtige Rolle spielten.[4][6]

Die Kunst der Bibliomantie war im 14. Jahrhundert in Iran vermutlich weit verbreitet. Dies legen zwei Werke des berühmten Satirikers ʿUbaid-i Zākānī, eines Zeitgenossen von Hafis, nahe, die sich mit Omen beschäftigen. Das Raznama (Buch der Geheimnisse) von Husayn Kefevi (gestorben 1601), einem osmanischen Gelehrten, Richter und Literaturwissenschaftler, belegt ebenfalls die Popularität der Bibliomantie im 16. Jahrhundert in der Türkei. Das Werk umfasst eine Vielzahl von Anekdoten über die Kunst der Wahrsagerei und nutzt verschiedene Texte unter der Elite von Istanbul. Die gebildeten Mitglieder der Istanbuler Gesellschaft konsultierten bei regelmäßigen Zusammenkünften die Werke von Hafis, Dschāmi, Rumi und natürlich den Koran, um Rat zu suchen. Bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war es auch im Iran weit verbreitet, große Bilder zur Vorhersage zu konsultieren, wobei diese Praxis möglicherweise schon eine längere Tradition hatte.[7] Ein poetisches Vergleichsbild aus dem 11. Jahrhundert im Diwan des berühmten persischen Dichters Manutschihri deutet auf mögliche frühere Beispiele hin.[8]

Ab dem 15. Jahrhundert wurden koranische Fāl-Nāmas zunehmend formalisierter, und es erschienen spezielle Tabellen, die am Ende von Koranausgaben eingefügt wurden, um den Suchenden bei der Wahrsagerei zu helfen. Diese Manuskripte, oft in Versform und mit aufwendigen geometrischen Mustern versehen, wurden besonders im Safawidenreich im 16. Jahrhundert populär, aber auch in der späten osmanischen Zeit gab es ähnliche Koran-Manuskripte mit Wahrsageanleitungen.[9]

Formen von Fāl-Nāma Texten in der Bibliomantie

Bei der Verwendung von Fāl-Nāma-Texten für die Bibliomantie kann man zwischen zwei Arten unterscheiden. Zu den einen gehören heilige und poetische Texte, wie der Koran oder Werke von Hafis, die meist mit erklärendem Material versehen sind, um für die Wahrsagerei genutzt zu werden. Die andere Gruppe umfasst Texte, die ausschließlich für Bibliomantie verfasst wurden.[3]

Koranische Fāl-Nāmas

Die koranischen Fāl-Nāmas, auch als Fāl al-Qurʾān bekannt, sind die am weitesten verbreitete Form der Wahrsagerei. Sie existieren entweder als eigenständige Werke oder als Anhänge am Ende einiger Koranhandschriften und lassen sich in zwei Untergruppen einteilen:[1]

Wahrsagerei durch Buchstabeninterpretation

Bei dieser Methode wird der Koran nach bestimmten Gebeten zufällig aufgeschlagen. Der erste Buchstabe des ersten Verses auf der rechten Seite weist auf weitere Verse hin, deren Bedeutung als Grundlage für die Vorhersage dient. Eine komplexere Variante zählt die Namen Allahs auf der rechten Seite, dreht die Seitenzahl um, zählt auf der neuen Seite die gleiche Anzahl an Zeilen und interpretiert den Vers, der mit dem ersten Buchstaben der Zeile in Verbindung steht. Die Bedeutung jedes Buchstabens wird dabei in Bezug auf bestimmte Verse analysiert.[1]

Wahrsagerei auf der Grundlage von Koranversen

Hierbei werden Verse aus zwanzig Suren interpretiert. Der Wahrsager zieht eine Zahl mit einem Los von einem kreisförmigen, zwanzigstelligen Lineal, auf dem die Surennamen nummeriert sind, und interpretiert die Bedeutung des entsprechenden Verses, um eine Vorhersage zu treffen. Diese Methode des Wahrsagens (Tefe'ul) ist in literarischen und historischen Quellen gut dokumentiert. Ein unvollständiges Exemplar des Fāl al-Qur'ān in der Süleyman-Bibliothek (Reşid Efendi, Nr. 22.546) beschreibt die Eigenschaften der Suren, nennt die Namen der Propheten und vermittelt einen Eindruck von der komplexen Struktur dieser Werke.[1]

Bibliomantie mit dem Diwan von Hafis

Der Dīvān des Dichters Hafis, oft als „Zunge des Unsichtbaren“ (lisān al-ghayb) bezeichnet, war das beliebteste poetische Werk für die Wahrsagerei. Das Buch wurde zufällig aufgeschlagen, und entweder die ersten Zeilen oder das letzte Ghasel auf der Seite wurden als Omen gedeutet.[10]

Diese Tradition war bereits vor Hafis’ Zeit etabliert. Eine der frühesten Erwähnungen der Verwendung von Hafis für Bibliomantie findet sich in Abu Bakr Ṭehrānīs Ketāb-e Dīārbakrīya aus dem späten 15. Jahrhundert, wo er auch als Lesan-e ḡayb (Zunge des Unsichtbaren) bezeichnet wird.[3]

