Urinsediment
Aufbereitung des Urins zur mikroskopischen Beurteilung der festen Bestandteile
From Wikipedia, the free encyclopedia
Das Urinsediment oder Harnsediment (von lateinisch sedimentum „Bodensatz“) ist in der Laboratoriumsdiagnostik eine Aufbereitung des Urins zur mikroskopischen Beurteilung der festen Bestandteile. In der Medizin spricht man oft nur vom Sediment.[1][2][3]
Werden bestimmte nicht lösliche Bestandteile im Urinsediment nachgewiesen, so kann dies ein Hinweis auf bestimmte Erkrankungen der Niere oder der harnableitenden Organe (Harnleiter, Harnblase) sein. Die Untersuchung des Urinsediments ist einfach durchzuführen und gibt als diagnostische Methode wichtige orientierende Hinweise im Rahmen einer mikrobiologischen Beurteilung oder des sogenannten Urinstatus im Rahmen einer Urinuntersuchung.[4]
Man unterscheidet das organisierte Urinsediment (Urinzylinder, Epithelzellen, Leukozyten, Erythrozyten, Bakterien) vom sogenannten nicht-organisierten Urinsediment (Kristalle).[5][6] Zusätzlich wurden die nichtorganischen und die organischen Harnsedimente getrennt betrachtet.[7]
Bei der Urinanalyse wird zwischen Zellen, Lipiden, Zylindern und Kristallen unterschieden.
Definitionen
Die Urin-Mikroskopie wird auch „In-vitro-Biopsie“ oder Urinsediment genannt, wobei das Wort Urinsediment streng genommen das Untersuchungsmaterial und nicht die Untersuchungsmethode bezeichnet.[8] „Das Urinsediment ist häufig normal.“[9]
„Die Urinmikroskopie des Nativharns sollte zur Quantifizierung der Zellzahl mittels Zählkammer in der Diagnostik einer Harnwegsinfektion obligat durchgeführt werden.“[10] Deswegen bezeichnet man diese mikroskopische Urinuntersuchung als semiquantitative Methode.[11]
Bei der mikroskopischen Urindiagnostik ist also zwischen den korpuskulären Urinbestandteilen des Urinsediments im Nativurin (also: im unbehandelten Urin: weder zentrifugiert noch gefärbt) und im zentrifugierten Urin zu unterscheiden.[12] Zu untersuchen sind jeweils frische Harnproben.
Pathophysiologie
„Die mikroskopische Analyse des Harnsediments mit der Suche nach dysmorphen Erythrozyten, Akanthozyten und Erythrozytenzylindern soll in erster Linie klären, ob die Erythrozyten aus dem Glomerulum kommen. Dies ist der Einstieg in die differenzierte Glomerulonephritisdiagnostik.“[13] „Die mikroskopische Untersuchung des Urinsediments kann richtungsweisende Informationen insbesondere hinsichtlich einer spezifischen renalen Erkrankung bieten.“[14][15] „Bei primärer Nierenschädigung enthält das Sediment charakteristischerweise Tubuluszellen, Tubuluszellzylinder und zahlreiche braun pigmentierte granuläre Zylinder.“[16]
Durchführung
Zur genauen Quantifizierung von Bestandteilen des Urinsediments wird eine standardisierte Methode verwendet. Dazu werden 10 ml Urin 5 Minuten bei 500 g zentrifugiert, danach vom Überstand 9,5 ml verworfen und der Bodensatz in den verbliebenen 0,5 ml aufgenommen.
Zur Untersuchung wird ein Tropfen davon auf einen Objektträger aufgebracht. Zur Betrachtung ohne weitere Präparation wird der Tropfen unbehandelt abgedeckt und in einem Mikroskop mittels Phasenkontrast betrachtet.
Gelegentlich wird das Urinsediment nach Eintrocknung auf dem Objektträger auch angefärbt, um z. B. Zellen oder Bakterien besser beurteilen zu können. Als Färbemethode wird die Giemsa-Färbung für Zellen und die Gram-Färbung für Bakterien verwendet.
Beurteilung
Der Nachweis von Bakterien beweist alleine nicht eine Infektion der Niere oder harnableitenden Organe. Die Bakterien können nach Entnahme des Urins eingebracht worden sein, sich durch falsche Lagerung oder Transport vermehrt haben oder durch eine unsachgemäße Urinentnahme (kein Mittelstrahlurin) der normalen bakteriellen Besiedelung der vorderen Harnröhre entstammen. Neben der Quantifizierung der Bakterien (Keime pro ml Urin) beweist der Nachweis von Leukozyten, vor allem von neutrophilen Granulozyten („Eiterzellen“) im Urinsediment, eine Infektion.
Werden zahlreiche Epithelzellen (besonders Plattenepithelzellen) der Harnröhre im Urinsediment nachgewiesen, so ist von einer unsachgemäßen Urinentnahme auszugehen und weitere bakteriologische Untersuchungen sind meist nicht sinnvoll.

Viele rote Blutkörperchen (Erythrozyten) im Sediment deuten neben einer möglichen Blutung auf eine Entzündung der Harnblase (Zystitis) oder der Prostata (Prostatitis) hin. Diese sogenannte Hämaturie findet man auch bei einer Tuberkulose oder einer Schistosomiasis.
