Gewöhnlicher Flachstrecker
Art der Gattung Flachstrecker (Philodromus)
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Der Gewöhnliche oder Graubraune Flachstrecker (Philodromus cespitum), auch Braune Laufspinne genannt, ist eine Spinne aus der Familie der Laufspinnen (Philodromidae). Er ist holarktisch verbreitet und bewohnt als thermophile (wärmeliebende) Art bevorzugt sonnige Habitate (Lebensräume), kommt aber auch in Wäldern vor. Die Spinne ist von vergleichsweise kleiner bis mittelgroßer Länge und zeichnet sich durch ihre mehrheitlich braune Färbung aus.
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Gewöhnlicher Flachstrecker (Philodromus cespitum), Weibchen | ||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Philodromus cespitum | ||||||||||||
| (Walckenaer, 1802) |
Wie alle Laufspinnen ist der Gewöhnliche Flachstrecker ein tagaktiver Laufjäger, der euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen) ist und demnach beliebige Gliederfüßer, die er zu erbeuten vermag, erlegt. Der Paarung geht eine ausgeprägte Balz voraus. Das begattete Weibchen fertigt anschließend mehrere Eikokons an. Es betreibt Brutpflege und bewacht seine Kokons bis zum Schlupf der Nachkommen. Diese wachsen selbständig über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heran und erlangen die Geschlechtsreife im Folgejahr.
In dem Gewöhnlichen Flachstrecker wird ein großes Potenzial im Rahmen der Biologischen Schädlingsbekämpfung gesehen, da sein Beutespektrum auch potentielle landwirtschaftliche Schädlinge umfasst, was ihn wiederum zu einem Nützling werden lässt. Dies trifft vor allem auf Plantagen von Obstbäumen zu, da die Spinne diese mit Vorliebe bewohnt und somit eine Anwendung als Nützling dort erleichtert.
Merkmale
Das Weibchen des Gewöhnlichen Flachstreckers erreicht nach Sven Almquist (2006) eine Körperlänge von 4,1 bis zu 6,4 Millimetern und das Männchen eine von 3,9 bis zu 6,5 Millimetern. Damit handelt es sich um einen kleinen bis mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae). Der grundsätzliche Körperbau entspricht dem anderer Flachstrecker (Philodromus). Der für Spinnen typische Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) beschränkt sich bei dieser Art auf die Dimensionen, die Färbungen von Männchen und Weibchen sind einander identisch.[1]
| Geschlecht | Länge in mm | Durchschnittliche Länge in mm | Breite in mm | Durchschnittliche Breite in mm | Längen-Breiten-Verhältnis | Durchschnittliches Längen-Breiten-Verhältnis | Anzahl untersuchter Tiere |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Weibchen | 1,82 bis 2,57 | 2,13 ± 0,19 | 1,85 bis 2,42 | 2,06 ± 0,17 | 0,98 bis 1,11 | 1,03 ± 0,03 | 20 |
| Männchen | 1,79 bis 2,66 | 2,12 ± 0,24 | 1,69 bis 2,51 | 2,01 ± 0,21 | 0,96 bis 1,13 | 1,05 ± 0,04 | 30 |
Das Peltidium oder Carapax ist schokoladenbraun gefärbt und meist mit einigen hellen Flecken versehen. Auf ihm verläuft median (mittig) ein breites Band mit einer Bedeckung aus Setae (chitinisierten Haaren). Marginal ist der Carapax gelblich-weiß gefärbt. Der Clypeus (Abschnitt zwischen den anterioren Augen und dem Rand des Carapax) ist mit weißen Setae bedeckt. Die Cheliceren (Kieferklauen) tragen gelblich-weiße, hellbraune und braune Flecken. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist hellbraun gefärbt und mit braunen Punkten versehen, sein Rand ist braun.[1]
Die Beine haben eine hellbraune Färbung, die an den Gelenken am dunkelsten ausfällt. Alle Extremitäten sind kurzen, weißlichen Setae bedeckt und lateral (zur Seite hin) oftmals mit braunen Punkten gesprenkelt. Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) sind gelblich-braun gefärbt.[1]
