Georg Denicke

russisch-deutscher Journalist und Sozialdemokrat From Wikipedia, the free encyclopedia

Georg Denicke, auch Georg Decker, (geboren als Juri Petrowitsch Denike 7. November 1887 in Karsun, Gouvernement Simbirsk, Russisches Kaiserreich; gestorben 29. Dezember 1964 in Brüssel) war ein russisch-deutscher Journalist und Sozialdemokrat.

Leben

Georg Denicke war Sohn eines Richters, seine Mutter stammte aus dem Landadel, er hatte fünf Brüder, die wie er alle ein Studium absolvierten. Er studierte ab 1905 Nationalökonomie am Staatlichen Polytechnischen Institut St. Petersburg. Er schloss sich der Jugendorganisation der Bolschewiki an. In der Russischen Revolution 1905 wirkte er als Agitator vor den Fabriken und wurde bei der Niederschlagung der Revolution verhaftet. Nach seiner Freilassung ging er nach Kasan, wohin seine Eltern inzwischen gezogen waren. Er stand dort unter polizeilicher Überwachung. Denicke missfielen die undemokratischen innerparteilichen Methoden unter den Bolschewiki, so dass er sich von ihnen trennte. Im Jahr 1910 durfte er das Studium wieder aufnehmen und studierte Geschichte am Historischen Institut der Universität Moskau. 1915 machte er den Studienabschluss an der Universität Kasan und lebte als Journalist in Kasan. Denicke arbeitete nun als Journalist und bereitete seine Habilitation vor.

Denicke wurde bei der Februarrevolution 1917 in Kasan zum Vorsitzenden des lokalen Sowjets der Arbeiterdeputierten gewählt. Er trat nun den Menschewiki bei. Als im Zuge der Oktoberrevolution 1917 die Bolschewiki auch in Kasan die Macht übernahmen, verurteilten sie ihn in absentia zum Tode. Denicke floh nach St. Petersburg und arbeitete für das Volkskommissariat für Bildung. Denicke wurde 1922 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatsbibliothek Moskau zur Russischen Botschaft in Berlin entsandt, um in Deutschland Bücher zu beschaffen.

Er freundete sich mit dem Berliner Korrespondenten des Manchester Guardian Frederick Augustus Voigt an. Denicke beschloss, nicht in die Sowjetunion zurückzukehren und kündigte sein Arbeitsverhältnis. Er nannte sich nun Georg Decker. Er wurde Mitglied der SPD und arbeitete als politischer Journalist und Theoretiker für die sozialdemokratische Presse. Im Jahr 1924 wurde er Redaktionsmitglied der neugegründeten Zeitschrift Die Gesellschaft, die von Rudolf Hilferding geleitet wurde.

Er war mit dem Arzt Otto Buchinger befreundet.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 wurde er von den Nationalsozialisten für einige Monate in „Schutzhaft“ genommen. Er floh ins Saargebiet, das noch den Status als Völkerbundsmandat hatte und schrieb dort in der Saarbrücker Volksstimme und der Deutschen Freiheit. Im Kreis des emigrierten Rudolf Hilferding wirkte er 1934 mit am Prager Manifest der SoPaDe. Nach der Niederlage bei der Volksabstimmung im Saargebiet floh er 1935 nach Frankreich, wo er dem Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront angehörte. Er wurde Redakteur der Emigrantenzeitung Deutsche Informationen.

Nach der deutschen Eroberung Frankreichs 1940 floh er mit Hilfe des Emergency Rescue Committees (ERC) in die USA. Er arbeitete im Office of Intelligence Research und fungierte daneben als Berater des Russian Research Center der Harvard University.

Denicke kehrte 1964 nach Paris zurück.

Schriften (Auswahl)

  • William E. Walling: Die amerikanische Arbeiterschaft und die amerikanische Demokratie : Teil I: Arbeiterschaft und Politik; Teil II: Arbeiterschaft und Regierung. Übersetzung von American labor and American democracy. Hrsg. von Georg Decker. Berlin: Verlagsgesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, 1929
  • Was ist Marxismus? Hof, 1930
  • So kommen wir zum Sozialismus. Berlin: J. H. W. Dietz, 1932
  • Revolte und Revolution. Karlsbad: Verlagsanstalt Graphia, 1934
  • Demokratie und Parlamentarismus. Wien, 1936
  • Werner Plum (Hrsg.): Georg Denicke, Georg Decker. Erinnerungen und Aufsätze eines Menschewiken und Sozialdemokraten : 7. November 1887 – 29. Dezember 1964. Mit biographischen Beiträgen von Fritz Heine, Kurt Lachmann, Boris Nikolajewski, Solomon Schwarz. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 1980

Literatur

  • Decker, Georg, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur, 1980, S. 124
  • Georg Denicke, in: Georg Wiesing-Brandes: Walter Benjamin. Das Pariser Adressbuch. Eine Biographie des Exils im Spiegel. Wädenswil: Nimus, 2025, S. 133–136
  • Michael Scholing: Georg Decker (1887–1964). Für eine marxistische Realpolitik, in: Peter Lösche/Michael Scholing/Franz Walter: Vor dem Vergessen bewahren : Lebenswege Weimarer Sozialdemokraten. Berlin: Colloquium, 1988, S. 57–80
  • Interview with George Denike, in: Leopold H. Haimson, Ziva Galili Y Garcia, Richard Wortman: The Making of Three Russian Revolutionaries: Voices from the Menshevik Past. Cambridge University Press, 1987, S. 293–450

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