Robert Grosseteste
englischer Theologe und Bischof von Lincoln
From Wikipedia, the free encyclopedia
Leben
Aus armen anglonormannischen Verhältnissen stammend, studierte Grosseteste vor 1190 die artes liberales am Domstift in Hereford und wurde in die Dienste des dortigen Bischofs aufgenommen. Er studierte wohl danach in Paris Theologie und war vielleicht im Jahr 1214 der erste Kanzler der Universität Oxford. 1225 erhielt er, der immer noch Diakon war, seine Klerikerpfründe, 1229/1230 kümmerte er sich um die theologische Ausbildung der englischen Franziskaner.
1235 wurde Grosseteste Bischof in Lincoln. Seine Diözese betreute er, der sich mit den auf dem 4. Laterankonzil (1215) beschlossenen Kirchenreformen identifizierte, in Seelsorge und Verwaltung vorbildlich. Der ihm eigene reformerische Impetus brachte ihn, vor allem nach dem Konzil von Lyon (1245), in zunehmenden Gegensatz zum Papsttum. So überreichte er Papst Innozenz IV. (1243–1254) im Jahr 1250 eine Denkschrift, worin er die päpstliche Benefizienvergabe kritisierte und diese für die Missstände in der englischen Kirche verantwortlich machte. Mit einem Fall von päpstlicher Pfründenvergabe an den Neffen des römischen Bischofs an seiner eigenen Domkirche in Lincoln hatte Grosseteste sich in seinem letzten Lebensjahr auseinanderzusetzen.
Robert Grosseteste starb in der Nacht vom 8. zum 9. Oktober 1253. Verschiedene Anläufe der Kanonisierung (Heiligsprechung) blieben erfolglos.
Werke

Viele Werke von Robert Grosseteste sind uns überliefert. Grosseteste galt als Meister der aristotelischen Logik, als Beobachter von Naturphänomenen (Optik, Klima, Form, Bewegung, Zeit), die er mit der Mathematik und Geometrie analysierte, als Übersetzer aus dem Griechischen (aristotelische Ethik, Schriften des Johannes von Damaskus und des Pseudo-Dionysius), als Metaphysiker („Gott ist Licht“).
Grosseteste war der erste Scholastiker, der Aristoteles’ Vision des doppelten Weges wissenschaftlicher Argumentation vollständig verstand: Verallgemeinerung von einzelnen Beobachtungen zu einem universellen Gesetz und dann wieder zurück von universellen Gesetzen zur Vorhersage von Einzelheiten. Daher war wissenschaftliches Wissen demonstratives Wissen über Dinge durch ihre Ursachen.[1] Grosseteste nannte dies „Auflösung und Zusammensetzung“. So ist es beispielsweise möglich, anhand der Einzelheiten des Mondes zu universellen Gesetzen über die Natur zu gelangen. Umgekehrt ist es möglich, sobald diese universellen Gesetze verstanden sind, Vorhersagen und Beobachtungen über andere Objekte neben dem Mond zu treffen. Grosseteste sagte weiter, dass beide Wege durch Experimente überprüft werden sollten, um die zugrunde liegenden Prinzipien zu verifizieren. Diese Ideen begründeten eine Tradition, die sich bis nach Padua und Galileo Galilei im 17. Jahrhundert fortsetzte.
Seine Theorien des Lichts bereiteten der experimentellen Optik den Weg; sein Werk wurde von Roger Bacon fortgesetzt. Grosseteste beobachtete, wie sich Sonnenlicht im Sprühnebel einer Wassermühle brach oder bei Wasserspritzern eines eingetauchten Ruders, und vermutete deshalb, dass ein ähnlicher Effekt auch dem Regenbogen zugrunde liegt. Diese Erkenntnis brachte Dietrich von Freiberg später auf die Idee der Lichtbrechung durch einzelne Wassertropfen.[2]
In De Iride (Über den Regenbogen) schrieb er:
“This part of optics, when well understood, shows us how we may make things a very long distance off appear as if placed very close, and large near things appear very small, and how we may make small things placed at a distance appear any size we want, so that it may be possible for us to read the smallest letters at incredible distances, or to count sand, or seed, or any sort of minute objects.”