Das Opisthosoma (Hinterleib) ist dorsal (oben) hellbraun gefärbt. Anterior (vorn liegend) befindet sich auf der Dorsalfläche des Opisthosomas eine median angelegte Zeichnung und posterior (hinten liegend) davon breite, stumpfe, bräunliche Winkelstreifen. Die Spinnwarzen werden beidseitig von je einem dunkelbraunen, länglichen Fleck umgeben. Lateral ist das Opisthosoma braun gefärbt und mit weißlichen Flecken versehen. Ventral (unten) verfügt das Opisthosoma über eine gelblich-weiße Grundfarbe und ein hellbraunes Medianband. Die Buchlungen sind gelblich-weiß gefärbt.[1]
- Ansichten von Weibchen
- Dorsalansicht
- Frontalansicht
- Lateralansicht
- Rückansicht
- Ventralansicht
- Ansichten von Männchen
- Dorsalansicht
- Frontalansicht
- Lateralansicht
- Rückansicht
- Ventralansicht
Genitalmorphologische Merkmale
| Bulbus | Epigyne |
Dem Cymbium (erstes und vorderstes Sklerit, bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) des Gewöhnlichen Flachstreckers fehlen, anders als bei anderen Flachstreckern (Philodromus), die Makrosetae. Die Tibien (Schienen) der Pedipalpen haben beim Männchen je zwei Apophysen (Fortsätze), eine davon retrolateral (hinten seitlich) und die andere ventral angeordnet. Die retrolaterale Apophyse verläuft gerade und besitzt ein estutztes Ende, die ventrale ist größer, breiter und schräg verlaufend sowie mit einem retrolateralen sklerotisierten (verhärteten) Knauf ausgestattet. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) entspringt auf der prolateralen (vorne seitlichen) Fläche des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus). Er weist eine große proximale (zur Mitte gelegene) Schwellung auf und erstreckt sich entlang des apikalen (zum Ende gelegenen) Teils vom Alveolus (Grube des Cymbiums).[1]
Das Atrium (innere Kammer am Eingang) der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist bei der Art mit gebogenen Lateralrändern begrenzt. Der posteriore Bereich der Epigyne weist feine Setae und erscheint umschlossen. Die Kopulationsöffnungen befinden sich an dem anterioren Randbereich der Epigyne und die Kopulationskanäle haben einen breiten und gebogenen Verlauf. Die Spermatheken (Samentaschen) sind birnenförmig.[1]
Differenzierung von ähnlichen Flachstreckern

Innerhalb der Gattung der Flachstreckern, deren Arten sich allesamt ähneln, teilt der Gewöhnliche Flachstrecker die meisten Gemeinsamkeiten mit dem Goldgelben (P. aureolus), dem Kiefern- (P. collinus), dem Räuberischen (P. praedatus) und Buchars Flachstrecker (P. burchari). Da sich alle Arten auch habituriell (vom Erscheinungsbild her) unterscheiden können, ist eine sichere Unterscheidung nur anhand der genitalmorphologischen Merkmale gegeben.[2]
Die Pedipalpen des Männchens vom Goldgelben Flachstrecker haben je einen laterale und lange Vorwölbung an der ventralen Tibiaapophyse, die niedrig und ungekerbt ist, während der Rand des Atriums bei der Epigyne der Art je zwei Krümmungen hat. Die Setae des Atrium, das beim Goldgelben Flachstrecker eine mediane Furche hat, fallen hier eher kurz aus. Dem Männchen des Kiefernflachstrecker fehlen diese Vorwölbungen ganz und die Epigyne der Art wird durch ein anterior angelegtes und sehr schmales Septum (Trennwand) gekennzeichnet. Beim Männchen des Räuberischen Flachstreckers sind die Vorwölbungen hoch und gekerbt und der Atriumrand der Epigyne mit einer Krümmung versehen, während die Setae im Atrium bei der Art winzig sind und hier überdies die Medianfurche fehlt.[3] Die retrolateralen Apophysen beim Männchen von Buchars Flachstrecker sind deutlich nach hinten gerichtet und vom jeweiligen Cymbium abgewandt positioniert, Die Kopulationsgänge vom Weibchen der Art haben einen Durchmesser von etwa dem 1,5-Fachen der Spermatheken und außerdem sind die Drüsenhügel undeutlich.[4]