Edward G. Browne gibt in seiner Beschreibung von Hafis eine prägnante Übersicht über verschiedene Methoden der Bibliomantie, die mit dem Dīvān verwendet wurden, einschließlich der Nutzung numerischer Tabellen, und nennt historische berühmte Beispiele für Wahrsagerei aus dem Dīvān. Eine Liste von Manuskripten und gedruckten Ausgaben von Fāl-Nāmas des Dīvān finden sich im Werk von Mehrdād Niknām.[3]

Speziell für die Wahrsagerei verfasste Texte

Die zweite Hauptkategorie umfasst Texte, die ausschließlich für die Wahrsagerei geschrieben wurden. Dazu gehören einerseits die kunstvoll illustrierten Fāl-Nāmas, die in einem späteren Kapitel näher beschrieben werden, sowie Werke, die nach den Namen der Propheten geordnet sind. Diese sogenannten feʾlüʾn-nabî oder feʾlü esmāʾiʾn-nabî („Omen der Propheten“) ordnen die Namen der Propheten in einem Diagramm oder Kreis an. Die Vorhersagen basieren auf deren Leben, Botschaften und Wundern.[1]

Theologische Einordnung und Legitimation

Das persische Wort Fal (فأل) stammt aus dem Arabischen und könnte mit dem hebräischen pele (פלא, „rätselhaft“ oder „sonderbar“) sowie dem syrischen peleta („Rätsel“ oder „Gleichnis“) verwandt sein. Ursprünglich bezeichnete Fal in seiner neutralen Bedeutung ein Vorzeichen – ob gut oder schlecht –, ähnlich dem lateinischen Begriff Omen. Später wurde Fal zunehmend mit guten Vorzeichen assoziiert, während das arabische Wort ṭīrah (طيَرة), ursprünglich „Vogelzeichen“, häufig schlechte Vorzeichen beschreibt. Somit steht Fal für Zustimmung oder Ermutigung, ṭīrah hingegen für Ablehnung oder Warnung. In den meisten Fällen sind die Aussagen der hier behandelten Orakelbücher jedoch positiv und ermutigend formuliert.[6]

Im islamischen Verständnis gibt es zwei Welten: die wahrnehmbare Welt (ālam al-shahāda), die mit den fünf Sinnen erfassbar ist, und die unsichtbare Welt (ālam al-ghayb), die jenseits der menschlichen Wahrnehmung liegt. Während beide Welten unter der absoluten Kontrolle Allahs stehen, gehört das Wissen über das ʿālam al-ghayb allein Allah, der es nach seinem Willen bestimmten Menschen offenbaren kann.[4]

Der Koran verbietet Wahrsagerei ausdrücklich, da sie den exklusiven Zugang zu göttlichem Wissen infrage stellt. Sure al-Maʾida [90] warnt: „O ihr, die ihr glaubt! Wein, Glücksspiel, Götzenbilder und Wahrsagepfeile sind ein Gräuel von Satans Werk. Meidet sie, auf dass ihr erfolgreich seid“ [Der Koran, Max Henning, Reclam Verlag]. Ebenso betont Sure an-Naml [65]: „Sprich: Niemand in den Himmeln und auf der Erde kennt das Verborgene außer Allah“.[11]

Trotz dieser Verbote galt der Koran schon seit der Umayyadenzeit als das wichtigste Buch für Wahrsagerei in der islamischen Welt. Obwohl die islamische Orthodoxie diese Praxis wiederholt verurteilte, blieb sie bestehen und verbreitete sich in allen Gesellschaftsschichten.[9]

Der Prophet Muhammad unterschied in mehreren Hadithen zwischen erlaubten und verbotenen Formen des Omen-Deutens. Ein Hadith aus al-Bukhari (Kitab al-Tibb, 42) lautet: „Es gibt keinen Aberglauben (ṭīrah), das Beste ist das Optimistische (tafāʾul)“.[1] Diese Unterscheidung ist wichtig, da sie eine gewisse Toleranz für die Praxis der Wahrsagerei im Islam zulässt, solange sie auf positiven, hoffnungsvollen Interpretationen beruht und den Glauben an das Gute und das Vertrauen in Gottes Willen stärkt.[11] So wurden im Laufe der Zeit Methoden entwickelt, um den Koran auf „legale“ Weise zu konsultieren, und diese Techniken wurden später auch auf andere Texte, einschließlich der Fāl-Nāmas, angewendet.[9] Diese differenzierte Sichtweise ermöglichte Praktiken wie tafāʾul (التفاؤل, „positive Deutung von Vorzeichen“) und istikhāra („Erbitten göttlicher Führung durch Gebet“), die als akzeptable Formen der Wahrsagerei galten. Solche Rituale wurden durch religiöse Elemente legitimiert, etwa durch das Rezitieren bestimmter Koranverse, das Verrichten des Namaz oder die Betonung, dass „nur Allah das Verborgene kennt“.[1][9][12]