„Dieser Teil der Optik zeigt uns, wenn wir ihn gut verstehen, wie wir Dinge, die sehr weit entfernt sind, so erscheinen lassen können, als wären sie ganz nah, und große Dinge, die nah sind, sehr klein erscheinen lassen können, und wie wir kleine Dinge, die weit entfernt sind, in jeder gewünschten Größe erscheinen lassen können, sodass es uns möglich ist, kleinste Buchstaben aus unglaublichen Entfernungen zu lesen oder Sandkörner, Samen oder andere winzige Objekte zu zählen.“
In drei Werken – Compotus, Compotus Minor, Compotus Correctorius – setzte er sich mit dem Computus (kalendarische Berechnung der Osterfests) auseinander. Ein viertes Werk mit u. a. dieser Thematik Carmen de mundo et partibus wird ihm zugeschrieben. Schriftkommentare, beispielsweise ein Hexaemeron, Predigten und ein allegorisches Gedicht über die Erlösung (Château d’Amour) runden das literarische Œuvre des bedeutenden konservativen Kirchengelehrten ab.
Für Prediger, die einen sofortigen thematischen Zugriff auf Bücher brauchten, verfasste Grosseteste Tabula distinctionum. Mit Hilfe des griechischen und römischen Alphabets und zahlreicher Symbole schuf er das erste umfassende Sachregister, das mit Verweisen auf Passagen in der Bibel, die Schriften der Kirchenväter und Klassiker der Antike arbeitete.
Literatur
- Axel Bergmann: Carmen de mundo et partibus. Ein theologisch-physikalisches Lehrgedicht aus der Oxforder Handschrift Bodleian Digby 41. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1991.
- Alistair Cameron Crombie: Robert Grosseteste and the Origins of Experimental Science, 1100–1700. Oxford: Clarendon Press 1953, ISBN 0-19-824189-5
- Richard C. Dales: Robert Grosseteste's Scientific Works, in: Isis 52 (1961), 381–402.
- John Flood (Hrsg.): Robert Grosseteste and his intellectual milieu. New editions and studies. Pontifical Institute of Mediaeval Studies, Toronto 2013. ISBN 978-0-88844-824-8
- Klaus Kienzler: Robert von Grosseteste. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 8, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-053-0, Sp. 444–446.
- G. V. Lechler: Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln. Leipzig 1867.
- James McEvoy: Robert Grosseteste, Oxford: Oxford University Press 2000.maßgebliche einführende Gesamtdarstellung
- James McEvoy: Robert Grosseteste. Exegete and Philosopher. 1994 Aufsatzsammlung
- James McEvoy: The Philosophy of Robert Grosseteste, Oxford: Clarendon Press 1986.Standardwerk
- James McEvoy: Robert Grosseteste. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 7. LexMA-Verlag, München 1995, ISBN 3-7608-8907-7, Sp. 905–907.
- Steven P. Marrone: William of Auvergne and Robert Grosseteste: New Ideas of Truth in the Early Thirteenth Century, Princeton N.J.: Princeton University Press 1983.
- Richard Southern: Robert Grosseteste: The Growth of an English Mind in Medieval Europe, Oxford: Clarendon Press 2. A. 1992.
Weblinks
- Literatur von und über Robert Grosseteste im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- John J. O’Connor, Edmund F. Robertson: Robert Grosseteste. In: MacTutor History of Mathematics archive (englisch).
- International Robert Grosseteste Society
- Von Florian Freistetter: Robert Grosseteste und das mittelalterliche Multiversum auf YouTube, abgerufen am 28. Februar 2024.
- Werke
- Sekundärliteratur
- Eintrag in Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.
- Ulf von Rauchhaupt: Und es ward Licht, FAZ online, 3. August 2014.