Verbreitung und Lebensraum
Das große Verbreitungsgebiet des Gewöhnlichen Flachstreckers erstreckt sich in der Holarktis über Nordamerika, Europa, die Türkei, Kaukasien, Russland (Europa bis zum Fernen Osten), Kasachstan, dem Iran, der Mongolei, China, Korea und Japan. In Europa selber ist die Art flächendeckend verbreitet und fehlt nach bisherigen Kenntnissen innerhalb Kontinentaleuropas lediglich in Bosnien und Herzegowina, Montenegro und dem Kosovo, der Republik Moldau sowie in fast allen Bereichen des europäischen Festlandteils von Russland einschließlich der Oblast Kaliningrad mit Ausnahme des zentraleuropäischen. Darüber hinaus fehlen Nachweise der Spinne innerhalb Europas von der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, der Inselgruppe Spitzbergen, Sardinien und Korsika. Ferner kommt der Gewöhnliche Flachstrecker nicht in Aserbaidschan vor und sein angebliches Vorkommen in Nordafrika ist bestreitbar.[5] In Großbritannien ist die Art vor allem in weiten Teilen der südlichen Hälfte der Insel in den Tieflandgebieten anzutreffen, in der nördlichen jedoch deutlich verstreuter.[6]
In Nordamerika kommt die Art über den größten Teil des Kontinents, mit Ausnahme der nördlichsten und südlichsten Abschnitte vor. Das Verbreitungsgebiet reicht im Norden vom Yukon-Territorium im Nordwesten bis Nova Scotia im Osten Kanads, im Süden von Kalifornien im Westen bis New Mexico, Illinois und New Jersey.[7]
Der Gewöhnliche Flachstrecker ist thermophil (wärmeliebend) und nimmt vor allem Heiden einschließlich Moorheiden, jedoch auch Wälder und Wiesen bei Seen als Habitat (Lebensraum) an.[1][6] Hinsichtlich seiner Lebensraumwahl unterscheidet er sich vom gattungsverwandten und ebenfalls sehr häufigen sowie vielerorts sympatrisch (gemeinsam) vorkommenden Goldgelben Flachstrecker (P. aureolus) dadurch, dass letztere Art weniger Sträucher und Kräuter bewohnt.[6]
Lebensweise
Der Gewöhnliche Flachstrecker ist wie alle Laufspinnen (Philodromidae) mehrheitlich tagaktiv und hält sich in seinen Habitaten vor allem in verschiedenster Vegetation, darunter Kräutern, Stauden, Sträuchern oder auch Bäume.[5][8] Beispiele darunter bilden Fichten, jüngere Eichen, Wacholder oder auch verschiedene Obstbäume.[1] Dort hält er sich bevorzugt im Ast- und Blattwerk auf.[8] Gelegentlich gelangt die Spinne auch in Häuser.[6]
Die temporale Aktivität des Gewöhnlichen Flachstreckers variiert aber je nach Geschlecht, so ist das Männchen der Art während des Mittags grundsätzlich aktiver, das Weibchen dafür in der Dämmerung bis sogar nachts. Ein 24-Stunden-Rhythmus scheint gegeben zu sein, beim Weibchen ist zusätzlich ein sekundärer 12-Stunden-Rhythmus ausgeprägt. Dieses kathemerale (zeitliche) Muster zeugt wiederum von einer deutlich und je unterschiedlich ausgeprägten Circadianen Rhythmik bei Männchen und Weibchen.[9]
Jagdverhalten und Beutespektrum

Wie alle Spinnen lebt auch der Gewöhnliche Flachstrecker räuberisch und jagt nach Eigenart der Laufspinnen (Philodromidae) freilaufend und legt also kein Spinnennetz für den Beutefang an. Stattdessen erlegt er Beutetiere als Lauerjäger und erbeutet diese durch schnellen Zugriff.[8] Die Art ist dabei euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen) und somit ein opportunistischer Jäger.[10] Zu ihrem Beutespektrum zählen beispielsweise beileibige Insekten oder auch andere Spinnen.[8][11]