Auch laut dem Kitāb al-Wāfī ist es erlaubt, durch den Koran Führung zu suchen, während Wahrsagerei (laʾul), die zukünftige Ereignisse vorhersagen soll, als problematisch gilt, da sie Gottes alleiniges Wissen über das Verborgene infrage stellt. Dennoch wird das Suchen nach guten Omen (tafāʾul) oder göttlicher Führung (istikhāra) in der Regel toleriert, während die Grenze zwischen Wahrsagerei und persönlicher Trostfindung oft verschwommen bleibt.[13] Deutlich werden hier die Spannungen zwischen der traditionellen Ablehnung der Wahrsagerei im Islam und der tatsächlichen Verwendung des Korans in praktischen Wahrsagepraktiken.[11]

Anwendung und Methoden

Mehrere Augenzeugenberichte aus dem 17. Jahrhundert beschreiben verschiedene Methoden zur Konsultation von Fāl-Nāmas. Einer dieser Berichte stammt von Evliya Çelebi, der eine Zunft von Wahrsagern und Hellsehern schildert, die im Mahmud-Pascha-Basar in Istanbul arbeiteten. Diese Zunft stand unter der Leitung von Hoca Mehmed Çelebi, einem angesehenen Mann, der so großen Respekt genoss, dass er sogar Sultan Süleyman begegnete.

Evliyas Bericht legt nahe, dass die Konsultation nicht mit einer schriftlichen Erklärung begleitet wurde, und dass Hoca Mehmed Çelebi es sich zur Aufgabe machte, die Bilder zu „interpretieren“ und seine eigenen Deutungen anzubieten. Ihre Bedeutung war also nicht festgelegt und ermöglichte es dem Wahrsager, eigene Interpretationen zu entwickeln und auszuschmücken, die stark von der jeweiligen Situation und dem zufällig gewählten Bild abhingen. Die Methode von Hoca Mehmed Çelebi war eine Darbietung, ähnlich wie die eines Geschichtenerzählers, der ein episches Werk wiedergibt, aber der Inhalt war nun personalisiert und bezog sich auf den einzelnen Suchenden. Es handelte sich auch nicht zwangsläufig um eine private Sitzung, da Evliyas Bericht darauf hinweist, dass nicht nur der Suchende, sondern auch andere Zeugen anwesend waren. Obwohl die meisten Wahrsager männlich waren, gab es auch Fälle, in denen Frauen als Interpreten tätig waren. In seiner Beschreibung der täglichen Aktivitäten vor der Bayezid-Moschee erwähnt Stephan Gerlach, der 1577 als Kaplan der Habsburgerbotschaft in Istanbul weilte, weibliche Omen-Sucherinnen und -Interpretinnen. Diese nutzten kleine Steine, Lava-Bohnen oder Würfel sowie kleine Bücher, die sie zur Beratung der Suchenden über ihr gutes oder schlechtes Schicksal heranzogen.[14]

Der französische Juwelier und Reisende Jean Chardin, der in den 1660er und 1670er Jahren viel Zeit in der Hauptstadt Isfahan verbrachte, beschreibt ebenfalls, Wahrsager nahe dem Ali-Qapu-Palast beobachtet zu haben. Auch diese Wahrsager benutzten große Bücher mit etwa fünfzig alten Illustrationen, einige von ihnen stellten Tierkreiszeichen dar, andere zeigten Bilder von Propheten und Heiligen. Nachdem sie eine Reihe von Versen rezitiert hatten, schlugen die Wahrsager schnell das Buch auf und, mit einem „inspirierten Blick“ (contenance inspirée), sagten sie dem Suchenden, was ihm gefiel.[15]

Laut Kalender Pasha, einem osmanischen Wesir, Bauverwalter der Sultan-Ahmet-Moschee und Verwalter des Malateliers des Palastes (Nakışhane)[16], konnten die Suchenden durch „Bilder“ und „Formen“ aus der Vergangenheit lernen, die Gegenwart interpretieren und somit auch die Zukunft verstehen. Die Bilder dienten als Wegweiser auf dieser Reise. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kalender Pashas Fāl-Nāma und dem von Mehmed Çelebi war die Hinzufügung von textlichen Interpretationen. Dadurch war die Bedeutung des Bildes weitgehend festgelegt, was die Notwendigkeit eines Vermittlers oder Wahrsagers überflüssig machte. Der Sultan konnte nun sowohl der Suchende als auch der „Seher“ seines eigenen Schicksals sein.[15] Kalender Pascha beschreibt, dass der Suchende – in seinem Fall Sultan Ahmed – damit beginnen sollte, einen Wunsch zu äußern, die Fatiha, die Sure al-Ichlās, sowie edle Segenswünsche dreimal rezitieren, bevor er das Buch zufällig öffnete. Nachdem er diese Schritte befolgt hatte, würde er ein Bild auf der rechten Seite und die mündliche Prognose auf der linken Seite finden, die zusammen das Omen darstellten.[15]