Bei normaler Giemsafärbung kann man auch bereits Bakterien erkennen und diese anhand ihrer Form differenzieren. Bei einer Infektion liefert die Unterscheidung von Kokken (meist Enterokokken), Diplokokken (meist Neisseria gonorrhoeae) oder Stäbchenbakterien (meist E. coli) schon erste Hinweise auf den Erreger, dies kann schnell mit einer Gram-Färbung weiter differenziert werden, um eine entsprechende erste Therapie auszuwählen. Bei einer komplizierten oder chronisch rezidivierenden Infektion ist die Anzucht des Erregers notwendig. Findet man im Urinsediment zahlreiche Leukozyten, jedoch keine Bakterien, so ist eine Untersuchung auf Chlamydien zu empfehlen.
Neben Bakterien kann man auch Parasiten oder Parasiteneier im Urinsediment nachweisen (z. B. Oxyuren, Pärchenegel, Trichomonaden).
Urinzylinder
In Gegenwart des Tamm-Horsfall-Proteins bilden sich um dieses als klebrige Matrix Ansammlungen von Zellen, zellulären Bruchstücken oder organischen Substanzen (Lipide, Proteine, Hämoglobin). Diese bilden längliche Strukturen, die man als Urinzylinder oder kurz „Zylinder“ bezeichnet. Insbesondere Proteinzylinder weisen auf ein pathologisches Geschehen in Nierengewebe hin. Zylinder aus Bakterien oder Granulozyten beweisen eine eitrige Entzündung des Nierenbeckens (Pyelonephritis).
Kristalle
Durch Stehenlassen von Urin erhöht sich der pH-Wert durch die bakterielle Umwandlung von Harnstoff in Ammoniak. Die im Urin gelösten Ionen und Moleküle bilden in Abhängigkeit von ihrer Konzentration, der Gegenwart von Harnkolloiden und dem pH-Wert Kristalle, die im Urinsediment nachgewiesen werden können. Man nennt das Kristallurie.[17] Die Betrachtung unter dem Polarisationsmikroskop erlaubt die Unterscheidung der verschiedenen Kristalle. Die am häufigsten beobachteten Kristalle bestehen aus:
- Harnsäure
- Calciumoxalat (Whewellit, Weddellit)
- Calciumsulfat (Gips)
- Calciumphosphat (Hydroxylapatit)
- Carbonat-Fluorapatit (auch Carbonatapatit, Varietät von Fluorapatit)
- Tripelphosphat (Struvit)
- Cystin
- Tyrosin
- Bilirubin
Ziegelmehlsediment
Das Ziegelmehlsediment (auch Ziegelmehl, medizinisch korrekt Sedimentum lateritium) ist ein Urinsediment, das durch seine charakteristisch ziegelrote Farbe unter den verschieden rot gefärbten Urinen (Urina flammea) besonders auffällt.
Geschichte
Im 19. Jahrhundert sprach man von „Sedimentum, Hypostasis, der Satz, Bodensatz; von sedo, sedere, sitzen, hängen bleiben. – Sedimentum urinae, der Harnsatz, Absatz im Urin. – Sedimentum urinae lateritium, der ziegelmehlfarbige Bodensatz im Harne.“[18]
Wilhelm Franz Loebisch beschrieb 1887 ausführlich die „Sedimente des Harns“ und allgemein die Harnanalyse mit den „heterogenen Harnbestandteilen“.[19]
François Reubi wählte 1960[20] eine andere Einteilung für die „mikroskopische Untersuchung des Urinsediments“:
- zelluläre Elemente
- Zylinder
- doppelbrechende Substanzen (Cholesterinester oder Harnlipoide)
- Kristalle = Salze
Die Wissenschaftlichen Tabellen Geigy unterteilten 1985 das Sediment in Zellen, Zylinder, Bakterien und Harnsteine.[21]
Siehe auch
Quelle
- Lothar Thomas: Labor und Diagnose, 6. Auflage, Frankfurt am Main 2005, TH-Books-Verlagsgesellschaft, S. 553–560, ISBN 3-9805215-5-9
Literatur
- Hans Köhler, Eveline Wandel: Das Urinsediment. In: Horst Brass, Thomas Philipp, Walter Schulz (Hrsg.): Manuale nephrologicum. Loseblattsammlung, Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen 1997, ISBN 3-87185-222-8, Band 1, Kapitel III-1-1, S. 1–6
- Sabine Althof, Joachim Kindler: Das Harnsediment: Atlas – Untersuchungstechnik – Beurteilung. Georg Thieme Verlag, 7. Auflage, Stuttgart / New York 2005, ISBN 978-3-13-532407-4; Auszüge auf Google Books
- Emanuel Senf: Mikroskopische Untersuchungen der Harnsedimente. 2. Auflage. Leipzig 1909.
- Herbert Schwiegk (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin, Springer-Verlag, 5. Auflage, 8. Band in drei Teilen, Berlin / Heidelberg / New York 1968, ISBN 3-540-04152-4, mit umfangreichem Stichwortverzeichnis und zahlreichen Quellenangaben
Weblinks
- Bilder von Urinsedimenten ( vom 6. Juli 2011 im Internet Archive)