Beim Gewöhnlichen Flachstrecker ist auch Intraspezifische Konkurrenz möglich und Individuen der Art erlegen sowohl Nahrungskonkurrenten als auch kleinere Beutetiere. Dies tritt insbesondere bei künstlichen Habitaten wie landwirtschaftlich genutzten Flächen oder auch halbnatürlichen Habitaten, die die Spinne bewohnt, auf. Auch die Größe spielt eine Rolle, da größere Individuen und vor allem Weibchen des Gewöhnlichen Flachstreckers für gewöhnlich eine höhere Fangrate aufweisen. Allerdings dürfte dieses Verhalten der Art durch die Eigenschaften der künstlichen Habitate beeinflusst werden, da diese ein anderes Nahrungsangebot aufweisen.[11]
Lebenszyklus und Phänologie
Der Lebenszyklus entspricht grundsätzlich dem anderer Flachstrecker (Philodromus). Die Phänologie (Aktivätsspanne) ausgewachsener Individuen der Art beläuft sich beim Weibchen der Art auf den Zeitraum zwischen April und November, beim Männchen fällt sie kürzer aus und beginnt ebenfalls am April, endet jedoch schon im September.[5]
Fortpflanzung
Das Fortpflanzungsverhalten des Gewöhnlichen Flachstreckers ist vor allem in Gefangenschaft untersucht. Es setzt sich aus dem Aufsuchen eines Weibchens seitens des Männchens, der Balz und der eigentlichen Begattung zusammen. Unter natürlichen Umständen findet das Fortpflanzungsverhalten im Frühling und im Frühsommer statt.[12]
Aufsuchen eines Geschlechtspartners
Das Männchen des Gewöhnlichen Flachstreckers sucht ein Weibchen mithilfe der von diesem gespannten Wegfäden auf und verfolgt diese. Diese Fäden hat das Weibchen mit arteigenen Pheromonen (Botenstoffen) versehen, die dem Männchen das Identifizieren und die Findung der Ursprungsquelle ermöglicht. Dabei kann das Männchen anhand der Pheromone auch erkennen, ob das Weibchen noch juvenil oder bereits ausgewachsen sowie noch unbegattet ist oder bereits begattet wurde. Es zeigt eine deutliche Präferenz gegenüber unbegatteten Weibchen und nimmt bei einem Aufspüren von Fäden dieser eher die Verfolgung auf.[13]
Balz
Hat ein Männchen des Gewöhnlichen Flachstreckers ein Männchen ausfindig machen können, vollführt es ein Balzverhalten, bei dem es den Körper des Weibchens mit den vorderen Beinen klopft. Das Weibchen distanziert sich nicht selten während der Balz und schiebt das balzende Männchen zuvor mit seinen eigenen vorderen Beinen weg. Das Männchen nimmt dann die Verfolgung auf und diese Prozedur wiederholt sich mehrmals, bis das Weibchen die Distanzierungsversuche einstellt und das Männchen sich erneut annähern kann. Es klettert von vorne über das still verharrende Weibchen und führt weiterhin klopfende Bewegungen auf dessen Körper aus. Anschließend erfolgt die Paarung.[14]
Paarung
Das über dem Weibchen befindliche Männchen hebt nach der Balz das Opisthosoma des Weibchens und führt, da beide übereinander befindliche Geschlechtspartner in die jeweils entgegengesetzte Richtung blicken, den linken Bulbus in die Rechte Geschlechtsöffnung ein und umgekehrt. Die Paarungsstellung des Gewöhnlichen Flachstreckers entspricht somit dem für freilaufend Jagende Echte Webspinnen (Araneomorphae) typischen Stellung III. Die Haematodocha (membranöser, dehnbarer Teil des Bulbus) schwillt während einer Insertion (Einfuhr) des entsprechenden Bulbus mehrmals und rhythmisch immer wieder an und ab, ehe sie meistens letztmalig vollständig anschwillt und die Insertion zum Abschluss kommt. Die rhythmischen