Anhand eines Manuskripts von D̲j̲aʿfar, das dem imām D̲j̲aʿfar al-Ṣādiq zugeschrieben wird und sich heute in der Bibliothèque nationale in Paris befindet, aber auch in anderen Koranmanuskripten wird deutlich, wie die Methode der Wahrsagung im Fāl-Nāma durchgeführt wird. So muss eine Person, die Omen befragen möchte, zunächst bestimmte Rituale durchführen:

Nach dem Finden eines vollständigen Korans und rituellen Waschungen sowie dem Rezitieren der Sure al-Fātiḥa, der Sure al-Ichlās (dreimal) und des Thronverses (einmal) konnte göttliche Führung gesucht werden.[1][9] Der Suchende öffnet das Buch zufällig, und das erste Wort, das er las, bestimmte das Omen. Komplexere Systeme erforderten mehrere Schritte, bei denen Tabellen konsultiert wurden, um das Omen zu berechnen, indem eine bestimmte Anzahl von Seiten aufgeschlagen und dann eine festgelegte Anzahl von Zeilen und Wörtern gezählt wurde.[10] Laut D̲j̲aʿfar legt die Person mit geschlossenen Augen ihren Finger auf eine der Abteilungen einer Tabelle, die Buchstaben enthält. Jede Abteilung der zweiten Tabelle kombiniert einen Buchstaben mit einem Wort. Diese Wörter werden dann in Sätze eingebettet, die sie mit Tierkreiszeichen verbinden.[17] Diese stets positiven Antworten erklären das persische Sprichwort: „Es ist das Fāl des Imām D̲j̲aʿfar, das keinen Schaden anrichten kann“.[1] Es drückt den Glauben aus, dass das Omen niemals negative Konsequenzen hat.[1][11][17]

Manchmal jedoch basiert die erste Tabelle des Fāl-Nāma nicht auf Buchstaben, sondern auf Figuren. In diesem Fall wählen zwei Personen verdeckt eine Anzahl von Fingern, zeigen diese und bilden die Summe, um die entsprechende Seite der Tabelle zu konsultieren. Dort soll dann der Thronvers gelesen werden, der im Fāl-Nāma eingeschrieben ist, um die guten und schlechten Seiten eines Vorhabens zu erkennen.[1]

Ein weiteres, weniger bekanntes Fāl-Nāma stammt von Scheich Bahaʾi. Es besteht aus 48 Tabellen mit jeweils 12 Zeilen und 18 Buchstaben, die nach Zahlenwerten ausgewählt werden. Am Anfang jeder Tabelle steht die gestellte Frage in Versform (z. B.: „Ist diese Nachricht wahr oder falsch?“). Durch die Auswahl von Buchstaben und bestimmte Zählmethoden erhält man die beiden Halbverse eines Verses, die dann zu interpretieren sind.[1]

Noch erhaltene Manuskripte

Neben den folgenden vier bedeutenden Ausgaben sind auch kleinere Fāl-Nāmas aus dem 17. Jahrhundert bekannt, die in einem anderen Stil und Format vorliegen. Ein Exemplar befindet sich in der Nasser D. Khalili Sammlung in London und stammt vermutlich aus dem Dekkan, während ein anderes Set von losen Folios, die im Ethnographischen Museum in Rotterdam aufbewahrt werden, wahrscheinlich in der osmanischen Türkei gefertigt und später in einer Provinzwerkstatt des Mogulreichs überarbeitet wurde. Weitere Folios aus zwei anderen Provinz-Mogul-Kopien, die ins 17. oder 18. Jahrhundert datiert werden, sind ebenfalls bekannt.[18]

1. Die verstreuten Fāl-Nāma

Darstellung des Sarges von ʿAlī aus einem Fāl-Nāma, Iran (Tabriz), Mitte des 16. Jahrhunderts

Die Bezeichnung verstreuten Fāl-Nāmas bezieht sich auf Manuskripte, die heute in fragmentarischer Form existieren, anstatt als vollständige Werke. Sie gehören zu den bekanntesten und am weitesten verbreiteten illustrierten Versionen der Fāl-Nāma, die über verschiedene Sammlungen und Institutionen weltweit verstreut sind. Die großformatigen Kompositionen sind heute die am häufigsten reproduzierten. Von den 30 bekannten Manuskriptblättern wurde eines bereits 1913 veröffentlicht, aber es bleibt unklar, wie diese nach Paris gelangten, wo sie erstmals das Interesse von Sammlern weckten. Die verstreuten Fāl-Nāma-Manuskripte sind einige der größten bekannten persischen Gemälde, jedes misst etwa 59 × 44,5 cm. Die teils beschädigte Oberfläche lässt darauf schließen, dass die Illustrationen häufig genutzt wurden. Die Beziehung zwischen Text und Bild ist von zentraler Bedeutung, da jedes Bild mit einem dazugehörigen Text verbunden ist, der in einer bestimmten Reihenfolge zu verstehen ist. Das gemeinsame Betrachten von Text und Bild ist daher entscheidend, um die vollständige Bedeutung der Vorhersagen zu erfassen. Obwohl die Fāl-Nāma-Manuskripte in der Regel im Codex-Format vorliegen – also Text und Bilder zusammen in einem Buch – gibt es Fälle wie die des Ahmed I Fāl-Nāma und des Dresdener Bandes, bei denen Text und Bilder nicht gleichzeitig entstanden sind.