Teilschwellungen dauern meistens den Bruchteil einer Sekunde, die vollständigen Schwellungen über dreieinhalb Sekunden an. Bei den anfänglichen Schwellungen entfaltet sich die Hämatodocha nicht vollständig und es ist lediglich eine leichte Aufblähung der Membran zu beobachten. Bei den vollständigen Anschwellungen zum Schluss hingegen wird die Gestalt des Bulbus maßgeblich beeinflusst und sein Volumen nimmt mit der vollständigen Expansion der Hämatodocha deutlich zu. Nur selten kommt es zu mehr als einer vollen Anschwellung pro Insertion.[15]
Es kann vorkommen, dass das Weibchen das Männchen durch ruckartige Bewegungen während der Paarung von sich schüttelt. Dieses nimmt daraufhin die Balz wieder auf und versucht, das Weibchen erneut zu begatten. Bei mehrmaligen Abweisungen des Weibchens stellt es die Versuche zur erneuten Kopulation dann ein. Eine Paarung setzt sich im Regelfall aus zwei bis drei Insertionen, seltener aus nur einer zusammen. Bei mehrmaliger Insertion werden die einzuführenden Bulbi jeweils gewechselt. Die Begattungen fallen bei der Art also entsprechended kurz aus.[16]
Verschließung der Geschlechtsöffnung
Nach der Paarung ist die Epigyne des Weibchens zumeist mit einer pfropfenartigen Masse verschlossen. Diese als „mating plug“ (englisch für Paarungspropf) bekannte Verschließung tritt auch bei anderen Spinnen, etwa Micaria sociabilis aus der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae) auf. Das Männchen produziert diese Masse in den Bulbi und führt sie während der Insertion nach Abschluss der Spermaüertragung in das Atrium des Weibchens ein, wobei die Menge und somit der eigentliche Grad der Verdichtung variiert. Größere Männchen können dabei mehr Verschlussmaterial einfügen und eine erneute Befruchtung eines Weibchens ist möglich, sollte dessen Epigyne nicht gänzlich verschlossen sein, es zeigt sich jedoch nach erfolgter Begattung deutlich wählerischer. Das Männchen kann die Verschließung jedoch zumindest teilweise wieder entfernen, sodass eine erneute Kopulation eines Weibchens auch bei vollständig verschlossener Geschlechtsöffnung möglich ist.[17]
Eiablage und Kokonbau sowie Heranwachsen der Jungtiere


Ein begattates Weibchen des Gewöhnlichen Flachstreckers legt noch innerhalb des Frühjahres einen Eikokon an.[12] Dieser wird auf flachen Blättern oder auf Rinde befestigt. Das Weibchen betreibt wie alle Laufspinnen (Philodromidae) Brutpflege und bewacht den Kokon bis zum Schlupf der Nachkommen.[8] Kurz drauf stirbt die jeweilige Generation gänzlich aus. Die Jungtiere wachsen selbstständig über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heran, wovon sie im Jahr ihres Schlupfes meist noch drei bis vier durchlaufen. Die halbwüchsigen Individuen überwintern dann und erlangen im Frühling des Folgejahrs dann recht zügig die Geschlechtsreife. In den südlichen und wärmeren Teilen seines Verbreitungsgebiets verläuft das Heranwachsen des Gewöhnlichen Flachstreckers zumeist schneller.[12]
Parasitismus
Als Parasit des Gewöhnlichen Flachstreckers ist die Art Ogcodes fumatus aus der Familie der Kugelfliegen (Acroceridae) überliefert, wobei die Art von O. fumatus sehr selten befallen wird. Auffällig ist die vermehrte Produktion von Spinnseide bei von der Fliege parasisierten Individuen der Spinne.[18]
Systematik

Die Systematik des Gewöhnlichen Flachstreckers wurde mehrfach geändert. Der Artname cespitum stammt aus dem lateinischen und bedeutet übersetzt so viel wie „beim Boden“ und dürfte von der Eigenschaft der Art, sich bevorzugt in Bodennähe aufzuhalten, rühren.