Es ist nicht bekannt, wann und warum die Manuskripte der verstreuten Fāl-Nāma voneinander getrennt wurden, aber es wird vermutet, dass sie ursprünglich in einem Band gebunden waren, sodass der Leser Text und Bild zusammen betrachten konnte. Basierend auf den Manuskriptseiten der verstreuten Fāl-Nāma konnte zumindest teilweise eine Reihenfolge für die Illustrationen rekonstruiert werden. Dabei zeigt sich, dass die Reihenfolge der Vorhersagen in den verschiedenen Fāl-Nāma-Bänden unterschiedlich ist, da der Zufall ein zentrales Element in diesen Manuskripten darstellt.[19]

Die Illustrationen zeichnen sich durch eine klare, monumentale Gestaltung aus, die eine Abkehr von den üblichen detaillierten Manuskriptmalereien des 16. Jahrhunderts darstellt. Die Gemälde sind so angeordnet, dass ihre symbolische Bedeutung sofort für den Betrachter erkennbar ist. Die Herkunft und der Stil der verstreuten Fāl-Nāmas wurden seit den frühen 1900er Jahren intensiv diskutiert. Der französische Kunsthistoriker Edgar Blochet schlug 1929 vor, dass das Werk für den zweiten Safawidenherrscher, Schah Tahmasp I., angefertigt wurde. Diese These wurde von späteren Gelehrten, darunter Stuart Cary Welch, weitergeführt. Laut Welch und seinem Mitautor Martin Dickson war Agha Mirak, der in den 1520er Jahren die königliche Werkstatt in Tabriz leitete, möglicherweise an der Erstellung der Illustrationen beteiligt. Agha Mirak war auch für die prachtvolle Schahnameh-Ausgabe des Schah Tahmasp verantwortlich. Ein anderer Künstler, Abdul Aziz, war ebenfalls ein enger Mitarbeiter von Schah Tahmasp und wirkte an der Schahnameh-Ausgabe mit.[20] Allerdings bleiben die Zuschreibungen der Werke an die beiden Künstler vorerst spekulativ und sind nicht definitiv zu klären.

Die Textgestaltung wiederum zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Konsistenz aus. Der Text ist in einer eleganten, relativ großen Nasta'liq-Schrift verfasst und scheint von einem einzelnen Kalligraphen geschrieben worden zu sein. Jedes Blatt beginnt mit einem Distichon, einem Paar von Reimversen, die das jeweilige Thema der Illustration beschreiben. Darauf folgen neun Zeilen Prosa, in denen die Prophezeiungen dargelegt werden. Diese gleichmäßige, raffinierte und einheitliche Gestaltung des Textes hat Armen Tokatlian dazu veranlasst, ihn dem berühmten Kalligraphen Malik al-Daylami zuzuordnen, der für seine Arbeiten am Hof der Safawiden bekannt war.[21]

Die Illustrationen des verstreuten Fāl-Nāmas lassen darauf schließen, dass sie vermutlich zwischen Mitte der 1550er Jahre und den frühen 1560er Jahren geschaffen wurde. Der Stil der Malereien unterscheidet sich von den Werken der 1530er und 1540er Jahre in Tabriz und zeigt eine klare Abkehr von der früheren, detaillierteren Gestaltung hin zu vereinfachten Kompositionen und freieren, spontaneren Pinselstrichen. Die verstreuten Fāl-Nāma markieren somit einen Übergang in der künstlerischen Produktion am Safawiden-Hof, insbesondere im Vergleich zu früheren Manuskripten, die während Schah Tahmasps Herrschaft in Tabriz entstanden.[22]

Quellen belegen, dass Schah Tahmasp die Fāl-Nāmas in seinem privaten Umfeld, auch zusammen mit den königlichen Frauen, konsultierte. Die königlichen Frauen, wie Sultanim (Tahmasps Schwester) und Pari Khan Khanum (Tahmasps Tochter), hatten nicht nur spirituellen Einfluss auf den Hof, sondern spielten auch eine zentrale Rolle in der Politik des Safawidenreiches. Diese Frauen waren mit den divinatorischen Künsten vertraut und zogen Vorhersagen aus den Fāl-Nāmas, die ihren politischen Einfluss stärkten. Besonders Sultanim, die als Mahdi-Gemahlin in der Erwartung des heiligen Mahdi bezeichnet wurde, hatte einen klaren politischen Einfluss und könnte das Fāl-Nāma als Werkzeug genutzt haben, um göttliche Bestätigung für ihre politische Agenda zu erlangen.[23]

2. Die persischen Topkapı Fāl-Nāma (Topkapı Sarayı Müzesi H.1702)

Das gebundene persische Fāl-Nāma (TSM H.1702) mit neunundfünfzig Illustrationen, das heute in der Bibliothek des Topkapı-Palastes aufbewahrt wird, ist die am ausführlichsten illustrierte Kopie und stammt vermutlich aus der letzten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Manuskript muss vor der Herrschaft von Ahmed III. in die königliche Sammlung des Osmanischen Reiches aufgenommen worden sein, da sein Siegel auf dem Deckblatt zu finden ist. Der rote Einband stammt aus der Zeit von Sultan Abdülhamid II., als einige der Seiten möglicherweise neu eingerahmt wurden.