Beschreibungsgeschichte
Der Gewöhnlicher Flachstrecker wurde 1802 von Charles Athanase Walckenaer erstbeschrieben und dabei unter dem Namen A. cespitum wie damals alle Spinnen der heute nicht mehr bestehenden Gattung Aranea zugeordnet. Anschließend erhielt die Art von verschiedenen Autoren unterschiedliche Bezeichnungen. Frederick Octavius Pickard-Cambridge transferierte den Gewöhnlichen Flachstrecker 1881 zu den Flachstreckern (Philodromus), jedoch noch unter der Bezeichnung P. cespiticolens. Die häutige gängige Bezeichnung P. cespitum wurde erstmals 1948 von John Edward Hull verwendet und ist seit einer weiteren Anwendung 1976 seitens Charles D. Dondale und James H. Redner die durchgehend angewandte Bezeichnung für die Spinne.[19]
Zugehörigkeit zur Artengruppe des Goldgelben Flachstreckers
Der Gewöhnliche Flachstrecker zählt innerhalb der Flachstrecker (Philodromus) zur Artengruppe des Goldgelben Flachstreckers (P. aureolus), zu dem neben diesen beiden Arten P. azcursor, Buchars Flachstrecker (P. buchari), der Buchsbaumflachstrecker (P. buxi), der Kiefernflachstrecker (P. collinus), der Fuchsrote Rindenflachstrecker (P. fuscolimbatus), P. lunatus, P. lividus, P. longipalpis, P. marmoratus, der Räuberische Flachstrecker (P. praedatus) und der Alpenflachstrecker (P. vagulus) zählen.[20] Allen Arten ist gemeinsam, dass die Körperlänge der Männchen etwa 4 bis 6, die der Weibchen 5 bis 8 Millimeter beträgt. Der Carapax ist annähernd so lang wie breit und dorsal betrachtet nahezu kreisrund. Außerdem ist er meist glatt gerundet und allgemein eher niedrig. Die Augen sind auf unauffälligen Höckern befindlich und das mediane Augenviereck ist posterior am breitesten. Die Beine der Männchen sind meist länger und schlanker als bei Weibchen. Das Opisthosoma ist direkt hinter der Mitte am breitesten, sein Ende eckig.[21]
Die Tibien der Pedipalpen sind bei den Männchen der Artengruppe länger als breit. Das Cymbium verbreitert sich allmählich bis zu einer kurzen Spitze und die retrolaterale Apophysen sind lang und spitz. Die ventralen Apophysen sind dafür meist breiter und kürzer als die retrolateralen. Der Embolus entspringt an der prolateralen Seite des Tegulums, die Basis von letzterem ist deutlich erweitert. Der distale Teil wird stets von einer steifen Membran gestützt. Das Atrium der Epigyne weist bei einigen Arten wie dem Gewöhnlichen Flachstrecker ein Septum auf, bei anderen nicht. Seine Ränder können sehr variabel gestaltet sein. Die Kopulationsöffnungen sind lateral verlaufend und die Kopulationskanäle haben einen breiten und meist länglichen Verlauf. Die für gewöhnlich rundlichen Spermatheken sind nahe der Epigastralfurche (ventrale Querspalte am Opisthosoma) angelegt.[22]
Gewöhnlicher Flachstrecker und Mensch

Aufgrund seiner Häufigkeit und seines Vorkommens auch in künstlichen Habitaten ist ein Zusammentreffen zwischen dem Menschen und dem Gewöhnlichen Flachstrecker nicht unwahrscheinlich. In ihm wird vor allem Potential zum Nutzen im Rahmen der Biologischen Schädlingsbekämpfung gesehen.