Ähnlich wie andere Fāl-Nāmas enthält dieses Manuskript auf der rechten Seite (Verso) eine Abbildung und auf der linken Seite (Recto) einen Text, aber es ist das einzige großformatige Exemplar, das Text und Bild auf derselben Seite integriert. Jede Illustration wird von einem Paarreim in Nasta'liq-Schrift umrahmt, die das Thema und die allgemeine Art der Prophezeiung einführen. Darüber hinaus erscheinen Koranverse in Gold-, Blau- oder roter Tinte in Muhaqqaq-Schrift am oberen Rand jeder illustrierten Seite. In vielen Fällen beziehen sich diese Verse direkt auf das Bild, in anderen Fällen sind nur Fragmente zu finden, und die Verbindung zwischen Bild und heiligem Text ist weniger offensichtlich. Kein anderes illustriertes religiöses, historisches oder literarisches Manuskript versucht seine Bilder so explizit mit dem Koran zu verbinden, was diese Kopie außergewöhnlich macht. Diese bewusste Assoziation mit dem Koran zeigt sich auch im Layout der meisten Textseiten, das an Kopien des Koran aus dem 16. Jahrhundert im Safawiden- und Osmanischen Reich angelehnt ist. Jede Prophezeiung besteht aus fünfzehn Prosenzeilen, die in Stil und Größe variieren und in Bändern unterschiedlicher Dimensionen organisiert sind. Häufig werden zwei verschiedene Schriften kombiniert, Muhaqqaq und Naschi, was ebenfalls eine typische Eigenschaft zeitgenössischer Koranmanuskripte darstellt. Die große Vielfalt der Schriften (Naschi, Muhaqqaq, Nasta'liq, Reqa, Tawqi, Diwani und Schekaste) und die unterschiedlichen Layouts verleihen den Textseiten dieses gebundenen persischen Fāl-Nāma einen neuartigen kalligraphischen Ausdruck. Im Gegensatz zur eher gleichmäßigen Gestaltung des Ahmed I. Fāl-Nāma oder der verstreuten Kopie erscheint hier jede Seite als eigenständiges Element.[24]

Wie bei anderen illustrierten Fāl-Nāmas lässt sich der Text nicht einem einzelnen Autor zuordnen, jedoch werden dreizehn Vorhersagen auf ʿAbdallāh ibn ʿAbbās als Quelle zugeschrieben. Obwohl traditionell auch Dschaʿfar as-Sādiq, der sechste schiitische Imam, mit dem Fāl-Nāma in Verbindung gebracht wird, enthält der Text wiederholte Erwähnungen von Imam Ali, die oft nur lose mit den spezifischen Prophezeiungen oder den Illustrationen verbunden sind. Diese Einfügungen betonen die Überlegenheit des Schiitentums und ordnen Ali und seine Nachkommen in die prophetische Genealogie ein. Diese Ausrichtung verleiht dem Text eine thematische Einheit, die in anderen Fāl-Nāma-Ausgaben fehlt.[25]

Im Gesamtkontext beginnt das Topkapı Persische Fāl-Nāma mit der Schöpfung des Himmels und endet mit der Apokalypse und der Rettung der Frommen durch den Mahdi. Die Bilder präsentieren eine einzigartige, von der schiitischen Lehre inspirierte kosmologische Sichtweise, die dieses Fāl-Nāma besonders macht. Die Arbeiten scheinen das Ergebnis mehrerer Künstler zu sein, die möglicherweise in derselben Werkstatt oder künstlerischen Zentrum tätig waren, obwohl ihre Herkunft bislang nicht eindeutig zu bestimmen ist. Einige Kompositionen zeigen Ähnlichkeiten mit den Bildidealen der safawidischen Kunst des 16. Jahrhunderts, während andere Illustrationen auf Einflüsse osmanischer Motive hinweisen. Die Illustrationen am Ende des Manuskripts wirken hingegen dichter und eiliger ausgeführt, was auf die Arbeit einer anderen Künstlergruppe schließen lässt. Ein vergleichbarer Stil findet sich auch in einigen Illustrationen des Dresdner Fāl-Nāma. Dies lässt vermuten, dass entweder derselbe Maler oder zumindest eine Gruppe von Malern an beiden Kopien beteiligt war.[26]

Die illustrierten Folios des Topkapı Persischen Fāl-Nāma ähneln in Größe, Format und Komposition drei späteren Kopien: den fünfunddreißig losen Bildern im Museum für Völkerkunde in Rotterdam und zwei verstreuten Exemplaren, die einer provinziellen Mogul-Werkstatt zugeschrieben werden. Diese kleineren Fāl-Nāmas verzichten auf Koranverse und einige ungewöhnliche Szenen wie die Apokalypse, vermutlich um ein vereinfachtes und standardisiertes Orakelhandbuch für ein anderes Publikum zu schaffen.