Biologische Schädlingsbekämpfung und Auswirkung von Insektiziden
Das Potential des Gewöhnlichen Flachstreckers als Nützling wird damit begründet, dass zu seinem Beutespektrum auch landwirtschaftliche Schädlinge, darunter Schnabelkerfe wie dem Gemeinen Birnenblattsauger (Cacopsylla pyri) oder auch verschiedene Zweiflügler zählen. Begünstigt wird dies dadurch, dass die Spinne auch Obstbäume einschließlich Plantagen davon bewohnt. Allerdings sollte beachtet werden, dass die Art als opportunistischer Jäger ihr Nahrungsspektrum demnach nicht auf Schädlinge begrenzt ist, sondern auch andere potentielle Nützlinge, wie die ebenfalls auf Obstbäumen anzutreffenden Echten Kugelspinnen (Theridion) umfasst.[23]
Das Anwenden von Insektiziden verändert außerdem das Verhalten des Gewöhnlichen Flachstreckers. Bei Anwendung dieser auf der von der Art bewohnten Obstbäumen kommt es zu einem vermehrten Erbeuten von Blattflöhen, während das Erlegen von Echten Kugelspinnen etwa in den jeweiligen Gebieten in einer konstanten Rate verbleibt. Gleichzeitig nimmt das Erbeuten von Taufliegen ab. Vermutlich dürften diese Insektizide die Mobilität und die Wahrnehmung des Gewöhnlichen Flachstreckers verändern und damit seine Präferenzen beeinflussen. Daher wird vermutet, dass die Anwendung der Spinne in Kombination mit besagten Insektiziden die Effektivität dieser in Zusammenhang mit den Pestiziden steigern kann.[23]
Gefährdung
Die Bestandssituation des Gewöhnlichen Flachstreckers wird je nach Land unterschiedlich gewertet, ist allgemein jedoch vielerorts häufig und zusammen mit dem Goldgelben Flachstrecker der häufigste in Mitteleuropa vorkommende Flachstrecker (Philodromus sp.).[8] In der Roten Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands von 2016 wird die Art als „ungefährdet“ gewertet, da ihre Bestände in Deutschland sowohl lang- als auch kurzfristig als gleichbleibend gelten. Eine Veränderung liegt im Vergleich zur vorherigen Version dieser Roten Liste aus 1996 nicht vor.[24] Auch in der Roten Liste der Spinnen Kärntens (1999) wird die Spinne nach IUCN-Maßstab in der Kategorie LC („Least Concern“, bzw. nicht gefährdet) gewertet.[2]
Bei der Roten Liste Großbritanniens (2017) und der der Roten Liste der Spinnentiere (Arachnida) Norwegens (2015) fällt die Bestandsbewertung der Spinne nicht anders als bei der von Kärnten aus.[2][6] In der Roten Liste der Spinnen Tschechiens (2015) werden die Bestände der Art in der Kategorie ES („Ecologically Substainable“, bzw. ökologisch anpassbar) erfasst.[2]
Literatur
- Sven Almquist: Swedish Araneae, part 2 – families Dictynidae to Salticidae. In: Scandinavian Entomology (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 63, Nr. 1. Interpress, 2006, S. 456 (englisch, 601 S.).