Das Topkapı Persische Fāl-Nāma verbindet Bild und Text auf eine Weise, die über reine Weissagungen hinausgeht. Es betont zentrale Lehren des Schiitentums und zeichnet eine klare kosmologische Ordnung. Auch wenn der genaue Ursprung des Manuskripts schwer festzustellen ist, lassen Stil und Inhalt gewisse Rückschlüsse zu. Ähnlich wie bei der verstreuten Kopie wurde auch dieses Werk sorgfältig geplant und als geschlossenes Ganzes gestaltet. Es scheint für einen Auftraggeber mit stark schiitischen oder heterodoxen Überzeugungen geschaffen worden zu sein, in einem kulturellen Umfeld, in dem solche Ideen, besonders apokalyptische Vorstellungen, weit verbreitet waren. Die Maler und Kalligraphen hatten hier offenbar die Freiheit, neue Ideen zu entwickeln, was sich in einem unverwechselbaren Stil zeigt, der sich sowohl von der osmanischen als auch der safawidischen Hofmalerei sowie von etablierten Werkstätten, wie denen in Schiras oder Bagdad im 16. Jahrhundert unterscheidet. Angesichts der Kombination aus schiitischen Lehren, apokalyptischen Vorstellungen und einer unkonventionellen Auslegung des Korans liegt die Vermutung nahe, dass dieses Fāl-Nāma in einem Grenzgebiet zwischen dem Osmanischen und dem Safawidischen Reich entstand, wo beide Bevölkerungsgruppen aufeinander trafen.[27]

3. Die Dresdner Fāl-Nāma (E445)

Darstellung der Mondspaltung durch Mohammed aus dem Dresdner Fāl-Nāma, Ende des 16. Jahrhunderts, Sächsische Landesbibliothek

Das dritte monumentale Fāl-Nāma (E445) befindet sich in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Laut einer lateinischen Inschrift auf dem ersten Blatt wurde das Manuskript 1718 in Wien von Johannes Christopher Raymbacki, dem königlichen Übersetzer für exotische Sprachen am Habsburger Hof, erworben. Es umfasst einundfünfzig Illustrationen, die in ihrer Größe von 48 × 36,5 cm bis 66,5 × 48 cm variieren und damit die größten bekannten Fāl-Nāma-Folios darstellen. Viele dieser Folios wurden ursprünglich noch größer angefertigt, wurden jedoch beschnitten oder aus ihren Rahmen entfernt. Wie beim verstreuten Fāl-Nāma besteht jedes Folio aus mehreren Papierfragmenten, was auf die Schwierigkeit hinweist, besonders große Einzelblätter herzustellen oder zu beschaffen. Einige dieser Papiere wurden anscheinend sogar wiederverwendet. Seit seiner Ankunft in Wien im frühen 18. Jahrhundert wurde das Fāl-Nāma mehrfach neu gebunden, wodurch einige Folios heute in der falschen Reihenfolge sind oder fehlen. Zudem zeigen viele Seiten Abnutzungsspuren, und mindestens vier von zehn Illustrationen mit starken Wasserschäden wurden komplett übermalt. Trotz seines fragilen Zustands sind der Stil, der Inhalt und die Struktur des Manuskripts von unschätzbarem Wert für das Verständnis der Entstehung der bebilderten Fāl-Nāmas im 16. Jahrhundert. Die Themen der Illustrationen ähneln denen anderer Fāl-Nāmas, doch diese Kopie enthält auch neue religiöse und literarische Motive.

Eine ungewöhnliche Darstellung zeigt Mohammed und Abu Bakr in der Höhle, eine bekannte Episode aus dem Koran, bei der die beiden vor ihren Feinden Zuflucht suchten. Eine weitere außergewöhnliche Illustration zeigt das Ereignis von Ghadīr Chumm, bei dem Muhammad Ali zu seinem Nachfolger bestimmte – ein zentraler Moment in der schiitischen Überlieferung. Ihre Aufnahme in das Dresdner Fāl-Nāma legt nahe, dass das Manuskript wahrscheinlich für ein religiös heterodoxes Publikum bestimmt war, das der schiitischen Lehre anhing und Alis Rolle als rechtmäßiger Nachfolger Mohammeds akzeptierte.[28]

Alle Textseiten scheinen nach den Illustrationen erstellt worden zu sein, vermutlich zu einer Zeit, als Text und Bild in einen Kodex integriert werden sollten. Die augurischen Texte, die in einem unregelmäßigen Nasta'liq-Stil geschrieben sind, befinden sich auf separaten, stark restaurierten Papierblättern, die auf die Rückseiten der Illustrationen geklebt wurden. Die Prognosen variieren in ihrer Länge von sieben bis zwölf Zeilen; einige beginnen mit einem Vers, andere enthalten eine größere Menge an Poesie, und wieder andere sind vollständig in Prosa abgefasst. Die unterschiedlichen Stile und Formate lassen darauf schließen, dass die Texte von verschiedenen Schreibern übertragen wurden, was dazu führt, dass der Band nicht die formale und konzeptionelle Kohärenz anderer bedeutender Fāl-Nāmas besitzt. Auch der Inhalt der Texte variiert stark. Die Identifizierung des jeweiligen Themas im Text ist meist minimal, und die Prognosen sind weitaus allgemeiner und formelhaft als die in anderen monumentalen Fāl-Nāmas. Stattdessen berufen sich die Texte konstant auf eine oder mehrere der folgenden Autoritäten: Prophet Daniel, der seit langem mit der Kunst der Wahrsagerei verbunden wird, Abdullah ibn Abbas, einer der vertrautesten Gefährten des Propheten Muhammad, Dscha'far as-Sādiq und Nasīr ad-Dīn at-Tūsī, berühmter Gelehrter, Astronom, Astrologe und Geomant. Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal der Dresdner Textblätter ist die häufige Verwendung von Überschriften in den oberen Rändern, die dazu beitragen, Bild und Text zu verbinden. Ihr orthografischer Stil deutet darauf hin, dass sie von mehr als einem Schreiber, vielleicht sogar zu verschiedenen Zeiten, hinzugefügt wurden.[29]

Wie das Ahmed I. Fāl-Nāma stellt auch das Dresdner Exemplar eine Sammlung von Illustrationen dar, die über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden sind, vermutlich von den 1540er Jahren bis in die 1590er Jahre. Viele der gemalten Folios wurden ursprünglich als unabhängige augurische Bilder konzipiert, ähnlich denen, die im 16. Jahrhundert sowohl im Osmanischen Reich als auch im Safawidischen Iran verbreitet waren. Es ist auch möglich, dass sie Teil von gebundenen Kopien waren, die später auseinandergenommen und zu diesem Band zusammengesetzt wurden. Auch wenn die Bilder ursprünglich zusammen mit den entsprechenden Texten geplant waren, sind diese Texte nicht erhalten. Stattdessen wurden die Textfolien relativ hastig geschrieben, als das Manuskript irgendwann in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zusammengefügt wurde, vermutlich in der Türkei. Das Bild von Muhammad und Ali bei Ghadīr Chumm lässt darauf schließen, dass dieses Fāl-Nāma wahrscheinlich für eine Person oder ein kulturelles sowie religiöses Umfeld mit relativ heterodoxen Ansichten bestimmt war. Das Dresdner Fāl-Nāma bekräftigt die Existenz großformatiger augurischer Illustrationen im Iran mindestens seit den 1540er Jahren.[30]

4. Die Fāl-Nāma von Ahmed I. (TSM H.1703)

Das einzige erhaltene Fāl-Nāma in osmanischem Türkisch ist auch das einzige, das ein detailliertes Vorwort enthält, welches wertvolle Informationen über dieses spezielle Exemplar sowie das Genre insgesamt bietet. In eleganter Naschi-Schrift verfasst, heißt es, dass das Manuskript als Geschenk für Sultan Ahmed I. zusammengestellt wurde.

Das Fāl-Nāma folgt einem ähnlichen Aufbau wie Kalenders zwei vorherigen königlichen Aufträgen. Um Text und Bild zu integrieren und ein zusammenhängendes Ganzes zu schaffen, fügte Kalender persönlich illuminierte Ränder sowie Front- und Schlussstücke hinzu. Diese illuminierenden Designs (Halkari) unterscheiden sich von Kalenders monogrammiertem Siegel (Tughra) von Ahmed I. auf der ersten Seite, was die königliche Herkunft des Manuskripts bestätigt und Kalenders Fähigkeit zeigt, in verschiedenen Illuminationstechniken zu arbeiten. Jede Prophezeiung beginnt mit zwei Versen zur Einführung des Themas und endet mit neun Zeilen Prosa zur Vorhersage. Inhaltlich und strukturell erinnert das Fāl-Nāma an den Text der verstreuten Safawiden-Ausgabe, wird aber in osmanischem Türkisch wiedergegeben und basiert auf anderen stilistischen und ästhetischen Normen.[31]

Indem Kalender diese autonomen Bilder zu einem Kodex zusammenstellte und mit relevantem Text versah, schuf er eine standardisierte Methode der Wahrsagerei für seinen königlichen Auftraggeber. Ähnlich wie bei den drei anderen monumentalen Fāl-Nāmas dürfte die Hinzufügung des Textes den Bedarf an einem Vermittler überflüssig gemacht haben; der Suchende, in diesem Fall der Sultan, konnte nun sowohl als Seher der Gegenwart als auch als Interpret der Zukunft agieren.[32] Das einflussreiche Netzwerk im Harem umfasste auch Sufi-Scheichs, die als Traumdeuter und Berater des Sultans dienten und denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden. Die Frauen des Harems, die vor allem den mystischen Halveti-Orden angehörten, spielten manchmal eine vermittelnde Rolle zwischen dem Sultan und den Scheichs und unterstützten direkt die Sufi-Organisationen.[33]

Literatur

Commons: Fāl-Nāma – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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