- Zoya A. Kastrygina, Mykola M. Kovblyuk, Anton A. Nadolny, А. Кастрыгина, Н.М. Ковблюк, А. А. Надольный: The spider genus Philodromus Walckenaer, 1826 sensu stricto in the Crimea (Aranei: Philodromidae). In: KMK Scientific Press (Hrsg.): Insect Systematics & Evolution, Supplement. Band 34, Nr. 1, 2025, S. 307–308 (englisch, kmkjournals.com [PDF]).
- Christian Kehlmaier, Radek Michalko, Stanislav Korenko: Ogcodes fumatus (Diptera: Acroceridae) Reared from Philodromus cespitum (Araneae: Philodromidae), and First Evidence of Wolbachia Alphaproteobacteria in Acroceridae. In: Polnische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Annales Zoologici. Band 62, Nr. 2, Juni 2012, ISSN 1734-1833, S. 281–286, doi:10.3161/000345412X652819 (englisch, researchgate.net [PDF]).
- László Mezőfi, Peter Kovacs, Viktor Markó, Gabor Marko: Circadian rhythms in the locomotor activity of the spiders Carrhotus xanthogramma (Salticidae) and Philodromus cespitum (Philodromidae): Temporal patterns and sexual differences. In: Institute of Entomology of the Biology Centre, Czech Academy of Sciences (Hrsg.): European Journal of Entomology. Band 116, Nr. 1, April 2019, ISSN 1802-8829, S. 158–166, doi:10.14411/eje.2019.017 (englisch, researchgate.net [PDF]).
- Joan P. Jass: Life Cycle Patterns in Wisconsin Spiders. In: University of Wisconsin-Madison (Hrsg.): Field Station Bulletin. Band 28, Nr. 2, Oktober 1995, S. 1–10 (englisch).
- Booppa Petcharad, Ondřej Košulič, Radek Michalko: Insecticides alter prey choice of potential biocontrol agent Philodromus cespitum (Araneae, Philodromidae). In: Chemosphere. Band 202, Nr. 1. Elsevier, Juli 2018, ISSN 1879-1298, S. 491–497, doi:10.1016/j.chemosphere.2018.03.134 (englisch, sciencedirect.com [PDF]).
- Radek Michalko, Viktoriya Dvoryankina: Intraspecific phenotypic variation in functional traits of a generalist predator in an agricultural landscape. In: Agriculture, Ecosystems and Environment. Band 298, Nr. 1, 1. Juni 2019, ISSN 1873-2305, S. 35–42, doi:10.1016/j.agee.2019.03.018 (englisch).
- Lenka Sentenská, Gabor Marko, Peter Kovacs, Viktor Markó: Circadian rhythms in the locomotor activity of the spiders Carrhotus xanthogramma (Salticidae) and Philodromus cespitum (Philodromidae): Temporal patterns and sexual differences. In: Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (Hrsg.): European Journal of Entomology. Band 116, Nr. 1, Mai 2019, ISSN 1802-8829, S. 158–172, doi:10.14411/eje.2019.017 (englisch, researchgate.net [PDF]).
- Lenka Sentenská, Stano Pekár, Gabriele Uhl: Deposition, removal and production site of the amorphous mating plug in the spider Philodromus cespitum. In: The Science of Nature. Band 105, Nr. 7-8. Springer Science+Business Media, August 2018, ISSN 1432-1904, S. 1–13, doi:10.1007/s00114-018-1575-8 (englisch).
Weblinks
- Philodromus cespitum im World Spider Catalog
- Philodromus cespitum bei Global Biodiversity Information Facility
- Philodromus cespitum beim Rote-Liste-Zentrum
- Philodromus cespitum bei der British Arachnological Society
- Philodromus cespitum bei araneae – Spiders of Europe
- Philodromus cespitum beim Wiki der Arachnologischen Gesellschaft e. V.
- Philodromus cespitum bei Natur in NRW